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Nachrichten 13.06.2002

13.6.2002: Das höchste Gebäude der Welt soll in Australien entstehen - ein Aufwindkraftwerk

(CL) Wenn Segelflieger, Paraglider und Drachenflieger

reden, geht es meist nur um eins: Thermik. Thermik,

das ist nicht viel mehr als heiße Luft, die aufsteigt.

Auch ein schwäbisches Ingenieurbüro ist fasziniert

von den Möglichkeiten, die aufsteigende Luftmassen

bieten. Sie wollen deren Energie nutzbar

machen. Aufwindkraftwerke lautet das Zauberwort bei

Schlaich, Bergermann und Partner in Stuttgart, den

Konstrukteuren des Glasdachs auf dem Münchner

Olympiastadion. Im knochentrockenen nordwestlichen

australischen Bundesstaat Victoria wollen sie

ihre Idee realisieren: Das australische Unternehmen

EnviroMission Ltd. will dort nach Plänen der deutschen

Ingenieure für geschätzte 400 Millionen Dollar

eine Anlage mit 200 MW Leistung bauen. Das entspricht

einem Drittel der Energie, die ein konventionelles

Kohlekraftwerk produziert.

 

Das Grundprinzip des Aufwindkraftwerks ist einfach:

Unter einer mächtigen Glasfläche erwärmt sich Luft.

Die Glasfläche hat die Form eines umgestülpten, sehr

weit ausladenden Trichters, in der Mitte befindet sich

ein riesiger Kamin. In diesem Kamin steigt die erwärmte

Luft empor und erreicht dabei Geschwindigkeiten

von bis zu 60 Stundenkilometern. Durch den Luftstrom

werden Turbinen am Fuß des Kamins angetrieben.

Der voraussichtliche Bauplatz liegt nahe der

australischen Küste, dort verläuft das Energieverbundnetz

des Subkontinents. Das geplante Projekt

hat gewaltige Ausmaße. Der Kamin soll eine Höhe

von 1000 Metern und einen Durchmesser von 170

Metern erreichen; das runde Glasdach, für dessen

einzelne Scheiben eine Glasstärke von nur vier Millimetern

vorgesehen ist, wollen die Initiatoren über eine

Fläche von mehr als 19 Millionen Quadratmeter spannen.

 

Eine Röhre, die nicht umfällt

 

Ein Turm mit einer Höhe von einem Kilometer - er

wäre das höchste Gebäude der Welt - eine Glasfläche

unter der sich bequem die Nordseeinsel

Langeoog unterbringen ließe, kann das gut gehen?

Wolfgang Schiel, Projektleiter des Stuttgarter Ingenieurbüros,

sieht die Dinge eher nüchtern: "Es ist wie

bei jedem Gebäude dieser Größenordnung: Wir berechnen

die zu erwartenden Belastungen zum Beispiel

durch Wind oder mögliche Erdbeben. Die Ergebnisse

erhöhen wir als Sicherheitsaufschlag um den

Faktor zwei." Auf der Grundlage dieser Werte würden

dann die Vorgaben an das Baumaterial wie Wandstärke,

Armierung oder Elastizität entwickelt. Die Ansprüche

an das Gebäude beschreibt Schiel bildhaft:

"Sie haben es hier nicht mit einem Hochhaus zu tun,

wo in 1000 Meter Höhe Menschen arbeiten und wohnen

wollen. Unsere Aufgabe ist viel einfacher: Wir

stellen eine Röhre hin und sorgen dafür, dass sie nicht

umfällt."

 

Mehrwert durch Tourismus

 

Die Investitionssumme fällt mit veranschlagten 400

Millionen Dollar beeindruckend hoch aus. Wer stellt

solche Summen bereit?

 

Die Firma EnviroMission ist seit dem 6. August 2001

an der Australian Stock Exchange notiert und verfolgt

das Ziel, der führende Anbieter von grünem Strom in

Australien zu werden. Die Manager um den Chef des

Unternehmens, Martin Hallowel Thomas, setzen mit

dem ehrgeizigen Aufwindprojekt alles auf eine Karte.

Das Unternehmen plant keine weiteren Kraftwerke mit

anderen regenerativen Technologien wie etwa Wind,

Erdwärme oder Gezeitenenergie. Schon die "monolithische"

Größe der 200 Megawatt-Anlage werde weltweite

Aufmerksamkeit erregen, meint die Internetseite

www.enviromission.com.au. Allein schon aus der

Attraktivität für Touristen, so hoffen die Initiatoren,

werde dem Projekt ein Mehrwert erwachsen.

 

Das erste Kraftwerk planen die Australier im Jahr

2005 ans Netz zu bringen, ihm sollen bis 2010 weitere vier Anlagen folgen. Das Ziel sei die Versorgung

von einer Million Haushalten mit elektrischer Energie.

Nach Berechnungen von Projektleiter Schiel soll der

Aufwindstrom bei einer Rendite auf die eingesetzten

Investitionsmittel von elf Prozent etwa 20 Prozent

mehr kosten als die Energie aus australischen Kohlekraftwerken.

Die Technik sei jedoch sehr langlebig,

eine Lebensdauer von 80 Jahren halte er für durchaus

realistisch, so Schiel.

 

Verhandlungen über Standorte in den USA

 

Eine letzte Kapitalerhöhung platzierte das Unternehmen

im März 2002 zum Preis von 25 Cents pro

Aktie. Über die Details der Finanzierung des Aufwindprojekts

wurden noch keine Einzelheiten veröffentlicht.

Die Hauptaktionärin der EnviroMission Ltd., die

Energen Global Inc., gab Mitte Mai bekannt, dass sie

in den USA eine Vertretung eröffnet habe, um die

Solarturmtechnologie zu vertreiben. Energen besitze

die Rechte zur Nutzung der Technik für eine Reihe

von Staaten, heißt es. Die Verhandlungen über drei

potentielle Standorte im Südwesten der Vereinigten Staaten seien weit fortgeschritten. Wird die Aufwindtechnologie

aber den Durchbruch zu einer sauberen

Energieversorgung aus Kraftwerken in den armen

Wüstenregionen der Welt bringen? Hat die von ihren

Anhängern als besonders wartungsarm und robust

charakterisierte Technik einen Siegeszug durch

Entwicklungs- und Schwellenländer vor sich?

 

Sauberer Strom aus Somalia?

 

Professor Detmar Arlt, Leiter des Fachgebietes

Elektrische Energieversorgung und Elektrowärme an

der Fachhochschule Düsseldorf sagt: "Das ist eine

ebenso interessante wie exotische Technologie, deren

Einsatz unter den politisch unsicheren und wirtschaftlich

zerrütteten Verhältnissen der meisten Entwicklungsländer

ich allerdings für vollkommen unrealistisch

halte." Dort bestehe weder der entsprechende

Bedarf an Energie, noch hätten die Staaten die nötigen

Finanzmittel zur Verfügung. Der Wissenschaftler

rät, abzuwarten: "Wären Sie etwa bereit, Ihr Geld in

die Errichtung eines millionenschweren Aufwindkraftwerks

in Somalia zu investieren?"

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