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Finanzdienstleister 20.10.2006

20.10.2006: Eine "geniale Idee", aber keine "eierlegende Wollmilchsau"- Kann der Friedensnobelpreis das Mikrokreditwesen weiter beflügeln?

Die Auszeichnung des Mikrofinanzpioniers Mohammed Yunus und seiner Grameen-Bank mit dem Friedensnobelpreis hat ein Schlaglicht auf das Mikrokreditwesen geworfen. Kleinkredite sind ein beeindruckendes Beispiel dafür, dass mit ethischen Anliegen eingesetzte Gelder im großen Stil nachhaltig Gutes bewirken können. Etliche Banken haben bereits die Mikrokredite für sich entdeckt. Auch gibt es schon die ersten Mikrofinanzfonds für Eigenkapitalbeteiligungen. Sozial orientierte Investoren können dort bereits mit kleinen Beiträgen in eine gute Sache investieren. ECOreporter.de gibt einen Überblick und stellt Akteure dieses Finanzsektors vor.

 

Oft genügt schon eine Handvoll Dollar

In Entwicklungsländern lässt sich schon mit kleinen Summen viel bewegen: Einer Schneiderin genügt schon ein Darlehen von einigen Dutzend Euro, um eine Nähmaschine zu erwerben und davon eine Existenz aufzubauen. Ähnlich verhält es sich mit einer Seifenverkäuferin in Afrika, die nur einen kleinen Vorschuss braucht, um leere Behälter wie zum Beispiel Flaschen einzukaufen. Für herkömmliche Banken sind solche Kunden ohne Sicherheiten uninteressant. Zumal ein Darlehen von 100 Euro kaum weniger Verwaltungskosten verursacht als eines von 100.000 Euro, das ihnen weitaus mehr einbringt. Doch ein Großteil der Bevölkerung in Entwicklungs- und Schwellenländern lebt nicht einmal in der Nähe einer Bank. Sie sind auf informelle Geldverleiher mit oft überhöhten Zinssätzen angewiesen und geraten dabei leicht in eine Schuldenfalle. Diesen Mangel hatte in den 70er Jahren Muhammad Yunus als Professor der Universität Chittagong in Bangladesh untersucht. Ein von ihm entworfenes Kreditprogramm gewährte armen Menschen Tausende Darlehen von meist unter 100 Dollar. Mit dem Ergebnis, dass fast 100 Prozent der Kredite von den Schuldnern rechtzeitig abgezahlt wurden. Trotzdem weigerten sich die Banken am Ende der Pilotphase, das Projekt zu übernehmen. Das Risiko schien ihnen zu hoch, die Gewinnmarge zu gering. Muhammad Yunus aber gründete mit Hilfe von internationalen Gebern 1983 die Grameen Bank, die inzwischen rund 6,5 Millionen solcher Mikrofinanz-Kredite vergeben hat.

 

Die Idee wurde zum Erfolgsmodell und vielfach nachgeahmt. Zum Beispiel in Indonesien, wo das Dorfbankensystem der Bank Rakyat Indonesia (BRI) über 20 Millionen Mikrosparer betreut. Dies geschieht über selbstverwaltete Mikrofinanzbanken, die hochprofitabel sind. Noch größer ist ein von der deutschen GTZ unterstütztes Programm der indischen Bank für ländliche Entwicklung (NABARD). Von diesem laut der GTZ (Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit GmbH) größten Mikrofinanzprojekt weltweit profitieren rund 200 Millionen Menschen. Hier schließen sich fast ausschließlich Frauen zu Selbsthilfegruppen zusammen und sparen zunächst gemeinsam kleine Beträge von fünf bis zehn Euro-Cent pro Tag. Mit der durch Sparen nachgewiesenen Finanzdisziplin qualifizieren sich die Selbsthilfegruppen für spätere Kredite. Die durchschnittliche Kredithöhe liegt dann bei rund 50 Euro pro Person, um zum Beispiel einen Lebensmittelladen auszustatten oder Vieh anzuschaffen. Insgesamt sind daran rund drei Millionen Selbsthilfegruppen mit ungefähr 40 Millionen Haushalten beteiligt. Der besondere Charme von Mikrokrediten liegt dabei darin, dass arme Menschen hier als gleichrangige Geschäftspartner behandelt werden. Im Gegensatz zur Entwicklungshilfe sind die eingesetzten Mittel keine Geschenke, sondern Gelder, die zurückbezahlt werden müssen. Der effektive Jahreszins für solche Darlehen liegt zwar meist deutlich über dem klassischer Kredite - aufgrund der höheren Kosten, die Mikrokredite verursachen. Durch die niedrigen Kreditsummen fällt dies jedoch nur vergleichsweise wenig ins Gewicht.

 

Auch große Banken mischen mit

Die armutsmindernde Wirkung von Mikrokrediten ist durch wissenschaftliche Studien belegt. Die Vereinten Nationen erklärten das Jahr 2005 zum Jahr der Mikrofinanzen. Doch viele große Akteure sind schon länger in dem Bereich aktiv. Die Weltbank-Tochter IFC zählt ebenso dazu wie etwa die Credit Suisse. Sie gehört zu den Initiatoren des in Luxemburg aufgelegten und Privatanlegern zugänglichen Fonds responsAbility Global Microfinance Fund. Dieser investiert vor allem in Mikrofinanz-Institute in Drittweltländern. Wie Arthur Vayloyan, Leiter von Private Banking Schweiz, in einer Bankpublikation ausführte, lassen sich aufgrund der hohen Zahl der Kreditnehmer und der extrem hohen Rücklaufquote mit Mikrokrediten attraktive Gewinne erzielen. Das mache sie auch als Investitionsmöglichkeit interessant. Allerdings wollen längst nicht alle Akteure der Mikrofinanzbranche mit Mikrokrediten Geld verdienen, die Anliegen sind sehr verschieden. Insgesamt gibt es weltweit rund 10.000 Mikrofinanzinstitute, die mit ihren Leistungen in den letzten 30 Jahren etwa 500 Millionen Menschen erreicht haben. All diese Institutionen und ihre Geberorganisationen haben bei unterschiedlichen Ansätzen aber drei Ziele gemeinsam: finanzielle Nachhaltigkeit, Erreichung der Armen und Einkommenssteigerung.

 

Die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ist schon seit den 80er Jahren im Bereich der Mirkokredite aktiv. "Wir halten den von Mohammed Yunus entwickelten Ansatz der Mikrokredite für eine geniale Idee, diesem Mangel abzuhelfen", erläutert Charis Pöthig von der KfW das Engagement der Bank. Diese ist zum Beispiel an der ProCredit Holding AG beteiligt, die nach eigenen Angaben Mehrheitsanteile an 19 Mikrofinanzbanken in Osteuropa, Afrika und Lateinamerika hält. Diese Banken verfügten laut ProCredit über Kundeneinlagen in Höhe von über einer Milliarde Euro und über ein Kreditvolumen von eineinhalb Millionen Euro. Das Mikrofinanzportfolio der KfW-Entwicklungsbank betrug Ende 2005 581,7 Millionen Euro. Aktuell fördert die KfW laut eigener Darstellung 92 Mikrofinanzvorhaben in 39 Entwicklungs- und Transformationsländern und erreicht so über 12 Millionen Menschen.

 

Ein anderer deutscher Akteur ist die Bonner Oikocredit. Die Ökumenische Entwicklungsgenossenschaft gehört heute zu den weltweit führenden privaten Finanziers von Mikrofinanzprogrammen und hat zurzeit Darlehen an 287 Mikrokredit-Institutionen vergeben. Die IPC- Internationale Projekt Consult GmbH aus Frankfurt berät Banken im Bereich der Mikrofinanzierung und managt 19 zielgruppenorientierte Finanzinstitutionen der ProCredit Gruppe in Osteuropa, Lateinamerika und Afrika. "Die Idee der Mikrokredite ist inzwischen total etabliert, der Sektor läuft", meint KfW-Sprecherin Pöthig. Auch ohne den Nobelpreis wäre mit einem weiteren Ausbau des Sektors zu rechnen. Laut Falk Zientz, Geschäftsführer des Deutschen Mikrofinanz-Instituts (DMI), hat bereits das UNO-Jahr 2005 der Mikrofinanz-Branche weiteren Auftrieb verliehen. Er hofft, dass der Nobelpreis durch die öffentliche Aufmerksamkeit dem Vorhaben seines Instituts hilft, ein Mikrofinanzwesen für deutsche Kunden aufzubauen. Das DMI baut seit 2005 mit regionalen Partnern ein Mikrokreditangebot für Kleinstunternehmen und Gründer auf. Es wird dabei gefördert von der GLS Gemeinschaftsbank, der KfW, Bundesministerien und der EU.

 

Mikrokredite sind kein Allheilmittel

Falk Zientz verweist auch darauf, dass Mikrokredite kein Allheilmittel sind, bei dem Instrument handle es sich um keine "eierlegende Wollmilchsau". Zumal der Aufbau eines Mikrofinanzinstituts in der Regel keinen "return on investment" bringe und für den Aufbau Förderungen nötig seien. Zwar seien die Mikrokredite selbst durchaus nachhaltig, könnten helfen beim Aufbau tragfähiger unternehmerischer Existenzen und der Minderung von Armut. Doch die Ärmsten der Armen würden zuweilen auch davon nicht erreicht. Wissenschaftlichen Studien zufolge sind weniger als zwei Prozent der Bevölkerung der Entwicklungsländer Kunden von Mikrofinanzakteuren. Noch wichtiger als Kapital aber sei der Aufbau von betreuenden Finanzinstitutionen vor Ort, stellt Zientz fest. Hier habe die Mikrofinanzbranche schon Fortschritte erzielt. Sie strebe schließlich an, etwas aufzubauen, "was irgendwann keine Förderung mehr braucht".

 

Bildhinweis: Kleinunternehmer auf dem Marktplatz in Kinshasa, eine wichtige Zielgruppe für Mikrokredite; Anbringen des Firmenschildes für eine Filiale der ProCredit Holding, an der auch die KfW beteiligt ist / Quelle: ProCredit Holding AG

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