Werbung
Erneuerbare Energie 09.07.2004

9.7.2004: Die Kraft der Sonne in den Dienst der Menschheit stellen

Von Preben Maegaard

Aufgrund der richtigen politischen Rahmenbedingungen ist in Deutschland als Folge der Politik, an deren Spitze Hermann Scheer steht, eine Schar neuer Industrien in den Sparten Photovoltaik, Sonnenkollektor, Pyrolyse, Biogas, Windenergie und Steuerungstechnik entstanden, die Deutschland in den kommenden Jahrzehnten eine industrielle Spitzenposition bescheren wird, die mit der englischen Position von vor 200 Jahren verglichen werden kann, als es um die Nutzung fossiler Brennstoffe und entsprechender Technologie ging. Nun wiederholt sich die Geschichte. Die Länder, die für die Strukturen des solaren Zeitalters und ihrer Technologie zur Veränderung bereit sind, werden eine führende Position einnehmen, da wir es in der Energieproduktion mit einem Bedarf an neuer, umweltfreundlicher Technik zu tun haben, die Exportmöglichkeiten und Arbeitsplätze in einem Umfang schafft, der weitaus größer ist, als innerhalb der verketzerten IT-Branche, der Nanotechnik usw.

 

 

Der Zynismus des fossilen Energiesektors

 

Was in Deutschland, Dänemark und in wenigen anderen Ländern geschehen ist, kann selbstverständlich auch in der ganzen Welt stattfinden. Aber das wird nicht von selbst geschehen. Es ist ein Kampf gegen die Globalisierung und den Neoliberalismus, der nur wegen kurzsichtiger Gewinnmaximierung und zum Nutzen von Sonderinteressen geführt wird, die von äußerst mächtigen Gesellschaften im Öl-, Atomkraft- und Kohlesektor wahrgenommen werden, die selbstredend ihre Positionen verteidigen, ohne sich um Beschäftigung, Klimaveränderung und Naturzerstörung zu scheren. Diese Konzerne betreiben einen Lobbyismus bis in die Zentren der Macht, was zu einer Gesetzgebung und zu internationalen Absprachen führt, die eher zum Ziel haben, die unumgängliche Umstellung zu verwischen und verzögern, die notwendigerweise lange vor dem Versiegen der letzten Ölquelle kommen muss.

 

Hermann Scheer betont fortwährend, dass es, weil die alten Energiemonopole einseitig die knappen Energieressourcen verbrauchen und die alarmierenden Klimaveränderungen ignorieren, unerlässlich ist, sich für eine effektive Gesetzgebung und Mobilisierung zur Förderung der erneuerbaren und ökologisch nachhaltigen Energieformen einzusetzen, als der einzigen Möglichkeit, mit der wir eine zivilisatorische Grundlage für unsere Gesellschaft aufrecht erhalten können. Das hat Hermann Scheer auch veranlasst, vor dem Kyoto-Protokoll zu warnen, das 170 Staaten, einschließlich der europäischen, als großen Fortschritt zur Sicherung der globalen Umwelt betrachten. Die Absprache wird jedoch den Ausbau der erneuerbaren Energienutzung in den Industrieländern zurücksetzen, weil sie, statt die Entwicklung neuer Energietechnik zu Hause zu fördern, veraltete Energietechnik an den Rest der Welt exportieren wird. Gleichzeitig soll ein globaler Kontrollapparat aufgebaut werden, der seinesgleichen sucht. Weil alle versuchen werden, so billig wie möglich beim Erreichen gemeinsamer Ziele davonzukommen, kann der Vertrag sehr wohl seiner eigenen Absicht entgegenwirken. Statt in großem Umfang für internationalen Technologietransfer und die Implementierung erneuerbarer Energie zu sorgen als die einzig zukunftssichere Lösung, werden Emissionshandel und Quoten im Namen der Umwelt schlauen Geschäftsleuten und ihren Helfern in den Regierungen einen unerhörten Freiraum geben, der sich grotesk ausnehmen wird. Es wird eine CO2-Gutschreibung von Wäldern geben, die dann in wenigen Jahren gefällt werden, oder schon verschlissene Busse in osteuropäischen Ländern werden mit Zuschuss ausgetauscht werden.

 

Hermanns Scheer"s Weitsicht zeigt sich nicht nur, wenn er dem mächtigen Energiesektor gegenübersteht. Er ist Konfrontationen mit großen Umweltorganisationen und deren Ärger nicht ausgewichen, wenn sie dem Kyoto-Protokoll zujubelten. Indem sie den armseligen Kompromiss der Regierungen unterstützten, haben sich die regierungsunabhängigen Organisationen, die NGOs, der Möglichkeit beraubt, mit guten Argumenten für weitgehende und nötige internationale Absprachen über die breite Anwendung erneuerbarer Energie zu kämpfen. Besonders schmerzlich ist es, wenn nachgewiesen werden kann, dass die Prinzipien hinter den internationalen Initiativen zum Klimaschutz von den alten Energiemonopolen ausgedacht und den Politikern verkauft wurden. Damit wurde der Bock zum Gärtner gemacht.

 

 

Erneuerbare Energie ist Verteidigung der Existenz

 

Meine erste Begegnung mit Hermann Scheer im Jahre 1991 ereignete sich im Zusammenhang mit meinen nationalen Aktivitäten für eine 100prozentig erneuerbare Energiegesellschaft seit 1974. Die Zugänge zu dieser Zusammenarbeit waren unterschiedlich, aber der Ausgangspunkt ist die gemeinsame Erkenntnis, dass unsere Länder, Deutschland und Dänemark ökonomisch, sozial und kulturell nur mit erneuerbarer Energie zu verteidigen sind. Dazu gibt es keine Alternative.

 

Das fossile Zeitalter, das auf Kohle, Öl und Uran gegründet ist, wird von der einen Krise in die nächste führen. Wenn wir daran festhalten, uns von den knappen Ressourcen ferner Länder abhängig zu machen, welche die Umwelt und das Klima beeinträchtigen, werden die Krisen zunehmend schlimmer und häufiger werden, um zuletzt außer Kontrolle zu geraten. Die Glückseligkeit der industriellen Kultur wächst ebenso wenig in den Himmel wie die anderer früherer Kulturen, für welche die historische Lehre gilt, dass sie untergingen, weil ihre materielle Basis unsicher und verwundbar war. Gegen Ende deren Epoche mussten immer mehr Energie und Kraft dazu verwendet werden, die Existenzgrundlage zu verteidigen, was genau das ist, was wir heute an häufigen Ölkriegen, Naturkatastrophen, Völkerwanderungen etc. sehen.

 

Die dänische Situation im Jahre 1974 kann als ein Spiegelbild dessen betrachtet werden, was uns auf globaler Ebene innerhalb weniger Jahrzehnte erwartet, in denen eine Umstellung auf rationelle Energieanwendung und erneuerbare Energienutzung eine existenzielle Notwendigkeit werden. Wir hatten uns in Dänemark, und das war völlig unverantwortlich, 100prozentig vom Öl der arabischen Staaten abhängig gemacht, die schon damals einen Unruheherd darstellten.

 

Es handelte sich nicht um eine Versorgungskrise, sondern um Umweltprobleme in Deutschland vor 25 Jahren, die einen immer größer werdenden Teil der deutschen Öffentlichkeit beunruhigten. Und die Umweltprobleme waren damals wie heute tief mit der Verwendung fossiler Energie verbunden. Es herrschte Waldsterben im Osten und im Westen. Im Frühling 1986 zeigte sich darüber hinaus, dass der Staat seine Bevölkerung nicht gegen einen Atomkraftwerksunfall beschützen konnte, der sich mehrere tausend Kilometer entfernt ereignete. Der Supergau von Tschernobyl vergiftete Felder und Lebensmittel, ein Menetekel für die Industrienationen; denn nächstes Mal - ob es sich bei einem Atomkraftwerk am Rhein oder in einem Nachbarland ereignete - könnte es nur weit schlimmer werden. Damit zerbarst der Traum von einem tausendjährigen Reich der Atomkraft endgültig, was eine politisch neue Situation in den Industrienationen schuf, die Raum gab für neue politische Ziele und Politiker.

 

 

Der Generalstab der Situation wird gebildet

 

Es war klar, dass die Bevölkerung die Politiker, Forscher und Versorgungskonzerne abweisen und fürchten musste, die für diese Fehlentwicklung verantwortlich und zudem unfähig waren, eine Lösung zu finden. In dieser Situation entwickelte sich eine neue Generation von Forschern, Schriftstellern und Politikern, die nicht nur die Jämmerlichkeit und die Gefahren der bisherigen Entwicklung erkannten, sondern gleichzeitig neue und ganz andere Wege aufzeigten. Mit Hermann Scheer als dem unbestrittenen Zentrum wurde unter diesen Umständen eine Art Generalstab der Situation gebildet, ein Kreis gesellschaftsbewusster Bürger, die es sich zur Aufgabe machten, eine neue Energiekultur in die Wirklichkeit umzusetzen und ganz neue Wege zu beschreiten, gegen die Ignoranz und den Widerstand der existierenden Energiekonzerne, die damit eines Tages überflüssig gemacht würden.

 

In dieser Neuorientierung, die fundamental ist, wurde Hermann Scheer die führende Persönlichkeit. Er begriff den düsteren Hintergrund, konnte aber auch den Kurs in die Zukunft in einer klaren und verständlichen Sprache mit Analysen, unabweisbaren Dokumentationen, Bildern und überzeugenden Argumenten angeben. Der operationelle Ausgangspunkt wurde Eurosolar. Dass seine Bücher universelle Bedeutung haben und nicht speziell deutsche oder europäische Verhältnisse betreffen, geht aus der Tatsache hervor, dass sie in viele Sprachen übersetzt sind. Das ist an sich schon ein Ausdruck dafür, dass die Umstellung von fossilen Energierohstoffen zu erneuerbarer Energie viele Menschen in vielen verschiedenen Gebieten und Kulturen auf der ganzen Welt bewegt.

 

Die Schriftstellerei bedeutet auch, dass man seine Hausaufgaben macht; Gedanken und Ideen werden geklärt und geschärft und in einen verpflichtenden Kontext gebracht, wodurch die Schlagkraft vervielfacht wird. Das ist einer der Gründe dafür, dass Hermann Scheer, der anfangs eine politische Ein-Mann-Armee war, Kräfte in allen Parteien im Bundestag mobilisieren konnte. Er hat breite Zustimmung bei seinen Kollegen im Bundestag für seine Ideen und Visionen über erneuerbare Energie sammeln können, denn kein verantwortungsvoller Politiker kann in der Öffentlichkeit gegen eine bessere Umwelt, eine neue industrielle Entwicklung und mehr Arbeitsplätze sein. Damit hat Hermann Scheer eine Resonanz und einen Einfluss auf das politischen Leben in Deutschland erreicht, die größer ist als bei irgend einem anderen Energiepolitiker der Gegenwart.

 

Er sagte schon vor zehn Jahren zu mir: "Solange ich im Bundestag sitze, wird man keine Mehrheit für den Bau von neuen Atomkraftwerken in Deutschland erreichen können." Das eine ist, nein zu sagen, abzuwehren. Deutschland hat seither aber auch die fortschrittlichste Gesetzgebung zur Förderung der erneuerbaren Energieformen bekommen, eine große Industrie für erneuerbare Energie und eine breite Zustimmung in der Bevölkerung zum Umrüsten weg von der fossilen Energienutzung. Die Bundesrepublik ist zum Vorbild für viele andere Länder geworden.

 

Das große Industrieland mit alten und mächtigen Energiekonzernen der Kohleförderung und Elektrizitätserzeugung ist zu einem globalen Vorzeigeprojekt für die erneuerbaren Energieformen der Zukunft geworden, ohne dass man von der Natur mit besonders guten Windressourcen, vielen Sonnenstunden oder großen Agrarflächen für Energiepflanzen gesegnet ist. Dass die Umstellung trotzdem weit gediehen ist, ist der Ausdruck des konkreten zukunftsorientierten Einsatzes von Hermann Scheer, wenn dies auch eine Entwicklung ist, die noch an ihrem Anfang steht.

 

 

Die Macht wird in der Bevölkerung als gemeinsamer Besitz zurückgegeben

 

Gedanken und politische Botschaften sollen jedoch nicht nur zu Papier gebracht werden, sie sollen persönlich in die Bevölkerung gebracht werden, um Bewegung zu erzeugen, um den Druck von unten zu erzeugen, der nötig ist, um die Politiker dazu zu bringen, Veränderungen zu schaffen. Und hier ist das Rednerpult Hermann Scheers Schlachtfeld. Er ist für das Rednerpult geboren. Hier kann der Multimedienmann sich entfalten. Ob er dabei als Politiker im Bundestag, auf wissenschaftlichen Konferenzen, bei Kundgebungen in der Kälte Berlins oder einer antiken Arena, auf dem heißen Stuhl im Fernsehen oder in den entlegensten Versammlungen neugieriger Bürger auftritt, Hermann Scheer ist immer substantiell und engagiert. Hier finden die Gedanken seiner Bücher eine menschliche Dimension: Die Sonne, der Wind, die Wellen und die Früchte der Erde haben immer den Menschen gehört.

 

Er weckt auf und klärt auf, aber er ist kein Demagoge. Dadurch bildet er die wahre Grundlage für die persönliche Erkenntnis des einzelnen Menschen, dass sein Einsatz wichtig und notwendig ist, dass er versteht, wie viel Energie er verbraucht, woher diese Energie stammt und welche Perspektiven sich daraus ergeben. Engagierte Bürger sind unentbehrlich geworden für die Umrüstung der Gesellschaft weg von den fossilen Brennstoffen, indem sie Sonnenkollektoren aufstellen, Windmühlen bauen und lokale Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen errichten. Dadurch wurde ein bedeutender Teil der Energieversorgung in den gemeinsamen Besitz der Bevölkerung gebracht. Die Macht der Elektrizitäts-Monopole zu brechen bedeutete gleichzeitig, die Atomkraft zu vermeiden.

 

 

Der Abschied von der Stagnation der 80er Jahre

 

Wir haben uns in Dänemark in den 80er Jahren oft die Frage gestellt, warum der Ausbau der erneuerbaren Energie in Deutschland nicht richtig vorankam. Es war ganz deutlich, dass es in Deutschland eine starke Umweltbewegung gab. Aber die Initiativen für erneuerbare Energie gab es nur sporadisch. Es gab Forschungsprogramme mit Biogas, Windkraftanlagen und Sonnenenergie. GROWIAN und andere Großversuche, die ein kleines Land wie Dänemark sich nicht leisten konnte, weckten Verwunderung. Kraft der Größe des Landes hatten die deutschen Programme viel mehr Geld zur Verfügung als die dänischen.

 

Als wir schon mehrere tausend Windmühlen aufgestellt und eine neue Industrie mit großem Export in die USA aufgebaut hatten, musste die deutsche Strategie mit überteuerter Forschung die Frage aufwerfen, was man in Wirklichkeit mit der erneuerbaren Energie in Deutschland wollte. Die deutsche Industrie - insbesondere die Maschinenbauindustrie - ist in Europa führend. Wenn es jedoch um dezentrale Energietechnologien ging, war ein kleines Land wie Dänemark die maßgebende innovative Kraft, bei der die Diversifizierung der Energieversorgung und der Aufbau einer neuen Industrie für erneuerbare Energietechnik sich als eine Bewegung unter Einbeziehung der Industrie, der Graswurzelbewegungen, unabhängiger Forscher und progressiver Politiker vollzog. In Deutschland hingegen hatte die Hinwendung zur erneuerbaren Energie noch nicht angefangen. Die vielen Experimente führten nicht zu einem eigentlichen Ausbau neuer Energietechnologien, sondern verharrte bei einzelnen Demonstrationsprojekten, was einem vollständigen Mangel an Visionen und Urteilsvermögen der deutschen Entscheidungsträger in Industrie und Regierung der 80er Jahre zuzuschreiben ist.

 

Vor diesem Hintergrund war es für mich deshalb ein großes Erlebnis, als ich Hermann Scheer 1991 bei einem Wochenendseminar traf. Hier war eine Person, die die strategische Notwendigkeit einer 100prozentigen Umstellung auf erneuerbare Energieformen durchschaut hatte. Viele Einzelpersonen und einige Energieorganisationen hatten seit mehreren Jahren auf die Vorteile einer Änderung bei einem Einsatz der erneuerbaren Energie hingewiesen. Jedoch kein deutscher Politiker hatte die Möglichkeiten dieser Umstellung verdeutlicht und seriös damit in Analysen, Streitschriften und Reden gearbeitet und durch sein persönliches Engagement und seinen Intellekt die Kraft geschaffen, die das Privileg eines gewählten Volksvertreters ist, nämlich, in die öffentliche Debatte zu gehen und damit den Weg für die nötige Gesetzgebung zu ebnen. Wenn Initiativen zur Veränderung in der Gesellschaft nicht in den Raum der Macht gelangen, der zu neuen entscheidenden Rahmenbedingungen führen soll, die für die gesamte Gesellschaft gültig sind, wird die Machtlosigkeit sich perpetuieren und die Änderungen werden marginal bleiben.

 

Es war das Los von Hermann Scheer, der Umstellung auf erneuerbaren Energien Visionen, politischen Willen und Stimme zu verleihen. Auch wenn sie noch in ihren Kinderschuhen steckt, feiert die erneuerbare Energie doch große Triumphe. Sie ist eine fortgeschrittene Technik, die stark an die tüchtigsten Vertreter in Forschung und Industrie appelliert, die hier Herausforderungen finden, die die Entwicklung ständig vorantreiben zu einer besseren, billigeren und effizienteren Nutzung der Energie, die von der Sonne stammt.

 

 

Erinnerungen an ein Seminar in Saarbrücken

 

Eine Einladung von Eurosolar, ein Wochenendseminar über die Versorgung Europas mit erneuerbarer Energie in Saarbrücken zu besuchen, war folgenreich. Es fand statt im Gebäude der Friedrich- Ebert-Stiftung am Sonnabend und Sonntag den 20.-21. Juli 1991. Es war eine ganz neue Art, die deutsche Energiepolitik kennen zu lernen. Hermann zuzuhören war etwas völlig anderes, als ich bisher erlebt hatte. Die Luft im Raum war elektrisch geladen von der besonderen Spannung, die Hermann erzeugt, wenn seine Rhetorik sich entfaltet und wenn er mit Analysen und Bildern die Pläne erläutert, die weit in die Zukunft reichen und die dramatische Veränderungen beinhalten. Er appelliert an den Zuhörer und bringt ihn in eine Situation, wo es in der Schwebe ist, ob von Utopie oder von Realisierbarem die Rede ist.

 

Es war unzweifelhaft diese deutliche politische Dimension, die mich damals wie heute faszinierte. Aber auch, dass man in einem großen Land anders denkt und spricht, als wenn man aus einem kleinen Land kommt. Der gemeinsame Nenner ist ein anderer, man muss so viel mehr Menschen mit einer Botschaft erreichen. Das gilt natürlich in noch höherem Grad in Ländern wie Indien und China. An Hermanns Sprache erlebte ich, wie man erneuerbare Energie vom Lokalen ins Globale transportieren kann.

 

Er stellte in Saarbücken seine Strategien vor, in denen er in der Sonnenenergie sehr große Perspektiven sah. Es gab auch Elemente, die ich von der dänischen Entwicklung her gut kannte. Mir wurde bestätigt, dass es selbstverständlich eine Zukunft für die Änderung einer fossilen, energieintensiven Gesellschaft in die Zukunftsgesellschaft mit erneuerbarer Energie gibt, wenn man einen groß angelegten, massiven und gezielten Einsatz der industriellen, forschungsmäßigen, finanziellen und nicht zuletzt politischen Ressourcen durchführt, in etwa entsprechend dem Marshall-Plan für den Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg.

 

Aber ist die erneuerbare Energie nicht meistens eine Frage des Geldes für die Forschung, wurde kommentiert. Mit hinreichender Forschung würde man die Technik verbessern können, was zu einer Senkung der Preise führen würde, und mit niedrigeren Preisen würde man nach gängiger Kapitallogik einen Durchbruch für die erneuerbare Energie erzielen.

Es war geplant, dass die Versammlung in Saarbrücken sowohl Sonnabend wie Sonntag stattfinden sollte, jedoch waren am späten Sonnabend nur wenige übrig geblieben. Es war Hochsommer, und viele Teilnehmer sollten in Urlaub gehen. Das ermöglichte ein Gespräch mit Hermann als Beginn von vielen Jahren des Vertrauens, der Zusammenarbeit und der Freundschaft.

 

 

Erfahrungen von Land zu Land - Technologietransfer

 

Hermann wollte wissen, was die Grundlage für Dänemarks markante Position in erneuerbarer Energie geschaffen hatte, darunter besonders welche politischen Mittel. Ich zeichnete die Organisationsstruktur der dänischen Windmühlen auf eine Tafel, die darlegte, dass der Besitz auf viele tausend Menschen (Anteilseigner und Einzelbesitzer) verteilt war, und sehr dem entsprach, was man bei uns innerhalb des sozialen Wohnungsbaus kennt. Das war im Prinzip eine Art und Weise, sich selber mit Elektrizität zu versorgen.

 

Zudem konnten die Windmühlen nur den Ortsansässigen gehören, denn die Akzeptanz der Lokalbevölkerung war ganz entscheidend dafür, dass viele Windkraftanlagen aufgestellt werden konnten. Wenn in der lokalen Bevölkerung Zufriedenheit herrschte, gaben auch die Politiker grünes Licht. Nur lokale Landwirte mit einer Windmühle auf eigenem Grund und Boden samt Kooperativen konnten auf diese Weise Erlaubnis bekommen, Elektrizität ins Netz einzuspeisen wie eben die gleichen Produzenten Schweine, Milch und andere lokale Produkte verkauften.

 

Politisch war das etwas ganz Neues, dass gewöhnliche Bürger plötzlich Elektrizität ins Netz einspeisen konnten, statt wie bisher den Strom nur zu kaufen. Das ließ sich denn auch nur durchführen, weil dänische Politiker wünschten, den mächtigen Energiemonopolen den Stuhl vor die Tür zu setzen. Private Anbieter sollten das Recht haben, ins Netz einzuspeisen, und die Elektrizitätswerke sollten die Pflicht haben, den Windmühlenstrom abzunehmen. Dadurch bekamen die alten Elektrizitätsmonopole einen Gegenwind, den sie merken konnten. Sie hatten das Kohleembargo gegen Südafrika gebrochen und blieben bei ihrer Agitation für Atomkraftwerke, lange nachdem diese politisch ad acta gelegt worden waren. Sie benahmen sich im Spiel um die Macht wie ein Staat im Staate. Im September 1985 war die Schlacht verloren. Die konservative Regierung entfernte die Atomkraft aus der dänischen Energieplanung. Das war ein Jahr vor Tschernobyl.

 

Ein gesellschaftlicher Nebengewinn an der Teilnahme der Bevölkerung war, dass Dänemark eine blühende Windmühlenindustrie mit vielen tausend neuen Arbeitsplätzen bekam und herrschender Lieferant für den internationalen Markt war. Das industriepolitische daran ist, dass große Unternehmen Märkte vorziehen, die ein großes Volumen hier und jetzt haben, während erneuerbare Energie sich zur Nischenproduktion kleiner Unternehmen eignet. Sie können sich dann leicht zu großen Industrien entwickeln, wenn sie sich innerhalb der einzelnen Komponenten wie Türme, Steuerungen, Flügel usw. spezialisieren, wie die Erfahrung zeigte. Diese Produktionsform war faktisch schon seit Ende der 80er Jahre auch in Deutschland auf den Weg gebracht, wo es keine etablierte Industrie, sondern Pionierunternehmen waren, die angefangen hatten, Windmühlen nach dem dänischen Konzept mit Importen von dänischen Zulieferern zu bauen. Später hat sich das zu einer modernen Großindustrie entwickelt.

 

Zur erfolgreichen Lösung gewisser Aufgaben passen bestimmte Strategien. Deshalb ist es interessant, dass man nun 13 Jahre später viele Elemente in den deutschen Energiegesetzen findet, die den dezentralen Initiativen einen entsprechenden Vorrang geben. Hermanns Fingerabdrücke in der heutigen Gesetzgebung entsprechen ziemlich dem, was wir 1991 besprochen hatten. Eine reine Kostenbetrachtung könnte sehr wohl ergeben, dass es billiger ist, einen ganzen Berghang mit Sonnenkollektoren einzudecken, statt viele Kleinanlagen auf den Villen der Leute aufzustellen. Es gibt auch gute Argumente für die Aufstellung von Windmühlen am Meer in großen Parks, was oft technisch und ökonomisch von Vorteil ist. Wenn Hermann die dezentralen Lösungen vorzieht, geschieht das aus der klaren Erkenntnis, dass die Umstellung auf erneuerbare Energie nicht in erster Linie eine Frage der Technik ist, sondern einer ständigen Einbeziehung der Bevölkerung bedarf. Wenn die nötige Gesetzgebung durchgesetzt werden soll, sind es Bauern mit Biogasanlagen, Hausbesitzer mit Photovoltaik auf dem Dach und Dörfer mit Windmühlen, die - wenn nötig - sich zu Tausenden vor dem Brandenburger Tor versammeln, um zu demonstrieren, wohingegen Großinvestoren der Offshore Windmühlen andere Sorgen haben, wenn solche Tumulte stattfinden. Das weis der Politiker Hermann Scheer.

 

 

Erneuerbare Energie bekommt eine internationale Dimension.

 

Nicht lange nach dem Treffen in Saarbrücken besuchte mich Hermann im Folkecenter in Nordwestjütland. Wir hatten schon damals rundherum Windmühlen und Biogasanlagen und in Thy beinahe 100prozentige Versorgung mit Windstrom, also eine Manifestation dessen, was keine Fiktion, sondern konkrete Wirklichkeit war. Der Tag wurde fortgesetzt mit einem Treffen in Aarhus, bei dem eine Lokalgruppe den ersten Off-shore Windmühlenpark in Verbraucherhand in Dänemark vorstellte. Hier traf Hermann den Teil der dänischen Kultur, der den Durchbruch für erneuerbare Energie in Dänemark geschafft hat.

 

Danach folgten gemeinsame Reisen und Veranstaltungen. Eurosolar setzte die erneuerbare Energie in Harare in Zimbabwe unter der Parole "Energy for Africa" auf die Tagesordnung. Die Konferenz fand in einem der mondänsten Hotels in Afrika statt, und das stand im klaren Widerspruch zur Botschaft der Konferenz an einen Kontinent, wo es der Hälfte der Bevölkerung an der elementarsten Energieversorgung mangelt. Das fand seinen konkreten Ausdruck darin, dass Hermann beschloss, die abschließende Pressekonferenz, die gut besucht und erfolgreich war, unter einem offenen Halbdach am Fuße des Hotels abzuhalten.

 

Noch dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde 1992 die Öllieferung nach Kuba gestoppt. Diese Situation brachte eine große Eurosolar Delegation auf die Sonneninsel. Hier sind die Bedingungen für erneuerbare Energie mit viel Sonne, Wind und Biomasse so günstig, dass es dort keine Energiekrise geben müsste. Es gab keinen Grund dafür, dass Menschen kaltes Essen bekommen müssen. Das erklärten wir einigen politischen Entscheidungsträgern in Al Capones früherem Wohnsitz in der geheimen Stadt mitten in Havanna, in die Hermann und ich eingeladen waren.

 

Dem Wachstumsland China die Option für erneuerbare Energie an Stelle der Kohle nahe zu bringen, war das Thema für eine gemeinsame Reise in das Reich der Mitte mit Begegnungen mit hervorragenden Forschern und Lokalpolitikern in Beijing, Shanghai und Chengdu. Wir besuchten eine von Chinas Millionen Familienbiogasanlagen. Hermann regte an, dass man Sonnenarchitektur in den unzähligen verglasten Bürohochhäusern anwenden solle, die überall in China aus dem Boden schießen. Am Abend saßen wir in einem Hotel in Shanghai. Der "Spiegel" lag aus, mit einem zerstörten Glashaus auf der Titelseite. "IBM abgestürzt", hieß die Geschichte. Was kommt als nächstes? sage ich. "Alles", war Hermanns Kommentar. Von da an verstand ich, dass der Reformator der fossilen Kultur schon geboren war. Selbst wenn China in die Fußstapfen der westlichen Länder treten und seine Wirtschaft auf fossile Brennstoffe - solange dies noch möglich ist - gründen würde, wurden doch während der Rundreise unzweifelbar einige Keime gelegt. Denn China ist heute kein Entwicklungsland mehr, wenn es um erneuerbare Energie geht. Dieses Land installierte im Jahre 2003 zehnmal mehr Sonnenkollektoren als der Rest der Welt insgesamt!

 

Aber es gab auch Muße für Festlichkeiten auf dem Wege, wie Hermanns Ernennung zum Ehrendoktor an der Universität in Varna, Bulgarien, und als er den alternativen Nobelpreis im schwedischen Reichstag in Stockholm verliehen bekam. Ich hatte auch das Glück, zugegen zu sein, als Hermann den Weltsolarpreis in Wien bekam und ihm später ein entsprechender Preis für Biomasse verliehen wurde. Er war der einleuchtende Empfänger dieser Auszeichnungen, und das waren wichtige Meilensteine für die erneuerbare Energie auf ihrem Siegeszug - allem Widerstand zum Trotz.

 

 

Die organisatorische Arbeit und der Solarpreis

 

Im Lauf der Jahre führte der lange Weg von Nordwestjütland zu Konferenzen überall in Europa und zu zahlreichen organisatorischen Sitzungen in Bonn und später in Berlin. Hier gab es Dialoge, die weit ausschweiften. Neues Wissen und neue Impulse wurden gegeben und empfangen, die wir dann mit nach Hause nehmen konnten für die nationale Debatte über die zukünftige Gesellschaft mit erneuerbarer Energie. Unzweifelhaft ist, dass die Eurosolar mit Hermann als Zentrum die Brutstätte für die entscheidende Politik und Strategie zur Förderung der erneuerbaren Energien war. Zweifellos hat auch ein fest gefügter Personenkreis um Eurosolar Hermann über Jahre hinweg in seiner energiepolitischen Arbeit unterstützt. Zugleich hat Hermann durch seine Arbeit für erneuerbare Energie überall in Europa eine unschätzbare Unterstützung geliefert. Wir haben ihn mehrmals in Kopenhagen gehabt, was in breiten Kreisen Widerhall fand.

 

In zehn Jahren hat sich der europäische Solarpreis mit seinen Nominierungen, Auszeichnungen und Sitzungen der Jury auf nationaler und europäischer Ebene zu einer wichtigen Institution entwickelt. Die Zeremonie der Preisverleihung mit Musik, Reden und dem Überreichen des Preises waren an sich kulturelle Ereignisse, die durch einen perfekten Paarlauf zwischen ihm und Hermann ermöglicht wurden. Sie waren beeindruckend und erinnerungsträchtig und eine wichtige Anerkennung der Pioniere, die einen besonderen Einsatz für die erneuerbare Energie geleistet haben. Jedoch reicht ihre Bedeutung viel weiter, denn um das beste in der erneuerbaren Energie vorzuführen, zeigt man breiten Kreisen, dass es schon eine hoch entwickelte Technik mit der Sonne als Energiespender gibt, die im Prinzip alle jetzigen und zukünftigen Energiebedürfnisse befriedigen kann. Folkecenter ist seit 1993 der Koordinator des Solarpreises in Dänemark gewesen. Als Mitglied der europäischen Jury war es meine Aufgabe die besten Resultate Dänemarks zu präsentieren. Danach ist, während der Zeremonien in Bonn und Berlin, ein Austausch der Ergebnisse und Visionen des Vortrupps erfolgt, was für die Menschen in ganz Europa für die breite Akzeptanz der erneuerbaren Energien entscheidend gewesen ist.

 

 

Vom Europäischen zum Globalen - die Stiftung der WCRE

 

Im Jahre 2001 wurde es notwendig, von der Eurosolar zu einem Weltrat für Erneuerbare Energie sowie der Errichtung einer Internationalen Agentur für Erneuerbare Energie voranzuschreiten. Hermann war bei vielen Veranstaltungen überall in der Welt oft auf die Frage gestoßen, wie die politische Kraft geschaffen werden könnte, die die erneuerbare Energie zur bevorzugten Energie überall in der Welt machen würde. Nun gab es nämlich nicht mehr die technologischen Begrenzungen wie zehn Jahre zuvor. Dies war das zentrale Thema bei einer gut besuchten Konferenz der Eurosolar in Berlin im Jahre 2001, bei der die Pläne für eine internationale Agentur für erneuerbare Energie, die IRENA, und die vielen Aufgaben zur Debatte standen, die eine solche Agentur in der Weltgemeinschaft erwarteten. Nun hat sogar die IAEA, die seit 50 Jahren eine Agentur für die Atomkraft ist, an die auch Länder bezahlen, die sich gegen die Atomkraft entschieden haben, angefangen, für erneuerbare Energie in Entwicklungsländern zu agitieren, weil diese die Atomkraft nicht mehr ernst nehmen. Die Atomkraft ist ihnen zu teuer, die Abfallprobleme sind unlösbar und die Bevölkerungen sagennein, danke!

 

Wenn eine Organisation wie World Energy Council, WEC, welche die großen Energiegesellschaften 1928 gründeten, auf dieser Grundlage fortfuhren, erneuerbare Energie als eine marginale Lösung zu beschreiben, die erst in etlichen Jahrzehnten Bedeutung erlangen würde, dann musste das Hermann geradezu herausfordern. Er hat die völlige Umstellung auf erneuerbare Energie zu seiner Lebensaufgabe gemacht, und deshalb war es nur logisch, dass er die Möglichkeit, am Ende der Berliner Konferenz, zur Gründung des World Council for Renewable Energy, WCRE, ergriff. Es bekam einen fliegenden Start. Die Gründung ist eines der Ereignisse, an die ich mit besonderer Freude zurückerinnere. Das war eine spontane Kraft, die ausgelöst wurde, und die bleibende Konsequenzen für die globale Entwicklung haben wird.

 

Im Laufe ganz weniger Jahre hat das WCRE Respekt und Einfluss in allen Teilen der Welt erlangt, was mehr der Bedeutung der Botschaft als der Größe der Organisation zuzuschreiben ist. Das Gewicht Deutschlands auf dem internationalen Parkett ist denn auch auf der Grundlage der WCRE zu verstehen, wenn das Land im Frühling 2004 die Regierungen der Welt zu der ersten internationalen Regierungskonferenz für erneuerbare Energie einladen kann. Es ist auch realistisch zu erwarten, dass 2004 in Bonn Schritte eingeleitet werden, eine internationale Agentur für erneuerbare Energie aus der Taufe zu heben. Es gibt keine seriösen Argumente gegen die Bildung einer IRENA, da noch keine andere internationale Instanz sich jemals verpflichtet hat, einen massiven Durchbruch für erneuerbare Energie von der Sonne zu erreichen.

 

 

Auch die Windkraft organisiert sich global

 

Der Sommer 2001 sollte noch eine organisatorische Erneuerung bieten mit Hermann als treibender Kraft. 40 Prozent aller Windmühlen in der Welt stehen in Deutschland. Das gibt Selbstbewusstsein und führt natürlich dazu, dass man für die Resultate Aufmerksamkeit wecken möchte. Deshalb ergriff eine Gruppe im Umfeld von Hermann im Januar 2001 die Initiative für die erste Welt Wind Energie-Konferenz. Damit eine solche Konferenz repräsentativ mit Teilnehmern von allen Kontinenten sein konnte, wurde ich im Frühjahr 2001 aufgefordert, bei der Kontaktaufnahme zu einer Reihe von Organisationen und Persönlichkeiten überall in der Welt behilflich zu sein. Sie nahmen an einer Planungssitzung im Hauptbahnhof von Kopenhagen am 1. Juli 2001 teil, zu der auch Hermann Scheer kam. Das Treffen fand in Kopenhagen statt, wo eine europäische Windenergiekonferenz abgehalten wurde.

 

Die nicht-europäischen Teilnehmer wünschten spontan, die Zusammenarbeit stärker zu formalisieren, als nur die Berlin-Konferenz zu unterstützen. Das hat Hermann registriert. Es gab einen Ruck durch die Versammlung, als er mitteilte: "Nun muss schnell gehandelt werden." Dafür gab es gute Gründe, wie sich später herausstellte. Während des Mittagessens wurden die Hauptprinzipien für eine World Wind Energy Association formuliert. Hier findet man die hauptsächlichen Elemente der Windenergiepolitik, die Hermann durch zehn Jahre zum Erfolg in Deutschland geführt hatten. Am selben Abend wurde beschlossen die WWEA zu gründen, die am folgenden Tag der Öffentlichkeit vorgestellt werden konnte.

 

Es hat sich ein markanter Bedarf für eine globale Windkraftorganisation gezeigt, was ich als erster Präsident der Organisation aus nächster Nähe erfahren konnte. Auch wenn es um Windkraft geht, will die dritte Welt nicht akzeptieren, im Schatten der dominierenden Industriestaaten zu stehen. Deshalb hat die WWEA weniger als drei Jahren nach seiner Gründung fast 150 Mitglieder, die alle Windenergieverbände der größten Staaten der 5 Kontinente repräsentieren. Das bringt mit sich, dass Konferenzen überall in der Welt abgehalten werden, in Cape Town, Beijing, Melbourne etc. Auf diese Weise wird das Wissen über erneuerbaren Energie in Teile der Welt getragen, die hoffentlich eine Fehlentwicklung in ihren Energiesystemen verhindern können, indem sie nicht erst fossile Energieformen ausbauen, sondern eine Vielfalt von Windkrafttypen einsetzen, nicht nur Megawatt-Mühlen, die nur relevant sind für Länder mit starken Elektrizitätsnetzen.

 

Viele nationale Windkraftorganisationen, die bisher ohne organisatorische Zugehörigkeit waren, übernehmen nun die Prinzipien, für die das World Council for Renewable Energy eintritt. Bei den bisher abgehaltenen Konferenzen hat Hermann als Hauptredner deutlich gemacht, dass für die Umstellung auf erneuerbare Energieversorgung keine technologischen Begrenzungen mehr bestehen. Es gibt keinen Grund, die Entwicklung zu verzögern. Das ist seine Botschaft an Politiker und Experten der dritten Welt.

 

Die WWEA vereinigt ihre internationalen Aktivitäten im Sekretariat in Bonn und ist damit ein zusätzlicher Zweig der internationalen Arbeit, die Eurosolar 1988 in Gang setzte. Das hat Bonn in wenigen Jahren zu einem Domizil für mehr als 150 regierungsunabhängigen Organisationen, NGOs, und zum globalen Treffpunkt für Umwelt und Energie gemacht - von einer nationalen zu einer internationalen Hauptstadt, wie Wien, New York und Genf es schon sind.

 

 

Die Welt braucht neue erneuerbare Energieinstitutionen

 

Bonn wird der natürliche Hauptsitz für eine internationale erneuerbare Energie-Agentur, IRENA, die Ressourcen bündeln kann und die vielen verstreuten Initiativen koordiniert, die überall in der Welt stattfinden, deren gesammelte Stärke und Einfluss dadurch mehrfach verstärkt werden können, als wenn sie in ihrer Vereinzelung blieben. Um einer solchen Agentur maximale Kraft und Relevanz zu geben, wäre es eine kluge Wahl, Hermann zu ihrem ersten Direktor zu wählen. Laut seinem eigenen Bekunden im Buch "Anwalt der Sonne" von 1998 übrigens die einzige Stellung in der Welt, um die er sich bewerben würde.

 

Die Aufgaben einer solchen Agentur sind überwältigend. Ein wichtiger Einsatz wird sein, ganz neue Prinzipien für nicht-kommerziellen Transfer von Technologie besonders in die Entwicklungsländer zu implementieren. Indem man einen größeren Teil der Entwicklungshilfe dazu verwendet, wird man die Lebensumstände für 2 Milliarden Menschen im ländlichen Raum, die außerhalb der ökonomischen Reichweite für fossile Brennstoffe und importierte Energiegeräte sind, dramatisch verbessern. Ein massiver Einsatz für erneuerbare Energie muss notwendigerweise als Kombination von lokaler industrieller Entwicklung und der Energieversorgung mit erneuerbarer Energie stattfinden. Da keine der erneuerbaren Energieformen alleine stehen kann, müssen neues Wissen, zahlreiche Versuche und Demonstrationsanlagen mit integrierten Energiesystemen auch den dringenden Bedarf an Wasser und Lebensmitteln sichern.

 

Als Instrumente dafür ist es unerlässlich, ein internationales Netzwerk lokaler erneuerbarer Energiezentren , ecosites, Folkecenter-Konzepte aufzubauen, die neue Energielösungen erforschen sollen, Kombinationen davon erproben, Erfahrungen mit Universitäten und anderen Ausbildungsinstitutionen austauschen, Demonstrationsanlagen aufbauen und die Wirtschaft und Anwender bei der praktischen Implementierung der Technik beraten. Wissen und Erfahrung sind in diesen Bereichen global sehr begrenzt, und deshalb wird es nötig sein, den freien und offenen Austausch durch eine internationale Agentur zu sichern, bei der der Bedarf an Wissen und nicht die Zahlungsfähigkeit das entscheidende Prinzip ist.

 

Es wird eine wichtige Aufgabe der IRENA sein, die nationalen und internationalen Sponsoren zu bewegen, das ökonomische Fundament für einen internationalen Ausbau mit erneuerbarer Energie, mit besonderem Gewicht auf Aufbau und Verteilung von Wissen, awareness-building, Demonstrationsanlagen zu legen, und sie muss sichern, dass die beste Praxis und nicht willkürliche Sonderinteressen das übergeordnete Prinzip werden. Internationale Expertenkomitees sollen mit erfahrenen und engagierten Personen besetzt werden, die einen direkten Weg zur Implementierung der erneuerbaren Energie gezeigt haben. Mit Verantwortung und ausgestattet mit den nötigen Ressourcen kann eine internationale Agentur mit Hermann Scheer als Inspirator und der exekutiven Kraft historisch große Veränderungen in kurzer Zeit bewirken und der Weltökonomie mit unkonventionellen Lösungen Auftrieb geben.

 

Aber eine internationale erneuerbare Energieagentur sollte auch ihre Autorität und ihr Expertenwissen einsetzen, um die überwältigende Diskriminierung der erneuerbaren Energie, verglichen mit den etablierten Energieformen, aufzudecken und zu analysieren. Nicht nur bekommen diese in verschiedener Form direkte und indirekte Unterstützung durch Forschung und Gewerbefördermittel, die bei weitem die Fördermittel übersteigen, die die erneuerbare Energie bekommt. Die Diskriminierung ist total. Fossile Brennstoffe und die Atomkraft bekommen massive Fördermittel auf mehreren Ebenen. Um die deutsche und australische Kohle wettbewerbsfähig gegenüber der billigen südafrikanischen Kohle zu machen, wird der Bergbau staatlich unterstützt, der See- und Landtransport wird bezuschusst, und man schließt die Augen vor den Umweltschäden und der Zerstörung nicht zu beziffernder Naturwerte. Militär- und andere Sicherheitskosten der zentralistischen fossilen Energienutzung müssen dabei mit einberechnet werden. Der "billigste" Produzent bestimmt das Preis-Niveau, damit ist es unvermeidbar alle anderen Produzenten zu subventionieren. Das erste Opfer dafür ist die erneuerbare Energie.

 

Die Diskriminierung der erneuerbaren Energie gilt auch für die Finanzierung. Die konventionellen Energieformen werden von großen Konzernen kontrolliert, die mit staatlicher Garantie 30- bis 40-jährige Anleihen auf dem internationalen Finanzmarkt zu Niedrigstzinsen bekommen können, während kleine Investoren in erneuerbare Energieanlagen (Hausbesitzer, landwirtschaftliche Betriebe oder Kleingewerbetreibende) die Anleihen zu den lokalen Zinsen aufnehmen müssen. Die Kapitalkosten sind damit um ein Vielfaches höher als für die Großkonzerne.

 

Die Diskriminierung als Kombination von Fördermitteln für konventionelle Energieformen und den großen Ungleichheiten der Finanzierungsmodalitäten sind ein fundamentales politisches Problem, das die Hinwendung zu erneuerbaren Energieformen abblockt und deshalb einen organisatorischen Einsatz durch eine starke und unabhängige offizielle Instanz erfordert.

 

Die Welt schreit nach Veränderung und Erneuerung im Energiesektor. Die Periode der fossilen Energieträger läuft aus. Es gibt keine Umkehr. Eine Person mit den Visionen wie Hermann, mit seinem Pflichtgefühl, seiner Einsicht und seiner Stärke sollte an die Spitze eines groß angelegten Einsatzes für diese Jahrhundertaufgabe gestellt werden. Die Freunde hoffen und erwarten, dass dem 60-jährigen Jubilar diese Herausforderung anvertraut wird und dass er sie annimmt.

 

Übersetzt aus dem Dänischen von Jann Sörensen

 

 

Der Autor ist Direktor des bekannten dänischen Zentrums für Erneuerbare Energien "Daniish Folkecenter for Renewable Energy". Darüber hinaus gehört er zahlreichen internationalen Gremien an unter anderem dem World Renewable Energies Council und der World Wind Energy Association.

 

 

Dieser Text ist das Vorwort zu dem Buch "Praktische Visonen", der Festschrift zum sechzigsten Geburtstag von Dr. Hermann Scheer (SPD).

 

Veröffentlichung mit freundlicher Erlaubnis der