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Finanzdienstleister 10.03.2009

Christliches Banking, wie funktioniert das? - ECOreporter.de-Interview mit Helge Wulsdorf., Bank für Kirche und Caritas

Immer mehr Kirchenbanken wollen als christliche Institution auch bei der Geldanlage ihren ethischen Anspruch erfüllen. Wie setzen sie dies konkret um? Was geschieht mit dem Geld der Kunden? Diese und weitere Fragen von ECOreporter.de beantwortete Dr. Helge Wulsdorf. Er leitet bei der Bank für Kirche und Caritas eG aus Paderborn den Bereich ‚Nachhaltige Geldanlagen’.

 


ECOreporter.de: In welchem Umfang bietet Ihre Bank nachhaltige Geldanlagen an?

Helge Wulsdorf:
Wir haben als erste Kirchenbank überhaupt für unsere gesamten Eigenanlagen bereits vor über fünf Jahren einen ethischen Nachhaltigkeitsfilter entwickelt, den wir bei allen Anlageklassen zur Anwendung kommen lassen. Dieser ist seither beständig weiterentwickelt worden und kommt bei allen Anlageentscheidungen zum Zuge. Bei Fondsprodukten, die nicht von uns allein initiiert wurden, achten wir darauf, dass auch sie einen qualitativ hochwertigen Nachhaltigkeitsfilter aufweisen.


ECOreporter.de: In welchem Umfang investiert Ihre Bank selbst nachhaltig?

Wulsdorf:Das Gesamtvolumen unserer nachhaltig ausgerichteten Geldanlagen beträgt rund 2,5 Milliarden Euro.


ECOreporter.de: Inwiefern wird nachgehalten, was die nachhaltige Investments bewirken, die Ihre Bank an Kunden verkauft bzw. die Ihre Bank selber tätigt?

Wulsdorf:Nachhaltige Geldanlagen haben für uns zunächst einmal eine ethische Lenkungsfunktion. Mit unseren Geldanlagen und den nachhaltigen Produkten für unsere Kunden zielen wir darauf, in Emittenten zu investieren, die sich den Nachhaltigkeitsgedanken als Vorbilder zu Eigen gemacht haben und damit einem Mehr an Nachhaltigkeit in dieser Welt Rechnung tragen. Wir kommen damit für uns und stellvertretend auch für unsere Kunden einem verantwortungsbewussten Umgang mit den Geldern nach, die wir treuhänderisch verwalten. Ausgerichtet sind wir dabei an den christlichen Werten „Schutz des menschlichen Lebens“ und den Eckpunkten des Konziliaren Prozesses „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“. Seitens der Kunden wird immer wieder der Wunsch an uns herangetreten, dass sie nicht in Geschäftspraktiken investiert sein wollen, die einer christlichen Wertorientierung widersprechen. Mit unserer nachhaltigen Geschäftsstrategie kommen wir diesem Wunsch nach und können unseren Kunden nahezu alle Finanzprodukte nachhaltig anbieten und das auf qualitativ hohem Niveau.

Der nächste Schritt nachhaltigen Investments, das aktive Aktionärstum, steht derzeit ganz oben auf unserer Agenda. Als inhaltlicher und intellektueller Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit sind aktuell dabei, hierfür ein Konzept zu entwickeln. Erste Gespräche wurden bereits geführt und mögliche Kooperationspartner befragt. Da wir ein relativ kleines Bankhaus sind, wird sich das aktive Aktionärstum aus unserer Sicht nur im Verbund umsetzen lassen.


ECOreporter.de: Bitte ein konkretes Beispiel: 100 Kunden legen 10.000 Euro bei Ihnen nachhaltig an. Was bewirkt das in der Realität „draußen“?

Wulsdorf:Das kommt natürlich ganz auf die Anlageform an. Geht der Kunde in ausgewiesene Nachhaltigkeitsfonds, ist die Frage, ob der Fonds aktives Aktionärstum überhaupt betreibt. Dies ist bei den weitaus meisten Fondsprodukten gar nicht der Fall und wird häufig auch nicht angestrebt. Erste Ansätze von Engagement, etwa im Bereich Corporate Governance, werden beispielsweise von unserer Kapitalanlagegesellschaft aktiv vorangetrieben, der Union Investment. Die Union führt verschiedene Hintergrundgespräche, in denen Nachhaltigkeitsdefizite etwa im Bereich der Unternehmensführung thematisiert werden. Gegebenenfalls werden die Themen dann auch auf die Hauptversammlung getragen.

Werden die Gelder bei uns im Haus nachhaltig angelegt, bspw. in Spar- oder Termingeldeinlagen bzw. in unseren Inhaberschuldverschreibungen, sind wir als Bank für Kirche und Caritas gefragt, etwas zu bewirken. Wie oben bereits gesagt, erarbeiten wir zurzeit ein Konzept für aktives Aktionärstum. Wenn sich hierfür geeignete, potente Partner finden, werden wir stellvertretend für unsere Kunden mit Nachdruck auf ethische Fehlentwicklungen in Unternehmen hinweisen und auf Änderung im Sinne eines Mehr an Nachhaltigkeit dringen. Als kleines Bankhaus haben wir in diesem Bereich als Einzelkämpfer kaum eine Chance, Gehör zu finden und wirklich ernsthafte Änderungen in der Unternehmenspolitik zu bewirken. Aktives Aktionärstum hat nur dann eine Chance auf Erfolg, wenn man ihm eine wirkmächtige Stimme verleiht. Alles andere zeugt zwar von gutem Willen, bewirkt letztendlich aber kaum etwas – um letzteres muss es schließlich gehen.


ECOreporter.de: Inwiefern spricht Ihre Bank mit Fonds, in die sie investiert, auf ihre soziale und ökologische Zielsetzungen oder Kriterien an?

Wulsdorf:Wir gestalten unsere Fonds aktiv mit.Der von uns mitinitiierte „Fonds für Orden und Ökumene INVESCO“ hat einen eigenen Ethikbeirat, in dem wir aktiv mitwirken und so Einfluss auf die Gestaltung sozialer und ökologischer Kriterien nehmen. Wir stellen hierfür die ethische Kompetenz unserer 2003 ins Leben gerufenen Stabsstelle „Nachhaltige Geldanlagen“ und sind an einer beständigen Fortentwicklung des Nachhaltigkeitsprofils des Fonds nachdrücklich interessiert. Ähnlich agieren wir auch bei der KCD-Linie (KCD steht für Kirche, Caritas und Diakonie), die inzwischen neben dem Aktien- und Rentenfonds auch einen Mischfonds hat. Hier agieren wir, vertreten wiederum mit der Fachkompetenz unserer Stabsstelle in einer Arbeitsgruppe, die für die ethische Fondsweiterentwicklung verantwortlich zeichnet. Mit weiteren Fondsanbietern sind wir im Gespräch, haben hier aber nicht den Einfluss, da wir nicht Mitinitiatoren der Produkte sind. Unsere Arbeit ist hier eher flankierend zu verstehen.


ECOreporter.de: Inwiefern spricht Ihre Bank darüber direkt mit Unternehmen über deren Nachhaltigkeit?

Wulsdorf:Direkte Kontakte zu Unternehmen gibt es bislang noch nicht. Sofern unser Konzept für aktives Aktionärstum praktisch umgesetzt wird, werden wir diesen Weg des Einflusses sicherlich gehen. Bislang ist dies aber noch Zukunftsmusik. Die meisten Banken üben hier deutliche Zurückhaltung und haben diesen, nächsten Schritt des nachhaltigen Investments noch gar nicht bewusst für sich entdeckt.


ECOreporter.de: Wie wird nachgehalten, ob sich solche Gespräche bei den Unternehmen auswirken?

Wulsdorf:Aktives Aktionärstum darf sich nicht nur auf gut gemeinte Gespräche mit Unternehmen konzentrieren. Es muss seine erklärten Ziele nachhalten und kontrollieren, gegebenenfalls bei Nichterreichen Konsequenzen ziehen. Die Konsequenzen können ganz unterschiedlicher Art sein. Man kann seine Investments abziehen und das Unternehmen als nichtinvestierbar deklarieren. Man kann aber auch seine Stimme wirkmächtig erheben und in die Öffentlichkeit gehen. Letzteres wird in Zukunft sicherlich eine nicht zu verachtende Rolle spielen. Als Kirchenbank vertreten wir auf finanzieller Ebene die Anliegen der Kirche und in diesem Sinne haben wir den Auftrag, systematische Ungerechtigkeiten aufzudecken und dadurch Benachteiligten eine Stimme zu verleihen. Man muss im Sinne des Stakeholderansatzes dann sehr genau schauen, welche berechtigten Interessen bewusst vernachlässigt oder sogar unterdrückt werden.


ECOreporter.de: Nutzen Sie ihre Stimmrechte, um etwa auf Hauptversammlungen zur sozialen und ökologischen Verantwortung der investierten Unternehmen Stellung zu nehmen?

Wulsdorf:Nein, bislang noch nicht.


ECOreporter.de: Gibt es ein Nachhaltigkeitsmanagement? Wer ist für die Nachhaltigkeit Ihrer Bank zuständig?

Wulsdorf:Nachhaltigkeit ist für uns Ausdruck unserer Geschäftspolitik als solche. Insofern sind die verschiedensten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unseren hausinternen Nachhaltigkeitsprozess involviert. Da wir im Kerngeschäft angesetzt haben, sind hier angefangen vom Vorstand über unsere Stabsstelle „Nachhaltige Geldanlagen“ bis hin zu unserem Treasury und den Kundenbetreuern viele aktiv in den Prozess involviert. Nachhaltigkeit ist erst dann Ausdruck der Geschäftspolitik, wenn möglichst viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Prozess beteiligt sind. Uns ist dies über die Jahre hinweg mittlerweile gelungen. Auch interne Abteilungen, etwa die Organisationsabteilung, setzen Nachhaltigkeitsideen um, ganz konkret bei unserem Neu- und Umbau.


ECOreporter.de: Inwiefern wird die soziale und ökologische Performance Ihrer Bank kontrolliert und dokumentiert? Erfolgt dies intern oder extern, nach welchen Vorgaben?

Wulsdorf:Wir berichten seit Jahren über unser Nachhaltigkeitsengagement in unserem Geschäftsbericht. Für unser transparentes Auftreten und unsere ganzheitliche, nachhaltige Geschäftspolitik sind wir nicht umsonst als „Bester nachhaltiger Investor“ von portfolio institutionell ausgezeichnet worden. Der Geschäftsbericht wird entsprechend den Vorgaben unseres Verbandes geprüft. Zudem haben wir einen Nachhaltigkeitsbeirat, besetzt aus hochrangigen Wissenschaftlern, der sich beständig mit der sozialen und ökologischen Performance in unserer Bankpolitik auseinandersetzt.


ECOreporter.de: Werden die Ergebnisse veröffentlicht?

Wulsdorf:
Hauptmedium der Veröffentlichung ist der Geschäftsbericht. Im persönlichen Kundengespräch werden speziell bei größeren institutionellen Kunden die Nachhaltigkeitsthemen und -positionen vertiefend erläutert.


ECOreporter.de: Wie wollen Sie die soziale und ökologische Performance Ihrer Bank verbessern?

Wulsdorf:Nachhaltigkeit ist ein ständiger, nie endender Prozess. Wer sich auf den Weg der Nachhaltigkeit begibt, ist bestrebt, stets seine nachhaltigen Produkte und Dienstleistungen zu verbessern und an den gewachsenen Anforderungen einer nachhaltigen Entwicklung beständig auszurichten. Die qualitative Weiterentwicklung unserer Nachhaltigkeitsprodukte steht dabei klar im Vordergrund. Hier wollen wir für unsere Kunden mit unseren ethisch geschärften Sozial- und Umweltkriterien eine attraktive, marktkonforme Rendite mit einem hohen Maß an Sicherheit erwirtschaften. Dabei legen wir Nachhaltigkeitsmaßstäbe natürlich auch an uns an. Die Verbesserung sozialer Standards gegenüber unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hat eine gute Tradition, die in einem ausgefeilten Sozialkatalog zum Ausdruck kommt. Ökologische Standards soll vor allem unser Neubau setzen, der 2010 fertig werden soll.


ECOreporter.de: Herr Wulsdorf, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Bildhinweis: Helge Wulsdorf, Gipfelkreuz / Quelle: Bank für Kirche und Caritas

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