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Nachrichten 07.07.2010

„Der Deutschen liebstes Kind als Aktie?“ – Teil 2 des Interviews mit Wilhelm Bode über eine neue Form des Waldinvestments

Was spricht dafür, durch die Ausgabe von Aktien den Staatswald von NRW zu privatisieren? In der Fortsetzung unseres Interviews mit Wilhelm Bode erläutert der Experte für naturnahe Waldwirtschaft unter anderem, was sein Konzept von anderen nachhaltigen Holzinvestments unterscheidet und warum es der Naturschutzbund Deutschland e. V. (NABU) unterstützt.

Wilhelm Bode / Quelle: privat


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ECOreporter.de: Nun wird ja gerade gegen Baum- und Waldinvestments in der sog. Dritten Welt häufig eingewandt, sie seien in ihren Renditeversprechen euphemistisch, da über die lange Produktionsdauer im Wald Aufforstungen vielfältigen Gefahren ausgesetzt seien. Gilt diese Kritik nicht auch für den NRW-Bürgerwald?

Bode:Eben nicht, denn das ist der gewaltige Unterschied zu vergleichbaren Finanzmarktprodukten. Der Bürgerwaldaktionär erwirbt Anteile an bereits bestehenden Wäldern in Zentraleuropa, also in der anerkannt sichersten Rechtsordnung der Erde und einem der politisch stabilsten Systeme. Nicht nur deshalb hat Zentraleuropa die stabilsten Immobilienwerte und  -erwartungen in der Zukunft. Es liegt zudem in einer der ausgeglichensten, auch in Zukunft deswegen relativ stabilsten Klimaregionen überhaupt. Der Bürgerwald hat als bestehender, durchschnittlich bereits 80jähriger Wald ohnehin nicht die Gefahren zu überstehen, die jedem neu angepflanzten Wald über die ersten Jahrzehnte auch bei uns drohen. Das gilt besonders unter dem Gesichtspunkt eines sich  verändernden Klimas, das heißt der Zunahme der Windgeschwindigkeiten, vermehrter Sommertrocknis und spätwinterlichem Nassschnee etc. Zudem macht der Bürgerwald nur dann Sinn, wenn er gleichzeitig konsequent zum Dauermischwald überführt wird und damit - schon nach wenigen Jahren - nicht mehr anfällig ist gegen Schädlinge, sondern vor allem resilient wird gegen die winterlichen Kahlwürfe und Orkane. Denn im Gegensatz zum konventionellen Wald, dem sog. gleichförmigen Altersklassenwald, ist der Dauermischwald gemischt nach Alter, Baumarten, -stärken und -höhen. Mit anderen Worten, der Dauermischwald kennt Orkan bedingte Kahlwürfe nicht. Er produziert auf „ewig“ Holz und das nach bester Masse und Güte – ein „Dauerwald“ eben! Insofern kann man den Bürgerwald im Dauermischwaldbetrieb objektiv nicht mit allen anderen Bauminvestments in anderen Kontinenten oder auf  Kahlflächen vergleichen. Ich möchte diesen durchaus lobenswerten Versuchen die Berechtigung nicht absprechen, aber im Bürgerwald lassen sich die Renditen langfristig mit ca. 7-9 % garantieren (jährliche Dividendenrendite zuzügl. Wertsteigerung). Der Bürgerwald hält also seine Versprechen und kennt keine Risiken.


ECOreporter.de: Aber soviel Rücksicht auf die Waldökologie muss doch zu Mindererträgen führen? Ist nicht ein durchorganisierter und hoch mechanisierter Forstbetrieb auch in Deutschland der rationellere?

Bode:Gerade nicht! Im Wald gelten die Regeln der Langfristökonomie und da rechnet sich nur, was die Natur zur kostenlosen Hilfe nutzt und deswegen nicht investiert und verzinst werden muss. Dieser Zusammenhang ist der Grund, warum der Naturschutz sich vorbehaltlos für die Rundholzproduktion im Dauermischwald ausspricht, denn er erzeugt automatisch und systembedingt Umweltleistungen, die gleichzeitig der Holzproduktion zu Gute kommen und sich für den Eigentümer rentieren. Die ehemals feudalen Großprivatwaldbesitzer wirtschaften ja nicht der Natur zu Liebe im Dauermischwald, sondern weil es sich für sie selbst lohnt und sie so über Generationen den Wohlstand und die Stellung der Familien gewährleisten konnten. Dauermischwälder sind insofern eine ideale Alterssicherung: Über Generationen inflationsgeschützt, zukunftsgerichtet und Wert steigernd, sowie fast unzerstörbar – und solange die Waldgrundstücke nicht grundbuchlich belastet werden, weitgehend insolvenzsicher!


ECOreporter.de: Glauben Sie wirklich, die Politik würde ihren Einfluss auf die riesige Staatswaldfläche freiwillig aufgeben und sich auf ihre Kernaufgabe der forstlichen Ordnungspolitik beschränken?

Bode:Genau das glaube ich! Abgesehen davon, dass sie bereits damit begonnen hat, es zu tun. Zunächst einmal sind schon heute 64 % des NRW-Waldes im privaten Eigentum und arbeiten natürlich rentabel im Gegensatz zu den 13 % Staatswald, der als öffentlicher Defizitbetrieb zu den unrentabelsten Forstbetrieben in Europa zählt. Auch ändert sich ja durch den Verkauf des Bürgerwaldes an die Bürger das NRW-Waldgesetz nicht. Schon bisher kennt es keinen Unterschied zwischen privaten und öffentlichen Wäldern. Das heißt, in Zukunft würde der Bürger wie bisher seinen sonntäglichen Waldspaziergang machen und wie bisher gar nicht merken, ob er sich im Privat- oder Staatswald befindet. Er hat das gesetzlich verbriefte Recht dazu. In „seinem“ Bürgerwald wird er sich aber für die Qualität der Bewirtschaftung interessieren und die forstliche Betriebspolitik nicht nur mit Blick in sein Portmonee kritisch begleiten, denn dann hat er als Stakeholder ein wichtiges Stück mit zu entscheiden, wie „sein“ Wald bewirtschaftet wird. Das kann der Politik nur Recht sein. Zumal sie eine große Fachverwaltung sozialadäquat für alle Zukunft einsparen und auflösen kann.


ECOreporter.de: Die Haushaltssanierung kann doch nicht das vordringliche Ziel des Naturschutzes sein?

Bode:Natürlich sind Naturschützer auch Bürger des Landes und fühlen sich sicher mitverantwortlich, aber es ist nicht das vorrangige Ziel des Naturschutzes. Denn die Naturschutzvorrangwälder sollen zuvor ausgegliedert und einer Landesnaturerbestiftung übergeben werden. In NRW sind das etwa 25-30 Tausend ha. Diese Naturerbestiftung erhält zusätzlich 20 % der Aktien der Bürgerwald-AG und sichert über diese Satzungssperrminorität die Festlegung auf den Dauermischwaldbetrieb. Mit
dieser Kombination wird gleichzeitig sichergestellt, dass die Bürgerwald-AG nicht stärker mit Naturschutzauflagen belastet wird als jeder andere Privatwald in NRW. Ihr Ziel ist die Produktion von Rundholz für den Markt wie bei jeder anderen Forstwirtschaft – aber eben nach höchster Masse und Qualität.


ECOreporter.de: Wer würde zum Beispiel dann Vorstandsvorsitzender einer Wald AG werden können? Würden die Aktionäre ihn wählen?

Bode:Letzteres natürlich! Die Bürgerwald-AG soll eine Aktiengesellschaft wie jede andere sein: Gewinnorientiert, börsennotiert, publikumswirksam und –offen, und selbstverständlich unternehmerisch geführt. Es gibt einen kleinen Unterschied, der sie allerdings nicht belastet, sondern bei der börslichen Preisbildung begünstigt. Die Bürgerwald-AG wird im fünfjährigen Rhythmus über die Wertentwicklung ihrer stehende Waldbestände öffentlich berichten. Dies geschieht durch ein täuschungssicheres Stichprobenverfahren in der Hand vereidigter Inventurgutachter. Die Ergebnisse dieses Verfahrens sind gerichtsfest und können später auch die Grundlage bilden, die CO2-Senkenfunktion der stehenden Wälder für Honorierungszwecke zu berechnen. Zusätzlich soll durch eine spezielle Bürgerwaldzertifizierung öffentlich über die Verwirklichung der Bürgerwaldidee und die Überführung in Dauermischwald zur jährlichen Bilanz berichtet werden.


ECOreporter.de: Könnte jemand bestimmenden Einfluss ausüben und die Waldgrundstücke beispielsweise roden, um dort Flugplätze, Äcker und Deponien anzulegen?

Bode:Natürlich ist es denkbar, dass über Mehrheiten in der Aktionärsversammlung Einfluss auf den Vorstand genommen werden kann. Das gilt aber in den Schranken des Aktiengesetzes und der Forstgesetze. Waldumwandlungen bedürfen danach z.B. besonders strenger Voraussetzungen (z.B. öffentliche Infrastrukturen), die deswegen nur im Ausnahmefall genehmigungsfähig sind. Grundsätzlich soll aber die Bürgerwald-AG wie jede andere AG am Markt agieren können mit einer Ausnahme: Sie muss die Satzungsziele beachten und kann sie nur mit qualifizierter Mehrheit (80 %) verändern. Dazu gehören die Festlegung auf den hoch rentierlichen Dauermischwald, das Verbot der Gründstücksbelastung aller Wälder, sowie die Verpflichtung bei Zukauf oder Waldverkauf eine bestimmte Produktionsfläche innerhalb NRW nicht zu unterschreiten.


ECOreporter.de: Wer bekommt das Geld aus dem Börsengang der Bürgerwald-AG? Wenn es der Staat ist: Der wird es in seine allgemeinen Töpfe fließen lassen müssen, aus rechtlichen Gründen, oder?

Bode:Das Land NRW ist Eigentümer des Staatswaldbetriebs und bekommt deswegen auch die Einnahmen aus dem Börsengang. Es kann sein, dass es die Einnahmen teilweise oder ganz zur notwendigen Schuldentilgung nutzt. Das wäre jedenfalls nicht die schlechteste Verwendung, spart die sie doch schon im Folgejahr Zinslasten ein und erhöht so dauerhaft die finanziellen Spielräume des Landes zum Wohle aller Bürger.


ECOreporter.de: Welche weiteren Vorteile hat der Staat?

Bode:Die Bürgerwald-AG organisiert viele win/win-Effekte. Der Hauptgewinner ist zweifellos das Gemeinwesen, das Land! Es erhält einen erheblichen Liquidationserlös aus dem Börsengang. Gleichzeitig beendet es einen Defizitbetrieb, der noch nie nach dem Krieg eine stabile Rendite erwirtschaftet hat, sondern fast immer sehr hohe Defizite. Allein dieser Effekt wird im Fall NRW jährliche Einsparungen in Höhe von mindestens 15-20 Millionen Euro ausmachen. Ganz zu schweigen von der Verbesserung der Haushaltstrukturen hinsichtlich Pensionslasten und einer dauerhaft schlankeren Verwaltung. Gleichzeitig würde das Land in vorbildlicher Weise die von den Bundesländern zu leistenden Aufgaben der Biodiversitätsstrategie im Rahmen des Rio-Nachfolgeprozesses erbringen - und vieles mehr.


ECOreporter.de: Welche Vorbilder gibt es für einen derartigen Plan?

Bode:Für eine Reihe von Teilaspekten der Bürgerwaldidee gibt es Vorbilder, so z.B. die Einrichtung der Bundesstiftung Umwelt anlässlich der Privatisierung der Salzgitter-AG; der Einstieg in die Erfolgsgeschichte der Windkraft in den 80er Jahren durch  Kleinanleger im Bereich des Umwelt- und Naturschutzes; die Ebneth Forst AG, eine AG, die sich auf die Rundholzproduktion in ihren Wäldern spezialisiert hat etc. Letztendlich aber ist die Bürgerwaldidee ein Innovationsprojekt, für das NRW und Deutschland die idealen Voraussetzungen vorweist und für die die Zeit forstpolitisch reif ist.  


ECOreporter.de: Wie bewerten Natur- und Umweltschützer Ihre Pläne?


Bode:Mein Auftraggeber ist der größte Umweltverband in NRW, der NABU-Landesverband mit Unterstützung des Bundesverbandes. Natürlich bedeutet die Bürgerwaldidee einen Paradigmenwechsel für den Naturschutz in Deutschland. Dieser ist aber dringend notwendig angesichts leerer Kassen auch für den Naturschutz und angesichts des bereits bestehenden Verkaufsdrucks in den Ländern. Der Naturschutz muss rechtzeitig Alternativen zur schlichten Zerschlagung der Staatswälder aufzeigen. Die Bürgerwaldidee wahrt alle Interessen des Naturschutzes und macht ihn hinsichtlich des Waldnaturschutzes sogar unabhängig von den Haushaltsrestriktionen der Zukunft und wechselnden politischen Mehrheiten.


ECOreporter.de: Wie sieht die öffentlich-rechtliche Forstwirtschaft Ihren Plan - muss sie um ihre Pfründe fürchten?

Bode:Es gibt einen echten Verlierer dieses Reformmodells: Es sind – nicht wie man meinen könnte – die Mitarbeiter des staatlichen Forstbetriebs auf der Produktionsebene, die nach dem Umwandlungsgesetz mehrheitlich und unter Wahrung ihrer arbeitvertraglichen Rechte auf die Bürgerwald-AG übergeleitet werden. Es sind vielmehr die Funktionäre des Beamtenbundes mit seiner forstlichen Teilgliederung, dem BDF. Forstbeamte wird es
zukünftig in einer Bürgerwald-AG nicht mehr geben. Das Land wird in Zukunft nur noch sehr wenige Forstbeamte als forstliche Ordnungsbehörde benötigen, so wie in allen anderen Bereichen auch – nicht mehr aber auch nicht weniger.


ECOreporter.de: Der Deutsche und der Wald - das ist ein sensibles Thema. Ein Privatwald, mit shareholder-value, Aktienkursen, undurchsichtigen-Beratern eventueller Vorstände, Gewinnmaximierung usw. - werden Ihnen solche Szenarien entgegengehalten?

Bode:Da liegt, wie so häufig in unserer innovationsfeindlichen Gesellschaft, das Problem. Viele Bürger haben das Vertrauen verloren, dieses Wirtschaftssystem als das Ihre zu verstehen und es selbst mitsteuern zu können. Ich denke, dieses häufig zitierte Problem ist noch viel gravierender als die Politik es bisher wahrnimmt oder wahrnehmen will. Tatsächlich fehlen bis heute die für den Bürger wahrnehmbaren Erfolge der im Kern politisch richtigen Privatisierung des einst umfangreichen staatlichen Wirtschaftseigentums seit den 70er Jahren. Der Bürger nimmt vor allem die Nachteile wahr. Die Bürgerwaldidee wäre insofern auch ein staatspolitisches Modellprojekt, nämlich den Bürger in einen bestimmten Privatisierungsgang einzubeziehen, der ihm nach Meinung aller besonders am Herzen liegt, den des Deutschen Waldes. Ich bin überzeugt, der beste Waldschützer ist letztlich immer noch der private Waldeigentümer selbst. Machen wir also möglichst viele Bürger zu Eigentümern ihres Bürgerwaldes!


ECOreporter.de: Herr Bode, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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