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Erneuerbare Energie 28.05.2010

„Der Erneuerbare-Energien-Markt in Ägypten wächst jährlich um 12 Prozent“ - Interview mit Claudia Vogel, Bereichsleiterin Regenerative Energien der Deutschen Energie-Agentur GmbH (dena), zum Grünstrom-Potenzial im Nahen Osten und Nordafrika

Spätestens seitdem das Wüstenstrom-Großprojekt Desertec, das Solarstrom aus dem Nahen Osten für Europa liefern soll, Fahrt aufgenommen hat, ist die so genannte MENA-Region für Projektierer und Anleger von wachsendem Interesse. ECOreporter sprach mit dena-Expertin Claudia Vogel über die Potenziale und Risiken am Grünstrom-Markt dieser Länder.

Claudia Vogel ist Bereichsleiterin Regenerative Energien der Deutschen Energie-Agentur GmbH (dena). Die Expertin ist Autorin der dena-Studie "Exporthandbuch Erneuerbare Energien MENA 2009".


 
ECOreporter.de: Welchen Status haben die Erneuerbaren Energien in der so genannten MENA-Region, also in Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten, Syrien, Iran, Jordanien, Jemen und den Vereinigten Arabischen Emiraten? Welche Entwicklung zeichnet sich in dieser Region ab?


Claudia Vogel:Nach dem World Population Prospect der Vereinten Nationen wird Europa bei rund 600 Millionen Einwohnern stagnieren, während sich die Bevölkerung der MENA-Region von 2000 bis 2050 auf insgesamt 600 Millionen verdoppeln wird. Das Bevölkerungswachstum führt zusätzlich zu einem steigenden Bedarf an Energie  und Wasser. In der MENA-Region ist vor allem die solarthermische Kraftwerkstechnik in der Lage, dem  rasanten Anstieg des Energiekonsums zu begegnen. Sie kann für die Grundlast wie auch für den Energieausgleich genutzt werden. Fossile Brennstoffe werden langfristig nur noch in Ausnahmefällen oder als Sicherung eingesetzt und möglichst umfangreich von Erneuerbaren Energien substituiert werden.

 
ECOreporter.de: Inwiefern ist Ägypten exemplarisch für diese Entwicklung, was unterscheidet diesen Markt für Erneuerbare Energien von anderen MENA-Ländern?

Vogel:Ägypten gehört im Bereich der nachhaltigen Energiepolitik zu einem der Vorreiter der Region. Drei Beispiele sind hier besonders hervorzuheben. Zum einen wurde schon 1999 in Kairo der Neue Umweltaktionsplan (NEAP) ins Leben gerufen, der bekräftigt, dass ein nachhaltiges Wachstum der ägyptischen Industrie nur durch die Berücksichtigung internationaler Umweltstandards und die Einsparung von Produktionskosten erreicht werden kann. Außerdem wurde Ende Juni 2008 das Regional Center for Renewable Energy & Energy Efficiency (RCREEE) in Kairo gegründet. Zu dem länderübergreifenden energiepolitischen Think Tank gehören u.a. Algerien, Jordanien, Marokko und Tunesien. Neben dem RCREEE, das auch von Deutschland finanziell unterstützt wird, stellt das ägyptisch-deutsche Hohe Komitee für Erneuerbare Energien, Energieeffizienz und Umweltschutz, in dem zahlreiche Ministerien der beiden Länder vertreten sind, eine weitere Plattform für den Ausbau der Erneuerbaren Energien dar.

 
ECOreporter.de: Inwiefern besteht in Ägypten ein Bedarf für Erneuerbare Energie? Wie steht die Regierung dazu, gibt es offizielle Ausbauziele?

Vogel:
Jährlich wächst der Markt für Umwelttechnologien und –dienstleistungen in Ägypten um rund zwölf Prozent. Das Elektrizitätsministerium prognostiziert für die kommenden 50 Jahre einen steigenden Elektrizitätsbedarf von sechs bis sieben Prozent jährlich. Die vorhandene Kraftwerkskapazität soll dementsprechend versechsfacht werden. Im Jahr 2020 soll der Anteil der Erneuerbaren Energien am Strommix 20 Prozent betragen, zwölf Prozent davon sollen aus Windenergie und acht Prozent aus Sonnenenergie stammen.

 
ECOreporter.de: Welche Arten von regenerativer Energie- und Wärmeerzeugung finden in Ägypten bereits Anwendung; für welche besteht dort Potential?

Vogel:Im Bereich der Solarenergie wird mit Kuraimat I ein Hybridkraftwerk gebaut, dessen Gesamtleistung 140 Megawatt betragen wird. Finanziert wird das Projekt durch Gelder des Global Environment Facility der Weltbank und der Japan Bank for International Cooperation. Zudem soll Kuraimat II, ein solarthermisches  Hybridkraftwerk, mit einer Kapazität von 750 Megawatt und einem Auftragsvolumen von 300 Millionen  US-Dollar noch 2010 fertiggestellt werden. Ein besonderes Marktpotenzial hat die solarthermische Kraftwerkstechnik vor allem, wenn die entstehende Abwärme zur Meerwasser-Entsalzung genutzt werden kann. Zusätzlich gibt es für die Windenergiebranche am Roten Meer gute Ausbaupotenziale. Zum Beispiel  sollen bis 2022 auf dem Windpark Al-Zeit auf einer Fläche von 656 Quadratkilometern rund drei Gigawatt installiert werden.

ECOreporter.de: Was könnte ausländische Investoren und Unternehmen dazu bewegen, sich im ägyptischen Grünstrommarkt zu engagieren? Wo liegen die Chancen?

Vogel:
Ein Plan der Egyptian Electricity Holding Company (EEHC) sieht eine Erweiterung der Kapazitäten des ägyptischen Stromnetzes von 46,5 Gigawatt in der Zeit von 2013 bis 2027 vor. Das sind jährlich rund 3,5  Gigawatt. Chancen bietet vor allem die Solarenergiebranche. Das Marktvolumen für solarthermische Kraftwerke wird von 2011 bis 2015 auf bis zu 2,5 Milliarden US-Dollar geschätzt, zwischen 2016 und 2022 wird mit einem Zubau im Wert von 2,4 bis 6,6 Milliarden US-Dollar gerechnet.

 
ECOreporter.de:  Inwiefern stellen Bürokratie und Korruption ein Hindernis dar?


Vogel:Das größte Hindernis für Investoren ist die Bürokratie. Unternehmer im Bereich der Erneuerbaren Energien stehen vor der Herausforderung, hohe Anfangsinvestitionen tätigen zu müssen. Sie sind der Konkurrenz durch niedrige, subventionierte Energiepreise ausgesetzt. Zudem können Kunden davon abgeschreckt werden, den Preis in Euro oder US-Dollar zahlen zu müssen. Dennoch, die ägyptische Regierung hat es sich zum Ziel gesetzt, den privaten Sektor und ausländische Investoren zu einem größeren Engagement im Erneuerbaren-Energien-Sektor zu ermutigen.

 
ECOreporter.de: Wie ist es in Ägypten um den Rechtsschutz und die Investitionssicherheit ausländischer Unternehmen bestellt?

Vogel:Um privatwirtschaftliche Investitionen zu stützen, wurde ein Handelsgericht speziell für internationale Streitfälle geschaffen, das sich am internationalen Wirtschaftsrecht orientiert. Es soll durch geschulte Experten besetzt werden, so dass Kläger schneller zu ihrem Recht kommen.


ECOreporter.de:Inwiefern können Ansprechpartner wie die dena helfen, im ägyptischen Grünstrommarkt Fuß zu fassen?


Vogel:Firmen, die Interesse haben, in den ägyptischen Markt oder andere Länder der MENA-Region zu investieren, können von den Angeboten der Exportinitiative Erneuerbare Energien profitieren. Diese Initiative wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) gefördert und unterstützt deutsche Unternehmen bei der Auslandsmarkterschließung. In Zusammenarbeit mit der dena wurde auch das Exporthandbuch Erneuerbare Energien MENA herausgegeben, das detailliert auf die Marktsituation in Ägypten, Algerien, Iran, Jordanien, Jemen, Libyen, Marokko, Syrien, Tunesien und in den Vereinigten Arabischen Emiraten eingeht.

 
ECOreporter.de: Wie wird es in zehn Jahren im MENA-Raum im Allgemeinen und in Ägypten im Besonderen um die Erneuerbaren Energien bestellt sein?

Vogel:Langfristig wird sich die MENA-Region auf einen vermehrten Verbrauch erneuerbarer Energiequellen einstellen müssen, da das Bevölkerungs- und das Wirtschaftswachstum zu einem steigenden Energiebedarf führen werden. Auch wird aufgrund der Wasserknappheit in dieser Region immer mehr Energie für das Entsalzen von Meerwasser benötigt. Wie bereits erwähnt hat Ägypten sehr klare Ziele bis 2020. Die Voraussetzungen für Solarenergie sind hervorragend. Die ägyptische Regierung ist auf einem guten Weg, den Ausbau der Erneuerbaren Energien zu forcieren und wird hoffentlich durch ihre Aktivitäten andere Staaten der Region von der Notwendigkeit der nachhaltigen Energieversorgung überzeugen können.


ECOreporter.de: Herzlichen Dank für das Gespräch!

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