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Nachhaltigkeitsfonds & Zertifikate 30.08.2012

„Die schwache Nachhaltigkeitsleistung eines Unternehmens ist Indikator für handfeste Risiken“ - Georg Schürmann, Triodos Bank

Georg Schürmann ist 50 Jahre alt und verheiratet. Bei der Triodos Bank ist Schürmann einer der beiden Geschäftsleiter der Triodos Bank N.V. Deutschland aus Frankfurt am Main und zuständig für das Privatkundengeschäft. Bevor er im Juli 2009 zur Triodos Bank kam, war er 20 Jahre lang bei der Deutschen Bank im Bereich Privat- und Geschäftskundenbetreuung tätig. Nach einem Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Köln begann er seine Karriere bei der Deutschen Bank als Trainee./ Quelle: Unternehmen

Die Triodos Bank Deutschland N.V. aus Frankfurt bietet unter anderem vier nachhaltige Investmentfonds an. Im ECOreporter.de-Interview erklärt Geschäftsführer Georg Schürmann, die Anlagestrategie und den Nachhaltigkeitsansatz dieser Fonds. Außerdem spricht er darüber, wie die Triodos Bank als aktive Aktionärin Einfluss auf die Nachhaltigkeitsleistung von Unternehmen nimmt.


Am 29. September 2012  findet in Hamburg die Messe 'Grünes Geld' statt. Der Eintritt zu der Ausstellung mit Kongress ist kostenlos. Dort stellen Anbieter nachhaltiger Investments die ganze Vielfalt dieses Anlagesegments vor: vom fest verzinsten Genussschein für Erneuerbare-Energie-Kraftwerke über Windfonds bis zu Bürgersolarprojekten. Zu den Ausstellern zählt auch die Triodos Bank ist einer der zahlreichen Aussteller der Messe (Mehr zu der Veranstaltung erfahren SieOpens external link in new windowhier).


ECOreporter.de: Die Triodos Bank hat aktuell vier nachhaltige Investmentfonds im Angebot, an denen sich Anleger aus Deutschland beteiligen können. Was sind die wichtigsten ethisch-ökologischen Ausschlusskriterien für Aktien, Unternehmensanleihen?

Georg Schürmann:Im Fall von Unternehmen unterscheiden wir bei unseren Ausschlusskriterien zwischen Produkt- und Prozessbezogenen Ausschlusskriterien. Zusätzlich haben wir das sogenannte Vorsichtsprinzip. Zu den Produkt-bezogenen Ausschlusskriterien gehören: Tierversuche, Kohle, intensive Landwirtschaft, Pelzindustrie, Glückspiel, Gentechnik, Umweltschädliche Stoffe, Atomenergie, Öl aus Ölsanden, Tabak und Waffen.
Zu den Prozess-bezogenen Ausschlusskriterien zählen: Verstöße gegen Arbeits- und Menschenrechte, Korruption, Schädigung der Umwelt, Corporate Governance-Themen wie Unregelmäßigkeiten in der Bilanzierung und unethische Vergütungsgrundsätze sowie Verstöße gegen Gesetze, anerkannte Verhaltenskodizes und Übereinkommen. Es gibt zusätzlich eine „schwarze Liste“, auf der einzelne Projekte namentlich aufgeführt sind, bei denen jeder aktive Beitrag eines Unternehmens in der Regel ebenfalls einen Ausschlussgrund darstellt. Diese Projekte umfassen normalerweise den Bau von großen Dämmen, Öl- und Gaspipelines sowie die Inbetriebnahme von Bergwerken. Denn sie bedingen häufig die Verletzung von Menschenrechten, die Schädigung der Umwelt und Korruption.


ECOreporter.de: Wie funktioniert das Vorsichtsprinzip?

Schürmann:Das Vorsichtsprinzip gibt uns zusätzlich die Möglichkeit, Unternehmen, die in Sektoren mit einem erhöhten Nachhaltigkeitsrisiko tätig sind, auszuschließen, solange sie nicht gezielt versuchen, Kontroversen zu verhindern. Beispiele hierfür sind Unternehmen im Bergbau oder der Erdöl- und Erdgasförderung, aber auch Hersteller von Lebensmitteln und Haushaltsprodukten. Das Vorsichtsprinzip verfolgt die Entwicklung von Best Practices in den Unternehmen und berücksichtigt von ihnen formulierte Richtlinien, Programme und Zielvorgaben und Veränderungsinitiativen.


ECOreporter.de: Welche Ausschlusskriterien zählen zu den Wichtigsten im Bereich Staatsanleihen?


Schürmann:
Bei Staaten achten wir im Sinne von Ausschlusskriterien auf Folgendes: Die Regierung des jeweiligen Landes darf die langfristige Entwicklung einer nachhaltigen Gesellschaft nicht erheblich erschweren. Als Indikator dafür gilt, dass diese Länder keinen internationalen
Sanktionen unterliegen dürfen (EU und UN). Zudem müssen diese Länder die in breitem Maßstab akzeptierten, von den UN unterstützten Konventionen ratifizieren, einschließlich der wichtigsten Konventionen in Bezug auf Menschenrechte und die Umwelt.


ECOreporter.de: Wie und durch wen werden, die investierbaren Aktien- und Anleihen ausgewählt und überprüft, setzt die Triodos Bank dabei auf externe Partner?

Schürmann:Wir haben ein internes Research-Team, das auf Basis von gekaufter externer Nachhaltigkeitsanalyse der Ratingagentur Sustainalytics, an der die Triodos Bank mehrheitlich beteiligt ist, eigene, weiterführende Analysen durchführt und das nachhaltige Investmentuniversum für unsere Fonds bestimmt.


ECOreporter.de: Viele nachhaltige Fonds schränken ihre Nachhaltigkeitskriterien ein, indem sie Toleranzschwellen für Umsätze in kontroversen Geschäftsfeldern zulassen. Wie handhaben dies die Fonds der Triodos Bank?

Schürmann:Es gibt einige Produkte und Dienstleistungen, die dem Ziel, eine nachhaltige Zukunft zu schaffen, im Wege stehen. In einigen Fällen erlauben wir dennoch aus Gründen der Praktikabilität eine geringfügige Beteiligung, in anderen Fällen verfolgen wir eine Null-Toleranz-Strategie.
Eine geringfügige Beteiligung wird bei uns definiert als ein Schwellenwert von 5 Prozent vom Unternehmensumsatz oder 5 Prozent vom Weltmarktumsatz eines Produkts. Eine Null-Toleranz-Strategie gilt bei den folgenden vier Aktivitäten: Herstellung von Produkten, bei denen schwer abbaubare organische Schadstoffe anfallen, Atomenergie, Öl aus Ölsanden und Waffen. Bei diesen Produkten gilt auch bei einer indirekten Beteiligung im Fall von Finanzinstituten und Holdinggesellschaften ein strenger Schwellenwert von 100 Millionen Euro, bei Streubomben und Antipersonenminen allerdings eine Null-Toleranz.


ECOreporter.de: Besonders Anleihen von Finanzdienstleistern und Staaten haben krisenbedingt ihr Image als sichere Geldanlagen eingebüßt. Inwiefern setzten Ihre Investmentfonds auf solche Papiere und wo gibt es in diesem Bereich verhältnismäßig sichere und lukrative Geldanlagemöglichkeiten?

Schürmann:Bei dem Triodos Sustainable Bond Fund, einem reinen Rentenfonds, und Triodos Sustainable Mixed Fund, unserem gemischten Fonds, wird in Unternehmens- und Staatsanleihen investiert. Beide Fonds haben sich gegenüber ihrem Referenzindex sowohl in der kurzfristigen als auch mittelfristigen Perspektive gut behauptet und verzeichnen eine positive Wertentwicklung. Die beiden Fonds werden aktuell von Morningstar mit 4 beziehungsweise 5 Sternen bewertet.


ECOreporter.de: Weite Teile der Cleantech-Branchen, allen voran die Solarbranche, steckt in der Krise. Welche Anlagethemen und Regionen sind für die Fonds aktuell und mittelfristig interessant und warum?

Schürmann:Speziell der Triodos Sustainable Pioneer Fund setzt als Themenfonds unter anderem auf Aktien von Cleantech-Unternehmen. Es gibt hier trotz der derzeitigen Krise der Solarbranche noch ausreichend Anlagemöglichkeiten, um eine gute Streuung und ein attraktives Rendite-Risiko-Profil zu erzielen.


ECOreporter.de: Das aktive Aktionärstum, oder auch Engagement ist Bestandteil des Nachhaltigkeitsansatzes der Triodos-Investmentfonds. Wie funktioniert das konkret?

Schürmann:Damit die börsennotierten Unternehmen angeregt werden, ihre Nachhaltigkeit zu verbessern, wendet unser Research-Team eine Reihe von Instrumenten an, mit denen drei Ziele erreicht werden sollen: Erstens können wir bereits während des Auswahlprozesses im Rahmen des Dialoges mit den Unternehmen das Bewusstsein für den Status Quo ihrer Nachhaltigkeitsperformance erhöhen – indem wir gezielt Fragen stellen und Antworten hinterfragen und dann das Ergebnis unserer Analyse den Unternehmen zur Verfügung stellen, gemeinsam mit Empfehlungen.
Zweitens stellen wir pro Jahr eine Agenda mit bestimmten Nachhaltigkeitsthemen auf, über die wir gezielt mit den Unternehmen, aber auch mit Medien, auf Veranstaltungen und bei allen sich ergebenden sonstigen Gelegenheiten sprechen. Wir wollen nicht nur das Bewusstsein für die bestehende Nachhaltigkeitsperformance bei Unternehmen erhöhen, wir wollen auch überzeugen, diese zu verbessern.
Drittens üben wir für die Fondsanteilseigner die Aktionärsrechte aus und können über Abstimmungen und Redebeiträge bei Hauptversammlungen sowie Anteilseigner-Beschlüsse auch Veränderung explizit einfordern.
Grundsätzlich können wir bei unserem Engagement mit anderen Interessengruppen kooperieren, um bei diesem Dialog eine höchstmögliche Effektivität zu erreichen.


ECOreporter.de: Wie stark ist dieses Instrument der Einflussname für die Interessengruppen und inwiefern haben Sie schon Engagement-Erfolge verbuchen können?

Schürmann:
Einen großen Hebel haben wir als Triodos Bank im Bereich Engagement, indem wir als eines der ganz wenigen Institute unser Investmentuniversum vollständig veröffentlichen und zudem einen sehr guten Ruf genießen, was die strenge unseres Auswahlprozesses betrifft. Damit kann dieses für andere Investoren als Vorlage für eigene Investmententscheidungen dienen. Daneben stellen wir im Dialog mit Unternehmen, speziell auch mit solchen, die wir nicht in unser Investmentuniversum aufnehmen, immer wieder fest, dass die Bedeutung von „nachhaltigen Investoren“ für die Investor Relations-Abteilungen zunimmt. Denn Schwächen in der Nachhaltigkeitsperformance sind Indikatoren für bestehende Reputations- aber auch handfeste operationelle Risiken. Es gibt auch Fälle, in denen wir gemeinsam mit anderen Investoren Unternehmen dazu bewegen konnten, kontroverse Aktivitäten einzustellen beziehungsweise zu revidieren. Es braucht eine kritische Größe, um wirklich Unternehmen zum Umdenken und Andershandeln zu bewegen. Das Gute ist: immer mehr Investoren, speziell institutionelle, sehen die Notwendigkeit, Unternehmen auch auf ihre Nachhaltigkeitsperformance anzusprechen und auf sie diesbezüglich Einfluss zu nehmen. Nichtregierungsorganisationen (NGO) und die Medien flankieren immer öfter diese Bemühungen. Ab einem gewissen Punkt kann das Unternehmen nicht anders, als sich dem Druck zu beugen.


ECOreporter.de: Das nachhaltige Bankwesen ist in Deutschland derzeit schwer im Trend. Wie wird sich dieser Markt in den kommenden Jahren entwickeln und was wird diese Entwicklung maßgeblich beeinflussen?

Schürmann:
Kürzlich ist eine Studie der Beratungsgesellschaft zeb und der Alanus Hochschule zum Potenzial des Marktes für nachhaltiges Banking veröffentlicht worden. Darin werden rund 16,2 Millionen Menschen in Deutschland als mögliche Kunden identifiziert. Angesichts eines derzeitigen Marktanteils der nachhaltigen Banken von 0,2 Prozent im Retailgeschäft, zeigt das ein enormes Wachstumspotenzial. Der Hauptgrund, warum diese Menschen noch nicht ihre Bankverbindung zu einer nachhaltigen Bank verlagert haben ist die fehlende Bekanntheit dieser Option! Daran werden wir über die kommenden Jahre arbeiten.


ECOreporter.de : Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Schürmann!


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