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Erneuerbare Energie 23.02.2012

Energiewende rückwärts – Bundesregierung dreht der deutschen Solarbranche die Luft ab, Analysten senken Daumen für Solarhersteller

Die Montage von Solaranlagen dürfte sich in Deutschland künftig deutlich weniger lohnen. / Quelle. wpd AG

Das war’s dann wohl! So denken offenbar die Börsianer über die deutschen Solarhersteller. Denn nachdem gestern durchsickerte, dass die Bundesregierung massive Einschnitte bei der deutschen Solarstromvergütung plant. Sofort gerieten die Aktienkurse von Solarherstellern und –zulieferern unter Druck. Heute Morgen setzte sich dieser Abwärtstrend fort.


Die Aktie des norwegischen Solarkonzerns Renewable Energy Cooporation (REC) und von Canadian Solar verloren bis 11:30 Uhr in Frankfurt über sieben Prozent an Wert, die Kurse von SolarWorld und Centrosolar sanken um rund sechs Prozent, viele weitere Solaraktien gaben um mindestens drei Prozent nach (perOpens external link in new windowMausklickgelangen Sie zur Kurstabelle von ECOreporter.de, in der Sie die Kurse von Solaraktien ablesen können).


Bundeswirtschaftsminister Philip Rösler und Bundesumweltminister Norbert Röttgen haben laut einem Handelsblatt-Bericht harte Kappungen der Solarförderung verabredet. Erst im Laufe des heutigen Donnerstag wollen sie Einzelheiten offiziell mitteilen. Doch Folgendes ist bereits bekannt geworden:
Die nächste Kürzung der Solarstromtarife für Neuanlagen erfolgt nicht zum 1. Juli, wie es das bisherige Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) vorsieht, sondern bereits zum 1. April. Somit bleiben der deutschen Solarbranche nicht einmal sechs Wochen, um sich auf die neuen Einschnitte vorzubereiten. Und die haben es in sich.


Für kleine Solaranlagen auf Dächern sinken die Tarife um ein Fünftel, für mittelgroße Photovoltaik-Anlagen um ein Viertel und für Solarparks gar um ein Drittel. Dabei war erst zum Jahreswechsel eine Tarifkürzung um 15 Prozent eingeführt worden, womit sich die deutschen Solarstromtarife seit 2008 halbiert haben.


Hinzu kommt, dass Solarstrom aus ab dem 1. April in Betrieb genommenen Photovoltaikanlagen nicht mehr vollständig die Vergütung nach dem EEG beanspruchen darf. Nur für 90 Prozent wird der gekürzte Solarstromtarif gezahlt. Die übrigen 10 Prozent müssen die Betreiber dieser neuen Solaranlagen am Markt verkaufen. Da dies aber nur Profis möglich sein wird, kommt dies einer zusätzlichen Kürzung für die Solaranlagen von kleinen Betreibern gleich.


Diese neue Regelung wird nach Einschätzung von Sven Diermeier, Senior Analyst von Independent Research, den Absatz der Solarhersteller erschweren. Sie seien gezwungen, ihre Preise weiter zu senken, damit es für Investoren weiter attraktiv ist, ihre Solarprodukte zu erwerben. Zwar müssten die Solarhersteller ihre Preise wohl nicht im gleichen Umfang senken wie die Tarife nun gekürzt werden. Es werde aber Preisnachlässe in einem Ausmaß geben, dass die Unternehmen sie durch die Einsparung von Kosten nicht so ohne weiteres auffangen können – schon gar nicht in so kurzer Zeit. Er beurteilt daher die Aussichten für die Aktien von Solartechnologieherstellern, die stark auf den deutschen Markt ausgerichtet sind, „pessimistisch“.


Auch Julien Desmaretz, Solaranalyst bei Bryan, Garnier & Co. aus London, rechnet nun mit einem deutlichen Preisverfall bei Solarkomponenten. Die nun angekündigten Einschnitte bezeichnete er als "enttäuschend". Immerhin sei aber nicht von einer Deckelung des jährlichen Solarausbaus die Rede, wie ihn FDP-Cehf und Bundeswirtschaftsminister Rösler zuletzt hufiger gefordert habe. Desmaretz beobachtet die Aktien der Solarausrüster Centrotherm, Meyer Burger und Roth und Rau sowie den Solarzulieferer SMA Solar. Er rät zum Verkauf des Anteilsscheins von Roth & Rau, die übrigen Werte bewertet er aktuell mit "neutral".


Die neuen Kürzungen treffen die deutsche Solarbranche auch deshalb hart, weil sie bislang lediglich von Kürzungen um 15 Prozent ausgehen musste, und das erst zur Jahresmitte.Zum Jahresende wäre dann eine weitere Kürzung um 12 Prozent erfolgt. Die Bundesregierung ziehe die Tarifkürzung vor, die sonst erst Anfang 2013 voll gegriffen hätte, erklärt Katharina Cholewa dazu, Analystin der West LB. Das treffe die Solarhersteller nun besonders hart, weil sie sich inmitten einer intensiven Marktbereinigung befinden. Die Analystin schätzt daher das Potential von deutschen Solaraktien schon länger negativ ein. Als Ausnahme nennt sie die Solarausrüster. „Das Geschäft dieser Maschinenbauer verläuft in anderen Zyklen als das der Solarhersteller und für ihren Absatz sind die Kunden in Asien entscheidend“, so Cholewa. Doch angesichts der bereits bestehenden Überkapazitäten bei den Solarhersteller bewertet sie die Aktien von Solarausrüstern auch nur mit „neutral“.

Bildhinweis: Solarroboter des Ausrüsters Manz AG. / Quelle: Unternehmen


Der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW-Solar) hatte sich erst vor wenigen Wochen mit Bundesumweltminister Norbert Röttgen auf moderate vorzeitige Kürzungen der Solarstromtarife für Neuanlagen verständigt (wirOpens external link in new windowberichteten). Eine ähnliche Regelung hatte Italien im vergangenen Jahr eingeführt, nachdem auch dort der Photovoltaik-Zubau ähnlich sprunghaft angewachsen war wie in Deutschland. Vor gerade einmal vier Wochen hatte Röttgen angekündigt, fortan die Tarife für Neuanlagen monatlich zu senken und so an den Preisverfall bei Solarprodukten anzupassen. Maximal sollen sich die Kürzungen übers Jahr hinweg auf die Höhe summieren, die das ja erst im vergangenen Herbst überarbeitete EEG vorschreibt. Offenbar musste der Bundesumweltminister nun dem Druck aus der FDP und aus den eigenen Reihen nachgeben und einem harten vorzeitigen Einschnitt zustimmen.


Bei diesem Einschnitt im April soll es zudem nicht bleiben. Das geht aus einer Reuters-Meldung hervor. Demnach ist geplant, die angekündigten monatlichen Kürzungen zusätzlich durchzuführen. Ab April sollen sie zunächst ein Prozent betragen und dann angehoben werden, je nachdem wie stark der Zubau sich pro Quartal entwickelt.


Der BSW-Solar reagiert entsetzt auf die neuen Nachrichten: Zusätzliche Einschnitte in der Größenordnung von 20-30 Prozent seien „nicht verkraftbar und werden den Ausbau der Solarenergie ausbremsen“, stellte der Verband in einer ersten Reaktion fest. Es sei nun offenkundig, dass die Bundesregierung es mit dem 2011 angekündigten Umbau auf Erneuerbare Energien „nicht ernst meint.“ In dieses Horn bläst auch Hans-Josef Fell, Sprecher für Energie der Bundestagsfraktion Bündnis 90/ Die Grünen: „Dies ist der erste Schritt zum Ausstieg aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz", lautet sein erster Kommentar. "Rechnet man alle Kürzungen zusammen, gehen die Degressionen schnell über 40 Prozent hinaus und erreichen zusammen mit der bereits erfolgten Absenkung zum Jahresanfang bis zu 50 Prozent", so Fell weiter.

Bildhinweis: Hans-Josef Fell. / Quelle: Bundestagsfraktion Bündnis 90/ Die Grünen


Der BSW hat für heute Protestaktionen unter dem Motto "Kein Kahlschlag bei der Solarförderung - die Energiewende gelingt nur mit mehr Solarstrom!" angekündigt. Daran werden sich dem Branchenverband zufolge Beschäftigte aus über 50 Unternehmen beteiligen.


Solarstrom liefert heute in Deutschland rund 15 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen und rund vier Prozent des deutschen Strom-Bedarfs insgesamt. Derzeit werden in Deutschland rund eine Million Solarstromanlagen betrieben. Sie alle haben 20 Jahre lang Anspruch auf die Vergütung, die zum Zeitpunkt Ihres Netzanschlusses gültig war. Die anstehenden Tarifkürzungen gelten ausschließlich für ab dem 1. April ans Netz gebrachte Solaranlagen. Deutschland ist der größte Solarmarkt der Welt und die Lokomotive für den weltweiten Ausbau der Photovoltaikkapazitäten.

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