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Nachrichten 08.03.2013

"Investoren, die auf soziale Wirkung setzen, können vor Afrika nicht Halt machen."- Teil 2 des ECOreporter-Interviews mit Ulrike Haug, Oikocredit, über Mikrofinanz

Mit Mikrokrediten hat Saliou Diop aus dem Senegal eine Hühnerzucht aufbauen können. / Quelle: Oikocredit

Mit Mikrokrediten können sich Menschen in armen Regionen der Welt eine Existenz aufbauen. Mikrofinanzinstitute (MFI) vergeben solche Kleindarlehen. Doch in Afrika gibt es bislang nur vergleichsweise wenig MFI? Die Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit ist ein wichtiger Akteur im Bereich der Mikrokredite und auch in Afrika aktiv. Ulrike Haug von Oikocredit Deutschland hat vor kurzem MFI in Afrika besucht. In diesem zweiten Teil unseres Interviews mit Ulrike Haug nimmt sie Stellung zu den Besonderheiten der Mikrofinanz in Afrika und erläutert, warum Mikrofinanz mehr ist als die Vergabe von Krediten.

PerOpens external link in new windowMausklickgelangen Sie zum ersten Teil unseres Interviews mit der Sprecherin von Oikocredit Deutschland. Darin erläutert sie unter anderem, wann Mikrokredite nachhaltig sind, wie MFI konkret arbeiten und welche Bedeutung Finanzierungen aus dem Ausland für die Mikrofinanz vor Ort haben.


ECOreporter: Sie kommen gerade aus Afrika zurück, wo Sie für Oikocredit MFI und deren Kunden vor Ort besucht haben. Wie kam es dazu?

Ulrike Haug:Oikocredit organisiert regelmäßig Studienreisen, bei denen ehrenamtlich Engagierte und Mitarbeiter in ein bestimmtes Land reisen, um dort zu sehen, was das Geld der Anleger vor Ort bewirkt. Dieses Jahr waren wir im Senegal in Westafrika unterwegs. Wir haben mit unseren einheimischen Kollegen eine Woche lang Mikrofinanzinstitutionen, landwirtschaftliche Genossenschaften und soziale Unternehmen besucht, die Oikocredit finanziert.


ECOreporter: Was sind das für Menschen, die in afrikanischen MFI arbeiten? Welche Ausbildung haben sie, wie kommen sie zu dieser Tätigkeit?

Haug:Wir wurden die ganze Woche von verschiedenen Mitarbeitern unserer Partnerorganisationen begleitet und konnten gut ins Gespräch kommen. Wir waren sehr beeindruckt von der Professionalität der Mitarbeiter und den Beziehungen, die sie zu ihren Kunden pflegen. Die meisten der Kreditsachbearbeiter und Filialleiter haben studiert, etwa Betriebswirtschaft oder Bankwesen. Eine unserer Partnerorganisationen hat auch ein Studienprogramm, das sich mit einer Berufsakademie in Deutschland vergleichen lässt. Hier wird das Studium mit Einsätzen in der MFI kombiniert. Wir sprachen auch mit den Geschäftsführern unserer MFI-Partner, zum Beispiel mit Ousmane Thiongane, Geschäftsführer der Spar- und Kreditgenossenschaft U-IMCEC und Präsident des Afrikanischen Mikrofinanznetzwerks AFMIN. Er war einst Profifußballer und Kapitän der senegalesischen Fußball-Nationalmannschaft. Ihm liegt wie vielen anderen seiner Kollegen daran, sein Land weiterzuentwickeln und er sieht in der Mikrofinanz einen wesentlichen Faktor, der Entwicklung vorantreibt.


ECOreporter: Was sind Herausforderungen für die MFI in Afrika, inwiefern unterscheiden sie sich von MFI in Asien oder Lateinamerika?

Haug:MFI in Afrika sind stärker betroffen von wirtschaftlicher und politischer Instabilität. Das gilt natürlich nicht für alle Länder gleich, innerhalb Afrikas gibt es große Unterschiede. Auf unserer Studienreise in den Senegal haben wir erfahren, wie schwierig es oft für Oikocredit war, in dieser Region zu arbeiten. Unsere Regionaldirektorin Mariam Dao nennt Westafrika die Region mit den größten Herausforderungen, aber auch größten Chancen für Oikocredit. Unser Regionalbüro ist in Abidjan (Côte d’Ivoire) angesiedelt. In den vergangenen Jahren musste das Büro mehrmals wegen Bürgerkrieg und politischen Auseinandersetzungen geschlossen werden und unsere Kollegen versuchten von zuhause weiterzuarbeiten. Sobald sich die Lage beruhigte, waren alle damit beschäftigt, die von der Krise gebeutelten Partnerorganisationen zu unterstützen. Nicht immer alle schaffen es, sich von diesen Rückschlägen zu erholen. Ähnlich sieht es im Moment in Mali aus. Während sich andere Mikrofinanzinvestoren bei Ausbruch der Konflikte im Norden des Landes zurückzogen, vergab Oikocredit bewusst weitere Darlehen an MFI im Süden, die Kleinbauern unterstützen. Gerade in einer Krise ist es wichtig, dass Bauern Vorfinanzierungen für ihre Ernte erhalten und zur Ernährungssicherung beitragen können.


ECOreporter: Warum fließen bislang vergleichsweise wenige Mittel in MFI aus Afrika?

Haug:Neben der wirtschaftlichen und politischen Instabilität liegt das sicher auch daran, dass Investitionen in afrikanische MFI von manchen Finanziers als zu riskant betrachtet werden.Der Mikrofinanzsektor ist in manchen Ländern noch nicht weit entwickelt, Regulierungen fehlen oder werden gerade entwickelt. Eine weitere Herausforderung ist die Verkehrsinfrastruktur, es ist besonders schwierig Kunden, auf dem Land zu erreichen. Auch der hohe Analphabetismus macht den MFI zu schaffen. Viele MFI sind als Spar- und Kreditgenossenschaften (SACCO) organisiert und haben nicht nur im Kundenkreis, sondern auch in ihren ehrenamtlich besetzten Gremien und Aufsichtsräten oft mit Leuten zu tun, die nicht lesen und schreiben können. Aber Investoren, die auf soziale Wirkung setzen, können vor Afrika nicht Halt machen. Fast 90 Prozent aller Erwachsenen in Subsahara-Afrika haben kein Konto und werden von Banken als Kunden nicht akzeptiert. Das zeigt, wie wichtig es ist, dass Mikrofinanzinstitutionen den Zugang zu Finanzdienstleistungen dort ausbauen.

Bildhinweis: Mit dieser Mühlmaschine verarbeitet Aby Ndao aus dem Senegal Getreide zu Babybrei, den sie verkauft. Die Mühle hat sie mit einem Mikrokredit finanziert. / Quelle: Oikocredit


ECOreporter: Wie stark engagiert sich Oikocredit auf diesem Kontinent, wo und warum dort?

Haug:Oikocredit ist seit den 1970er Jahren in Afrika aktiv. Wir haben Niederlassungen in 12 Ländern und finanzieren 190 Partnerorganisationen in 20 Ländern. Das sind 22 Prozent all unserer Partner und 15 Prozent unserer Finanzierungen. Wir sind der einzige Mikrofinanzinvestor mit einem solch starken Engagement in Afrika und wir wollen es noch weiter ausbauen. Im letzten Jahr haben wir neue Niederlassungen in Mosambik, Nigeria und Ruanda eröffnet und unser nächstes Schwerpunktland ist Kamerun.


ECOreporter: Können Sie Bespiele von Mikrofinanzkunden nennen, mit denen Sie vor Ort gesprochen haben? Inwiefern waren Mikrokredite für sie eine einmalige Gelegenheit oder einfach eine attraktivere Option als andere, um eine Unternehmung zu finanzieren?

Haug:Ich habe im Senegal mit neun Männern und Frauen und zwei Gruppen gesprochen, die Kredite und Sparkonten von Oikocredit-Partnern hatten. Zum Beispiel mit Saliou Diop (47), der 20 Jahre lang in Spanien arbeitete und mit seinem Ersparten nach der Rückkehr eine Hühnerzucht aufbaute. Mit Krediten von der Genossenschaft U-IMCEC konnte er seinen kleinen Betrieb ausbauen und Land kaufen, um Getreide anzubauen. Er hat zwei feste Arbeitsplätze geschaffen und während der Erntesaison stellt er bis zu 20 Erntehelfer ein. Die meisten der Kunden erzählten uns, dass sie sich auch bei Banken informiert hätten über Kredite, aber entweder keinen Kredit erhalten hätten oder die Bedingungen zu ungünstig gewesen seien. Saliou ist sehr zufrieden mit U-IMCEC, da die Genossenschaft sehr flexibel ist. Er muss zum Beispiel mit der Rückzahlung des Darlehens erst nach vier Monaten anfangen, wenn die gekauften Hühner anfangen Eier zu legen und er einen Gewinn erzielt.

Bildhinweis: Ulrike Haug im Gespräch mit Hühnerzüchter Saliou Diop. / Quelle: Oikocredit


ECOreporter: Beschränkt sich Mikrofinanz eigentlich auf die Vergabe von Krediten oder existieren bereits andere Finanzangebote, etwa Mikrofinanz-Sparbriefe, -Versicherungen oder ähnliches? Was unterstützt Oikocredit hiervon und warum?

Haug:Mikrofinanz wird oft mit Mikrokrediten gleichgesetzt. Inzwischen gibt es aber eine ganze Palette zusätzlicher Finanzdienstleistungen wie Mikrosparen, Mikroversicherungen, Überweisungen etc. Wir sind ein starker Verfechter dieser erweiterten Palette, denn arme Menschen brauchen oft mehr als einen Kredit. Gerade Sparen spielt eine wichtige Rolle, um Ausgaben wie Schulgebühren zu zahlen oder unvorhergesehene Notsituationen finanziell überbrücken zu können. Im Senegal haben wir gesehen, dass es oft eine Kombination von Erspartem und Krediten war, die die Kleinstunternehmer eingesetzt haben. Allerdings dürfen nicht alle MFI Spareinlagen annehmen und es ist auch sehr teuer für MFI, geringe Sparsummen zu verwalten. Mikroversicherungen sind ebenfalls auf dem Vormarsch, aber auch hier gibt es einige Hürden. Es ist vielerorts schwierig das ungewohnte Konzept der Versicherung zu vermitteln. Die Menschen fragen sich, warum sie regelmäßig einzahlen sollten, wenn ungewiss ist, ob und wann wieder etwas zurückkommt.

ECOreporter: Frau Haug, wir danken Ihnen für das Gespräch.

PerOpens external link in new windowMausklickgelangen Sie zu dem Blog, in dem Ulrike Haug über ihre Eindrücke von MFI in Afrika berichtet hat.

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