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Nachrichten 06.10.2010

Mikrokreditwesen - ein Sektor zwischen Unter- und Überversorgung

Das Mikrofinanzwesen ist gut durch die Finanzkrise gekommen. Im zweiten Teil unseres Beitrags lesen Sie, welche Möglichkeiten Anleger aus Deutschland in diesem Bereich haben und wie sich die Marktakteure auf künftige Herausforderung eingestellt haben.

Mikrokreditnehmerin aus Bolivien. / Quelle: responsAbility Social Investments AG

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Genossenschaftsbeteiligung als Alternative zu Fonds

Die Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit aus Amsterdam - mit Förderkreisen unter anderem in Deutschland - ermöglicht ebenfalls Investments in Mikrofinanz. Laut Ulrike Lohr, Referentin bei Oikocredit  in Bonn, müssen Anleger dafür Mitglied in einem der regionalen Förderkreise werden und mindestens einen Anteil von 200 Euro erwerben. Oikocredit zahle dafür eine jährliche Dividende von in der Regel 2 Prozent. 80 Prozent der Mittel stellt Oikocredit nach ihren Angaben Mikrofinanzinstituten zur Verfügung, die übrigen 20 Prozent würden direkt in Unternehmen und Genossenschaften investiert. Laut dem letzten Quartalsbericht belief sich das Kreditportfolio von Oikocredit zuletzt auf 446 Millionen Euro.


„Im globalen Markt für Mikrofinanz gibt es  zugleich eine Über- und eine Unterversorgung“, stellt Lohr fest. Einige Regionen und MFIs zeichnen sich ihr zufolge durch stabile politische Rahmenbedingungen und vergleichsweise gute Renditeaussichten aus. Dazu gehörten manche Regionen Osteuropas und Asiens. Sie werden  von den Kreditgebern bevorzugt. Hier drohe eine Überversorgung. Die Expertin von Oikocredit verweist darauf, dass ein verstärkter Wettbewerb um Kreditkunden dort zuweilen Mängel bei der Beratung und Betreuung der Kunden provoziert habe. Es sei dann gehäuft zur Überschuldung von Kreditnehmern gekommen, auch habe manches Institut Konsumkredite vergeben - statt wirtschaftlich sinnvoller Unternehmensdarlehen. Dagegen sei insbesondere in Teilen Afrikas das Angebot an Mikrokrediten weiter viel zu gering. Auch junge MFIs, die in ländlichen und schwer zugänglichen Gebieten operierten, hätten oft Schwierigkeiten, sich zu refinanzieren, so Lohr. Oikocredit wolle sich hier verstärkt engagieren.

Marktakteure positionieren sich für die Zukunft

Geschäftsführer Rauscher vom Wallberg Invest rechnet damit, dass die Investoren als Lehre aus der Krise in Zukunft neben der finanziellen Rendite verstärkt auf die soziale Auswirkungen ihrer Beteiligungen in den jeweiligen Ländern achten werden. Standards für die Vergabe  von Mikrokrediten fordert Michael P. Sommer von der Bank im Bistum Essen. Investoren müssten ein genaues Bild von den Auswirkungen ihrer Investments bekommen. Zudem müssten sie auf einen Punkt besonders achten: MFI müssten die Mittel so einsetzen, dass die gewünschte „soziale Rendite“  realisiert und dem Anleger auch transparent gemacht werde.


Nach Einschätzung des responsAbility-Geschäftsführers Tischauser wird der Mikrofinanzsektor verändert aus der Krise hervorgehen Kleine Anbieter schlössen sich zusammen, und Mikrofinanzakteure, die einmal als Nicht-Regierungsorganisation gestartet seien, entwickelten sich zu „normalen“ Banken, auch auf Druck der immer besser funktionierenden Aufsichtsbehörden vor Ort. Zudem beobachtet Tischhauser verstärkte Bemühungen von MFI, neue Kundenkreise zu erschließen, z.B. in den ländlichen Regionen.  Oikocredit-Expertin Ulrike Lohr geht davon aus, dass die Produktpalette noch breiter werden wird.  „MFI werden ihre Angebote um Sparprodukte oder Versicherungen etwa gegen Ernteausfall erweitern“, prognostiziert sie.


Sparprodukte könnten bald für  Juanita Guiterrez interessant werden. Die ehemalige Müllsammlerin hat am Rand von Mexiko City zunächst einen einfachen Straßenstand betrieben, an dem sie für Passanten Tortillas backte. Seit dem Sommer 2010 bietet sie den Imbiss in einem überdachten Laden an und beschäftigt eine Aushilfe. Ihr Sohn soll ab dem kommenden Jahr eine weiterführende Schule besuchen. Die Fahrkarte für die Busfahrt dahin kann sie sich mittlerweile leisten.

Mikrofinanzen – Kleinstkredite gegen die große Armut

In den armen Regionen der Welt reichen oft schon wenige Hundert Euro aus, um sich eine Existenz als Kleinunternehmer aufzubauen. Eine Schneiderin kann damit eine Nähmaschine erwerben, eine Händlerin einen Laden einrichten, ein Instrumentenbauer Werkzeug und Material einkaufen. Herkömmliche Banken vergeben solche Kleinkredite nicht – sie befürchten dabei mehr Aufwand als Ertrag und beurteilen solche Kunden als nicht kreditwürdig. Vor allem aber leben in Schwellen- und Entwicklungsländern nur wenige Menschen überhaupt in räumlicher Nähe zu einer Bank. Und wer einen lokalen Kredithai in Anspruch nimmt, begibt sich meist in eine fatale Verschuldungsfalle, muss exorbitante Zinsen bezahlen.


Diese Lücke füllen Mikrofinanzinstitute (MFI).  Die Idee dazu stammt von Muhammad Yunus, der Mitte der 1970er Jahre begann, mit seiner Grameen Bank in Bangladesch Kleinkredite zu vergeben. Das Konzept, mit Anschubfinanzierungen den selbständigen Aufstieg aus dem Elend zu ermöglichen, brachte ihm  2006 den Friedensnobelpreis. Seine Idee hat zahlreiche Nachahmer in fast allen Weltregionen gefunden und vielen Menschen aus der Armutsfalle geholfen. Dabei sind solche Mikrokredite nicht billig, sie werden meist mit 20 bis 30 Prozent verzinst. Das ist stattlich, liegt aber noch weit unter den Tarifen lokaler Geldverleiher und in der Regel nur wenig über den Zinsen der einheimischen herkömmlichen Banken. Der Aufschlag wird auch von unabhängigen Experten damit gerechtfertigt, dass die Betreuung von Mikrofinanzkunden sehr aufwändig sei. Nicht nur, weil die Sachbearbeiter oft selbst die Kunden aufsuchen müssen, nicht selten zu Fuß oder mit dem Mofa: Statt standardisiert Kreditsicherheiten abzufragen müssen sie auch jeden Fall individuell überprüfen. Dabei bewerten sie nicht nur das jeweilige Geschäftsmodell: Ein Mikrokredit sollte über den Einzelfall hinaus sozialen und ökologischen Nutzen bringen und durch den Erfolg der Kreditnehmer kleine Inseln funktionierender Wirtschaftseinheiten aufbauen. Denn die Mikrokreditnehmer stellen Mitarbeiter ein, investieren in den Konsum vor Ort und beflügeln so die Geschäftsaussichten anderer Kleinunternehmen, die so ihrerseits Kleinkredite aufnehmen können.

Bildnachweise: Ulrike Lohr, Oikokrdit / Quelle: Unternehmen; Mikrokreditnehmerin aus Indien. /Quelle: responsAbility Social Investments AG

 

 Fondsname

ISIN

Auflagedatum

Wertentwicklung
12 Monate (per 31.8.2010)

responsAbility Global Microfinance

LU0180190273

25.11.2003

+0,77%

Dexia Micro-Credit

LU0164081316

1.9.1998

+0,71%

Wallberg Global Microfinance

LU0375612230

22.10.2008

+2,31%

Triodos Microfinance

LU0402513328

1.3.2009

+3,4%

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