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Nachhaltigkeitsfonds & Zertifikate 02.04.2012

Unilever-Aktie in Nachhaltigkeitsfonds: sind „Klassenbeste“ immer gut genug?

Rund 1,3 Millionen Tonnen Palmöl verarbeitet der britisch-niederländische Lebensmittelkonzern Unilever Plc. jährlich. Seine Zulieferer haben nicht immer den besten Ruf, wenn es um Nachhaltigkeit geht. Nichtsdestotrotz steckt die Unilever-Aktie in Investmentfonds, die Anlegern als nachhaltig verkauft werden. Wie passt das zusammen? ECOreporter hat Fondsanbieter dazu befragt.

Unilever-Produkte wie Lätta können Palmöl aus nicht nachhaltiger Produktion enthalten. / Quelle: Unternehmen


Der weltweite jährliche Verbrauch von Palmöl hat 2010 ca. 54 Millionen Tonnen betragen. Besonders hungrig nach diesem Rohstoff ist die Lebensmittelindustrie: sie verarbeitet mehr als 70 Prozent der Palmölernte. Ob Lätta, Du Darfst oder Rama, Pfanni, Knorr oder BiFi - auf den Plastikbechern, Tuben und Dosen all dieser Produkte prangt das blaue „U“ von Unilever, die auch für Kosmetikartikel wie Axe, Dove oder Rexona Palmöl verwendet. Nach Konzernangaben haben über zwei Milliarden Menschen täglich mit diesen Produkten zu tun.


Die Menge des benötigten Palmöls macht die Kontrolle der Produktgewinnung auf seine Nachhaltigkeit beinahe unmöglich. Oft greifen die Palmölzulieferer zu rabiaten Methoden, darunter Bestechung der lokalen Behörden, Regenwaldrodung, Vernichtung der natürlichen Lebensräume und sogar illegaler Abriss ganzer Dörfer, wie im Falle von Asiatic Persada aus Indonesien. ECOreporter.de hat über den Fall dieses Palmöl-Zulieferers und seiner Muttergesellschaft Wilmar erst kürzlichOpens external link in new windowberichtet. Der Fall Wilmar, einem der größten Palmölzulieferer des Konzerns, ist in der Unilever-Zentrale bekannt. Der Lebensmittelkonzern hat gegenüber ECOreporter.de in diesem Fall Handelsbedarf eingeräumt.


„Wir sind uns dessen bewusst, dass es Probleme in der Palmölindustrie gibt“, sagt Unilever-Sprecherin Imke Grassau-Zetzsche. Doch Unilever leiste seinen „größtmöglichen Beitrag“, um die strukturellen Probleme der Palmölindustrie in einem konstruktiven Dialog aller Interessenparteien zu lösen, fügt sie hinzu.
Bezüglich des Konflikts über die Vertreibung von Eingeborenen durch die Wilmar-Tochter verlasse sich die Unilever-Führung voll und ganz auf das Schlichtungsverfahren unter der Leitung des Ombudsmanns der Weltbank, so Grassau-Zetsche.


Keinen Handelsbedarf sehen dagegen die meisten Fondsanbieter, die die Unilever-Aktie in ihren Nachhaltigkeitsfonds haben. Insgesamt neun nachhaltige oder nachhaltig anmutende Fonds führen Unilever-Aktie in ihrem Portfolio.


„Kein Unternehmen ist zu 100 Prozent nachhaltig“

Im Sarasin Sustainable Equity- Europe-Fonds der Schweizer Bank Sarasin & Cie. entfallen auf die Unilever-Aktie rund 2,56 Prozent des Fondsvolumens. Außerdem berät Sarasin den Monega FairInvest Aktien-Fonds, in dem Unilever-Aktien mit 2,5 Prozent vertreten sind.Initiates file downloadDie Problematik der Palmölindustrie sei bekannt, erklärt Eckhard Plinke, Leiter des Nachhaltigkeits-Research der Schweizer Bank. „Für die Lebensmittelbranche ist das Thema Palmöl nur eines unter mehreren Nachhaltigkeitsthemen. Ökologische und soziale Probleme bestehen bei der Erzeugung vieler Produkte, darunter von Kakao, Kaffee oder auch Fisch. Auch negative gesundheitliche Auswirkungen von einigen Nahrungsmitteln sind ein kritisches Thema“, sagt Plinke. Die Lebensmittelbranche sei von Sarasin auf der zweitschlechtesten von fünf Stufen platziert worden und gelte als „unterdurchschnittlich“ so Plinke.

Grafikhinweis: Nachhaltigkeit von Unilever im Vergleich zum Branchendurchschnitt / Quelle:BankSarasin


Doch das sei noch nicht zwingend ein Grund, jeden Lebensmittelkonzern aus den Nachhaltigkeitsfonds zu verbannen. Im Rahmen des Best-of-Class-Ansatzes von Sarasin, der bei unterdurchschnittlichen Branchen erhöhte Mindestansprüche an die Nachhaltigkeit der einzelnen Unternehmen stelle, erfülle Unilever durchaus diese höheren Anforderungen. Hierbei würden sich neben dem Palmölthema weitere Aspekte in der Bewertung niederschlagen, etwa die Leistung in Sachen Klimaschutz. Kein Unternehmen sei zu 100 Prozent nachhaltig, betont Plinke. Im Vergleich mit den anderen Branchenriesen wie Danone, Nestlé und Kraft schneide Unilever in Sachen Nachhaltigkeit deutlich besser ab.


fileadmin/images/Sonstiges/Unilever-Aktie_in_Nachhaltigkeitsfonds.pdfIn den Nachhaltigkeitsfonds Allianz RCM Global Sustainability USD und Allianz RCM Global Sustainability EURO von Allianz Global Investors (Allianz GI) ist die Aktie von Unilever ebenfalls vertreten. Einige Nachhaltigkeitskriterien für Lebensmittelindustrie liegen in dem sogenannten „grauen Bereich“, sagt dazu Stefan Lutz, Pressesprecher von Allianz GI. Dazu gehöre ohne Zweifel auch die Palmölproduktion, so Lutz. Auch dieser Fondsanbieter sieht im Fall Unilever jedoch noch keinen Handlungsbedarf. Das Problem mit der Umweltverschmutzung und vermeintlich illegaler Landgewinnung für Palmölplantagen sei jedoch bekannt. „Wir beobachten die Entwicklungen beim Unilever-Zulieferer Wilmar in Indonesien und planen einen Einsatz unseres Research-Teams vor Ort, da die Meldungen momentan sehr widersprüchlich sind“, erklärt Lutz.


Der Allianz GI-Experte Lutz kritisiert dabei die vermeintliche Doppelmoral der Gesellschaft. „In der Öffentlichkeit herrscht zurzeit eine fast dogmatische Problematik“, stellt Lutz fest. „Einerseits fordert die Öffentlichkeit mehr Einsatz von Biodiesel und Bio-Brennstoffen, andererseits werden für die Palmölplantagen Urwälder gerodet und Ureinwohner vertrieben“. Lutz: „Meiner Meinung nach geht der langfristige Trend nicht zu den reinen Nachhaltigkeitsfonds, sondern eher zu den Nachhaltigkeitskriterien bei allen Fonds“.


Das LGT Capital Management bietet ebenfalls zwei grüne Fonds an, die die Unilever-Aktie im Portfolio haben: LGT Sustainable Impact Europe Equity Fund (EUR) B (3,05 Prozent) und LGT Sustainable Impact Global Equity Fund (EUR) B (2,13 Prozent).Die offizielle Stellungnahme des Fondsbetreibers: „Aktuell liegt im Falle des Unilever-Zulieferers Wilmar noch kein Hinweis auf eine sogenannte Kontroverse in Bezug auf die Nichteinhaltung von ESG-Kriterien (ESG = Environment Social, Governance-Kriterien – die Red.) vor“.

Bildhinweis: Für Palmölplantagen werden häufig Regenwaldflächen abgeholzt. Plantage in Indonesien / Quelle: Robin Wood


Noch sieht LGT Capital Management also keinen Anlass zum Handeln. Sollte sich das Problem jedoch bestätigen, werde der Fondsbetreiber gemäß dem eigenen Nachhaltigkeitsansatz „umfangreiche Aufklärung“ vom betroffenen Unternehmen verlangen. Sollten die Antworten und Zugeständnisse nicht ausreichend sein, käme auch ein Ausschluss eines solchen Titels aus dem Fonds infrage, so Franziska Raff, Sprecherin von LGT Capital Management gegenüber ECOreporter.de.


„Nachhaltig“ kann auch „weniger schlecht“ bedeuten

fileadmin/images/Nachhaltigkeit_von_Unilever_im_Vergleich_zum_Branchendurchschnitt_-_Quelle_Sarasin_Bank.jpgSeit vielen Jahren führt Unilever im Dow Jones Sustainability Index (DJSI) die in diesem Nachhaltigkeitsindex gelisteten Aktien aus dem Bereich Lebensmittel an. Der Index wurde von Dow Jones in Zusammenarbeit mit Sustainable Asset Management (SAM) aus Zürich entwickelt. Die Nachhaltigkeitsspezialistin aus der Schweiz beurteilt Unternehmen nach dem Best-in-class-Prinzip. Das bedeutet, dass sie in jeder Branche die Unternehmen mit der besten Nachhaltigkeitsleistung ermitteln, jedoch ohne Mindestansprüche anzuwenden. Mit diesem Ansatz sollen Unternehmen insbesondere aus problematischen Branchen motiviert werden, sich um mehr Nachhaltigkeit zu bemühen und so den prestigeträchtigen Status des Nachhaltigkeitsführers in ihrem Sektor zu erlangen. Diesen Status können aber eben auch Unternehmen mit großen Nachhaltigkeitsmängeln erlangen, wenn sie nur weniger schlecht abschneiden als die übrigen Firmen ihrer Branche.


Auch Nachhaltigkeitsfonds der französischen Großbank BNP Paribas setzen auf den Best-in-class-Ansatz. Bei BNP Paribas- Nachhaltigkeitsfonds ist Unilever in gleich drei Nachhaltigkeitsfonds vertreten:
BNP PARIBAS L1 Strategy Balanced SRI Europe (Fortis L Fund Strategy Balanced SRI Europe C) (1,64 Prozent)
BNP PARIBAS L1 Strategy Growth SRI Europe (Fortis L Fund Strategy Growth SRI Europe) (2,5 Prozent) und
Parvest Sustainable Equity Europe (Parvest Europe Sustainable Development) (3,08 Prozent).


Die Investmenttochter von BNP wollte sich gegenüber ECOreporter.de zu einzelnen Aktien nicht äußern, hat aber versichert, dass BNP Paribas ein „intensives Monitoring der sozialen und ökologischen Komponenten der Nachhaltigkeit“ betreibe. Dem Finanzkonzern sei die mit der Gewinnung von Palmöl verbundene Nachhaltigkeitsproblematik durchaus bekannt. Daher sei es wichtig, dass ein Palmölproduzent bzw. Einkäufer die Teilnahme am Runden Tisch (RSPO) vorweisen können.


Mit der Teilnahme an den so genannten Runden Tischen für nachhaltigen Palmöl- (RSPO) sowie Sojaanbau (RTRS) können Konzerne wie Unilever also Bonuspunkte in Nachhaltigkeitsranking sammeln. Dabei geraten diese Organisationen besonders bei NGOs unter heftige Kritik, werden von ihnen als „Lobbyisten-Vereinigungen“ bezeichnet und des so genannten „Greenwashing“ beschuldigt. Mehr darüber und zu der Frage, wer die Produktion von Palmöl kontrolliert, erfahren Sie in der Fortsetzung dieses Beitrages. Die werden wir in einigen Tagen veröffentlichen.

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