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Nachhaltigkeitsfonds & Zertifikate 28.10.2016

Was soziale Geldanlagen auf den Philippinen bewirken

Marilou Pantua-Juanito ist seit über 35 Jahren als Expertin für ländliche Entwicklung, Gemeinwesen und Weiterbildung in der Entwicklungsarbeit tätig. Seit 2014 arbeitet sie für die internationale Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit. / Foto: ECOreporter.de

Wie funktionieren Mikrokredite, und wie helfen sie Notleidenden in Entwicklungsländern? Arme Menschen haben in wenig entwickelten Staaten oft keinen Zugang zu Kapital, um sich eine Lebensgrundlage zu schaffen. Hier setzen soziale Geldanlagen an: Anleger können in die Finanzierung von Mikrokrediten  investieren, zum Beispiel über Mikrofinanzfonds. Doch es gibt auch Alternativen zu solchen Fonds: Eine ist die international tätige Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit. Oikocredit vergibt Kredite und Kapitalbeteiligungen an Mikrofinanz-Instituten (MFIs), Genossenschaften und andere sozial orientierte Unternehmen in Entwicklungs- und Schwellenländern. Diese lokalen Partner schaffen Arbeitsplätze und fördern die soziale und wirtschaftliche Entwicklung: Sie vergeben Kleinstdarlehen an Menschen, die nicht die üblichen Sicherheiten bieten können und nur schwer an Kapital gelangen.


Wie das Geld vor Ort eingesetzt werden kann, erfuhren Interessierte am 25. Oktober in Dortmund. Im evangelischen Tagungshaus Reinoldinum berichtete Oikocredit-Mitarbeiterin Marilou Pantua-Juanito über die Entwicklungsarbeit auf den Philippinen. Bei dem Vortrag ging es auch um die 17 neuen Ziele der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, kurz: SDGs).

Erstes Ziel der insgesamt 17 SDGs ist es, Armut bis zum Jahr 2030 in jeder Form und überall zu beenden. Bis 2030 soll kein Mensch mehr Hunger leiden, das Einkommen von Kleinbauern soll verdoppelt werden und Frauen sollen den gleichen Zugang zu wirtschaftlichen Ressourcen erhalten wie Männer. Um das umzusetzen, braucht es natürlich viel Geld. Auch Mikrokredite tragen dazu bei, die Ziele zu erreichen. "Die UN-Ziele passen sehr gut zu der Arbeit von Oikocredit", so Pantua-Juanito.


Mikrokredite für Saatgut, sauberes Trinkwasser oder flutsichere Häuser


Pantua-Juanito ist seit über 35 Jahren als Expertin für ländliche Entwicklung, Gemeinwesen und Weiterbildung in der Entwicklungsarbeit tätig. Seit 2014 ist sie Oikocreditkkoordinatorin für Soziale Wirksamkeit in Südostasien. Bei ihrem Vortrag wird schnell klar: Die Philippinen leiden stark unter Naturkatastrophen, für die auch der Klimawandel eine Ursache ist. Sturmfluten und Taifune wie 2013 der Taifun Hayan zerstören Häuser, Felder und Existenzgrundlagen. Die Armutsquote in dem südostasiatischen Inselstaat liegt bei 26,3 Prozent: "Die Schere zwischen Arm und Reich ist groß", sagt Pantua-Juanito.

Vor allem Menschen auf dem Land müssen mit einem Einkommen unterhalb der Armutsgrenze auskommen –  obwohl die Wirtschaft solide wächst. 20 Prozent der Bevölkerung leben von der Fischerei, doch die wachsende Umweltverschmutzung gefährdet den Fischbestand. Die Philippinen sind flächenmäßig so groß wie Deutschland und verfügen über wertvolle Bodenschätze wie Kupfer und Gold, doch es fehlt an Arbeitsplätzen und Infrastruktur. "Zum Beispiel wandern gut ausgebildete Ärzte und medizinisches Personal aus, weil sie im Ausland mehr verdienen", erklärt Pantua-Juanito.

Um den Philippinos finanzielle Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, unterstützt Oikocredit 34 Partnerorganisationen vor Ort, ein Großteil davon sind MFIs. Diese vergeben Kleinstkredite, zum Beispiel an Bauern, die von dem Geld Saatgut und Dünger kaufen können. Insgesamt wurden Darlehen in Höhe von 3,6 Millionen Euro vergeben, allein auf der größten Phillipinen-Insel Luzon gibt es 100.000 Darlehensnehmer. Der Partner ASKI vergibt 75 Prozent seiner Kredit an Frauen, an Einzelpersonen oder Gruppen. "Von dem Geld kaufen die Klientinnen zum Beispiel Trinkwasserfilter, reinigen verschmutzes Wasser und verkaufen es gallonenweise günstig weiter", erzählt Pantua-Juanito. Denn sauberes Wasser aus dem Hahn gibt es in dem Land nicht, die Wege zu sauberem Trinkwasser sind für die Frauen und Mädchen oft kilometerweit.

Im Bild: Marilou Pantua-Juanito während ihres Vortrags "Mikrokredite eröffnen Wege aus der Armut", sagt sie. / Foto: ECOreporter.de


ASKI unterstützt bei der Errichtung sanitärer Anlagen, vergibt Notfallkredite, etwa wenn der Haupternährer einer Familie krank wird oder bietet günstige Versicherungen für Bauern, die ihre Ernte gegen Naturkatastrophen absichern wollen. Andere Projekte helfen armen Siedlern, die ihre Behausungen auf Land errichtet haben, das ihnen nicht gehört, und die jederzeit von dort vertrieben werden können. Auf der zweitgrößten Insel Mindanao können die betroffenen Familien 15 Jahre laufende Kredite aufnehmen, die in sehr kleinen Raten abbezaahlt werden. Von dem Geld errichten sie mit Unterstützung einer Kooperative flutsichere Häuser, die auch Taifunen besser standhalten. "Keine Bank würde diesen Menschen Kredite mit einer solch langen Laufzeit gewähren", sagt Pantua-Juanito.


Mikrokredite: Zinssätze liegen zwischen 12 und 30 Prozent

Wer etwa als Gemüsebauer ein regelmäßiges Einkommen hat, zahlt seinen Kleinkredit wöchentlich in kleinen Raten ab, ein Reisbauer bekommt für die Tilgung mehr Zeit, weil er seltener ernten kann. Pantua-Juanitos Zuhörer staunen nicht schlecht, als die Entwicklungshelferin die Höhe der Zinssätze nennt: Zwischen 12 und 30 Prozent Zinsen zahlen die Mikrokreditnehmer im Jahr, abhängig davon, was sie mit dem Geld vorhaben. "Das hört sich nach viel an, aber andere Geldverleiher verlangen diesen Zinssatz pro Tag", sagt Pantua-Juanito. Es komme vor, dass sich ein Fischer morgens 5 philippinische Pesos leihe, und abends 6 zurückzahle.

Auch sei der Aufwand für die MFIs hoch: Um die Kreditnehmer auf dem Land zu erreichen, legen die sogenannten Field Officer (Mitarbeiter vor Ort) oft weite Strecken zurück. Ein weiterer Kostenfaktor sind Rückstellungen für potenzielle Kreditverluste –  denn die Ärmsten der Armen haben keinerlei Sicherheit –  und für Refinanzierungskosten. Zum Glück gibt es mittlerweile auch Kreditzusagen per Mobiltelefon: "Solche Innovationen machen es leichter und günstiger für die Darlehensnehmer."

Wichtig sei es, die Bedürfnisse der Klienten richtig einzuschätzen. Das Startkapital der Darlehensnehmer liegt bei 5000 Pesos, das sind umgerechnet etwa 100 Euro. Maximal können sich die Kunden 50.000 Pesos, also 1000 Euro, leihen. "Wir schulen die Menschen auch im Umgang mit dem Geld und unterstützen sie, wenn sie ein Unternehmen gründen wollen", erklärt Pantua-Juanito. Schließlich habe die Mehrheit der armen Bevölkerung nicht mal ein Bankkonto. Schulung und Ausbildung sind ein wichtiger Faktor in allen Projekten: So erarbeitet Pantua-Juanito gemeinsam mit anderen ein Schulungsprogramm für Katastrophenvorsorge, damit die Oikocredit-Partner im Notfall schnell reagieren und den Opfern helfen können.


Wie können deutsche Anleger in Oikocredit investieren?

Anfangs investierten vor allem Kirchen und kirchliche Organisationen in Oikocredit, die 1975 auf Initiative des Ökumenischen Rates der Kirchen gegründet wurde und ihren Hauptsitz in den Niederlanden hat. Inzwischen stellen jedoch Privatpersonen die Mehrheit der fast 50.000 Investoren von Oikocredit. Deutsche Anleger können ab 200 Euro über einen der acht deutschen Förderkreise Genossenschaftsanteile erwerben und sich so an Oikocredit beteiligen. Die jährliche Dividende liegt in der Regel bei zwei Prozent. "Den Investoren geht es nicht nur um die Rendite, sondern um die soziale Wirkung ihres Geldes", weiß Pantua-Juanito. In ihren Augen sind Mikrokredite Wege aus der Armut, "Katalysatoren", nennt sie sie.

Insgesamt verleiht Oikocredit Geld an etwa 800 Organisationen in Ländern des globalen Südens. Aus den Zinsen werden die eigene Arbeit und die Rendite der Anleger finanziert. Wichtig dabei: Es geht nicht im Almosen, sondern darum, arme Menschen dabei zu unterstützen, selbst unternehmerisch tätig zu werden.

Mehr über die Chancen und Risiken von Mikrokrediten lesen Sie in unserem "Gut erklärt: Mikrofinanzen". 

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