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Nachhaltigkeitsfonds & Zertifikate 26.02.2009

"Wir bevorzugen Unternehmen mit hoher Qualität und hoher Liquidität." - ECOreporter.de-Interview mit Fondsmanager Hendrik-Jan Boer

Welche Aussichten haben Nachhaltigkeitsfonds angesichts der aktuellen Kursturbulenzen? Welche Sektoren sind aussichtsreich? Darüber und über die Strategie des ING (L) Invest Sustainable Growth sprach ECOreporter.de mit Fondsmanager Hendrik-Jan Boer.

Hendrik-Jan Boer. / Quelle: Unternehmen



ECOreporter.de: Herr Boer, welche Aktien kommen für ihren Fonds in Frage?

Hendrik-Jan Boer:Im Rahmen der SRI-Strategie (SRI = Social Responsible Investment, die Red.) von ING Investment Management werden derzeit rund 1800 Unternehmen (überwiegend im MSCI World vertretene Gesellschaften) im Hinblick auf ihre Sozialverträglichkeit eingestuft.  
Der Fonds geht bei der Einzeltitelauswahl nach einem Best-in-Class-Ansatz vor und wählt diejenigen Unternehmen mit den besten Ratings bei den drei Faktoren Menschen, Umwelt und Gewinn aus. Nur die besten Unternehmen kommen für unser Portfolio in Frage.
Neben finanziellen Kriterien werden soziale und ökologische Kriterien herangezogen, d. h. Aspekte, die Unternehmen idealerweise in ihre Unternehmenspolitik einbeziehen sollten. Dabei werden zugleich Zielsetzungen formuliert, deren Erreichung messbar ist und über die sie auf transparente Weise Bericht erstatten.
Die Nachhaltigkeitsanalyse erfolgt über ein automatisiertes webbasiertes SIRI-Pro-Tool, das unsere Kriterien auf alle von SiRi (Sustainable Investment Research International verfolgten Aktienwerte und deren nachhaltige Researchdaten anwendet.
Zunächst werden die Unternehmen einem relativen Auswahlprozess unterzogen, d. h. der Anwendung von Best-in-Class-Kriterien auf die globalen Sektoren. In jedem Sektor (GICS 2 Level) kommen nur die besten 50 Prozent für das SRI-Universum in Frage (die 50 Prozent mit den höchsten SRI-Werten). Dem folgt eine weitere Prüfung anhand absoluter Ausschlusskriterien, die die Zahl der in Frage kommenden Aktienwerte weiter reduziert. Im Endergebnis besteht das Universum nachhaltiger Kapitalanlagen aus rund 700 die Kriterien erfüllenden Unternehmen.


ECOreporter.de: Nach welchen Kriterien gehen Sie bei der Auswahl der Aktien vor?

Boer:Zu unseren absoluten Ausschlusskriterien gehören Waffen, Kernkraft, Tabak, Glücksspiel, Pornografie und Pelzhandel. Auf keine dieser aufgeführten Tätigkeiten darf mehr als 5 Prozent des Umsatzes entfallen. Der mit diesen Aktivitäten insgesamt erzielte Umsatz darf nicht mehr als 10 Prozent des Gesamtumsatzes ausmachen.  
Sofern ein Unternehmen nachweisen kann, dass es die fragliche Aktivität in Kürze aufgeben wird, wird das berücksichtigt – ebenso wie die Absicht, sich in einem dieser Bereiche zu engagieren. Anhand der SRI-Strategie werden auch Unternehmen ausgesondert, deren Geschäftstätigkeit allgemein akzeptierten Wertvorstellungen und Normen zuwiderläuft.
Zu den sozialen Ausschlusskriterien zählen etwa Kinderarbeit, die gegen die Richtlinien der ILO verstößt, Arbeitsbedingungen, die gegen Sicherheits- und Gesundheitsvorschriften verstoßen, Diskriminierung und Korruption. Kommt es zu Umweltschutzverstößen, ohne dass danach die Unternehmenspolitik entsprechend geändert wird, führt dies ebenfalls zum Ausschluss vom Investment.
Wir arbeiten aber auch mit positiven Kriterien. Dazu zählen im Bereich Soziales etwa die Chancen für Frauen und Minderheiten, die Behandlung bei Lohn- und Gehaltsverhandlungen und die Vorlage eines jährlichen Sozialberichtes. Positive Kriterien im Bereich Umwelt sind zum Beispiel Recycling, Organisation des Umweltmanagements und die Vorlage eines jährlichen Umweltberichtes.


ECOreporter.de: Was sind die größten Fehler von Unternehmen, die gerne in SRI-Fonds aufgenommen werden wollen?

Boer:Unternehmen sollten nicht gesondert auf bestimmte SRI-Ziele abstellen, da sonst die Gefahr besteht, dass die Gesamtheit ihres SRI-Universums verwässert wird. Die SRI-Ziele sollten vielmehr integraler Bestandteil ihrer gesamten Geschäftstätigkeit sein. Das bedeutet, dass ein Unternehmen im Hinblick auf alle möglichen umweltpolitischen und sozialen Aspekte seiner Tätigkeit so transparent wie möglich sein sollte. Ein „grünes Image“ allein reicht nicht. Es wäre sicherlich nützlich, wenn alle Unternehmen bei ihrer SRI-Berichterstattung die Global Reporting Standards (GRI-Standards) einhalten würden.


ECOreporter.de: Besteht am deutschen Kapitalmarkt im Vergleich zu anderen Volkswirtschaften Nachholbedarf, was die Wahrnehmung von SRI-Unternehmen angeht?

Boer:Sozial verantwortliche Unternehmen sind heutzutage stärker an ökologischen Fragen interessiert, als dies beispielsweise vor fünf Jahren der Fall war. Für institutionelle Investoren am deutschen Kapitalmarkt sind sozial verantwortliche Kapitalanlagen kein zweitrangiges Thema mehr, sondern spielen  eine zunehmend wichtige Rolle bei den Investmententscheidungen. Das heißt: Institutionelle Anleger verlangen ausführliche Informationen zu den Nachhaltigkeitsstrategien der Unternehmen, in die sie investieren wollen.
Im Hinblick auf SRI-Themen ist der deutsche Markt seinen europäischen Pendants weder deutlich voraus noch hinkt er ihnen hinterher. Es fällt jedoch auf, dass sowohl Privatanleger als auch institutionelle Investoren im Hinblick auf die Corporate Governance deutlich weniger Einfluss haben. Die Tagesordnungen der jährlichen Hauptversammlungen werden immer noch zu 100 Prozent von den Unternehmensführungen festgelegt.


ECOreporter.de: Wie schätzen Sie das Wachstumspotenzial des SRI-Marktes ein?

Boer:
Laut der niederländischen Zweigstelle von Eurosif/VBDO liegt das Wachstum bei rund 15-20 Prozent pro Jahr, auch wenn es hier je nach SRI-Marktsegment und Zeitpunkt zu Abweichungen kommen kann. Da es keine verbindliche Definition von SRI gibt, rangiert dieses Universum von Ansätzen, die einzig strategisch ausgerichtet sind, zu Ansätzen, bei denen über Best-in-Class- bzw. Ausschlusskriterien 80 Prozent der herkömmlichen Aktienwerte von vornherein ausgesiebt werden. Der Wachstumsverlauf variiert zudem bei Privatanlegern und institutionellen Investoren.


ECOreporter.de: Wie schätzen Sie die Bedeutung von SRI-Themen für den Kapitalmarkt in Gegenwart und in Zukunft ein – insbesondere im Hinblick auf SRI-Fonds?

Boer:Die Bedeutung von SRI-Themen wird sich wohl ständig ändern, da sie weitgehend von der öffentlichen Meinung, den Medien, der Politik und allen möglichen thematischen Entwicklungen auf globaler Ebene bestimmt wird. Ich denke dabei an den Klimawandel und CO2-Emissionen als aktuelle Themen, während der Umweltschutz bereits seit geraumer Zeit ein Auswahlkriterium für SRI-Fonds darstellt. Neben diesen allgemeinen SRI-Strategien tauchen immer wieder neue Chancen für umweltverträgliche Investments auf. Prognosen sind hier schwierig, da die einzelnen Kriterien sowohl von aktuellen Themen als auch der Meinungsbildung zu vielfältigen SRI-Kriterien bestimmt werden (z. B. durch die Erarbeitung von Positionspapieren zu Themen, die erheblichen Einfluss auf Anlage-Performance und -Universum haben können).


ECOreporter.de: Inwiefern ist es in der gegenwärtigen Situation der Finanzmärkte überhaupt ratsam in Aktien zu investieren?

Boer:
Das hängt natürlich vom Risikoprofil der Investoren ab. Niemand kann die kurzfristige Entwicklung vorhersagen. Aber nachhaltige Investments sind ja auf einen langen Anlagehorizont ausgerichtet. Grundsätzlich kann sich SRI nicht gegen den allgemeinen Börsentrend durchsetzen. Aber auch im Nachhaltigkeitsbereich gibt es aussichtsreiche Unternehmen. Die gilt es herauszufiltern.


ECOreporter.de: Welche Bereiche oder Unternehmen haben aussichtsreiche Perspektiven?


Boer:
2009 dürfte wohl kein Sektor eine herausragende Performance zeigen. Wir bevorzugen Unternehmen mit hoher Qualität und hoher Liquidität, möglichst aus Sektoren mit geringer Abhängigkeit von der allgemeinen Konjunktur. So schätzen wir etwa Unternehmen aus den Bereichen Telekommunikation, Energieversorgung und Gesundheitswesen als krisenbeständig und daher attraktiv ein.


ECOreporter.de: Können Sie viel versprechende Unternehmen nennen?
Boer:McDonalds profitiert davon, dass man vor allem in den USA jetzt lieber preisgünstig auswärts essen geht. Statt ins Restaurant begibt man sich angesichts knapper Haushaltskassen bevorzugt in die Filiale der Fastfood-Kette, die ihr Produkt-Angebot in punkto Vielfalt und gesunde Nahrungsmittel in den letzten Jahren zudem deutlich ausgebaut und verbessert hat.
Im Energiebereich wäre etwa die französische EDF Energies Nouvelles zu nennen, börsennotierte Grünstromtochter des Energiekonzerns EDF. Das Unternehmen ist in den Bereichen Windkraft, Solarenergie und Biomasse aktiv und am Markt aussichtsreich aufgestellt.


ECOreporter.de: Herr Boer, wir danken Ihnen für das Gespräch.


ING (L) Invest Sustainable Growth ISIN LU0119216553

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