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Finanzdienstleister 18.09.2017

Aktives Engagement bei Union Investment: "Hinterzimmer-Gespräche sind wenig transparent"

Aktives Aktionärstum ist ein unverzichtbarer Teil der nachhaltigen Geldanlage. Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Engagement bei Union Investment, reist dafür jedes Jahr zu zahlreichen Hauptversammlungen. / Foto: Union Investment

Aktives Engagement von Investoren – das bedeutet zum Beispiel, Dax-Riesen wie Bayer, Daimler, Siemens oder Deutsche Bank in Sachen Nachhaltigkeit auf den Zahn zu fühlen. Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment reist dafür zu Hauptversammlungen der Konzerne – und als Aktionärsvertreter zu Gesprächen im "Hinterzimmer". Vor fünf Jahren haben wir mit Speich über den Engagement-Ansatz von Union Investment gesprochen.  Was hat sich seitdem getan? Der Leiter Nachhaltigkeit und Engagement spricht im Interview über die Chancen und Herausforderungen für das aktive Aktionärstum.


ECOreporter.de: Herr Speich, während wir sprechen, sind Sie gerade im Zug unterwegs. Was macht ein aktiver Aktionär?

Ingo Speich:  Wir haben bei Union Investment im vergangenen Jahr rund 4.000 Gespräche mit Unternehmen  geführt, davon gut 300 zu Nachhaltigkeit und Engagement. Hinzu  kommen Abstimmungen auf über 1.500 Hauptversammlungen. Das ist deutlich mehr als vor fünf Jahren, wir haben unsere Abstimmungen verfünffacht. Auch über Redebeiträge nehmen wir auf den Versammlungen aktiv Einfluss.

2011 hat sich Union Investment insgesamt  auf neun Hauptversammlungen mit Redebeiträgen kritisch zu Wort gemeldet. Wie viele waren es in diesem Jahr?

In diesem Jahr haben wir 15 Reden auf Hauptversammlungen gehalten. Das schaffe ich natürlich nicht allein, ich habe mittlerweile ein Team bei Union Investment, das mich unterstützt. Ich hätte gerne noch mehr gemacht, aber viele Unternehmen legen ihre Termine auf ein und denselben Tag.

Wie entscheiden Sie denn, auf welche der vielen Termine Sie gehen?

Da gibt es keine goldene Auswahlregel. Es hängt von den aktuellen Themen ab. Spannend für uns war zum Beispiel die Bayer-Hauptversammlung. Da wurde über die Monsanto-Übernahme gestritten: Denn im Sinne der Aktionäre sind solche Großtransaktionen häufig nicht. Sie können das Risiko eines etablierten Geschäftsmodells grundlegend verändern.

Auch die Hauptversammlung von Daimler war brisant vor dem Hintergrund des Dieselskandals und des Lkw-Kartells. Einige nachhaltige Fonds haben sich deshalb bereits aus Autokonzern-Aktien zurückgezogen. Volkswagen war für unsere nachhaltigen Fonds schon länger nicht mehr investierbar. Das gilt nach den neuerlichen Kartellvorwürfen nun auch für Daimler. Auf der Hauptversammlung haben wir zudem die Kohlendioxid-Emissionen der Fahrzeuge thematisiert. Ab 2021 gilt die EU-Vorgabe von 95 Gramm CO2 pro Kilometer. Um das zu erreichen, muss Daimler noch viel mehr tun. Das gilt im Übrigen auch für BMW.  

Neben den offiziellen Terminen führen Sie ja auch Dialoge hinter verschlossenen Türen, zum Beispiel mit Vorstand, Aufsichtsrat und Nachhaltigkeitsbeauftragten der Unternehmen. Wie wichtig sind diese Treffen?

Einerseits kommt man dabei persönlich ins Gespräch. Anderseits sehe ich das Problem, dass die Hinterzimmer-Gespräche wenig transparent sind. Die Anleger haben aber ein Recht darauf zu erfahren, was Sache ist. Ich bin deshalb ein Befürworter von Hauptversammlungen, wo man mit einer Wortmeldung in der Generaldebatte den gesamten Vorstand und Aufsichtsrat, aber auch andere Aktionäre erreicht. Es geht viel verloren, wenn nur elektronisch abgestimmt wird.

Wie machen Sie der Unternehmensführung in persönlichen Gesprächen das Thema Nachhaltigkeit schmackhaft?

Oft müssen wir sehr hartnäckig sein und sie davon überzeugen, dass sich Umweltschutz lohnt. Mit der Lufthansa sind wir seit langem im Gespräch, was die Modernität der Flotte angeht. Sowohl auf Hauptversammlungen, als auch im direkten Dialog. Ältere Flugzeug-Modelle stellen zwar kein unmittelbares Sicherheitsrisiko dar, aber sie sind weniger effizient und verbrauchen mehr Kerosin. Die Lufthansa setzt sich inzwischen intensiv mit dem Thema auseinander, denn die regulatorischen Anforderungen an den CO2-Ausstoß werden für Airlines künftig strenger. Bis 2025 will sie 263 umweltfreundliche Flugzeuge in Betrieb nehmen und damit das Flottenalter deutlich senken. Das ist auch nötig, um den Wettbewerbern die Stirn zu bieten.

In vielen Branchen nehmen die Regulierungen beim Klimaschutz deutlich zu, etwa was den CO2-Ausstoß angeht. Damit argumentieren wir, und das bedeutet für uns, bei den Betroffenen den Finger in die Wunde zu legen. Das tut den Unternehmen erst einmal weh. Aber wir wollen ihnen damit natürlich nicht schaden, sondern ihnen dabei helfen, Risiken zu vermeiden. Ohne Druck geht das nicht, und rein moralische Appelle bewirken auch nichts. Ansonsten zahlen das Unternehmen und die Anleger am Ende die Zeche.

Ein Schwerpunkt des Engagements von Union Investment lag vor fünf Jahren neben Umweltthemen auf  der Corporate Governance, also der verantwortungsvollen Unternehmensführung. Wo sehen Sie heute im Vergleich zu 2011 Ihren Fokus, welche nachhaltigen Themen sind derzeit aktuell?

Neben Fragen der verantwortungsvollen Unternehmensführung und ökologischen Aspekten spielen auch soziale Aspekte eine immer größere Rolle. Wenn es etwa Menschenrechtsverletzungen in der Zuliefererkette gibt, kann das die Reputation eines Unternehmens schwer schädigen. Das moderne Nachhaltigkeitsverständnis ist ganzheitlich im Sinne der ESG-Kriterien, umfasst also alle drei Dimensionen: Environment, Social und Governance.

Beim Thema Corporate Governance geht es bei Hauptversammlungen vor allem um die Vergütung. Dazu trägt auch die neue EU-Aktionärsrechterichtlinie bei, die bis 2019 in nationales Recht umgesetzt werden soll. Vorgesehen ist darin unter anderem, dass den Aktionären bestimmte Rechte bei der Vergütung von Mitgliedern der Unternehmensleitung eingeräumt werden. Dazu gehört eine Abstimmung über den Vergütungsbericht und das Vergütungssystem. So wird mehr Aktivität und Rechenschaft eingefordert. Das finde ich gut.

Aktuell im Gespräch ist außerdem die neue CSR-Richtlinie (= Corporate Social Responsibility Richtlinie) und die Frage, wie sie von den Unternehmen umgesetzt wird. Das ist auch ein wichtiges Thema für den Aufsichtsrat. Seit 2017 müssen die Unternehmen ihr Reporting ausweiten und anhand geeigneter Kennzahlen detailliert über Nachhaltigkeitsthemen berichten. 

Sperren sich die meisten Unternehmen noch gegen die Anliegen ihrer Investoren?

Nicht unbedingt, einige sind in meinen Augen sogar zum Teil aktiver geworden. Sie klopfen Investoren von sich aus ab und fragen: „Wo drückt der Schuh?“ Aber auch auf Anlegerseite hat sich einiges getan. Es gibt mehr Mitstreiter als vor fünf Jahren, viele sind "aufgewacht". Und das erhöht den Einfluss der Anleger und den Druck, den sie ausüben können. Denken Sie an SAP-Aufsichtsratschef Hasso Plattner, der auf der diesjährigen Hauptversammlung nur knapp an einer Blamage vorbeigeschrammt ist und mit einer hauchdünnen Mehrheit von 50,49 Prozent entlastet wurde. Ein wesentlicher Grund war die Unzufriedenheit der Aktionäre mit dem neuen Vergütungssystem.

Welchen Umfang hat das nachhaltig investierte Kapital, das Sie verwalten? Wie stark ist es seit 2011 gewachsen?

2011 haben wir rund 5 Milliarden Euro Vermögen in nachhaltigen Aktien- und Rentenfonds betreut. Damals hat Union Investment insgesamt rund 180 Milliarden Euro verwaltet. Heute sind es rund 30 Milliarden nachhaltiger Assets, also sechsmal so viel. Insgesamt verwaltet Union Investment heute über 300 Milliarden Euro. Entsprechend wächst durch die höheren Unternehmensbeteiligungen auch unser Einfluss auf den Hauptversammlungen.

Apropos Einfluss: Informieren Sie auch über die Ergebnisse der Hinterzimmer-Gespräche?

Nein, denn wir wollen die Firmen ja nicht bloßstellen. Aber auf unserer Webseite gibt es zum Beispiel den Engagement-Jahresbericht, in dem wir umfassend über unsere Aktivitäten auf den Hauptversammlungen berichten. Auch unser Abstimmungsverhalten veröffentlichen wir.

Welche Trends beobachten Sie beim Engagement und aktiven Aktionärstum?

Es gibt deutlich mehr Aktivisten, das sind zum Beispiel Hedgefonds. Nehmen Sie das Beispiel Nestlé: Hier hat der US-Investor Daniel Loeb mit seinem Hedgefonds Third Point rund 3,5 Milliarden Dollar in circa 40 Millionen Nestlé-Aktien investiert. Solche aktivistischen Investoren nehmen dann gezielt Einfluss auf Firmenentscheidungen. (Loeb verlangte von Nestlé, den Anteil an L’Oréal zu verkaufen und das Geld überwiegend in Aktienrückkäufe zu stecken, Anm. d. Red.) Wenn die Aktivisten aber nicht nur ihren eigenen Gewinn im Blick haben, kann ihr Einfluss auch positiv sein.

Außerdem gibt es mehr kollaborative Engagements, also Zusammenschlüsse von kritischen Investoren. Wir können mit anderen vorab gemeinsame Punkte diskutieren, die uns wichtig sind. Für diesen Austausch existieren mittlerweile auch Online-Plattformen, etwa bei der PRI-Initiative, den Principles for Responsible Investment.

Ein weiterer Trend ist, dass immer mehr institutionelle Anleger auf Stimmrechtsberater zurückgreifen. Zum Beispiel, damit sie nicht selbst die Vergütungssysteme von Hunderten Unternehmen analysieren müssen. Aber das entbindet institutionelle Anleger nicht von der treuhänderischen Pflicht, bei den Abstimmungen auf Hauptversammlungen  kritische Tagesordnungspunkte selbst genau zu prüfen und mit eigenen Erkenntnissen aus dem Dialog mit den Unternehmen abzugleichen, anstatt die Empfehlungen der Stimmrechtsberater blind zu befolgen.

Alles in allem ist es für uns in den letzten Jahren viel leichter geworden, Risiken bei der Nachhaltigkeit transparent und greifbar zu machen. Davon profitieren nicht nur die Anleger, sondern auch die Unternehmen.

Herr Speich, vielen Dank für Ihr Gespräch.

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