Ein Prokon-Windpark: Die Energiegenossenschaft und ihre Freunde suchen nach Wegen, um die Bürgerenergie-Bewegung zu unterstützen. Durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz 2017 sehen Anleger und Genossen die dezentrale Energiewende in Deutschland gefährdet. Und auch in anderen europäischen Ländern gibt es neue Hürden für Windkraft-Projekte. / Foto: Unternehmen

  Anleihen / AIF

Bürgerenergie in Gefahr? - Prokon vor Herausforderungen

"Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele." So lautet das Motto der "Freunde von Prokon" – kurz FvP: Ein Verein, dem viele ehemalige Genussrechteinhaber und Mitglieder des Windparkbetreibers und Projektentwicklers Prokon Regenerative Energie eG aus Itzehoe angehören. Das Motto bezieht sich auch auf die Energiewende, die in ihren Augen schnellstmöglich nur mithilfe von Bürgerenergie-Projekten verwirklicht werden kann. Doch ausgerechnet diese Projekte sehen die FvP massiv in Gefahr: "Wir sind entsetzt darüber, wie weitere große Erfolge für Bürgerenergie-Projekte vom Bundeswirtschaftsministerium wirtschaftlich unmöglich gemacht werden", sagte Vereinssprecher Rainer Doemen gegenüber ECOreporter.de.


Und nicht nur in Deutschland, sondern in vielen europäischen Ländern befürchten die FvP Rückschritte beim Ausbau Erneuerbarer Energien. Als Beispiel nannte Vereinssprecher Rainer Doemen Polen. Viele Projektentwickler zögen sich aus den meisten geplanten Wind-Projekten in dem einst vielversprechenden Markt zurück. Ein Grund: Eine Gesetzesänderung in Polen Mitte vergangenen Jahres verschärfte die Abstandsregelung von Windrädern zu Wohngebäuden deutlich. Eine ähnliche Regel gebe es auch in Bayern, erklärte Doemen.

"Stellen Sie sich vor, Sie stehen mit einem Windkraft- Projekt kurz vor der Baugenehmigung und dann wird von jetzt auf gleich diese Regel implementiert und macht eine Umsetzung unmöglich", beschreibt der Pressesprecher der FvP das Vorgefallene. Zudem müssten Windparkbetreiber in Polen ab dem 1. Januar 2017 mit einer deutlichen Erhöhung der Immobiliensteuer für Windparks rechnen.

Rückzug aus Polen nach Gesetzesänderungen – Prokon beobachtet Situation in Finnland

Auch Prokon betreibt seit mehreren Jahren Windkraftanlagen in Polen – und hatte noch mehrere Projekte in der Pipeline. Nun stoppt die Genossenschaft ihre Planungen aufgrund der veränderten Gesetze. "Da es sich bei den Einflussfaktoren um politische Entscheidungen der amtierenden PiS-Partei handelt, waren diese nicht voraus zu sehen", erklärte Prokon-Sprecherin Anne Dittrich gegenüber ECOreporter.de. "Wir haben die Auswirkungen auf unsere Aktivitäten in Polen umgehend sorgfältig geprüft und bewertet." Wie das Unternehmen mitteilte, gebe es keine Auswirkungen auf die Prokon-Anleihe: Die Ausschüttung sei aufgrund einer "komfortablen Liquiditätslage" nicht in Gefahr.

Prokon hatte im Sommer 2016 eine 500-Millionen-Euro-Anleihe auf den Markt gebracht, um Forderungen der früheren Genussrechteinhaber zu bedienen. Auch der von Prokon für das Geschäftsjahr 2016 angekündigte Verlust durch Wertberichtigungen in zweistelliger Millionenhöhe löste bei den Vereinsmitgliedern "keine Unruhe aus", wie die FVP in einer Presseerklärung mitteilten: Die Zins- und Tilgungsleistungen der Anleihe seien sicher.

In Finnland plane Prokon weiterhin Windparkprojekte mit dem Ziel, Baugenehmigungen zu erhalten, teilte die Sprecherin mit. Auch in dem skandinavischen Land stünden abschließende energiepolitische Entscheidungen aus, so Dittrich. "Sobald es hier konkrete Gesetzesvorgaben geben sollte, wird Prokon die finnischen Aktivitäten entsprechend bewerten und bedachte Entscheidungen über das weitere Vorgehen treffen." Im Jahr 2016 hat Finnland das System der Einspeisevergütung geändert. Die Regierung hat zwischen 2018 und 2020 ein Auktionsmodell für 2 Terawattstunden angekündigt. Das entspricht etwa Windparks mit einer Kapazität von 600 bis 800 Megawatt, die von einem garantierten Einspeisetarif profitieren könnten.

Aktuell sondiere man Entwicklungspotentiale in anderen Märkten. Prokon habe hier aber noch keine Entscheidung über den Eintritt in einen anderen Markt getroffen. Bis zu einer Entscheidung könne das Unternehmen "keine weiteren Auskünfte zu potentiellen Märkten geben".

In Deutschland wird der Umbau der Energieversorgung zunehmend erschwert durch das seit dem 1. Januar 2017 geltende Ausschreibungsmodell, geregelt durch das Erneuerbare-Energien Gesetz (EEG) 2017. Für Windkraftanlagen an Land liegt die Grenze seitdem bei 750 Kilowatt (kW) installierter Leistung. Viele der knapp 900 Energiegenossenschaften in Deutschland kämpfen schon jetzt mit den Auswirkungen, schildert Doemen: "Einige Vorstände haben ihre Genossenschaftsmitglieder bereits um Verständnis gebeten, dass sie weitere Gelder für den Erwerb neuer Mitgliedschaftsanteile unter den gesetzlichen Gegebenheiten mit vertretbarem Risiko nicht in Windkraft-Projekte einbringen können. Die Koalition hat die vereinbarte Akteurs-Vielfalt unzureichend beachtet und der Gesetzgeber hat mit dem EEG 2017 die wesentlichen Akteure der Energiewende massiv ausgebremst", fährt Doemen fort.

Ausschreibungen nach dem EEG 2017: Prokon unterstützt Bürgergesellschaften

Prokon geht hier einen offensiven Weg: Deutschlands größte Energiegenossenschaft bietet Bürgergesellschaften und kleinen Genossenschaften Unterstützung bei ihren Wind-Projekten an. Im Zuge einer Partnerschaft will Prokon beispielsweise die planerischen Risiken übernehmen und Projekte, die ins Stocken geraten sind, "gemeinsam erfolgreich zu Ende zu führen", heißt es in einer Mitteilung.

"Ab diesem Jahr befinden sich alle Projektentwickler gleichermaßen mit ihren Projekten im neuen EEG-Regime", kommentierte Prokon-Sprecherin Dittrich die Situation in Deutschland. Wie genau die Preisbildung über diesen Weg aussehen wird, werde sich erst nach den Ausschreibungsrunden in 2017 herauskristallisieren. "Dass Windpark-Projekte künftig wohl mit etwas geringeren Vergütungssätzen profitabel sein müssen, ist dabei die aktuelle Branchenerwartung", erklärte die Sprecherin. Unter den Bedingungen des neuen EEG gehe es vor allem um Effizienz: Prokon sieht sich hier durch langjährige Erfahrung und eingespielte Prozesse gut gerüstet, auch weil das Unternehmen ein breites Leistungsspektrum von der Entwicklung bis zum Betrieb anbietet. 

In Deutschland und Polen betreibt Prokon insgesamt 328 Windenergieanlagen in 57 Windparks mit einer Gesamtleistung von 557 Megawatt im Eigenbestand. Zahlreiche weitere Projekte in Deutschland und Finnland befinden sich laut Unternehmen aktuell in der Planung bzw. in der Realisierung. Im vergangenen Jahr wurden über 130 MW Windkraftprojekte genehmigt.  In Polen sah sich Prokon wie berichtet gezwungen, alle geplanten Projekte zu stoppen.

Im Sommer 2015 hatten die Freunde von Prokon ihr wichtigstes Ziel erreicht: Die Umwandlung der Prokon GmbH in eine Genossenschaft – und damit die Rettung des insolventen Unternehmens. Zur Neuausrichtung der FvP teilt Doemen mit: "90 Prozent der Vereinsmitglieder sind auch Mitglieder der Genossenschaft. Die per Mitgliederumfrage bestätigten Ziele des Vereins werden gelebt durch den Einsatz für den Klima schützenden Umbau der Energieversorgung in den Sektoren Strom, Wärme und Mobilität auf Erneuerbare Energien plus Energiespeicher sowie die ehrenamtliche Unterstützung der Prokon Regenerative Energien eG."

Die FvP wünschen sich vor allem, dass alle Akteure der Energiewende künftig an einem Tisch sitzen und ihre Vorschläge bzw. Forderungen an die Politik besser abstimmen und bündeln. Eine Brücke zwischen den Interessen soll das  "Bremer Manifest"  bilden, eine Initiative verschiedener Verbraucher, Unternehmen und Organisationen, die in Sachen Bürgerenergie engagiert sind. "Es ist ein offen formuliertes Papier, ganz ohne 'Knüppel-auf-den-Kopf'-Forderungen. Das Manifest bietet allen Menschen die Chance vertrauensvoll und gemeinsam die Energiewende mitzugestalten", erklärt Doemen. Das Manifest entstand unter Beteiligung von Wolfgang Siegel, dem Vorsitzenden des Vereins FvP.
Aktuell, seriös und kostenlos: Der ECOreporter-Newsletter. Seit 1999.
Nach oben scrollen
ECOreporter Journalistenpreise
Anmelden
x