Crowd-Investment baut auf Schwarmintelligenz. / Foto: Pixabay

01.07.15 Anleihen / AIF , Crowd-Investment

Crowdinvesting: Wichtige Ratschläge für Schwarminvestoren

Junge Firmen, coole Geschäftsideen, hohe Renditen, schnelles Geschäft über Internetplattformen mit lässigem Design: Crowd-Investment wirkt so aufregend anders als die übliche Geldanlage. Aber die Risiken sind hoch. Worauf müssen Sie achten, um Ihr Geld zu schützen?

Crowd-Investment wird eine immer beliebtere Form der Finanzierung. Erst 2011 gestartet, wächst die junge Branche kräftig, denn die Fast-keine-Zins-Ära lässt in vielen Anlegern den Wunsch gedeihen, auf neue Weise zu spekulieren. Da mag der eine oder andere auf die "Schwarmintelligenz" hoffen: Wenn sich ein ganzer Schwarm Investoren mit Business-Plänen auseinandersetzt, sie diskutiert, die geldsammelnden Unternehmer befragt – da muss doch etwas Schlaues herauskommen?

Dabei wird gerne verdrängt, dass renditesuchende Sparer wenig zu tun haben mit dem natürlichen Schwarmverhalten von Fischen oder Insekten, dem selbstorganisierten Zusammenspiel vieler Bienen zum Bienenstaat. Denn die Tiere haben den Crowd-Anlegern eines voraus: eine festgelegte Kommunikationsstruktur und klare Aufgabenverteilungen.

Die Vorstellung, dass Menschen mit Geld auf ähnliche Weise jungen Firmen zur Blüte verhelfen, ist hübsch, lässt aber außer Acht: Während jede Biene im Schwarm mit der anderen kommuniziert und ein gemeinsames Ziel erreichen kann, ist bei den Anlegern eine weitere Macht im Spiel – der Plattform-Betreiber. Und der gibt die Regeln vor, denn er hat ein starkes Eigeninteresse. 6 bis 10 Prozent, teilweise bis zu 14 Prozent der eingesammelten Summen sollen an die Crowd-Plattformbetreiber gehen. Bei knapp 300 Millionen Euro Marktvolumen in 2018 in Deutschland dürften ungefähr 24 Millionen Euro für die Plattformen übrig geblieben sein.

Schwarmverhalten: Fische oder Lemminge?

Statt alleine der Schwarmintelligenz zu vertrauen, ist daher Vorsicht angebracht. Denn die Crowd-Szene hat auch Misserfolge zu verdauen. Bei Erneuerbare-Energien-Projekten kommt es relativ selten zu Pleiten, bei Start-up-Unternehmen mit neuen, innovativen Produkten ist das Risiko eines Totalausfalls deutlich höher. Bei der auf Start-up-Projekte spezialisierten Wiener Crowd-Plattform Conda hat fast jeder sechste Projektanbieter Insolvenz angemeldet. Bei der Dresdener Plattform Econeers betrug die Ausfallquote Ende 2018 ungefähr 5 Prozent.

Wenn es zur Pleite kommt, löst das in den Internetforen teilweise wütende Diskussionen aus. Die Anleger zeigen sich enttäuscht darüber, dass es ausgerechnet an Kommunikation mangelt. Schwarmfinanzierte Gründer, die bei Problemen abtauchen, statt frühzeitig und transparent zu informieren, das hatten die Anleger nicht erwartet. Etliche schimpfen, die Plattformen würden mehr Wert auf schöne Präsentationen der Start-ups legen als auf Kontrolle der Zahlen oder zumindest auf die Überprüfung der Pflicht, regelmäßig Daten und Fakten zu liefern.

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat im Sommer 2018 50 in Deutschland aktive Crowd-Portale überprüft. Das Ergebnis: Auf 93 Prozent dieser Plattformen fehlte ein ordnungsgemäßer Hinweis zu den Verlustrisiken der Kapitalanlage.
Volker Schmidtke, Referent für Finanzdienstleistungen der Verbraucherzentrale Berlin, rät Anlegern, sich vor einem Investment zu fragen:

  • Kann ich es mir leisten, das eingesetzte Geld gegebenenfalls vollständig zu verlieren?
  • Ist das Geschäftsmodell des Start-ups, seine finanzielle Grundlage und seine Investitionsplanung – wenn es sie gibt – nachvollziehbar?
  • Ist offengelegt, wie sich das Unternehmen außerhalb des Crowd-Investings finanziert, wie hoch seine Verschuldung ist? Wenn nein: Erfragen.
  • Hat das Unternehmen schon einen Jahresabschluss veröffentlicht? Nötigenfalls erfragen oder nachschauen unter www.unternehmensregister.de, danach die Bilanzsumme den Angaben zum Unternehmenswert auf der Crowd-Investing-Plattform gegenüberstellen.

So funktioniert es

Dabei scheint das Crowd-Investing doch so einfach. Beispiel: Die Plattform Companisto. Dort liest sich die Bedienungsanleitung so: "Die Investmentprojekte stellen sich detailliert … mit einem Video, einem Businessplan und einer Finanzplanung vor." Die Anleger heißen dann im Jargon auch gleich "Companisten", was weniger spießig klingt als Sparer. Darüber hinaus, so die Plattform-Macher, "tun die Companisten durch ihre Investition auch noch etwas Gutes, denn ihr Investment fördert Innovation, Kreativität und Wachstum in Deutschland und ist somit Treibsatz für neue Arbeitsplätze."

Weiter heißt es: "Bei Investments in ein Start-up werden Companisten darüber hinaus gemäß ihrer Beteiligungsquote beteiligt, wenn ihr Start-up an einen Großinvestor verkauft wird." Die Alternative klingt auch verlockend: "Wenn die Beteiligung vor dem Verkauf des Start-ups (Exit) beendet wird, findet eine Unternehmensbewertung des Start-ups statt und die Companisten werden gemäß ihrer Beteiligungsquote per Banküberweisung ausgezahlt. Somit profitieren Companisten auch von der Wertsteigerung des Start-ups, falls dieses nicht verkauft werden sollte."

Profit bei jeder Variante? Nicht ganz. Wer nun noch weiter liest, findet den Risikohinweis: "Im schlechtesten Fall besteht die Gefahr des Verlustes der gesamten Investition, Crowd-Investings sind daher nicht zur Altersvorsorge geeignet." Das sollte nun wirklich allen Anlegern klar sein – es sei aber sicherheitshalber angefügt: Anders als beim spießigen Sparbuch gibt es beim Crowd-Investing keine Einlagensicherung. Denn: "Bei den Beteiligungen der Companisten handelt es sich um partiarische Nachrangdarlehen…. Im Falle einer Insolvenz… werden die Companisten… erst nach allen anderen Fremdgläubigern aus der Insolvenzmasse bedient. Man wird also so behandelt wie jeder andere Gesellschafter des Start-ups… auch."

Was hier Solidarprinzip und Gleichheit suggeriert, bedeutet in Wirklichkeit: Im Pleitefall werden erst die Arbeitnehmer des Start-ups bedient, dann Banken, Vermieter, Lieferanten und andere – und für die Schwarmfinanzierer bleiben manchmal allenfalls wenige Euro oder schlicht nichts übrig. Die Crowd-Plattform selbst hat im Übrigen schon vorher kassiert.

2015 hat der Bundestag das Kleinanlegerschutzgesetz verabschiedet. Es soll Anleger vor dubiosen Geldanlageangeboten schützen, erklärte der damalige Bundesjustizminister Heiko Maas. Auch das Crowd-Investing ist von dem Gesetz betroffen. Die maximale Investitionssumme für Privatanleger beträgt bei Crowd-Projekten 10.000 Euro. Der Betrag, ab dem für den Anbieter eine Prospektpflicht gilt, liegt bei 2,5 Millionen Euro. Voraussichtlich ab Juli 2019 werden sich die Grenzen erhöhen: Privatanleger dürfen dann bis zu 25.000 Euro in ein einzelnes Crowd-Projekt investieren, und die Prospektpflicht greift erst ab 6 Millionen Euro.

Grünes Crowd-Investing

Einige Crowd-Investing-Plattformen sind auf grüne Investments wie Ökostrom- und Energieeffizienzvorhaben spezialisiert: Zum Beispiel LeihDeinerUmweltGeld.de von der LeihDeinerStadtGeld GmbH aus Mainz, bettervest.de von der bettervest GmbH aus Frankfurt, gls-crowd.de von der Bochumer GLS Bank sowie greenvesting.com von der GreenVesting Solutions GmbH aus Usingen. Die Einstiegsschwellen liegen meist zwischen 50 und 250 Euro pro Projekt. Ausführliche ECOreporter-Porträts der wichtigsten nachhaltigen Crowd-Plattformen finden Sie hier.

 

Nach oben scrollen
ECOreporter Journalistenpreise
Anmelden
x