Crowdfunding baut auf Schwarmintelligenz. / Foto: Pixabay

01.07.15 Anleihen / AIF , Crowd-Investment

Crowdinvesting: Wichtige Ratschläge für Schwarminvestoren

Junge Firmen, coole Geschäftsideen, hohe Renditen, schnelles Geschäft über Internetplattformen mit lässigem Design: Crowdinvesting wirkt so aufregend anders als die übliche Geldanlage. Aber die Risiken sind hoch. Worauf müssen Sie achten, um Ihr Geld zu schützen?

Was machen Sie mit Ihrem Geld: Auf das Sparbuch legen und dann die Zinsen abwarten? Oder wollen Sie ins Filmgeschäft einsteigen und als "Executive Producer" im Abspann genannt sein, bei einer neuen deutschen Komödie, die bald in die Kinos kommen soll? Die Crowdinvesting-Plattform Companisto verspricht genau das: Wer im Schwarm bzw. in der Masse (englisch = crowd) die Komödie mitfinanziert, kann seinen Namen auf der Leinwand bestaunen. Dazu kommen noch fünf DVDs und fünf exklusive T-Shirts. 100.000 Euro muss man allerdings investieren.

Über 25.000 Euro hatte bis Pfingsten aber keiner überwiesen. Es geht auch billiger, ab 250 Euro, nur taucht dann der Name im Abspann weit unten auf. Bis Ende Mai hatte das laut Companisto immerhin 68 Anleger überzeugt. Wenn die Komödie lustig läuft, können die Anleger dann auch noch mit Rendite rechnen.

Ob Komödie, junges Unternehmen oder echte kulturelle Idee: Crowdinvesting wird eine immer beliebtere Form der Finanzierung. Erst 2011 gestartet, wächst die junge Branche kräftig, denn die Fast-keine-Zins-Ära lässt in vielen Anlegern den Wunsch gedeihen, auf neue Weise zu spekulieren. Da mag der eine oder andere auf die "Schwarmintelligenz" hoffen: Wenn sich ein ganzer Schwarm Investoren mit Business-Plänen auseinandersetzt, sie diskutiert, die geldsammelnden Unternehmer befragt – da muss doch etwas Schlaues herauskommen?

Dabei wird gerne verdrängt, dass renditesuchende Sparer wenig zu tun haben mit dem natürlichen Schwarmverhalten von Fischen oder Insekten, dem selbstorganisierten Zusammenspiel vieler Bienen zum Bienenstaat. Denn die Tiere haben den Crowd-Anlegern eines voraus: Eine festgelegte Kommunikationsstruktur und klare Aufgabenverteilungen.

Die Vorstellung, dass Menschen mit Geld auf ähnliche Weise jungen Firmen zur Blüte verhelfen, ist hübsch, lässt aber außer Acht: Während jede Biene im Schwarm mit der anderen kommuniziert und ein gemeinsames Ziel erreichen kann, ist bei den Anlegern eine weitere Macht im Spiel – der Plattform-Betreiber. Und der gibt die Regeln vor, denn er hat ein starkes Eigeninteresse. Sechs bis zehn Prozent, teilweise bis zu 14 Prozent der eingesammelten Summen sollen an die Crowdinvesting-Plattformbetreiber gehen. Bei knapp drei Milliarden Euro Marktvolumen in 2014 in Europa blieben da letztes Jahr immerhin rund 250 Millionen für die Plattformen übrig. In Deutschland wurden 2014 übrigens 140 Millionen Euro eingesammelt.
Schwarmverhalten: Fische oder Lemminge?

Statt alleine der Schwarmintelligenz zu vertrauen, ist daher Vorsicht angebracht. Denn die Crowd- Szene hat nun ihre ersten Misserfolge zu verdauen. Die VDI-Nachrichten berichteten im März 2015, dass alleine bei einer einzigen Plattform die Anzahl der Ausfälle schon auf sieben gestiegen war. Dass sich bei den Schwarmfinanzierungen insgesamt die Pleitenquote sogar noch in Grenzen hält, mag auch daran liegen, dass nur wenige Projekte bisher die Schwelle überschritten haben, ab der sie alleine laufen müssen.

Die älteste Crowdinvesting- Kampagne startete nach Angaben des Magazins Spiegel im Jahr 2011, während die Beteiligungsverträge meist eine Laufzeit von sieben Jahren. haben. Derzeit dürften viele schwarmfinanzierte Projekte eventuelle Geldknappheitsphasen noch mit weiteren Finanzierungsrunden überbrücken.

Wenn es zur Pleite kommt, löst das in den Internetforen teilweise wütende Diskussionen aus. Die Anleger zeigen sich enttäuscht darüber, dass es ausgerechnet an Kommunikation mangelt. Schwarmfinanzierte Gründer, die bei Problemen abtauchen statt frühzeitig und transparent zu informieren, das hatten die Anleger nicht erwartet. Etliche schimpfen, die Plattformen würden mehr Wert auf schöne Präsentationen der Start-ups legen als auf Kontrolle der Zahlen oder zumindest auf die Überprüfung der Pflicht, regelmäßig Daten und Fakten zu liefern.

Ende 2014 kritisierte die Verbraucherzentrale Berlin, da auf vielen Crowdinvesting- Plattformen nur unzureichend auf Verlustrisiken hingewiesen werde, habe sie eine Reihe von Plattformen erfolgreich abgemahnt. Besonders ein fiktiv errechneter ‚Unternehmenswert‘ der Baby-Firmen wurde beanstandet.

Volker Schmidtke, Referent für Finanzdienstleistungen der Verbraucherzentrale Berlin, rät Anlegern, sich vor einem Investment zu fragen:

-    Kann ich es mir leisten, das eingesetzte Geld gegebenenfalls vollständig zu verlieren?
-     Ist das Geschäftsmodell des Start-ups, seine finanzielle Grundlage und seine Investitionsplanung – wenn es sie gibt – nachvollziehbar?
-     Ist offengelegt, wie sich das Unternehmen außerhalb des Crowdinvestings finanziert, wie hoch seine Verschuldung ist? Wenn nein: Erfragen.
-     Hat das Unternehmen schon einen Jahresabschluss veröffentlicht? Nötigenfalls erfragen oder nachschauen unter www.unternehmensregister.de, danach die Bilanzsumme den Angaben zum Unternehmenswert auf der Crowdinvesting-Plattform gegenüberstellen.

So funktioniert es

Dabei scheint das Crowdinvesting doch so einfach. Beispiel: Die Plattform Companisto. Dort liest sich die Bedienungsanleitung so (Mai 2015): "Die Investmentprojekte stellen sich detailliert … mit einem Video, einem Businessplan und einer Finanzplanung vor". Mit jedem Investment werde man als Anleger an etwaigen Gewinnen beteiligt. Und die Anleger heißen dann im Jargon auch gleich "Companisten", was weniger spießig klingt als Sparer. Darüber hinaus, so die Plattform-Macher wörtlich, "tun die Companisten durch ihre Investition auch noch etwas Gutes, denn ihr Investment fördert Innovation, Kreativität und Wachstum in Deutschland und ist somit Treibsatz für neue Arbeitsplätze."

Beruhigend förmlich heißt es weiter: "Die Gewinnbeteiligung wird einmal im Jahr ausgeschüttet." Es folgt der Hoffnungsmacher: "Bei Investments in ein Start-up werden Companisten darüber hinaus gemäß ihrer Beteiligungsquote beteiligt, wenn ihr Start-up an einen Großinvestor verkauft wird." Die Alternative klingt auch verlockend: "Wenn die Beteiligung vor dem Verkauf des Start-ups (Exit) beendet wird, findet eine Unternehmensbewertung des Start-ups statt und die Companisten werden gemäß ihrer Beteiligungsquote per Banküberweisung ausgezahlt. Somit profitieren Companisten auch von der Wertsteigerung des Start-ups, falls dieses nicht verkauft werden sollte."

Profit bei jeder Variante? Nicht ganz. Wer nun noch weiter liest, findet den Risikohinweis: "Im schlechtesten Fall besteht die Gefahr des Verlustes der gesamten Investition, Crowdinvestings sind daher nicht zur Altersvorsorge geeignet." Das sollte nun wirklich allen Anlegern klar sein – es sei aber sicherheitshalber angefügt: Anders als beim spießigen Sparbuch gibt es beim Crowdinvesting keine Einlagensicherung. Denn: "Bei den Beteiligungen der Companisten handelt es sich um partiarische Nachrangdarlehen…. Im Falle einer Insolvenz… werden die Companisten… erst nach allen anderen Fremdgläubigern aus der Insolvenzmasse bedient. Man wird also so behandelt wie jeder andere Gesellschafter des Start-ups… auch."

Was hier Solidarprinzip und Gleichheit suggeriert, bedeutet in Wirklichkeit: Im Pleitefall werden erst die Arbeitnehmer des Start-ups bedient, dann Banken, Vermieter, Lieferanten und andere – und für die Schwarmfinanzierer bleiben manchmal allenfalls wenige Euro oder schlicht nichts übrig. Die Plattform selbst hat im Übrigen schon vorher kassiert.

Ende April 2015 hat der Bundestag das Kleinanlegerschutzgesetz verabschiedet. Es soll Anleger vor dubiosen Geldanlageangeboten schützen, erklärt Bundesjustizminister Heiko Maas. Das Gesetz soll im Sommer 2015 in Kraft treten. Auch das Crowdinvesting wird von dem neuen Gesetz betroffen sein. Beispielsweise werden Anleger, die mehr als 1.000 Euro anlegen, nachweisen müssen, dass sie über ein Vermögen von mindestens 100.000 Euro verfügen.

Laut Gesetz ist dazu eine Selbstauskunft der Anleger erforderlich, die die Plattform jedoch nur formal überprüfen muss. Für institutionelle Anleger gibt es kein Limit nach oben. Der Betrag, ab dem für den Anbieter eine Prospektpflicht gilt, liegt nicht bei einer Million Euro, sondern bei 2,5 Millionen.

Grünes Crowdinvesting

Einige Crowdinvesting-Plattformen sind auf grüne Investments wie Ökostrom- und Energieeffizienzvorhaben spezialisiert: Zum Beispiel LeihDeinerUmweltGeld.de von der LeihDeinerStadtGeld GmbH aus Mainz, bettervest.de von der bettervest GmbH aus Frankfurt, econeers.de von der Econeers GmbH aus Dresden sowie greenvesting.com von der GreenVesting Solutions GmbH aus Usingen. Die Einstiegsschwellen liegen zwischen 50 und 250 Euro Projekt.

Einen etwas anderen Ansatz verfolgt die Internethandelsplattform greenXmoney.com der greenXmoney.com GmbH: Hier investieren die Anleger ab 500 Euro in so genannte "Wattpapiere". Gekauft werden Forderungen auf künftige Stromerträge aus einzelnen laufenden Windkraft- oder Solaranlagen. Aus den tatsächlichen Stromerträgen dieser Anlagen sollen die Anleger eine Rendite auf ihre Investition erhalten. Die Wattpapiere haben feste Laufzeiten zwischen vier und sechs Jahren.
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