Das Geschäft mit fossilen Brennstoffen geht zu Lasten von Umwelt und Weltklima: Kohlebagger im Tagebau. / Quelle: Fotolia

23.09.15 Erneuerbare Energie

Großinvestoren flüchten zunehmend aus Kohle, Gas und Öl

Immer mehr Großinvestoren steigen aus ihren Beteiligungen an Unternehmen aus der Öl-, Gas- und der Kohleindustrie aus. Die Anzahl solcher Divestment-Entscheidungen ist im Laufe des letzten Jahres um das 50-fache gestiegen. Das zeigt eine neue Studie, die jetzt in New York vorgestellt wurde.

Die vorgelegte Untersuchung mit dem Titel „Measuring the Growth of the Global Fossil Fuel Divestment and Clean Energy Investment Movement“ wurde von Arabella Advisors erarbeitet, die philantropische Investoren berät. Wie sie ausführt, haben über 400 Institutionen wie etwa Fonds, Glaubensgemeinschaften, Universitäten oder Stiftungen und 2.000 vermögende Privatpersonen zugesagt, Investitionen in fossile Unternehmen zu beenden. Sie stammen aus 43 Ländern. Diese Verpflichtungen repräsentieren ein verwaltetes Vermögen von über 2,6 Billionen US-Dollar. Dabei steigen allerdings nicht alle diese Investoren komplett aus den Bereichen Gas, Kohle und Öl aus, deren Verfeuerung den Klimawandel wesentlich befördert. Einige dieser Investoren ziehen sich zunächst aus bestimmten Sektoren wie der Schiefergasförderung zurück. Viele dieser Großanleger haben sich überdies dazu verpflichtet, nicht nur zu deinvestieren, sondern zugleich viele Milliarden Dollar in die Bekämpfung des Klimawandels zu investieren. Diese Verpflichtungen zu Klimaschutzinvestitionen summieren sich laut dem Arabella Report bislang auf rund 785 Milliarden Dollar.

Starke Dynamik der Divestment-Bewegung

Die weltweite Divestment-Kampagne ist noch jung. Sie hat erst 2011 ihren Anlauf an US-Universitäten genommen, in diesem Jahr aber kräftig Fahrt aufgenommen. Das zeigt der Vergleich zur Vorgänger-Studie von Arabella aus dem September 2014. Die hatte erst 181 Institutionen and 656 Einzelinvestoren mit Bekenntnis zum Ausstieg aus fossilen Unternehmen festgestellt. Damals hatten diese Divestment-Entscheidungen erst ein verwaltetes Vermögen von weltweit 50 Milliarden Dollar repräsentiert. Befördert wurde die sprunghafte Entwicklung in diesem Jahr unter anderem vom so genannten „Global Divestment Day“ im Februar, an dem Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in aller Welt Investoren zum Ausstieg aus Gas, Kohle und Öl aufgerufen haben.

Seither haben sich etliche bekannte Großinvestoren dieser Bewegung angeschlossen und ihre Divestment-Entscheidung auch öffentlich gemacht. Dazu gehört etwa der französische Versicherungsgigant AXA. Dessen Chef Henri de Castries erklärte, dass AXA seine Beteiligungen an Kohleunternehmen mit einem Volumen von 575 Millionen Euro verkaufen und stattdessen massiv in regenerative Energie investieren werde. Ein weiteres Beispiel ist der weltweit größte Staatsfonds, der ‚Norwegian Government Pension Fund Global‘. Er war bislang einer der zehn größten Investoren in der globalen Kohleindustrie. Ab 2016 wird der norwegische Staatsfonds jedoch Unternehmen vom Investment ausschließen, die mehr als 30 Prozent ihrer Einkünfte oder ihrer Stromproduktion mit Kohle generieren.

Die globale Divestment-Kampagne hat bislang zwar vor allem im angelsächsischen Bereich gefruchtet. Von hier stammt der Löwenanteil des Kapitals, das aus fossilen Unternehmen abgezogen werden soll, allein 57 Prozent aus den USA. Aber in der regionalen Breite ist diese Bewegung der Arabella-Studie zufolge in 2015 stark gewachsen, vor allem in Europa seien viele Investoren auf diesen Zug aufgesprungen.

Erhöhte Anlagerisiken bei Investments in fossile Unternehmen

Zudem mehren sich die Stimmen aus der Finanzbranche, die vor den Anlagerisiken bei Investments in Gas, Kohle und Öl warnen. Erst vor kurzem haben Experten der britischen Großbank HSBC darauf hingewiesen, dass die erforderliche globale Energiewende zu einem erheblichen Wertverlust europäischer Ölkonzerne führen dürfte. „Viele große Investoren haben die Portfoliorisiken, die mit einem Investment in Öl-, Gas- und Kohleproduzenten verbunden sind bereits erkannt und schichten um. Mehr noch als das Vermeiden von Verlusten zählt für Investoren aber die Tatsache, dass ressourceneffiziente Investments tatsächlich attraktive Renditen bieten“, sagt Vermögensberater Jochen Wermuth von Wermuth Asset Management. Er ist Mitglied der Investorenvereinigung ‚Europäer für Divest-Invest‘. „Wir befinden uns mitten in einer neuen industriellen Revolution – vom Kohlezeitalter hin zu einer klimafreundlichen Wirtschaft. Im Zuge dieser Transformation wird es signifikante Verlierer und neue aufstrebende ressourceneffiziente Unternehmen, wie etwa aus den Bereichen erneuerbare Energien, Elektromobilität, Stromspeicher geben“, so Wermuth weiter.

Der schwedische Energiekonzern Vattenfall hat bereits erfahren, dass sein Geschäft mit Kohle keine Zukunft hat, und daraus Konsequenzen gezogen. Er will seine deutsche Tochter verkaufen, die zuletzt mit ihren Braunkohlekraftwerken herbe Verluste erwirtschaftet hat. Die lohnen sich nicht mehr, seit in der Bundesrepublik große Mengen Strom kostengünstig aus erneuerbarer Energie erzeugt werden. Denn das ließ die Preise an der Strombörse purzeln. Ohnehin will die Konzernmutter sich verstärkt auf klimaschonende Energie ausrichten.

Auch manche Industriekonzerne reagieren darauf, dass die der Klimawandel verstärkt in das Bewusstsein von Investoren rückt. So hat die deutsche Siemens AG jetzt erklärt, dass sie in den kommenden fünf Jahren ihre Emissionen des Treibhausgases CO2 halbieren und bis 2013 dann klimaneutral werden will. Derzeit verursacht der Dax-Konzern nach eigenen Angaben jährlich rund 2,2 Millionen Tonnen CO2. Für die nächsten drei Jahre kündigte Siemens an, 100 Millionen Euro für die Verbesserung der Energiebilanz von firmeneigenen Produktionsstätten und Gebäuden aufzuwenden. Im kommenden Geschäftsjahr will Siemens zudem rund 40 Millionen Euro an verschiedenen Produktionsstandorten weltweit in die Verbesserung der Energieeffizienz investieren. Zudem plant der Konzern, seinen eigenen Strombedarf künftig vermehrt aus CO2-armen oder -freien Energiequellen wie Gas und erneuerbarer Energie zu beziehen.
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