Plattform des Mineralölkonzerns BP im Gold von Mexiko. Vor wenigen Jahren hat eine Explosion auf einer BP-Plattform eine verheerende Umweltkatastrophe verursacht. Die Konzerne der Branche hat das offenbar nicht wachgerüttelt. / Quelle: Unternehmen

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Nachhaltigkeit ist für die meisten Großkonzerne weiter ein Fremdwort

Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen, Verstöße gegen Umweltstandards und Korruption, all dies ist bei den internationalen Großunternehmen nach wie vor stark verbreitet. Selbst die Branchenbesten zeigen insgesamt keine überzeugenden Fortschritte in Sachen Nachhaltigkeit. Zu dieser ernüchternden Erkenntnis gelangt eine Nachhaltigkeitsanalyse von international tätigen Großunternehmen aus Industrieländern. Sie basiert auf Daten aus 2013 und wurde durchgeführt von der Nachhaltigkeitsrating-Agentur oekom research AG aus München.  Deren Report geht auf besonders kritische Sektoren ein und benennt die Branchen, die in Sachen Nachhaltigkeit noch am besten abschneiden. Bei den Unternehmen springen große regionale Unterschiede ins Auge.

Nicht einmal jedes fünfte Großunternehmen erfüllt Mindestanforderungen

Nur knapp 17 Prozent und damit nur etwa jeder sechste Konzern erfüllte die von oekom research branchenspezifisch definierten Mindestanforderungen an das Nachhaltigkeitsmanagement und qualifizierte sich so für den oekom Prime Status, ab dem die Nachhaltigkeitsrating-Agentur Wertpapiere eines Unternehmens aus Nachhaltigkeitssicht für investierbar hält. Nur knapp ein Drittel aller Unternehmen (30,1 Prozent) weist laut oekom research zumindest erste Ansätze im Nachhaltigkeitsmanagement auf, auch wenn entsprechende Aspekte noch nicht systematisch und flächendeckend im Management verankert sind.

Mehr als die Hälfte der untersuchten Konzerne, satte 53,1 Prozent, zeigte sogar eine schlechte Nachhaltigkeitsleistung. Das galt insbesondere für Unternehmen aus Japan und Kanada, von denen lediglich rund acht Prozent den Anforderungen von oekom research genügte. Sie bildeten damit im Ländervergleich das Schlusslicht. Besonders schlecht schnitten auch US-amerikanische Großunternehmen ab, hier genügte ebenfalls nicht einmal jedes Zehnte den Anforderungen. Vorbildlicher agierten Konzerne aus Europa. Im Ländervergleich liegen Unternehmen aus Finnland und Deutschland vorne. So erreichten 64,3 Prozent der finnischen Unternehmen 58,3 Prozent der deutschen Unternehmen den oekom Prime Status. Es folgte Italien mit einem Anteil von 50,0 Prozent vor den Niederlanden mit 40,7 Prozent.

Rolf Häßler von der oekom research AG erklärt das deutlich schwächere Abschneiden von Unternehmen aus Japan und Nordamerika unter anderem mit „kulturellen Unterschieden“. So gebe es in Europa einen weitaus stärkeren Druck aus der Zivilgesellschaft auf Großkonzerne als etwa in Japan. Dort sei es einfach unüblich, lautstark auf der Straße gegen Unternehmen zu protestieren. In Nordamerika wiederum seien Großunternehmen vor allem bemüht, sich an ihren Standorten als „guter Nachbar“ zu zeigen und mit konkreten Maßnahmen vor Ort zu punkten, anstatt ein umfassendes Nachhaltigkeitsmanagement einzuführen. Auch gebe es hier nicht solch einen starken regulatorischen Druck, mit dem der Gesetzgeber in Europa Unternehmen veranlasst, umweltschonender zu wirtschaften und sorgsamer soziale Aspekte zu beachten.

Auch Branchenbeste überzeugen oft nur mit Abstrichen

Deutlich Unterschiede gibt es laut oekom research auch bei den Nachhaltigkeitsleistungen der verschiedenen Branchen, auch wenn keine im Schnitt auch nur die Hälfte der 100 möglichen Punkte erreichte. Im Branchenvergleich erreichen die Hersteller von Haushaltsprodukten für ihr Nachhaltigkeitsmanagement im Durchschnitt 46,3 von 100 möglichen Punkten und damit die höchste Bewertung. Auf Rang 2 des Branchenratings platziert sich die Automobilindustrie mit einer Durchschnittsbewertung von 42,7 Punkten. Versicherungen (25,9), Geschäftsbanken (23,8), die Öl- und Gasindustrie (22,4) sowie die Immobilienbranche (18,4) rangieren am unteren Ende der Rangliste.

Für insgesamt 21 Branchen hat oekom research die Großunternehmen mit der besten Nachhaltigkeitsleistung ermittelt. In manchen Branchen reichte dafür schon die Note C in der von A+ bis D- reichenden Skala der Noten, die die Münchener bei ihren Nachhaltigkeitsratings vergeben. So im Falle der norwegischen DNB, die bei den Geschäftsbanken Branchensieger wurde (per Mausklick gelangen Sie zu einem  Kurzportrait von DNB (Link entfernt), die auch nachhaltige Fonds auf den Markt gebracht hat). Swiss Re bei den Versicherungen, British Land im Bereich Immobilien und die niederländische Philips bei Unterhaltungselektronik sind weitere Branchensieger mit der Gesamtnote C, ebenso der deutsche Sportartikelhersteller Adidas im Bereich Textilien.

oekom research hat bei jedem fünften der analysierten Textilunternehmen Verstöße gegen Arbeitsrechtsstandards festgestellt. Noch höher ist der Anteil bei den Herstellern von Unterhaltungselektronik und Haushaltsgeräten, von denen mehr als jedes vierte Unternehmen (26,7 Prozent) durch entsprechende Verstöße aufgefallen ist. Verletzungen international anerkannter Arbeitsrechte finden dabei häufig nicht durch die Großkonzerne selbst statt, sondern bei deren Zulieferern in Entwicklungs- und Schwellenländern.
Die Nachhaltigkeitsrating-Agentur erteilte keinem Branchensieger die Bestnote A. Zwei weitere Konzerne aus Deutschland wurden in ihrer Branche mit der Note B als Nachhaltigkeitsbeste ausgezeichnet: Die Gas-Spezialistin Linde im Chemie-Sektor und die Deutsche Telekom aus dem Bereich Telekommunikation.

Korruption und Verstöße gegen Menschenrechte häufig

Fälle von Korruption hat oekom research insbesondere bei den Anbietern von Medizintechnik und -produkten registriert. Rund jedes siebte analysierte Unternehmen (14,3 Prozent) ist hier in Korruptionsfälle verwickelt. Auch bei den Ausrüstern und Dienstleistern in der Öl- und Gasbranche, in der Pharmaindustrie sowie in der Baubranche liegt der Anteil von in Korruption involvierten Unternehmen bei über zehn Prozent.

Unternehmen der Bergbaubranche sind besonders häufig in die Verletzung von Menschenrechten involviert. Knapp jedes zehnte Unternehmen (8,9 Prozent) hat laut oekom research hier im vergangenen Jahr einen entsprechenden Verstoß aufgewiesen. Häufig ging es dabei um die unzureichende Entschädigung oder die gewaltsame Vertreibung von Anwohnern im Zuge der Erweiterung von Minen. Auch in Verstöße gegen Umweltstandards sind Unternehmen der Bergbaubranche besonders häufig verwickelt, bedingt unter anderem durch die massiven Umweltauswirkungen des Tagebaus sowie den Einsatz und die Freisetzung giftiger Substanzen. Für mehr als jedes dritte analysierte Unternehmen (35,6 Prozent) stellte oekom research hier einen Verstoß fest. Gleiches gilt für knapp jede sechste im globalen Warenaustausch tätige Handelsgesellschaft. Dabei waren insbesondere große asiatische Handelshäuser, die auch im Abbau von Rohstoffen wie Kohle oder der Öl- und Gasförderung aktiv sind, an Umweltzerstörungen beteiligt.

Bildhinweis: Wie der Anblick dieser Kupfermine zeigt, ist der Bergbau nicht nur mit Menschenrechtsverletzungen verbunden, sondern führt er auch zu verheerenden Umweltschäden. / Quelle: Fotolia

Zu wenige und zu geringe Fortschritte

„Wir sehen bei den weltweit größten Unternehmen zu wenige und zu kleine Schritte in Richtung einer nachhaltigen Wirtschaftsweise“, fasst Matthias Bönning zusammen, der das Research der Nachhaltigkeitsrating-Agentur leitet. Dies sei nach Einschätzung von oekom research in doppelter Hinsicht problematisch: Zum einen drohen in vielen kritischen Bereichen wie beispielsweise dem Klimawandel die Entwicklungen zu eskalieren. „Je später hier gehandelt wird, desto höher wird der Aufwand sein, um Fehlentwicklungen zu korrigieren, sofern dies dann überhaupt noch möglich ist“, so Bönning. Zum anderen könnten auch Unternehmen, die etwa ihren Energie-, Wasser- und Rohstoffverbrauch nicht systematisch managen oder Produkte anbieten, die dem steigenden Umwelt- und Sozialbewusstsein der Verbraucher nicht genügen, langfristig nicht am Markt bestehen. „Insofern wäre es im Eigeninteresse der Unternehmen, das Kurzfristdenken aufzugeben und nachhaltig zu wirtschaften“, stellt der Experte fest.

Druck auf Großkonzerne muss steigen

Warum sich so viele Großunternehmen so wenig um Nachhaltigkeit bemühen, kann auch die Nachhaltigkeitsrating-Agentur nicht erklären. Rolf Häßler von oekom research zeigte sich auf Nachfrage dazu ratlos. „Die Gründe sind wohl zu verschieden, um klar festzustellen, wo es insgesamt hakt. Was wir aber feststellen können ist, dass es eine stabile Gruppe von Konzernen gibt, die sich sehr aktiv um mehr Nachhaltigkeit bemühen. Diese Gruppe engagiert sich seit Jahren dafür, setzt Standards für ihre Branchen - und diese Unternehmen kommen für nachhaltige Investoren in Frage“, so Häßler. Er verweist, dass auch international immer mehr Geld am Kapitalmarkt nach nachhaltigen Grundsätzen investiert wird und daher der Druck auf Großkonzerne steigt, solchen Grundsätzen zu genügen. Wenn dieser Druck weiter wachse, sei es nur eine Frage der Zeit, dass sich mehr Unternehmen intensiver um Nachhaltigkeit bemühen. „Allerdings müssen wir als Nachhaltigkeitsrating-Agentur auch die Latte immer höher legen. Was vor fünf Jahren gereicht hat, um unseren Prime Status zu erreichen, genügt heute nicht mehr“, ergänzt Häßler. Auch die aktuellen Branchenbesten seien gefordert, ihre Leistungen zu verbessern.

Bildhinweis: Rolf Häßler. / Quelle: oekom research AG

Im Februar haben wir mit Rolf Häßler von der oekom research AG ein Interview veröffentlicht, in dem er umfassend dazu Stellung nimmt, wie die Nachhaltigkeitsrating-Agentur arbeitet, wie aussagekräftig Nachhaltigkeitsanalysen sind und was sie bewirken können. Per Mausklick gelangen Sie zu dem  Interview.
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