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„Nachhaltigkeitsrating-Agenturen und Investoren müssen gemeinsam Veränderungen bei Unternehmen anstoßen“ – Interview mit Rolf Häßler, oekom research AG

Wie aussagekräftig sind Nachhaltigkeitsanalysen? Was können Nachhaltigkeitsrating-Agenturen bewirken? Warum werden Nachhaltigkeitsanalysen nicht veröffentlicht, um mehr Druck auf die Unternehmen auszuüben? Wir haben darüber mit Rolf Häßler von der Nachhaltigkeitsrating-Agentur oekom research AG aus München gesprochen. Er nimmt auch Stellung zur Studie des Südwind-Instituts, die die Arbeit von Nachhaltigkeitsrating-Agenturen kritisch bewertet hat (wir  berichteten darüber).

ECOreporter: Welche Informationen verwenden Sie für Ihre Nachhaltigkeitsanalysen? Inwiefern ist ein Nachhaltigkeitsrating mehr als Datensammeln?

Rolf Häßler:  Wir nutzen für unsere Nachhaltigkeitsratings grundsätzlich zwei Arten von Quellen: Die bewerteten Unternehmen selbst und unternehmensunabhängige Quellen, also beispielsweise Berichte von Menschenrechts- oder Anti-Korruptionsinitiativen, Gewerkschaften, Medien und Behörden. Bei den Unternehmen verarbeiten wir in einem ersten Schritt die öffentlich verfügbaren Informationen, etwa Umwelt- und Nachhaltigkeitsberichte oder entsprechende Sektionen auf den Websites. Diese Informationen erfassen wir in den Rating Reports der Unternehmen, die wir diesen dann zur Ergänzung und Kommentierung zur Verfügung stellen. Die auf der Veranstaltung häufig zitierten „Fragebögen“ verwenden wir bereits seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr. Durch den Dialog erhalten die Unternehmen die Möglichkeit, auch nicht-öffentliche und vertrauliche Informationen zur Verfügung zu stellen, die ins Rating einfließen.
Zu einigen Themen, etwa Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen, ist die Berichterstattung der Unternehmen selbst (bisher) nur sehr rudimentär. Hier haben die Berichte externer Gruppen wie etwa NGO’s (NGO = Nicht-Regierungsorganisation - die Red.) hohe Bedeutung. Auch an die externen Quellen stellen wir aber hohe Anforderungen an die Qualität und Glaubwürdigkeit. Hier haben unsere Analysten umfangreiche Erfahrungen sammeln können, um entsprechende Quellen und Studien einschätzen zu können. Gleichzeitig dienen uns die externen Informationen dazu, die Angaben der Unternehmen einem Realitätscheck zu unterziehen.
Vor Ort Besuche führen wir nicht durch, dies ist angesichts von 3.000 bewerteten Unternehmen und einer Vielzahl von Zulieferunternehmen nicht leistbar. Die zur Verfügung stehenden unternehmensexternen Quellen bieten aber häufig einen sehr guten Einblick in die Lage vor Ort.
Unter den Anbietern von ESG-Daten (ESG = ökologische, soziale und Aspekte der Corporate Governance, also der Unternehmensführung - die Red.) gibt es einige, die sich auf die Sammlung und Bereitstellung von Rohdaten spezialisiert haben, z. B. Asset4. Wir selbst sehen den Kern unserer Arbeit aber darin, die Daten zu verarbeiten, zu bewerten, über das Rating zu quantifizieren und damit vergleichbar zu machen. Dies geschieht auf Basis eines transparenten Nachhaltigkeitsverständnisses und eines Konzepts von Nachhaltigkeit, dass sich in den Kriterien widerspiegelt. Andere Nachhaltigkeits-Ratingagenturen haben gegebenenfalls ein anderes Verständnis von Nachhaltigkeit und ein anderes Konzept zur Messung und Bewertung, so dass sich die Kriterien und Bewertungskonzepte unterscheiden.

ECOreporter: Wie aussagekräftig können Nachhaltigkeitsanalysen sein? Warum kommen Nachhaltigkeitsrating-Agenturen zuweilen zu unterschiedlichen Ergebnissen?

Häßler:  Das hängt grundsätzlich von zwei Faktoren ab: Der Qualität der zur Verfügung stehenden Daten und der Fähigkeit, diese zu interpretieren und zu bewerten. Die Datensituation bei den Unternehmen hat sich – auch Dank des beharrlichen Nachfragens von Nachhaltigkeits-Ratingagenturen – in den vergangenen Jahren deutlich verbessert, so dass wir hier eine stetig besser werdende Grundlage haben. Zudem haben immer mehr Unternehmen den Nutzen von Nachhaltigkeitsratings erkannt und beteiligen sich aktiv am Rating, etwa durch die Bereitstellung zusätzlicher Informationen.
Gleichzeitig sehen wir einen sehr aktiven zivilgesellschaftlichen Bereich mit einer zunehmenden Zahl von „Watchdog“-Organisationen, die sich um relevante soziale und ökologische Themen kümmern. Durch moderne Kommunikationswege stehen deren Informationen umfassend und zeitnah zur Verfügung und können im Rating berücksichtigt werden.
Die Unterschiedlichkeit der Ergebnisse ist vor allem dadurch begründet, dass das zugrunde gelegte Kriterien-Set und dessen Operationalisierung und Gewichtung von Agentur zu Agentur unterschiedlich ist. Zudem konzentrieren sich einige Agenturen ja ganz bewusst auf einzelne Aspekte der Nachhaltigkeitsleistungen, das Carbon Disclosure Project (CDP) etwa auf die Klimastrategie, Trucost auf Verbrauchs- und Emissionsdaten. Hier kann das Ergebnis einer Bewertung natürlich ganz anders aussehen als bei einem „Komplettrating“.

ECOreporter: Inwiefern unterscheiden sich Nachhaltigkeitsanalysen, die für das Investment nach dem Best-in-class-Ansatz genutzt werden, von denen für das Investment nach Ausschlusskriterien?

Häßler:  Beide Analysen gehen bei uns Hand in Hand. Für alle Unternehmen aus unserem Universum führen wir sowohl eine Best-in-Class-Analyse als auch eine Analyse im Hinblick auf mögliche Verstöße gegen die von uns abgedeckten Ausschlusskriterien durch. Bei den Ausschlusskriterien unterscheiden wir kontroverse Geschäftsfelder, etwa Alkohol, Tabak und grüne Gentechnik, und kontroverses Geschäftsverhalten, z. B. Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen. Bei letzteren haben externe Quellen eine besondere Bedeutung.  
Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen und andere Kontroversen schlagen sich unmittelbar auch im Best-in-Class Rating nieder und führen dort zu zum Teil deutlichen Abwertungen. Aufgrund der Methodik dieses Ansatzes kann es sein, dass ein Unternehmen zwar einen leichten Verstoß hat, in anderen Bereichen des Ratings aber so viele Punkte sammelt, dass es insgesamt eine befriedigende Bewertung erhält. Die meisten unserer Kunden kombinieren daher die Nutzung des Best-in-Class-Ratings mit der Aktivierung von Ausschlusskriterien. Welche dies sind, legen die Investoren aber individuell fest, hier gibt es von unserer Seite keine Vorgaben.
Grundsätzlich finden wir den Wettbewerb der Nachhaltigkeitskonzepte bei den Nachhaltigkeits-Ratingagenturen sinnvoll und für den nachhaltigen Kapitalmarkt hilfreich. Investoren und Asset Manager haben so die Möglichkeit, das Konzept auszuwählen, dass ihren Vorstellungen von Nachhaltigkeit am besten entspricht.
(Lesen Sie zum Best-in-class-Ansatz auch unsere  Sonderseite (Link entfernt)  darüber  – die Red.).

ECOreporter: Barbara Happe von der NGO 'urgewald' hat bei einer Diskussion über die Südwind-Studie erklärt, dass die Ergebnisse von Nachhaltigkeitsratingagenturen zum Teil die Arbeit von NGO‘s "konterkarieren" würden und machte dies am Beispiel der Deutschen Bank fest, die in einigen Nachhaltigkeitsanalysen gut abgeschnitten hat. Was sagen Sie dazu?

Häßler:  Wie dargestellt kommt den Bewertungen glaubwürdiger NGO‘s in Teilen des Ratings hohe Bedeutung zu. Wir sehen unsere Rolle hier auch darin, die Unternehmen mit den entsprechenden Vorwürfen von NGO‘s zu konfrontieren. Dies verschafft nach unserer Wahrnehmung den Anliegen der NGO‘s in den Unternehmen zusätzliche Aufmerksamkeit und unterstützt diese in ihrer Arbeit. Gleichzeitig nutzen verschiedene NGOs unsere Analysen, um z. B. zu prüfen, mit welchen Unternehmen sie zusammenarbeiten können.
Die Widersprüche in den Aussagen, die Frau Dr. Happe als „konterkarieren“ bezeichnet, beruhen auf den verschiedenen Bewertungsansätzen. Während urgewald sich auf bestimmte Einzelthemen konzentriert, versuchen wir im Rahmen des Best-in-Class-Ansatzes ein breites Bild der Nachhaltigkeitsaktivitäten zu zeichnen. Dabei spielen die von NGO‘s aufgedeckten Missstände eine wichtige Rolle, aber eben auch andere Aspekte. Ich denke, dass man diese unterschiedlichen Schwerpunkte auch deutlich machen kann.
Für unsere Arbeit von besonderer Bedeutung sind die Investoren, die unsere Ratings für ihre Kapitalanlage nutzen und unsere Arbeit finanzieren. Ihre Informationsbedürfnisse haben für die Gestaltung der Ratings bzw. die Auswahl der Kriterien hohe Bedeutung.

ECOreporter: Die Studie des Südwind-Instituts stellt fest, dass die befragten Unternehmen große Qualitätsunterschiede bei den Fragen der Nachhaltigkeitsratingagenturen sehen und auch die abschließende Bewertung des Öfteren nicht nachvollziehen können. Inwiefern tauschen Sie sich mit den Unternehmen über die Analysen und ihr Zustandekommen aus?

Häßler:  Bei der Interpretation der Daten aus der Südwind-Studie muss man zunächst beachten, dass es sich um eine qualitative Studie auf Basis von kurzen Interviews mit 22 Unternehmen handelt. Interviews liefern häufig wichtige Hinweise auf Themen und Fragestellungen, denen man dann in einer zweiten Studie auf Basis einer größeren Fallzahl nachgehen kann. Gleichzeitig ist es aber problematisch, aus so kleinen Stichproben verallgemeinernde  Aussagen abzuleiten (lesen Sie dazu auch den  Kommentar  von ECOreporter – die Red.).
Gleichwohl ist die Transparenz des Ratingprozesse und der -ergebnisse eine der Kernfragen des Nachhaltigkeitsratings insgesamt und des gewünschten Einflusses auf das Nachhaltigkeitsmanagement der Unternehmen im Speziellen. Nur wenn die Unternehmen nachvollziehen können, warum sie wie bewertet werden, können sie entsprechende Schritte zu Verbesserung der Qualität ihres Nachhaltigkeitsmanagements einleiten.
Unsere Impact-Studie, für die wir im vergangenen Jahr 199 Großunternehmen weltweit befragt haben, hat ebenfalls ergeben, dass nur rund ein Drittel der Unternehmen den Bewertungsprozess weitgehend transparent halten, 44,4 Prozent aber nur vage Vorstellungen haben. Jedes sechste befragte Unternehmen sieht große Unterschiede zwischen den Agenturen. Es hat uns sehr gefreut, dass uns 41,3 Prozent der Unternehmen besondere Transparenz bescheinigt haben.
Der Schlüssel für die Transparenz gegenüber den Unternehmen liegt zum einen in der aktiven Einbeziehung der Unternehmen in den Bewertungsprozess, zum anderen in der Bereitstellung der Ergebnisse. Unsere Analysten sind regelmäßig im Dialog mit den Unternehmen und können dabei auch methodische Fragen beantworten. Am Ende eines Ratingprozesses stellen wir den Unternehmen unsere umfassenden Rating Reports jeweils kostenlos zur Verfügung. Insgesamt gibt es beim Thema Transparenz für die Nachhaltigkeits-Ratingagenturen aber noch Handlungsbedarf.

Bildhinweis: Kupfermine in Australien: Die Südwind-Studie hat zum Beispiel untersucht, inwiefern Bergbau-Unternehmen an ihren umweltzerstörenden Geschäftspraktiken etwas ändern, wenn Nachhaltigkeitsrating-Agenturen sie bewerten. / Quelle: Fotolia

ECOreporter: Gibt es Qualitätsstandards für Nachhaltigkeitsratings und werden diese in der Branche auch erfüllt? Wie werden Ihre Standards überprüft?

Häßler:  Es gibt für unabhängige Nachhaltigkeits-Ratingagenturen einen sehr umfassenden Qualitätsstandard, den ARISTA Responsible Investment Research Standard. Entwickelt wurde der freiwillige internationale Standard vom Verband der unabhängigen Nachhaltigkeitsrating-Agenturen ARISE (Association for Responsible Investment Services) und gefördert von der Europäischen Kommission.
Der Standards fordert von den Nachhaltigkeits-Ratingagenturen unter anderem fortlaufende Qualitätsverbesserungen und Qualitätskontrollsysteme über alle Researchgebiete, einen Verhaltenskodex, um Unabhängigkeit, Integrität Transparenz und Verantwortlichkeit in jeder Abteilung sowie im Rechercheprozess zu gewährleisten sowie Transparenz gegenüber Kunden und anderen Akteuren über die Umsetzung der Anforderungen des Standards. Die Einhaltung dieser und weiterer Anforderungen wird regelmäßig durch unabhängige Prüfer im Rahmen von Audits überwacht.
oekom research gehört zu den ersten Agenturen, die sich nach diesem Standard zertifiziert haben lassen. Wir haben eine eigene Qualitätsmanagerin, die über die Einhaltung der strengen Vorgaben des ARISTA-Standards wacht.

ECOreporter: Warum benötigt der Markt des Nachhaltigen Investments verschiedene Nachhaltigkeitsratingagenturen? Wäre es sich nicht sinnvoller und effizienter, wenn Unternehmen bei den Anfragen von Nachhaltigkeitsratingagenturen einen einheitlichen Fragebogen beantworten müssten und die Ratings somit vergleichbarer und damit vielleicht auch wirkungsmächtiger wären?

Häßler:  Zunächst einmal muss man feststellen, dass die Zahl unabhängiger Nachhaltigkeits-Ratingagenturen in den vergangenen Jahren durch Fusionen und Übernahmen deutlich zurückgegangen ist. Weltweit sind heute vielleicht ein Dutzend größerer Agenturen aktiv. Im Rahmen unserer angesprochen Impact-Studie haben zwei Drittel der Unternehmen angegeben, dass sie maximal zehn Anfragen von Nachhaltigkeits-Ratingagenturen pro Jahr erhalten.
Im Hinblick auf den Wunsch nach Vereinheitlichung möchten wir einen Vergleich zum konventionellen Kapitalmarkt ziehen. Hier geben neben den drei großen Ratingagenturen zahlreiche kleine Agenturen und darüber hinaus die Analysten beinahe jedes Bankhauses ihre Einschätzungen und Prognosen zu den Unternehmen ab. Gerade aus der Summe der Einschätzungen ergibt sich ein umfassendes Bild von den Unternehmen. Wir kennen keine Stimmen, die im konventionellen Bereich ein Einheitsrating fordern, hier wird im Gegenteil sogar mehr Vielfalt gefordert.
Insofern ist nicht wirklich nachvollziehbar, warum dies bei der Bewertung der Nachhaltigkeit anders sein sollte. Hier gibt es wie dargestellt einen Wettbewerb der Konzepte, der den Investoren die Auswahl des aus ihrer Sicht besten Anbieters ermöglicht. Im Hinblick auf die Effizienz kann man feststellen, dass sich der Aufwand zur Beantwortung der Anfragen von Nachhaltigkeits-Ratingagenturen in den Unternehmen nach den uns vorliegenden Zahlen in Grenzen hält. Rund drei Viertel der Unternehmen reicht zur Beantwortung der Anfragen eine halbe Stelle aus, so das Ergebnis der oekom Impact-Studie. Im Vergleich zur personellen Ausstattung von IR-Abteilungen (IR = Investor Relations - die Red.) ist dies ein vergleichsweise kleiner Aufwand – vor allem wenn man bedenkt, dass der Marktanteil nachhaltiger Kapitalanlagen nach Angaben der Global Sustainable Investment Alliance heute bei über 20 Prozent liegt. Unseres Erachtens kommt es darauf an, dass die Unternehmen die nachhaltigen Investoren als festen Bestandteil des Kapitalmarktes akzeptieren und die entsprechenden Anfragen nicht mehr als „Zusatzaufwand“, sondern als normalen Teil ihrer IR-Arbeit ansehen.

ECOreporter: Inwiefern wollen und inwiefern können Nachhaltigkeitsratingagenturen bei den Unternehmen bewirken, dass diese Ihre Nachhaltigkeit verbessern? Oder sehen Sie sich eher als neutralen Beobachter, der es seinen Kunden - den nachhaltigen Investoren - überlässt, Veränderungen anzuschieben?

Häßler:  Für oekom research gilt, dass es eines der Kernmotive unserer Arbeit ist, die Unternehmen zu einer stärkeren Berücksichtigung der Herausforderungen der Nachhaltigkeit zu bringen. Der Hebel hierfür sind die Kapitalanlagen privater und institutioneller Investoren, die Instrumente vor allem der Best-in-Class-Ansatz, die Nutzung von Ausschlusskriterien und die Unterstützung von Investoren in Engagement-Dialogen mit den Unternehmen.
Im Rahmen der oekom Impact-Studie hat rund ein Drittel der befragten Unternehmen bestätigt, dass die Anfragen von Nachhaltigkeitsanalysten die Gesamtstrategie des Unternehmens beeinflussen, knapp fünf Prozent sprechen hier sogar von einem großen Einfluss. Noch stärker wirken entsprechende Anfragen auf die Nachhaltigkeitsstrategie und die in diesem Bereich formulierten Ziele. Hier bescheinigen 15,1 Prozent der Unternehmen den entsprechenden Anfragen einen starken, weitere 45,2 Prozent einen eher starken Einfluss auf deren Gestaltung. Am größten ist der Einfluss bei der Gestaltung von einzelnen Maßnahmen im Rahmen des Nachhaltigkeitsmanagements. Insgesamt mehr als zwei Drittel der Unternehmen geben hier an, dass sie die Anfragen von Nachhaltigkeitsanalysten einbeziehen.
Der größte Einfluss auf das Nachhaltigkeitsmanagement wird dabei von den Unternehmen dem Best-in-Class-Rating bescheinigt. 39,9 Prozent der befragten Unternehmen setzen diesen Ansatz auf Rang 1. Als zweitwichtigste Strategie sehen die Unternehmen das Engagement, d. h. den direkten Dialog zwischen Unternehmen und Investor, an. Deutlich weniger Einfluss haben nach Aussagen der Unternehmen die Anwendung von Ausschlusskriterien und die Nutzung der Stimmrechte bei Hauptversammlungen. Diese Zahlen zeigen sehr deutlich, dass der Hebel funktioniert – und dies umso besser, je mehr Kapital auf Basis von Nachhaltigkeitsratings investiert wird. Insofern ist das Anstoßen von Veränderungen eine Gemeinschaftsaufgabe von Investoren und Agenturen.

ECOreporter: Die Südwind-Studie legt nahe, dass Unternehmen die Wirkung von Nachhaltigkeitsratings als gering einschätzen. Wie sehen Sie das und stellt das nicht den Sinn von nachhaltigem Investment in Frage?

Häßler:  Zur Wirkung haben wir eine deutlich andere Einschätzung, die entsprechenden Zahlen hierzu habe ich in der vorangehenden Frage zitiert. Ergänzen kann man hier, dass wir gerade von den Nachhaltigkeitsabteilungen in den Unternehmen häufig als „Sherpa“ angesehen werden. Externe Anfragen mit Kapitalmarkthintergrund haben in vielen Unternehmen erst dazu geführt, dass Nachhaltigkeitsthemen auf die Agenda gekommen und Bedeutung sowie Einfluss der entsprechenden Abteilungen gestiegen sind. Für fast zwei Drittel der im Rahmen der oekom Impact-Studie befragten Unternehmen waren Anforderungen von Nachhaltigkeits-Ratingagenturen der ausschlaggebende Faktor dafür, sich überhaupt mit dem Thema Nachhaltigkeit zu beschäftigen. Größere Bedeutung hatten hier nur die Forderungen von Kunden. Bei der Frage, welche Akteure für die zukünftige Entwicklung des Themas Nachhaltigkeit in den Unternehmen Bedeutung haben, liegen die Nachhaltigkeits-Ratingagenturen mit 84,4 Prozent der Nennungen vor den NGO‘s mit 69,3 Prozent.
Grundsätzlich finden wir es aber nicht zielführend, hier einen Gegensatz zu konstruieren. Durch die Kombination beider Ansätze lässt sich sicherlich mehr erreichen als durch die in unseren Augen sachlich nicht begründete Infragestellung der Wirksamkeit des nachhaltigen Investments.

ECOreporter: Warum sind die Ergebnisse Ihrer Nachhaltigkeitsanalysen nicht öffentlich zugänglich? Wären diese nicht wirkungsmächtiger, wenn wenigstens die Gesamtnoten publik würden?

Häßler:  Diese Frage muss man vor dem Hintergrund unseres Geschäftsmodells beantworten. Anders als konventionelle Ratingagenturen werden wir nicht von den Unternehmen dafür bezahlt, dass wir sie bewerten, sondern von den Investoren, die unsere Ratings nutzen. Dies verschafft uns ein hohes Maß an Unabhängigkeit gegenüber den Unternehmen, bedingt aber gleichzeitig, dass wir die Ergebnisse der Ratings nicht öffentlich kommunizieren können, da sonst niemand mehr dafür bezahlen würde.
Wir sind keine Art „Stiftung Warentest“, die quasi im öffentlichen Auftrag und mit öffentlicher Förderung Bewertungen durchführt, sondern ein privat wirtschaftendes Unternehmen, das sich über die Nutzung der Ratings finanziert. Gleichwohl veröffentlichen wir zahlreiche Publikationen, in denen wir über die Ergebnisse unserer Ratings berichten und beispielsweise die drei besten Unternehmen der einzelnen Branchen nennen. Diese Informationen stehen Interessierten kostenlos zur Verfügung.

ECOreporter: Wo sehen Sie Nachholbedarf bei sich und bei anderen Akteuren im Bereich des nachhaltigen Investments, um mehr Nachhaltigkeit bei Unternehmen zu erreichen?

Häßler:  Grundsätzlich ist es so, dass der Hebel „Kapital für Nachhaltigkeit“ umso stärker in den Unternehmen wirkt, je mehr Kapital auf der Basis von Nachhaltigkeitskriterien investiert wird. Und hier sind wir inzwischen aus der Nische herausgewachsen.
Für die Nachhaltigkeits-Ratingagenturen ist die bereits angesprochene Frage der Transparenz und damit der Glaubwürdigkeit von besonderer Bedeutung. Ziel muss es hier sein, dass die Unternehmen im Detail nachvollziehen können, warum sie wie bewertet werden und wo die Defizite liegen. Der Dialog mit den Unternehmen sowie die Bereitstellung der Ergebnisse sind hierfür von entscheidend.
Schließlich könnte man die Hebelwirkung vervielfachen, wenn Nachhaltigkeitsratings nicht nur bei der Finanzierung über Aktien und Anleihen berücksichtigt werden würden, sondern beispielsweise auch bei der Kreditvergabe durch die Banken. Die Risiken, die sich aus einer schlechten Nachhaltigkeitsleistung der Unternehmen für den Aktienkurs oder die Rückzahlung einer Anleihe ergeben können, sind ja für die Vergabe und Prolongation von Krediten von ebenso großer Bedeutung.   

ECOreporter: Herr Häßler, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Per  Mausklick<link http:="" www.ecoreporter.de="" artikel="" viele-nachhaltige-fonds-auf-dem-deutschen-markt-sind-zu-weich-und-zu-hellgruen-interview-mit-silke-stremlau-imug-11-02-2014.html="" -="" external-link-new-window="" "Opens="" external="" link="" in="" new="" window"=""></link> gelangen Sie zu unserem Interview mit Silke Stremlau von der Nachhaltigkeitsrating-Agentur imug.
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