Daniel Sailer verantwortet als Vizepräsident das Geschäft mit Nachhaltigkeits-Research bei MSCI ESG (Environmental, Social und Governance) Research im deutschsprachigen Europa. Er berät Investoren und Vermögensverwalter wie z. B. Versicherungen und Pensionskassen in der Integration von Nachhaltigkeitsfaktoren in den Investmentprozess. / Foto: Unternehmen

13.04.16 Fonds / ETF

„Nachhaltigkeitsresearch trägt dazu bei, dass Nachhaltigkeit für Unternehmen an Bedeutung gewinnt“ - Interview mit Daniel Sailer, MSCI ESG Research

MSCI ESG Research ist nach eigenen Angaben der weltweit  größte Anbieter von Nachhaltigkeitsresearch. Welche Schwerpunkte legt die MSCI-Tochter bei ihren Nachhaltigkeitsanalysen? Wie aussagekräftig können die Nachhaltigkeitsratings sein? Inwiefern leisten sie einen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit von Unternehmen? Antworten auf diese und weitere Fragen gibt Daniel Sailer, Vizepräsident MSCI ESG Research im deutschsprachigen Europa.

ECOreporter.de: Welche Verbindung hat MSCI ESG Research zur US-amerikanischen MSCI, die vor allem für ihren Weltaktienindex bekannt ist?
Daniel Sailer:  MSCI ESG Research ist eine 100%-ige Tochter von MSCI Inc. Die börsengelisteten Gesellschaft MSCI Inc. ist ein Anbieter von Research und Investment Tools, wie z. B. Indices, Portfolio & Risiko Management Tools und ESG Research. Mit über 900 ESG Research Kunden ist MSCI der weltweit größte Anbieter von Nachhaltigkeitsanalysen und Ratings im Bereich Umwelt, Soziales und (ESG).

ECOreporter.de: Seit wann und warum bieten Sie Nachhaltigkeitsanalysen an, in welchem Umfang und mit welcher Kompetenz?
Daniel Sailer:  Basierend auf den Pionieren Innovest, KLD und GMI, die übernommen wurden, bietet MSCI seit über 40 Jahren Nachhaltigkeitsanalysen an. In dem Geschäftsbereich arbeiten über 250 Mitarbeiter, darunter befinden mehr als 150 ESG Analysten in 18 weltweiten Standorten, u. a. in Frankfurt. MSCI analysiert über 6500 Unternehmen und 200 Staaten und Bundesländer. Wir zählen 47 der 50 größten Vermögensverwalter (Asset Manager) zu unseren Kunden.

ECOreporter.de: Inwiefern sind die Ergebnisse Ihrer Nachhaltigkeitsanalysen öffentlich zugänglich?
Daniel Sailer:  MSCI stellt allen gerateten Unternehmen ihre eigene Analyse im Rahmen eine Corporate Communication Prozesses kostenfrei zur Verfügung und validiert die Resultate. Die Rating Methodik  des Research und der ESG Indexes stehen auf unserer Webseite www.msci.com kostenfrei zur Verfügung.

ECOreporter.de: Inwiefern tauschen Sie sich mit den untersuchten Unternehmen über die Analysen und ihr Zustandekommen aus?
Daniel Sailer:  Dies ist ein sehr wichtiger Teil unserer Analyse. MSCI verschickt keine Fragebögen an Unternehmen. Auf diese Weise vermeiden wir, dass kleine Unternehmen oder nachhaltige Unternehmen ohne große Nachhaltigkeits-Abteilung oder umfassende Nachhaltigkeitsberichterstattung   nicht benachteiligt werden. Somit beruht unserer Analyse, die wir seit über 40 Jahren betreiben, auf öffentlich zugänglichen Informationen wie Unternehmensberichten, Regierungsdatenbanken oder NGO- und Medienberichterstattung. 6 bis 10 Wochen vor der Rating Erstellung erhält jedes Unternehmen vorab seine ESG Daten mit der Einladung zur Validierung und Engagement. In den letzten 6 Monaten stand unser Team im Durchschnitt mit über 150 Unternehmen pro Monat im Kontakt. Dies sind 1.800 im Jahr, was einer Rückmelde Quote von ca. 30 Prozent entspricht. Die Quoten sind sehr hoch in Europa und entsprechend niedriger in den Schwellenländern. Die höchste Steigerung sehen wir bei US-Unternehmen, die sich verstärkt mit Ihrem ESG Rating auseinandersetzen. Wichtig ist, dass dieser Austausch selbstverständlich kostenfrei ist. Weiter bietet MSCI keine kostenpflichtigen Beratungsleitungen an geratete Unternehmen an, um Interessenskonflikte zu vermeiden.

ECOreporter.de: Kooperieren Sie für das Erarbeiten von Nachhaltigkeitsanalysen mit Partnern?

Daniel Sailer:  MSCI erarbeitet alle Analysen intern. Bei der Auswahl unserer Quellen, stehen wir natürlich im engen Austausch und nutzen unter anderem Informationen von Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs). Ein Beispiel ist der Bereich Carbon Daten. MSCI bezieht Rohdaten von CDP (Carbon Disclosure Projekt) und unsere Carbon Analysten reichern diese Daten auf Basis von unseren Modellen an und führen eine Qualitätssicherung durch.

ECOreporter.de: Inwiefern ist ein Nachhaltigkeitsrating mehr als Datensammeln?

Daniel Sailer:  Bei der Auswahl unserer über 150 Analysten achten wir sehr stark auf Ihre Qualifikation. Gerade die ESG Risiko Analyse von Industrien wie Öl & Gas oder Pharmazie verlangt ein spezifisches Know how. Deshalb haben unsere Analysten überwiegend in der Branche gearbeitet, die sie analysieren. Unsere Nachhaltigkeitsratings untersuchen, inwieweit Unternehmen speziellen ESG Risiken ausgesetzt sind und was sie unternehmen, um diese Risiken zu bewältigen. Unternehmen, die höheren Risiken ausgesetzt sind, müssen fortschrittliche Risikomanagementstrategien vorweisen können, um ein gutes Rating zu erlangen. Weiter wird analysiert, wie es Unternehmen gelingt Chancen, im Bereich Umwelt und Soziales, als Wettbewerbsvorteil zu nutzen. Themengebiete in diesen positiven Indikatoren sind z. B. Chancen im Bereich Clean Tech, nachhaltiges Bauen oder erneuerbare Energien. Zugang zu Kommunikations- und Finanzdienstleistungen, Gesundheitsversorgung und Chancen im Bereich Ernährung und Gesundheit stellen die Chancen Themen im Bereich Soziales dar. Die Indikatoren werden entsprechend Ihrer Materialität in der Industrie selektiert und gewichtet. Im Vorliegen von Kontroversen wie z. B. Kinderarbeit oder Korruption vorliegen erfolgt ein Abzug in der Ratingkalkulation.

ECOreporter.de: Inwiefern erfüllt MSCI ESG Research Qualitätsstandards für Nachhaltigkeitsratings und werden Ihre Standards überprüft?

Daniel Sailer:  MSCI ESG Research ist durch das Listing der Muttergesellschaft an der New York Stock Exchange ein durch die SEC (amerikanische Wertpapieraufsicht) regulierter Investment Advisor. Dieses externe Audit ist in der Branche einzigartig und unterscheidet uns von anderen Nachhaltigkeitsrating -Agenturen, welche keiner staatlichen Regulierung unterliegen. Die SEC prüft unter anderem die Unabhängigkeit der Beurteilung, wie Interessenskonflikte vermieden werden, ob und wie ein Ethik Kodex angewendet wird.

ECOreporter.de: Wer gehört zur Zielgruppe Ihres Informationsangebotes? Kooperieren Sie mit Anbietern von Fonds oder Indices?

Daniel Sailer:  Zielgruppe unserer Informationen sind Investoren wie  Asset Manager, Banken, Versicherungen, kirchliche Anleger oder Pensionskassen. Zu unseren über 900 Kunden zählen die weltweit führenden Fondsanbieter. MSCI ist der weltweit führende Anbieter von internationalen Aktien Indices. Ca. 9.5 Billionen USD werden gegen unserer Indices verglichen. Im ESG-Bereich  kalkuliert MSCI ca. 200 ESG Aktien Indices und zusammen mit Barclays ca. 500 ESG Anleihe Indices.

ECOreporter.de: Ist MSCI ESG Research auf bestimmte Auswahlverfahren spezialisiert, zum Beispiel auf Ausschlusskriterien oder den so genannten Best-in-class-Ansatz?

Daniel Sailer:  MSCI ESG Research bietet alle Services an, welche für Investoren von Relevanz sind. Dazu zählen Ausschlusskriterien, Ratings, Carbon Daten oder ESG Fonds Ratings.

ECOreporter.de: Was unterscheidet Sie von anderen Anbietern von Nachhaltigkeitsresearch?

Daniel Sailer:  Verantwortlich für die Signalstärke des MSCI ESG Ratings ist die Fokussierung auf die so genannte Materialität. Materielle ESG Analyse legt den Fokus auf Faktoren, die einen spürbaren Effekt auf das ESG Risikoprofil und somit auch finanzielle Performance eines Unternehmens haben können. Von materieller Relevanz sind z. B. für Banken Themen wie das Kreditgeschäft in umweltsensitiven Branchen, Produktportfolio und Humankapital. Neben diesen Key Performance Indikatoren spielt die branchenspezifische Gewichtung und Research-Tiefe eine signifikante Rolle bei der Kalkulation des MSCI ESG Ratings.
MSCI ESG Research analysiert Corporate Governance / Unternehmensführung anhand von 96 einzelnen Indikatoren aus den Bereichen Eigentümerstruktur, Aufsichtsrat, Bezahlung und Bilanzierung. Die Analyse findet täglich statt, da neben der vorhandenen Struktur Vorfälle wie Ausscheiden eines CEO’s oder etwa Fusionen Goverance Profil eines Unternehmens stark beeinflussen können. Zum Beispiel haben im Fall von Volkswagen Corporate Governance Vorfälle neben der Unternehmensstruktur deutlich die Bewertung stark beeinflusst. Volkswagen war daher bereits einige Zeit vor den kontroversen Vorfällen nicht in den MSCI-ESG Indexes vertreten oder wurden nicht als besonders nachhaltig ausgezeichnet. Dies konnte nicht jeder ESG Research Anbieter von sich behaupten.

ECOreporter.de: Wie aussagekräftig können Nachhaltigkeitsanalysen sein? Und warum kommen die Analysen verschiedener Nachhaltigkeitsratingagenturen mitunter zu unterschiedlichen Ergebnissen, obwohl doch die gleichen Unternehmen bewertet werden?

Daniel Sailer:  Dass sich die ESG Ratings verschiedener Anbieter voneinander unterscheiden, liegt in erster Linie an unterschiedlichen Rating-Modellen. Es gibt keine einheitliche Definition von Nachhaltigkeit am Markt. Daher greifen die Rating-Anbieter bei der Analyse auch auf unterschiedlichen Faktoren zurück. Während viele Rating-Agenturen einen sehr breiten Ansatz verfolgen und die Nachhaltigkeit eines Unternehmens anhand vieler Themenfelder beurteilen, fokussiert sich MSCI bewusst nur auf diejenigen Bereiche, die von materieller Relevanz sind. Auf diese Weise vermeiden wir, dass das Signal eines ESG Rating verwässert wird. Zudem erstellt MSCI ein Risikoprofil jedes Unternehmen, welches dem Risikomanagement gegenüber gestellt wird. Mit dieser Vorgehensweise sind wir  in der Branche führend. Unternehmen ohne Nachhaltigkeitsberichterstattung erhalten bei vielen Anbietern per se ein schlechtes ESG Rating. Bei uns ist dies, wie bereits oben dargestellt, nicht der Fall. Unterschiedliche ESG Ratings spiegeln insofern die verschiedenen Analyseansätze wieder. Wir sehen dies nicht als problematisch. Auch bei klassischen Finanzratings gibt es Diskrepanzen. Ob und wenn ja welches Rating-Model sich durchsetzen wird, entscheidet der Markt. Auch bei klassischen Finanzanalysen, z. B. den so genannten I/B/E/S Schätzungen zu künftigen Finanzkennzahlen, liegen die Analysen auseinander.

ECOreporter.de: Inwiefern wollen und inwiefern können Sie bei den Unternehmen bewirken, dass diese Ihre Nachhaltigkeit verbessern?

Daniel Sailer:  MSCI ESG Research sieht sich in erster Linie als Anbieter von Ratings und Daten. Wir geben dabei keine Investment-Empfehlungen und positionieren uns nicht auch nicht mit einer eigenen Meinung am Markt, was unter einer ESG-Perspektive richtig oder falsch ist. Unser Ziel ist es, dass unsere Kunden besser informiert nachhaltige Anlageentscheidungen treffen können. Mit unseren Produkten und Services unterstützen wir Investoren bei der Umsetzung nachhaltigen Investmentstrategien. Insofern tragen wir natürlich indirekt dazu bei, dass nachhaltige Themen stärkere Beachtung im Finanzmarkt finden und Nachhaltigkeit zunehmend an Bedeutung für Unternehmen gewinnt.  Durch die Teilnahme der gerateten Unternehmen an der Qualitätssicherung, setzen sich die geratete Unternehmen mit Ihrer Analyse auseinander. Durch diesen Prozess erhalten Unternehmen Anhaltspunkte, in denen sich die Nachhaltigkeit verbessern lässt. 

ECOreporter.de: Herr Sailer, haben Sie vielen Dank für die Antworten.

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