06.03.12 Nachhaltige Aktien , Meldungen

Pleite-Aktien: Geheimtipp oder Schrott-Papiere? Warum die Aktien insolventer Unternehmen wie Solar Millennium oder Solon noch an der Börse gehandelt werden



Im Vergleich zu den Kursen vergangener Tage erscheinen sie fast wertlos, die Aktien der der Pleite-Solarunternehmen Solon SE aus Berlin und Solar Millennium AG aus Erlangen. Allerdings nur fast. Diese Anteilsscheine  sind inzwischen zwar so genannte Pennystocks, also nur noch wenige Cent wert. Aber die Pleite der beiden einstigen Schwergewichte der deutschen Solarbranche haben sie nicht vom Kurszettel verschwinden lassen. „Bei einem insolventen Unternehmen erfolgt ein Widerruf der Zulassung auf Antrag des Insolvenzverwalters. Allein die Tatsache der Insolvenz führt nicht dazu, dass eine Börsenzulassung widerrufen wird“, erklärt Andreas von Brevern, Sprecher der Deutsche Börse AG in Frankfurt. „In der Regel wird bei Bekanntgabe einer Insolvenzanmeldung der Handel ausgesetzt, da die Insolvenz meist  nicht öffentlich bekannt und kursrelevant ist. Nach einer gewissen Phase wird der Handel aber wieder aufgenommen“, ergänzt Hendrik Janssen, Sprecher der Börse Hannover.

Allein in den vergangenen zwei Wochen gingen mit dem Elektroautohersteller Smiles AG aus Aub bei Würzburg und dem Photovoltaikunternehmen Ralos New Energies AG aus Griesheim zwei weitere börsennotierte Cleantech-Mittelständler in Konkurs, die wohl bis auf weiteres an der Börse verbleiben.

Kurzfristige Kurssprünge Monate nach der Pleite

Seit Mitte Dezember ist die Solar Millennium AG, Spezialistin für solarthermische Kraftwerke aus Erlangen, insolvent. Zum Handelsschluss kostete die Solar-Millennium-Aktie gestern ganze 0,22 Euro. Damit verlor sie gegenüber dem Vortag 4,76 Prozent. Auf Monatssicht hat die Solar-Millennium-Aktie fast 27 Prozent eingebüßt. Vor einem Jahr war sie beinahe 99 Prozent mehr Wert als gestern. Die Aktie des Berliner Photovoltaikkonzerns Solon SE beendete den gestrigen Handelstag bei 0,26 Euro. Vor vier Wochen war sie noch knapp 17 Prozent teurer und vor einem Jahr satte 93 Prozent. Der indisch-arabische Solarkonzern Microsol hat vor wenigen Tagen ein verbindliches Kaufangebot für den Kern von Solon vorgelegt (ECOreporter.de Opens external link in new windowberichtete).

Gerade Nachrichten wie die von der möglichen Rettung der Solon SE führen zu Spekulationen unter Börsianern. Deshalb kann eine Pleite-Aktie zu einem kurzfristigen „Zocker-Papier“ werden. Weil sie so günstig ist, können Anleger verhältnismäßig große Mengen kaufen. Wenn die Aktie aufgrund neuer Spekulation einen Satz noch oben macht, bringt dies für die Spekulanten schnellen Profit. Aber: Es bleibt stets unklar, ob und für wie lang Pleite-Unternehmen wie Solon oder Solar Millennium Börsen-Unternehmen bleiben. „Wir können uns nicht darüber äußern, welche Motivationen Anleger haben. Grundsätzlich könnte man jedoch sagen: Solange Aktien handelbar bleiben, könnte sich ein neuer Investor finden, der zum Beispiel einem insolventen Unternehmen wieder auf die Beine hilft“, sagt Andreas von Brevern von der Börse Frankfurt zur Frage, inwiefern es Sinn machen kann, nach einer Unternehmenspleite an einer Aktie festzuhalten, oder sie dann zu kaufen.

Bildnachweis: Hauptsitz von Solon SE in Berlin.
/ Quelle: Unternehmen


Für den jeweiligen Insolvenzverwalter ist es von Brevern zufolge nicht zuletzt auch eine Kostenfrage, ob er den Widerruf der Handelszulassung beantragt: „Eine geordnete Insolvenz kann sich über einen langen Zeitraum hinziehen, der Insolvenzverwalter muss in dieser Zeit auch die Rechte der Anleger
beachten. Es fallen dabei jährliche Listinggebühren an; an der Frankfurter Wertpapierbörse sind das 2.500 Euro pro Jahr im First Quotation Board, 5.000 Euro pro Jahr im Entry Standard, 7.000 Euro im General Standard und 10.000 Euro im Prime Standard“, sagt der Sprecher der Frankfurter Börse. „Erst wenn ein Unternehmen im Handelsregister gelöscht ist, wird die Notierung an der Börse automatisch eingestellt“, fügt er an.

Vermeintliche Karteileichen im Freiverkehr der Börse
 
Insolvenzverfahren ziehen sich teils über Jahre hin. Es dauert zudem einige Zeit, bis ein beantragter Widerruf der Börsenzulassung komplett wirksam ist. Deshalb kommt es vor, das Aktien noch viele Monate oder gar Jahre nach der Pleite des Unternehmens an der Börse gehandelt werden. Ein Beispiel aus der deutschen Solarbranche ist die Aktie der systaic AG. Die Düsseldorfer Spezialistin für gebäudeintegrierte Photovoltaik hatte im Dezember 2010 Insolvenz beantragen müssen. Knapp acht Monate später, am 10. August 2011, folgte der Antrag zum Delisting von der Börse. Endgültig vom Kurszettel verschwand die systaic-Aktie schließlich am 10. Februar 2012. Sie beendete ihren letzten Börsentag bei 13 Eurocent.

Es gibt einige Umwelttechnologie-Unternehmen, deren Aktien auch viele Jahre nach der Pleite noch an einer Börse in Deutschland gehandelt werden. Dies trifft beispielsweise auf das Biogas-Unternehmen Farmatic Biotech energy AG zu. Den Antrag auf Insolvenz stellte das Unternehmen aus norddeutschen Nortorf bereits 2004. Die Aktie dieser vermeintlichen Karteileiche im Handelsregister wird nach wie vor im Freiverkehr der Börse Stuttgart gehandelt. Am 1. März 2012 kostete eine Farmatic-Aktie dort zwei Eurocent.

Manchmal kommen sie wieder – die Wiederbelebung von Mantelaktien

Eine Möglichkeit, wie Aktien von vermeintlich „toten“ Unternehmen auch nach Jahren wiederbelebt werden, ist der Verkauf des jeweiligen Börsenmantels. „Es kommt immer wieder vor, dass Börsenmäntel mit neuem Leben gefüllt werden. In diesem Fall steigt ein neuer Investor ein und kann auch den Geschäftszweck eines Unternehmens ändern“, sagt Börsensprecher von Brevern. Ein Börsenmantel ist das, was von einem Börsen-Unternehmen überbleibt, wenn es das operative Geschäft eingestellt hat, aber dennoch an der Börse notiert ist. Für Unternehmer, die mit einer Geschäftsidee an die Börse wollen, kann sich der Kauf eines solchen Börsenmantels lohnen: Aktien-Unternehmen haben es leichter, sich frisches Kapital zu besorgen. Einerseits bringt oft schon das Börsendebüt selbst Geld ein. Andererseits ist ein Börsenunternehmen nicht allein auf Banken als Fremdkapitalgeber oder Beteiligungsangebote wie Anleihen oder Genussrechte angewiesen. Stattdessen kann ein Börsenunternehmen Kapital beispielsweise durch die Ausgabe neuer Aktien erhöhen. Zuvor jedoch verursacht der Börsengang auch große Kosten.

Das führt dazu, dass ein florierender Handel mit solchen Mantelaktien existiert. Finanzdienstleister, die Börsenmäntel anbieten, werben vor allem damit, dass ein Börsendebüt in Form eines so genannten „Cold-IPO“, also über den Kauf eines Börsenmantels, im Vergleich zum klassischen Weg Kosten und Aufwand spart.  Es gehört oftmals zum Geschäftsmodell solcher Händler, das „kalte Börsendebüt“ mit weiteren Dienstleistungen, wie organisatorischer Hilfestellung, zu begleiten. Wie teuer ein Börsenmantel ist, hängt unter anderem davon ab, in welchem Handelssegment  das Pleite-Unternehmen notiert war. Beziffert wird der Wert einer Mantelaktie mit dem Gutachten eines unabhängigen Wirtschaftsprüfers. Wer den kalten Börsengang wagt, kann sich auf diese Weise unter Umständen auch in einstmals klangvolle Markennamen einkaufen und so den Bekanntheitsgrad des eigenen Unternehmens mittelbar steigern. Umgekehrt gelten Mantelaktien mit schlechtem Image als schwerer vermittelbar.

Funktionieren kann  ein Cold-IPO wie folgt: Ein Großinvestor kauft sich zu mindesten 75 Prozent in den vakanten Börsenmantel ein. Mit dieser Mehrheit kann der Neueigentümer diesen inhaltlich neu ausgestalten. Anschließend folgt eine Kapitalerhöhung, an der sich neue Anleger beteiligen. 

Ein Beispiel dafür, dass ein solcher neuer Mantel nicht zwangsläufig zum Erfolg führt, ist die Colexon AG aus Hamburg. Das Solarunternehmen hat bereits mehrere Häutungen hinter sich. Bis zum Dezember 2007 firmierte es als Reinecke + Pohl Sun Energy AG. Deren Börsenmantel wiederum hatte die BK Grundbesitz + Beteiligungs AG im Mai 2005 übergestreift und sich dabei umbenannt. Schon diese Reinecke + Pohl Sun Energy AG war auf die Projektierung von großen Photovoltaikanlagen spezialisiert. Die Gesellschaft ist am 30. Mai 2005 durch Umfirmierung aus der BK Grundbesitz + Beteiligungs AG hervorgegangen. In 2006 wurde die Gesellschaft dann durch einen Bilanzskandal belastet worden und verfehlte zwei Jahre nacheinander die eigene Prognose.

Photovoltaik-Projekt von Colexon. / Quelle: Unternehmen


Es kam zu einer Umstrukturierung, die Führung wurde ausgewechselt und das Unternehmen in Colexon umbenannt, die dann 2009 auch noch mit der dänischen Renewagy A/S. Es ging wieder aufwärts. Doch ab 2010 sank diese tief in die Verlustzone. Erneut wurde die Führung ausgewechselt,  die neue setzte 2011 eine umfassende Neuausrichtung des Geschäftsmodells durch. Der ehemalige Solarprojektierer konzentriert sich fortan überwiegend auf den Handel mit Solarmodulen und Komponenten.  Bei der Umfirmierung zur Reinecke + Pohl Sun Energy Ag im Mai 2005 notierte die Aktie des Unternehmens bei 10,15 Euro. Als Colexon AG wird die Aktie heute Mittag in Frankfurt mit 0,24 Euro bewertet.

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