Rund 40 Prozent des weltweiten Stroms stammt aus Kohlekraftwerken. Nur wenn die Weltgemeinschaft diesen Anteil massiv verringert, kann sie den Klimawandel ausreichend begrenzen. / Quelle: Fotolia

29.06.17 Erneuerbare Energie

Studie: Kohle-Ausstieg von Banken und Investoren ist möglich

Weltweit droht ein massiver Ausbau von Kohlekraftwerken. Dabei ist die Verbrennung von Kohle der globale Klimakiller Nr. 1 und mit dem Weltklimaabkommen von Paris haben sich Hunderte Länder zum Klimaschutz verpflichtet. Eine neue Studie deckt die Ausbaupläne auf, die den internationalen Klimaschutz untergraben, nennt die Konzerne, die diese Ausbaupläne vorantreiben und die Länder, in denen die meisten neuen Kohlekraftwerke entstehen sollen. Und sie nimmt vielen Großinvestoren und Banken, die sich zum Ausstieg aus Kohleinvestment verpflichtet haben, die Ausrede, von diesen Aktivitäten nichts gewusst zu haben.

Am heutigen 29. Juni veröffentlicht die Umweltorganisation urgewald das Ergebnis einer umfassenden Recherche zum weltweiten Neubau von Kohlekraftwerken. Laut ihrer Untersuchung soll diese klimaschädlichste aller Energieerzeugungsformen global um weitere 43 Prozent ausgebaut werden. Es seien mehr als 1.600 neue Kohlekraftwerke bzw. –kraftwerksblöcke mit zusammen mehr als 840.000 Megawatt (MW) geplant oder in der Entwicklung. Damit wäre eine Einhaltung des Pariser Klimaziels, die Erderwärmung auf deutlich unter 2°C zu begrenzen, kaum mehr möglich. Laut urgewald droht mit dem geplanten Kohleausbau stattdessen eine Erderwärmung in Richtung 3°C oder 4°C mit  unkontrollierbaren Folgen für die Menschheit.

Konzerne wollen neue Kohleabhängige schaffen

Als „besonders besorgniserregend“ bezeichnet es Heffa Schücking, Geschäftsführerin von urgewald, dass viele neue Kohlekraftwerke in Ländern geplant sind, die bisher keine oder kaum Kohlekraftwerke betreiben. Gerade sie würden durch die neuen Kraftwerke in eine jahrzehntelange Abhängigkeit von Kohleverbrennung gebracht, was vor Ort zu massiven Umwelt- und Gesundheitsbelastungen führen würde. Die Umweltorganisation hat eine Liste der Länder erstellt, in denen ein besonders großer Neubau von Kohlekraftwerken erfolgen soll. Ganz oben stehen hier China und Indien, wo der Energiebedarf der jeweiligen Milliardenbevölkerung stark ansteigt, und weitere Schwellenländer wie Indonesien und Südafrika. Die Liste führt aber auch besonders viele bitterarme Staaten wie Ägypten, Bangladesh, Pakistan und Myanmar auf. Schücking dazu: „Ägypten hat derzeit kein einziges Kohlekraftwerk, doch wenn Unternehmen wie Shanghai Electric, ACWA Power und Orascom ihre Pläne in die Tat umsetzen, werden mehr als 17.000 MW neuer Kohlekraftwerkskapazität in dem Land installiert.“ Schücking weiter: „Pakistans Kohlekapazität soll von 190 MW auf fast 15.300 MW ansteigen. In Bangladesch würde der Ausbau die Kohle-Stromerzeugung von derzeit 250 MW auf knapp 16.000 MW nach oben katapultieren, in Myanmar von 160 MW auf 5.100 MW. Insgesamt wollen Entwickler von Kohlekraftwerken ihre Anlagen in 14 Ländern errichten, die ihren Strom bisher komplett kohlefrei erzeugen. In 19 weiteren Ländern soll die Kapazität um mehr als 100 Prozent wachsen.

urgewald entlarvt Klimasünder auch unter den Staaten

Antreiber dieser Pläne sind Unternehmen, die urgewald in einer Datenbank auf der neuen  Website  www.coalexit.org  auflistet, die frei verfügbar ist. Sie enthält die 120 größten und wichtigsten Kohlekraftwerks-Entwickler. Die aggressivsten Pläne zum Neubau von Kohlekraftwerken verfolgt demnach die National Thermal Power Corporation (NTPC) aus Indien. Sie plant laut urgewald Projekte mit über 38.000 MW in Indien und Bangladesch. Im Ranking dieser Klimakiller-Konzerne folgen auf NTPC auffallend viele chinesische Konzerne, mit Ausbauplänen von  bis zu 31.600 MW (State Power Investment Corporation  - SPIC). Nach Angaben von urgewald stehen chinesische Firmen insgesamt hinter 43 Prozent der Projekte in der Datenbank. Viele davon sollen in anderen und meist armen Ländern entstehen, etwa in Indien, Indonesien, Pakistan und in afrikanischen Ländern. Offenbar bremst China daheim den Bau neuer Kohlekraftwerke, die dort in den Großstädten die Atemluft immer unerträglicher machen, und lässt stattdessen die heimische Kohlebranche verstärkt im Ausland wachsen.

Auch andere Staaten scheinen das Weltklimabkommen zu unterlaufen oder einfach zu ignorieren. Nach Angaben von urgewald soll sich etwa in Japan die Kohlestromkapazität um fast 50 Prozent auf 44.000 erhöhen. Ein noch spektakuläreres Beispiel ist die Türkei mit einem geplanten Ausbau auf rund 70.000 MW. Damit würde sich die türkische Kohlestromkapazität mehr als vervierfachen.

Das größte europäische Unternehmen in der Datenbank ist PGE aus Polen auf Rang 30. Polen tritt auch beim europäischen Klimaschutz stark auf der Bremse, hier sollen laut urgewald neue Kohlekraftwerke mit rund 10.000 MW entstehen. Das wäre ein Ausbau der Kapazitäten um mehr als ein Drittel. Als deutsche Firmen listet die Datenbank die Energiekonzerne RWE und die E.on-Abspaltung Uniper auf. Die Umweltorganisation hat ermittelt, dass in Deutschland - trotz Energiewende und Verpflichtungen zur starken Verringerung der Treibhausgasemissionen - neue Kohlemeiler mit zusammen und 3.000 MW geplant sind. Zum Vergleich: in den häufig für schwache Klimaschutzpolitik gescholtenen und weitaus größeren USA sind es „nur“ 1.800 MW.

Banken und Investoren haben keine Ausrede mehr

urgewald sieht Großinvestoren und Banken in der Pflicht, diese Ausbaupläne nicht zu unterstützen. „Auch wenn die meisten Entwickler neuer Kohlekraftwerke ihren Sitz in Asien haben, spielen internationale Banken sowie Investoren aus Europa, Nordamerika und Australien eine zentrale Rolle bei der Finanzierung dieses schmutzigen Geschäfts“, erläutert Schücking. Der Geschäftsführerin der Umweltorganisation zufolge finden sich Anleihen und Aktien von Kohle-Unternehmen wie die indische NTPC oder China Resources regelmäßig in den Portfolios großer Investoren und Banken. Dies treffe sogar bei Investoren und Banken zu, die wie etwa Axa und Allianz Kohle bereits zum Teil in ihrem Geschäft ausgeschlossen haben.

„Wir haben bei unserer Recherche erkannt, dass neu eingeführte Kohle-Schwellenwerte viele dieser Firmen nicht betreffen“, so Schücking. Nur ein Drittel der größten und wichtigsten Entwickler von Kohlekraftwerken habe einen Umsatzanteil bei Kohle von über 30 Prozent. Dies ist der Schwellenwert, ab dem zum Beispiel die Allianz oder auch Norwegens Pensionsfonds Kohlefirmen ausschließen. Wie Schücking ausführt, tragen bei den meisten Konzernen, die hinter den Kohleausbauplänen stehen, viele weitere Geschäftsaktivitäten zum Gesamtumsatz bei. Andere Unternehmen wiederum, zum Beispiel die vietnamesische Ölfirma PetroVietnam, würden aus anderen Sektoren kommen und nun neu in das Geschäft mit Kohle einsteigen wollen.

Bildhinweis: Heffa Schücking. / Foto: urgewald

Der Geschäftsführerin der Umweltorganisation sieht daher in der neuen Datenbank einen großen Nutzen für Investoren und Banken, denen es mit dem Klimaschutz ernst ist: „Als wir unsere Recherche begannen, stellten wir fest, dass die meisten Banken und Investoren nicht wissen, welche Unternehmen hinter diesen gewaltigen Kohle-Expansionsplänen stecken. Unsere neue Datenbank schließt diese Lücke, indem sie die Größten und Wichtigsten darunter auflistet. Es ist ein zukunftsorientiertes Werkzeug für Banken und Investoren, um solche Kohlefirmen von weiteren Geschäften auszuschließen. Wir hoffen, dass es breit angewandt wird.“
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