06.03.13 Anleihen / AIF , Wachhund

Wachhund: Windreich AG im Schlamassel – Verdacht der Bilanzmanipulation, Hausdurchsuchungen durch Staatsanwaltschaft

In unseren Analysen hatten wir immer vor den beträchtlichen Risiken gewarnt, die Anleger bei Zeichnung von Anleihen der Windreich AG eingehen. Das Unternehmen aus Wolfschlugen hat nach eigenen Angaben eine Milliarde Euro Eigenkapital von Anlegern eingeworben, um Windparks auf See zu errichten. Auf Nachfragen von ECOreporter.de hatte Windreich-Gründer und Vorstandschef Willi Balz stets erklärt, dass die Geschäfte nach Plan liefen. Er präsentierte die vergleichsweise kleine Windreich AG als eine Art David, der den Goliaths in der Energiebranche zeigt, wo es bei der Offshore-Windkraft lang geht.
Doch der häufige Wechsel von Führungspersonal nährte Zweifel an der Zuversicht von Balz. Hinzu kam, dass im Dezember 2012 das anvisierte Börsendebüt der Windreich AG „bis auf Weiteres“ verschoben wurde (wir berichteten). Heute wurde bekannt, dass Ermittler der Staatsanwaltschaft Stuttgart und des Landeskriminalamtes das Windkraftunternehmen durchsucht haben. Ermittelt werde wegen des Verdachts der Bilanzmanipulation, des Kapitalanlagebetrugs, der Marktpreismanipulation und des Kreditbetrugs. Das erklärte die Staatsanwaltschaft gegenüber dem Handelsblatt.
Durchsucht wurden demnach die Windreich Hauptverwaltung und Privatwohnungen von Verdächtigen. Dazu zählen fünf amtierende und ehemalige Vorstandsmitglieder des Unternehmens. Sie sollen durch Überbewertung von Vermögenspositionen die Jahres- und Konzernabschlüsse sowie Konzernlageberichte geschönt haben.
Die Windreich AG hat auf ihrer Homepage die Durchsuchungen eingeräumt. Das Unternehmen werde „wegen des laufenden Ermittlungsverfahrens“ in der Sache selbst keine Stellung nehmen, stellte es klar. „Wir kooperieren vollumfänglich mit der Staatsanwaltschaft Stuttgart, da uns an einer schnellen Ausräumung der Vorwürfe gelegen ist", so Windreich. Die Anschuldigungen würden sich „als haltlos erweisen ".
Die Windreich AG hat fast zwei Dutzend Projekte für Offshore-Windparks allein in der deutschen Nordsee in Planung. Die Projekte „GlobalTech1“ und „MEG1“ mit jeweils 400 Megawatt (MW) geplanter Leistungskapazität und „Deutsche Bucht“ (210 MW) sollen bereits 2013, 2014 und 2015 in Betrieb gehen. Das Kapital dafür stammt auch von Privatanlegern. Allein 149 Millionen Euro des Eigenkapitals, das Windreich bislang für die Hochseewindkraft einsammelte, stammen von Anleihe-Gläubigern, die 2010 und 2011 zwei Teilschuldverschreibungen des Unternehmens gezeichnet haben.
Für das erste dieser Wertpapiere (ISIN DEOOOA1CRMQ7) warb Windreich 74 Millionen Euro ein. Laut Wertpapierprospekt muss Windreich das Geld bereits im Juni 2015 an die Anleger zurückzahlen (per Mausklick gelangen Sie zum ECOanlagecheck zu diesem Produkt). Den Gläubigern der ein Jahr jüngeren Anleihe (DE000A1H3V38) muss Windreich im Juli 2016 dann 75 Millionen Euro zurückzahlen(auch diese Anleihe haben wir in einem ECOanlagecheck analysiert). Jeweils beträgt der jährlich versprochene Zinssatz 6,5 Prozent.
Zuletzt hat sich die Auszahlung der Zinsen allerdings verzögert. Dafür entschuldigte sich Firmenchef Balz in einem Brief an die Anleihezeichner und erklärte die Verzögerung um zwei Bankarbeitstagen damit, die Windreich AG habe „die entsprechenden Mittel anderweitig disponieren“ müssen. Balz hat dem Brief zufolge sein privates finanzielles Engagement für die Windreich AG erhöht und damit die Auszahlung der Zinsen am Montag, den 4.März, ermöglicht.
Wie das Unternehmen mitteilte, hatten die Banken „einigen Informationsbedarf“ angemeldet, weil die Creditreform die Bonität der Windreich AG in einem Folgerating deutlich niedriger bewertet hat. Die Herabsetzung der Ratingnote der Windreich AG um drei Stufen von BBB+ auf BB+ habe sich negativ auf den Kurs der Anleihe ausgewirkt. Das Unternehmen kritisiert diesen Schritt und befindet sich nach eigenen Angaben darüber in Gesprächen mit Creditreform.
Firmengründer Balz strich in einer Erklärung dazu heraus, dass er selbst in hohem Maße die Unternehmensrisiken der Windreich AG mittrage: „Ich als Alleinaktionär des Unternehmens trage über das Eigenkapital der Windreich AG von 126,5 Millionen Euro (Stand zum 30. Juni 2012) sowie zusätzlich über persönliche Bürgschaften im dreistelligen Millionenbereich ein enormes persönliches Risiko und gebe dem Unternehmen und seinen Investoren damit zusätzliche Sicherheit“, so Balz.
Der Firmenchef sieht die Windreich AG als Opfer von „anonymen Anschuldigungen, die absolut haltlos sind und allein mit dem Ziel in die Welt gesetzt werden, die planmäßig laufende Umsetzung der Offshore-Strategie der Windreich AG in der Nordsee, und damit die Energiewende, zu verhindern.“ Einen schweren Verdachtsvorwurf erhebt Balz auch gegen Ex-Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick, der von September bis Dezember 2012 Berater bei Windreich war und eigentlich neuer Finanzvorstand werden sollte, sich dann aber verabschiedete. „Während der dreimonatigen Zusammenarbeit konnte ich zu Herrn Dr. Eick nie ein hundertprozentiges Vertrauen aufbauen“, schreibt Balz nun dazu und ergänzt: „Den Eindruck, dass er eine feindliche Übernahme im Sinn hatte, bin ich nie losgeworden. Deshalb haben wir die wirklich wichtigen Investorengespräche der letzten Wochen konsequent ohne ihn geführt.“ Der Firmenchef leitet das Finanzressort selbst, seit Anfang Mai 2012 der damalige Finanzchef Matthias Hassels das Unternehmen abrupt verlassen hatte.
Windreich will nun ein „umfassendes Effizienzsteigerungsprogramm“ umsetzen. Dazu gehöre der Abschied vom Börsensegment Bondm in Stuttgart, der bereits umgesetzt worden sei. Bondm ist ein Handelssegment für Unternehmensanleihen. Durch den Übergang in den Freiverkehr der Börse Stuttgart spare die Gesellschaft insgesamt Kosten in Höhe von jährlich rund 500.000 Euro, hieß es dazu. Ferner will das Unternehmen das operative Geschäft in den Tochtergesellschaften WKU GmbH, Hamburg, sowie FC Windenergy und Natenco GmbH, Wolfschlugen, konzentrieren.
ECOreporter.de führt die Windreich AG bis auf Weiteres in der Wachhundrubrik.
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