03.04.13 Finanzdienstleister

„Wir haben die Mikrofinanzierung mitgeprägt.“ – Interview mit Christoph Freytag, ProCredit Bank AG

Seit kurzem bietet die ProCredit Bank AG Tages- und Festgeldkonten für Privat- und Geschäftskunden. Mit den Einlagen finanziert sie kleine und mittelgroße Unternehmen in Entwicklungs- und Schwellenländern. Im ECOreporter-Interview erläutert Christoph Freytag, Vorstand des Unternehmens aus Frankfurt am Main, unter anderem das Geschäftsmodell und den nachhaltigen Ansatz der Bank.

Die ProCredit Bank AG gehört zu den Ausstellern der Messe Gründes Geld München, die am 13. April in München über nachhaltige Investments informiert (mehr darüber erfahren Sie Opens external link in new windowhier).

ECOreporter: Was ist das Geschäftsmodell der ProCredit Bank, was bieten Sie nachhaltig ausgerichteten Anlegern?

Christoph Freytag: Kern unseres Geschäfsmodells ist die Finanzierung von Entwicklung, in dem wir Hausbank für kleine und mittelgroße Unternehmen in Entwicklungs- und Schwellenländern sind. Wir starten in Deutschland damit, dass wir Privat- und Firmenkunden Tages- und Festgeldanlagen anbieten. Mit diesem Geld refinanzieren über unsere Schwesterbanken in Entwicklungs- und Schwellenländern. Wir wollen aber auch selber nachhaltig arbeitende Unternehmen für uns interessieren. Wir sind also eine Bank für Anleger, die wissen wollen, was mit ihrem Geld geschieht, die zur internationalen Entwicklungsfinanzierung etwas beitragen wollen und die finanziellen Gewinn mit Werteorientierung verbinden.

ECOreporter: Inwiefern ist das Unternehmen mit einer herkömmlichen Bank vergleichbar? Was unterscheidet Sie von nachhaltigen Banken wie Triodos, der UmweltBank oder der GLS Bank? Wo sehen Sie Gemeinsamkeiten?

Freytag: Die ProCredit Gruppe ist international aufgestellt. Wir finanzieren Entwicklung in Ländern, in denen der Lebensstandard bei weitem nicht so hoch ist wie etwa in Deutschland. Das vor allem unterscheidet uns von den anderen alternativen Banken. Einzigartig ist bei uns außerdem, dass unsere Banken den persönlichen Kontakt zu annähernd drei Millionen Kunden haben – über weltweit 735 Geschäftsstellen und rund 15.000 Mitarbeiter. Während andere Anbieter in Entwicklungsländern nur über Intermediäre finanzieren, ist unser Alleinstellungsmerkmal: „we know our customers“. Gemeinsam haben wir mit den anderen alternativen Banken sicherlich die Prinzipien, denen wir verpflichtet sind. Bei uns heißt das ganz konkret, dass wir auf langfristige Kundenbeziehung setzen, unsere Mitarbeiter gut qualifizieren, transparent bleiben, keine Spekulationsgeschäfte tätigen, unseren Verhaltenskodex leben und über unser ökologisches Risikomanagement bzw. eine Ausschlussliste von Aktivitäten, die wir nicht finanzieren, Nachhaltigkeit sicher stellen.

ECOreporter: In welchem Zusammenhang steht die ProCredit Bank zur ProCredit Gruppe? Wer steckt hinter der ProCredit Gruppe?

Freytag: Die ProCredit Bank AG gehört zur ProCredit Gruppe. Die Gruppe ist in 21 Entwicklungs- und Schwellenländern Osteuropas, Lateinamerikas und Afrikas auf die Finanzierung von kleinen und mittelgroßen Unternehmen spezialisiert. Sie wird durch die ProCredit Holding mit Sitz in Frankfurt am Main geführt. Die Holding wiederum ist ein Privat Public Partnership. Sie wird von privaten Investoren wie dem Frankfurter Beratungsunternehmen IPC und der Mitarbeitergesellschaft IPC Invest getragen – und von öffentlichen, international tätigen Förderinstitutionen wie der Kreditanstalt für Wiederaufbau, KfW, und der zur Weltbank-Gruppe gehörenden International Finance Corporation, IFC. Diese Gesellschafterstruktur balanciert kommerzielle und entwicklungsorientierte Ziele.

ECOreporter: Wem gehört die die ProCredit Bank?

Freytag: Die ProCredit Bank AG ist eine hundertprozentige Tochter der ProCredit Holding.

ECOreporter: Warum und in welchem Umfang finanziert die ProCredit Bank Unternehmen in Entwicklungs- und Schwellenländern? Welche Kompetenzen besitzt das Unternehmen für dieses Geschäft?

Freytag: Erst einmal die Antwort auf den zweiten Teil Ihrer Frage: Die ProCredit Gruppe hat ihre Wurzeln in der Beratung von Finanzinstitutionen in Entwicklungs- und Schwellenländern durch die bereits erwähnte IPC. Die Auftraggeber waren meist internationale Förderinstitutionen wie KfW, IFC und die Europäische Bank für Wiederaufbau, EBWE. In der Beratung war die IPC etwa 15 Jahre lang aktiv, bevor sie Ende der 90er Jahre erstmals mit dem Aufbau von Banken beauftragt wurde. Und aus diesem Rückblick ergibt sich auch die Antwort auf Ihre erste Frage: Unsere Stärke ist es, in Entwicklungs- und Schwellenländern robuste und zuverlässige Banken für die Zielgruppe kleiner und mittelgroßer Unternehmen zu betreiben. Über 90% unserer Kredite sind kleiner als EUR 30.000. Weltweit zahlen wir jeden Monat über 20.000 Kredite aus und bekommen sie auch zurück.

ECOreporter: Welchen Nutzen hat die Aktivität der ProCredit Bank in Entwicklungs- und Schwellenländern?

Freytag: ProCredit Banken setzten in ihren Ländern Standards in Sachen Transparenz und Kundenservice. Duch unsere Investitionen in gute Mitarbeiter, die unsere Werte jeden Tag leben, haben wir viele enge und langfristige Kundenbeziehnungen geschaffen. Das hat Vertrauen geschaffen und das ist ein unglaublich wichtiges Gut.

ECOreporter: Was sind das für Unternehmen, an die Kredite vergeben werden? Aus welchen Ländern und aus welchen Sektoren stammen sie?

Freytag: Es sind in der großen Anzahl ganz einfache Familienbetriebe und Gewerbetreibende. Wir sind aber auch eine attraktive Bank für mittelgroße Unternehmen mit 50 und mehr Angestellten. Unsere Kunden sind in Südosteuropa, Latainamerika und Afrika. Von Albanien über Bulgarien bis Georgien, von Bolivien bis Mexiko und von Kongo bis Ghana.

ECOreporter: Bevorzugen Sie bestimmte Branchen und Regionen bzw. sind bestimmte Branchen und Regionen für Sie tabu? Warum?

Freytag: Wir verstehen uns als Hausbank für alle kleinen und mittelgroßen Unternehmen, sofern deren Geschäftsaktivität nicht auf der Ausschlussliste steht. Einen gewissen Schwerpunkt bildet die Finanzierung von landwirtschaftlichen Betrieben, ein Bereich in dem wir in einigen Ländern Marktführer sind, etwa in Bulgarien und Serbien. Ausserdem sind wir seit einiger Zeit dabei, uns für die Finanzierung von grüner Energie sowie Energieeffizienzmaßnahmen stark zu machen. Das Thema grüne Energie steht in den Ländern der ProCredit Gruppe aber noch ganz am Anfang.

ECOreporter: Was verlangt die ProCredit Bank von Unternehmen, die sie unterstützt? Worauf legen sie Wert? Inwiefern spielen auch soziale und ökologische Aspekte bei der Kreditvergabe eine Rolle?

Freytag: Bei allen ProCredit Banken steht eine Analyse an erster Stelle der Kreditvergabe: Wie sehen die Vermögens- beziehungsweise Schuldenverhältnisse und die  Zahlungsfähigkeit des Kunden aus? Wie steht es um die Zuverlässigkeit des Unternehmers und um die Tragfähigkeit seines Geschäftsmodells? Diese verantwortungsbewusste Haltung bei der Kreditvergabe bewirkt erstens, dass wir eine mögliche Überschuldung der Kunden in den meisten Fällen verhindern.  Zweitens sinkt das Risiko erheblich, dass ein Kredit nicht zurückgezahlt wird. Wir prüfen zudem genau, ob die geschäftlichen Aktivitäten des Unternehmens die Umwelt gefährden und nicht auf unserer Ausschlussliste stehen. Durch diese Liste verhindern wir die Finanzierung von beispielsweise Kinderarbeit, Produktion oder Handel mit Waffen, Geschäften in Verbindung mit der Atomindustrie.

ECOreporter: Wer analysiert die Kreditnehmer, auf Basis welcher Daten fallen die Entscheidungen für die Vergabe von Krediten?

Freytag: Für unser Kreditgeschäft haben wir immer unser eigenes Personal eingestellt und speziell ausgebildet. Unsere Kundenberater und unsere Risikoanalysten sind mit den Märkten und Bedingungen, in denen unsere Kunden aktiv sind, bestens vertraut. Sie analysieren die typischen Unterlagen und sammeln Eindrücke aus Kundenbesuchen. Ihre Ergebnisse stellen sie einem Kreditausschuss vor, der letztlich über die Vergabe entscheidet. Das ist sicherlich aufwändiger als Credit-Scores oder Ratings zu ermitteln, aber wir halten es für richtig und wichtig, auf diesem Weg langfristige und vertrauensbasierte Kundenbeziehungen aufzubauen.

ECOreporter: Mit welcher Ausfallquote von Krediten kalkuliert die ProCredit Bank?

Freytag: Die Ausfälle liegen unter einem Prozent. Als Folge der Krise vor allem in Osteuropa ist der Stand säumiger Kredite mit 3,3 Prozent aktuell etwas höher – im Vergleich zu den 15-20 Prozent, die wir bei vielen anderen Banken gerade in Südosteuropa derzeit sehen, ist das ein ausgezeichnetes Ergebnis.

ECOreporter: Welche wirtschaftlichen Ziele peilt die ProCredit Bank für die kommenden Jahre an? Gibt es Zielvorgaben für die Entwicklung der Bilanzsumme? Wann soll die Bank profitabel wirtschaften?

Freytag: Unser Geschäftsplan für die Bank in Deutschland sieht vor, dass wir 2014 kostendeckend arbeiten und bis 2018 eine Bilanzsumme von 500 Millionen Euro aufbauen.

ECOreporter: Inwiefern gibt es bei Ihnen Überschneidungen mit der Mikrofinanz, bei der geringfügige Darlehen an Kleinunternehmer in Entwicklungs- und Schwellenländern vergeben werden? Wo liegen die Unterschiede? Besteht eine Konkurrenz?

Freytag: Bis 2005 haben wir die Mikrofinanzierung mitgeprägt. Es ging uns immer darum, Unternehmenskredite bereitzustellen – nicht um die Finanzierung von Konsum. Wir haben Mikrofinanzierung als Chance verstanden, solide Finanzinstitute aufzubauen, hoch diversifierziert, gut reguliert und mit starken Eigentümern, um so einen Beitrag zu einem besseren, fairen Finanzsystem zu leisten.
Seit 2005 hat sich die ProCredit Gruppe dann schrittweise vom Segment kleinster Kredite verabschiedet, weil wir zunehmend überzeugt waren, dass damit in unseren Märkten Entwicklung nicht mehr verantwortlich finanziert werden konnte. Stattdessen haben wir uns stärker auf die Finanzierung von kleinen und mittelgroßen Unternehmen konzentriert, die für uns deutlicher zur wirtschaftlichen Entwicklung beitragen. Zum Teil haben sich aber auch die Märkte weiterentwickelt, und wir sind einfach mit unseren Kunden „mitgewachsen“.

Bildhinweis: Zu Beginn haben ProCredit Banken auch Darlehen an Kleinstunternehmen wie Marktfrau in Kinshasa vergeben. / Quelle: Unternehmen


ECOreporter: Wie werden die Einlagen der Kunden bei der ProCredit Bank abgesichert? Existiert eine Einlagensicherung? Was geschieht bei einer Pleite der ProCredit Bank mit den Kundeneinlagen?

Freytag: Zusätzlich zur gesetzlichen Einlagensicherung durch die Entschädigungseinrichtung deutscher Banken  hat sich die ProCredit Bank AG dem Einlagensicherungsfonds des Bundesverbands deutscher Banken angeschlossen. Aktuell beträgt die Einlagensicherung der ProCredit Bank über den Einlagensicherungsfonds 250.000 Euro pro Kunde. Aber was viel wichtiger ist: Eine Pleite der ProCredit Bank ist extrem unwahrscheinlich – dazu ist unser Geschäft viel zu stark diversifiziert, zudem verzichten wir kategorisch auf Spekulation und konzentrieren uns stattdessen auf unser Kerngeschäft.  Damit ist es uns auf Gruppenebene auch während der Finanzkrise gelungen profitabel zu bleiben.

ECOreporter: Herr Freytag, wir danken Ihnen für das Gespräch.
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