27.03.13

Mikrokredite - eine Strickleiter aus der Armut?

Eine gebrauchte Nähmaschine im Wert von 80 Euro ist der ganze Stolz von SumaWidaya aus Indonesien – und die Basis ihrer beruflichen Existenz. Seit zweieinhalb Jahren näht sie als selbständige Schneiderin mit ihrer Nähmaschine und sichert das Einkommen ihrer Familie – Ehemann und vier Kinder. Sie hätte schon viel früher nähen können, aber es fehlte das Geld zum Kauf einer Nähmaschine. Eine Bank gibt es in ihrem Dorf nicht, erst in der nächsten Kleinstadt. Die dortige Bank vergibt aber erstens keine derart kleinen Kredite und  zweitens keinen Kredit ohne Sicherheit. Die hatte Widaya nicht. Letztlich bekam sie das Geld von einem Mikrofinanzinstitut. Zu einem Zinssatz von 35 Prozent pro Jahr. Wucher? So würde Widaya das nicht sehen. Schließlich konnte sie die Kreditsumme von umgerechnet 80 Euro und die Zinsen von ca. 14 Euro schon nach einem halben Jahr zurückzahlen. Für sie war der Mikrokredit die Rettung – wie für viele andere Kreditnehmer auch.
Schon mit geringen Summen können sich Menschen in armen Regionen eine wirtschaftliche Existenz aufbauen, etwa eine Töpferin in einen Brennofen investieren oder ein Instrumentenbauer in das erforderliche Werkzeug. Mikrokreditnehmer haben in der Regel keinen Zugang zu einer Bank und wenn doch, können sie für deren Kredite nicht die verlangten Sicherheiten vorlegen. Auch lohnt es sich für herkömmliche Banken nicht, Kleinkredite zu vergeben. Mikrofinanzinstitute sind da die einzige Chance, an Kapital für ein Geschäftsmodell zu kommen. Der Vorteil gegenüber Mitteln aus der Entwicklungshilfe: Mikrokreditgeber behandeln Kreditnehmer als Geschäftspartner, also auf Augenhöhe. Die Kunden können sich aus eigener Kraft aus der Armut befreien. Sie zahlen ihre Kredite mit einer Wahrscheinlichkeit von über 95 Prozent zurück.
Mitte der 1970er Jahre begann Mikrokredit-Pionier Muhammad Yunus mit seiner Grameen Bank in Bangladesch, Kleinstkredite zu vergeben. Dieses Konzept fand im Lauf der zahlreiche Nachahmer in fast allen Weltregionen. Mikrokredite sind nicht billig, sie werden meist mit 20 bis 30 Prozent verzinst. Das klingt stattlich, liegt aber weit unter den Tarifen lokale Geldverleiher und in der Regel nur wenig über den Zinsen der einheimischen herkömmlichen Banken. Der Aufschlag wird auch von unabhängigen Experten damit gerechtfertigt, dass die Betreuung von Mikrofinanzkunden sehr aufwändig ist. Nicht selten müssen die Sachbearbeiter lange Wege über schwierige Strecken zu ihren Kunden hinter sich bringen.  Oft entstehen durch Mikrokredite in Dörfern kleine Inseln funktionierender Wirtschaftseinheiten – eben darauf zielt das Konzept der Kleinstkredite ab.

Mikrofinanzfonds finanzieren Mikrokredite


Woher stammt das Geld, mit dem Menschen wie SumaWidaya eine Nähmaschine kaufen? Das System gleicht einer vielgliedrigen Kette, die im einfachsten Fall so aussehen könnte: Das erste Glied ist zum Beispiel ein privater Anleger aus Europa oder ein so genannter institutioneller Anleger, eine deutsche Bank zum Beispiel oder ein Kloster. Sie beteiligen sich an einem so genannten Mikrofinanzfonds – der Anleger vielleicht mit 5.000 Euro, die Bank oder das Kloster mit einer Million. Der Mikrofinanzfonds wiederum ist eine eigene Rechtsgesellschaft, die in der Regel von einer weiteren Bank betrieben wird, beispielsweise von einer Kirchenbank. Der Fonds ist das Sammelbecken für das Geld der Anleger. Er verleiht ihr Geld nun weiter an eine Mikrofinanz-Dachorganisation, diese wiederum an Mikrofinanzinstitutionen - also an eine Mikrofinanzbank, etwa in Indien. Deren Mitarbeiter sind die Kundenberater, die das Geld zu den Kunden bringen – und es auch wieder abholen. Denn vielfach haben die Kreditnehmer noch nie etwas von elektronischem Zahlungsverkehr gehört, haben kein Konto, keinen Computer oder auch schlicht keinen Stromanschluss.
Das Thema Mikrofinanzen wurde in Deutschland vor allem bekannt, nachdem 2006 der Nobelpreis an den Erfinder Mohammad Yunus und seine Grameen Bank vergeben wurde.Doch wenige Jahre später verunsicherten Nachrichten übereine Selbsttötunggswelle von Mikrofinanzkunden in Indien viele ethisch orientierte Anleger. Im Bundesstaat Andhra Pradesh hätten Missernten Kleinstlandwirte in den Suizid getrieben, weil sie Mikrokredite mit zu hohen Zinsen nicht zurückzahlen konnten, hieß es. Von „Geldmacherei zu Lasten der Armen“ war die Rede.

Sonderfall Indien


Sind Mikrofinanzen gar nicht die sinnvolle Hilfe zur Selbsthilfe, als die sie bis dahin galten? Andreas W. Korth ist Mitinitiator des Luxemburger Good Growth Fonds, der unter anderem in den Bereich Mikrofinanz investiert. Er verweist darauf, dass im Vorfeld der Selbsttötungen in Andhra Pradesh gegen eine eherne Regel der Mikrofinanz verstoßen wurde: man habe Konsumentenkredite vergeben. Eigentlich dürfen Kleinkredite ausschließlich dazu dienen, wirtschaftliche Existenzen aufzubauen. Nur dann haben Mikrodarlehen auch einen Nutzen für die Gemeinschaft, in welcher der  des Kreditnehmer lebt, Waren oder Dienstleistungen anbietet und seinerseits Aufträge vergibt, etwa als Schreiner Holz einkauft. In Andrah Pradesh gab es zudem wohl einen weiteren Fehler im System: Laut Korth hatte die Politik dort herkömmliche Banken gedrängt, ebenfalls Kleinkredite zu vergeben. Erst dadurch sei es zu vielen Verstößen gegen Grundprinzipien der Mikrofinanz gekommen. Korth betont, dass sich westliche Mikrofinanzfonds bislang kaum in Indien engagiert hätten. Weil dort sehr spezielle Bedingungen herrschten, dürfe man vom indischen Markt für Mikrofinanzen nicht auf andere Märkte schließen.
Ähnlich sieht es Christian Rauscher, Geschäftsführer der WallbergInvest S.A. aus Luxemburg. Sie hat 2008 den Mikrofinanzfonds Wallberg Global Microfinance Fund aufgelegt. Indien sei ein recht abgeschotteter Mikrofinanzmarkt und etwa für seinen Fonds kaum von Interesse, weil der Markt dort nicht besonders transparent sei, so Rauscher. Nach seiner Einschätzung werden Mikrofinanzfonds aber künftig noch stärker auf die Qualität der MFI achten. Nach Jahren mit starkem Wachstum müssten viele MFI hier noch hier nachjustieren. „Grundsätzlich muss die Mikrofinanz wieder zu ihren Wurzeln zurückkehren und sich auf ihre Grundwerte besinnen“, fordert der Geschäftsführer. MFI und sonstige Organisationen, die sich in Richtung Konsumfinanzierungen entwickelten, würden nicht der Philosophie der Mikrokredite folgen. Kreditqualität sei wichtiger als Quantität und Wachstumsziele, das Risiko einer Überschuldung der Kreditnehmer müsse durch engere Beziehungen zum  Kunden verringert werden.

Prinzipien für verantwortungsvolle Mikrofinanz


„Durch unsere jahrzehntelange Erfahrung in der Vergabe von Darlehen an Mikrofinanzpartner wissen wir, dass Mikrofinanz dann einen Beitrag zur Armutsbekämpfung leistet, wenn die MFI verantwortungsbewusst sind“, betont Dr. Florian Grohs, Geschäftsführer von Oikocredit Deutschland, einer Sektion der internationalen Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit aus Amsterdam. Sie vergibt seit Jahrzehnten Mittel an MFI, Genossenschaften und kleinere Unternehmen in Afrika, Asien, Lateinamerika sowie Mittel- und Osteuropa. Laut Grohs erreicht Oikocredit über ihre Mikrofinanzpartner circa 20 Millionen Menschen. Rund 80 Prozent der Kredite gingen an Mikrofinanzorganisationen. „Wir verstehen uns als sozialer Investor, der vor allem kleinere und mittlere Mikrofinanzorganisationen unterstützt“, so der Geschäftsführer. Nur zu einem kleinen Teil vergebe Oikocredit Mittel an die größten 200 unter den MFI weltweit. Diese würden eher von Mikrofinanzfonds bedient, die wichtig seien, aber  einen anderen Schwerpunkt hätten.
Nach Einschätzung von Grohs „sollten Investoren von ihren Mikrofinanzpartnern verlangen, dass sie die Kundenschutzrichtlinien für Endkunden einhalten.“ Er verweist auf die UN-Richtlinien für Mikrofinanz. Die habe Oikocredit als einer der ersten Investoren in der Entwicklungsfinanzierung unterzeichnet. „Diese Prinzipien sind für uns nicht neu, da wir schon seit vielen Jahren verantwortungsvoll, transparent und nachhaltig investieren“, erklärt Grohs. Dass inzwischen mehrere Dutzend Investoren diese Richtlinien unterzeichnet haben, sei aber „sehr erfreulich“ und auch eine Reaktion auf die kritischen Medienberichte nach den Vorfällen in Indien.
Auch die responsAbilitySocial Investments AG aus Zürich hat die Prinzipien für Mikrofinanz unterzeichnet. Das Unternehmen bietet mehrere Mikrofinanzfonds an. Deutsche Privatanleger können über die Bank im Bistum Essen und die Sparkasse Düsseldorf in den responsAbility Mikrofinanz Fonds investieren. Aufgrund der strengen Vorgaben des deutschen Investmentgesetzes darf der Fonds aber nicht aktiv vertrieben werden. responsAbility-Geschäftsführer Klaus Tischhauser unterstreicht die guten Absichten hinter den UN-Prinzipien für Mikrofinanz. Doch auch vorher schon habe es Regeln wie die Richtlinien wie die ‚Client ProtectionPrincples‘ (Kundenschutz-Prinzipien“) und die UN-Prinzipien für verantwortungsvolles Investieren gegeben. Die habe responsAbility ebenso unterzeichnet wie nun die UN-Richtlinien für Mikrofinanz. eingeführt worden. Die Branche verfüge also bereits seit längerem über Standards für den verantwortungsvollen Umgang mit Mikrokreditnehmern. „Wir erstellen einen jährlichen „Social Performance Report“, also einen Bericht, der über die soziale Dimension unserer Investitionsaktivitäten Rechenschaft ablegt“, erläutert Tischhauser. „Unsere Investments und Analysen basieren auf Richtlinien und Ausschlusskriterien“, so der Geschäftsführer weiter. „Die Kriterien teilen wir den MFI mit. Wir wenden neben finanziellen auch soziale Kriterien an, wichtige Aspekte sind etwa die Anzahl von Frauen unter den Kreditnehmern, die Anzahl ländlicher Kunden oder die Zusammensetzung des Kreditportfolios nach Sektoren. Wir stellen nur MFI Geld zur Verfügung, deren Kriterien unseren Vorgaben entsprechen. Als refinanzierender Fonds nehmen wir aber keinen punktuellen Einfluss auf einzelne Kreditentscheidungen der MFI.“

Mikrofinanz stabilisiert das Portfolio


Der Good Growth Fonds setzt weiter stark auf Mikrofinanzen. Laut Andreas W. Korth investiert dieser Dachfonds knapp jeden vierten Euro des Fondsvermögens in diesen Sektor, vor allem in Mikrofinanzfonds. Korth begründet das zum einen mit dem Nachhaltigkeitsziel „sozialer Frieden“, das der Good Growth Fonds verfolge. Effizient und nachhaltig ausgerichtete MFI seien auch in Zukunft unverzichtbar, um die Armut weltweit zu verringern. Für seinen vermögensverwaltenden Fonds sei das Segment Mikrofinanz auch aus finanzieller Sicht wichtig, denn es bitte viel Sicherheit, so Korth. Er verweist auf die extrem hohe Rückzahlungsquote bei Mikrokrediten. Im Gegensatz zum Rentenmarkt existiere kein Zinsrisiko, das Anlagerisiko sei also geringer als etwa bei kurz laufenden Staatsanleihen. Jährliche Renditen von bis zu sieben Prozent wie vor einigen Jahren seien für die Zukunft mit Mikrofinanzen zwar nicht mehr zu erwarten. Aber die Rendite von Geldmarktfonds könnten Mikrofinanzfonds deutlich überbieten, und die soziale Rendite komme hinzu. Als weiteren Pluspunkt führt Korth an, dass sich die Mikrofinanzmärkte weitgehend unabhängig von den großen Aktien- und Anleihemärkten entwickelten. Auch das bringe Sicherheit ins Portfolio des Good Growth Fonds.
Zudem sei das Wachstumspotential des Mikrofinanzmarktes sei noch längst nicht ausgeschöpft, so Korth. Gegenwärtig existierten weltweit rund 70.000 MFI. Davon hätten aber erst weniger als 1.000 eine Marktreife erlangt, die es Mikrofinanzfonds erlaube, ihnen Mittel zur Verfügung zu stellen. Weitere 10 bis 20 Prozent der 70.000 MFI haben nach Einschätzung von Korth das Potential, die verlangte Marktreife zu erlangen und Geschäftspartner der Fonds zu werden. Diese Entwicklung könne das bislang stärkste Hindernis des Marktes abbauen: dass die Fonds zu wenige MFI vorfinden, die das Geld der Investoren wunschgemäß in sinnvolle Kleinkredite umwandeln können.

Zu den wichtigen deutschen Investoren im Bereich Mikrofinanz zählen Kirchenbanken wie die Paderborner Bank für Kirche und Caritas. Dr. Helge Wulsdorf leitet dort den Bereich ‚Nachhaltige Geldanlagen’. „Unsere Bank ist hier mit einem zweistelligen Millionenbereich investiert“, erklärt Wulsdorf. Sie wolle auch weiterhin auf Mikrofinanzfonds setzen. „Wir haben vor Jahren damit begonnen und bauen das unser Engagement schrittweise aus. Das ist ein gutes Instrument gegen Armut, und es ermöglicht eine solide Rendite.“ Laut Wulsdorf haben Mitarbeiter seiner Kirchenbank sich vor Ort von der fruchtbaren Wirkung von Mikrokrediten überzeugt, er selbst sei etwa in Indien gewesen. Nach seiner Einschätzung hilft die Mikrofinanz Menschen zwar vor allem, der aktuellen Armut zu entgehen. Ihr Nutzen sei aber auch dadurch nachhaltig, dass die Mikrofinanzkunden so viel sie können in die Ausbildung ihrer Kinder investieren. „Mikrokredite ermöglichen es Eltern nicht nur, der Familie die tägliche Existenz zu sichern, sondern auch etwas beiseite zu legen“, erklärt Wulsdorf. Und nur dann sei es möglich, Kindern eine solide Schulbildung oder einen Ausbildungsplatz zu finanzieren. „In Indien kann man nur dauerhaft der Armut entkommen, wenn man mindestens über eine handwerkliche Ausbildung verfügt“, so der Nachhaltigkeitsexperte.
Daher ist es auch von Bedeutung, dass sich führende Mikrofinanzakteure mit der Unterzeichnung der Prinzipien für Mikrofinanz dazu verpflichtet haben, nicht nur auf Kleinkredite zu setzen. Diese Prinzipien verpflichten MFI auch, verstärkt Sparkonten anzubieten. Damit ihre Kunden einen Kapitalstock für die Ausbildung der Kinder aufbauen und das Geld dafür sicher verwahren können. Das wiederum können dauerhaft nur MFI leisten, die so professionell und solide geführt werden, wie es Mikrofinanzfonds verlangen.
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