07.09.11 Fonds / ETF

Mikrokredite - Fallstrick oder Strickleiter aus der Armut?



Indien, Bundesstaat Andhra Pradesh, Herbst 2010: Mehrere Menschen töten sich selbst. Außer ihrer Armut verbindet sie nichts – bis auf eines: sie konnten ihre Schulden nicht zurückzahlen. Schulden bei Mikrofinanzinstituten (MFI). Missernten treiben selbständige Kleinstlandwirte in den Ruin. Aber es kommt ein anderer Faktor hinzu: Zu große Kredite mit zu hohen Zinsen. Die Presse und die Regierung des Bundesstaates stellten daraufhin den Mikrofinanzsektor an den Pranger. Dessen Image leidet zudem unter dem spektakulären Börsengang der indischen Mikrokreditspezialistin SKS Microfinance. Sie hat  353 Millionen Dollar eingesammelt. Von „Geldmacherei zu Lasten der Armen“ ist die Rede. In Andhra Pradesh können MFI seither nur noch stark eingeschränkt agieren. Auf Bundesebene hat die Reserve Bank of India (RBI) die Regeln des Mikrofinanzwesens stark verschärft. Nicht nur in Indien wird das Mikrofinanzwesen nun kritischer beobachtet.

Tabu Konsumentenkredite

Sind Mikrofinanzen gar nicht die sinnvolle Hilfe zur Selbsthilfe, als die sie bis dahin galten? Andreas W. Korth ist Mitinitiator des Luxemburger Good Growth Fonds, der unter anderem in den Bereich Mikrofinanz investiert. Er verweist darauf, dass im Vorfeld der Selbsttötungen in Andhra Pradesh gegen eine eherne Regel der Mikrofinanz verstoßen wurde: man habe Konsumentenkredite vergeben.  Eigentlich dürfen Kleinkredite ausschließlich dazu dienen, wirtschaftliche Existenzen aufzubauen. Nur dann haben Mikrodarlehen auch einen Nutzen für die Gemeinschaft, in welcher der  des Kreditnehmer lebt, Waren oder Dienstleistungen anbietet und seinerseits Aufträge vergibt, etwa als Schreiner Holz einkauft. In Andrah Pradesh gab es zudem wohl einen weiteren Fehler im System: Laut Korth hatte die Politik dort herkömmliche Banken gedrängt, ebenfalls Kleinkredite zu vergeben. Erst dadurch sei es zu vielen Verstößen gegen Grundprinzipien der Mikrofinanz gekommen. Korth betont, dass sich westliche Mikrofinanzfonds bislang kaum in Indien engagiert hätten. Weil dort sehr spezielle Bedingungen herrschten, dürfe man vom indischen Markt für Mikrofinanzen nicht auf andere Märkte schließen.
Bildnachweis: Good-Growth-Mitinitiator Andreas W. Korth. / Quelle: Unternehmen



Ähnlich sieht es Christian Rauscher, Geschäftsführer der Wallberg Invest S.A. aus Luxemburg. Sie hat 2008 den Mikrofinanzfonds Wallberg Global Microfinance Fund aufgelegt. Indien sei ein recht abgeschotteter Mikrofinanzmarkt und etwa für seinen Fonds kaum von Interesse, weil der Markt dort nicht besonders transparent sei, so Rauscher. Nach seiner Einschätzung werden Mikrofinanzfonds aber künftig noch stärker auf die Qualität der MFI achten. Nach Jahren mit starkem Wachstum müssten viele MFI hier noch hier nachjustieren. „Grundsätzlich muss die Mikrofinanz wieder zu ihren Wurzeln zurückkehren und sich auf ihre Grundwerte besinnen“, fordert der Geschäftsführer. MFI und sonstige Organisationen, die sich in Richtung Konsumfinanzierungen entwickelten, würden nicht der Philosophie der Mikrokredite folgen. Kreditqualität sei wichtiger als Quantität und Wachstumsziele, das Risiko einer Überschuldung der Kreditnehmer müsse durch engere Beziehungen zum  Kunden verringert werden.
Bildnachweis: Wallberg-Invest-Geschäftsfüher Christian Rauscher. / Quelle Unternehmen


Prinzipien für verantwortungsvolle Mikrofinanz

„Durch unsere jahrzehntelange Erfahrung in der Vergabe von Darlehen an Mikrofinanzpartner wissen wir, dass Mikrofinanz dann einen Beitrag zur Armutsbekämpfung leistet, wenn die MFI verantwortungsbewusst sind“, betont Dr. Florian Grohs, Geschäftsführer von Oikocredit Deutschland, einer Sektion der internationalen Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit aus Amsterdam. Sie vergibt seit Jahrzehnten Mittel an MFI, Genossenschaften und kleinere Unternehmen in Afrika, Asien, Lateinamerika sowie Mittel- und Osteuropa. Laut Grohs erreicht Oikocredit über ihre Mikrofinanzpartner circa 20 Millionen Menschen. Rund 80 Prozent der Kredite gingen an Mikrofinanzorganisationen. „Wir verstehen uns als sozialer Investor, der vor allem kleinere und mittlere Mikrofinanzorganisationen unterstützt“, so der Geschäftsführer. Nur zu einem kleinen Teil vergebe Oikocredit Mittel an die größten 200 unter den MFI weltweit. Diese würden eher von Mikrofinanzfonds bedient, die wichtig seien, aber  einen anderen Schwerpunkt hätten.

Nach Einschätzung von Grohs „sollten Investoren von ihren Mikrofinanzpartnern verlangen, dass sie die Kundenschutzrichtlinien für Endkunden einhalten.“ Er verweist auf die UN-Richtlinien für Mikrofinanz. Die habe Oikocredit Ende Januar 2011 als einer der ersten Investoren in der Entwicklungsfinanzierung unterzeichnet. „Diese Prinzipien sind für uns nicht neu, da wir schon seit vielen Jahren verantwortungsvoll, transparent und nachhaltig investieren“, erklärt Grohs. Dass inzwischen mehrere Dutzend Investoren diese Richtlinien unterzeichnet haben, sei aber „sehr erfreulich“ und auch eine Reaktion auf die kritischen Medienberichte nach den Vorfällen in Indien.
Bildnachweis: Dr. Florian Grohs, Geschäftsführer von Oikocredit Deutschland. / Quelle: Unternehmen


Auch die responsAbility Social Investments AG aus Zürich hat die Prinzipien für Mikrofinanz unterzeichnet. Das Unternehmen bietet mehrere Mikrofinanzfonds an. Deutsche Privatanleger können über die Bank im Bistum Essen und die Sparkasse Düsseldorf in den responsAbility Mikrofinanz Fonds investieren. Aufgrund der strengen Vorgaben des deutschen Investmentgesetzes darf der Fonds aber nicht aktiv vertrieben werden. responsAbility-Geschäftsführer Klaus Tischhauser unterstreicht die guten Absichten hinter den UN-Prinzipien für Mikrofinanz. Doch auch vorher schon habe es Regeln wie die Richtlinien wie die ‚Client Protection Princples‘ (Kundenschutz-Prinzipien“) und die UN-Prinzipien für verantwortungsvolles Investieren gegeben. Die habe responsAbility ebenso unterzeichnet wie nun die UN-Richtlinien für Mikrofinanz. eingeführt worden. Die Branche verfüge also bereits seit längerem über Standards für den verantwortungsvollen Umgang mit Mikrokreditnehmern. „Wir erstellen einen jährlichen „Social Performance Report“, also einen Bericht, der über die soziale Dimension unserer Investitionsaktivitäten Rechenschaft ablegt“, erläutert Tischhauser. „Unsere Investments und Analysen basieren auf Richtlinien und Ausschlusskriterien“, so der Geschäftsführer weiter. „Die Kriterien teilen wir den MFI mit. Wir wenden neben finanziellen auch soziale Kriterien an, wichtige Aspekte sind etwa die Anzahl von Frauen unter den Kreditnehmern, die Anzahl ländlicher Kunden oder die Zusammensetzung des Kreditportfolios nach Sektoren. Wir stellen nur MFI Geld zur Verfügung, deren Kriterien unseren Vorgaben entsprechen. Als refinanzierender Fonds nehmen wir aber keinen punktuellen Einfluss auf einzelne Kreditentscheidungen der MFI.“


Mikrofinanzfonds etablieren Standards

Man dürfe sich nun wegen der Kritik an der Mikrofinanzbranche nicht in eine Rechtfertigungssituation manövrieren, sagt Tischhauser. Bei den vielen Millionen Mikrofinanzkrediten weltweit könne man einzelne Fehler einfach nicht ausschließen, stellt der Geschäftsführer klar. Maßstab für die Beurteilung der Arbeit von Mikrokreditfinanzieren sei, ob funktionierende Finanzstrukturen in Regionen der Welt aufgebaut würden, in denen arme Menschen keinen Zugang zu Kapital hätten, um sich eine wirtschaftliche Existenz aufzubauen. Weltweit hätten Millionen Menschen keine Chance, der Armut durch eigene Arbeit zu entkommen, weil sie kein Kapital bekämen. Eine solide Mikrofinanzstruktur könne hier Abhilfe schaffen, so Tischhauser. Mikrofinanzfonds seien gegenüber ihren Investoren verpflichtet, sorgsam die Professionalität des Managements der MFI und deren Wachstumspläne zu prüfen. Das fördere Standards, die für den Aufbau eines Mikrofinanzsektors in armen Weltregionen wichtig seien. Wesentliche Faktoren seien daneben die politische und makroökonomische Situation des jeweiligen Landes.

Aus diesem Grund seien die Fonds von responsAbility auch besonders stark in Lateinamerika engagiert, so Tischhauser. In Ländern wie Peru und Bolivien habe sich ein reifer Mikrofinanzmarkt entwickeln können, weil dort zum Beispiel genügend zentrale Kreditbüros vorhanden seien, um Daten über Mikrokredite zu bündeln und etwa zu erkennen, ob einzelne Kreditnehmer sich durch Darlehen verschiedener Anbietern überschuldeten. Die Behörden steuerten den Ausbau der MFI durch Eigenkapitalvorgaben, so der Geschäftsführer. „Sind diese zu gering, gibt es ein problematisches Überangebot an MFI; sind die Anforderungen zu hoch, gibt es zu wenige MFI, um einen funktionierenden Mikrofinanzsektor aufzubauen“, erläutert er. responsAbility gehe davon aus, dass Fehlentwicklungen und Missstände in Ländern mit entwickelten Mikrofinanz-Strukturen unwahrscheinlicher seien.

Die Absolut Portfolio Management (APM) aus Wien ermöglicht Anlegern über einen Umweg die Beteiligung an den Mikrofinanzfonds Vision Microfinance und Vision Microfinance Local Currency: Die Anleger investieren in börsennotierte Zertifikate, deren Kapital fast vollständig in diese Mikrofinanzfonds fließt. Der 2006 gestartete Vision Microfinance umfasst ein Anlagevolumen von 91 Millionen Euro, investiert in 23 Länder und 53 MFI und zählt laut einer Studie der Weltbank-Tochter CGAP (Consultative Group to Assist the Poor) zu den zehn größten Mikrofinanz-Fonds der Welt. Der im Herbst 2010 gestartete Vision Microfinance Local Currency ist laut APM der weltweit erste Mikrofinanz-Fonds, der MFI die Mittel in lokaler Währung bereitstellt. Fondsmanager Arman Vardanyan erläutert die Vorteile eines Mikrofinanz-Fonds in lokaler Währung:  „Investoren legen ihr Geld damit in einem breiten Portfolio von Währungen ausgewählter Entwicklungs- und Schwellenländer an. Die Mikrofinanzinstitute profitieren von einer höheren Planungssicherheit, da sie auf teure Absicherungsgeschäfte verzichten und die entstehenden Kostenvorteile an ihre Kreditnehmer weitergeben können.“ Da auf diese Weise höhere Rückzahlungsquoten für die Kredite zu erwarten seien, profitiere wiederum auch der Mikrofinanz-Fonds, so Vardanyan.

Bildnachweis: Arman Vardanyan, Absolut Portfolio Management (APM). Quelle: Unternehmen


Mikrofinanz stabilisiert das Portfolio

Der Good Growth Fonds setzt weiter stark auf Mikrofinanzen. Laut Andreas W. Korth investiert dieser Dachfonds knapp jeden vierten Euro des Fondsvermögens in diesen Sektor, vor allem in Mikrofinanzfonds. Korth begründet das zum einen mit dem Nachhaltigkeitsziel „sozialer Frieden“, das der Good Growth Fonds verfolge. Effizient und nachhaltig ausgerichtete MFI seien auch in Zukunft unverzichtbar, um die Armut weltweit zu verringern. Für seinen vermögensverwaltenden Fonds sei das Segment Mikrofinanz auch aus finanzieller Sicht wichtig, denn es bitte viel Sicherheit, so Korth. Er verweist auf die extrem hohe Rückzahlungsquote bei Mikrokrediten. Im Gegensatz zum Rentenmarkt existiere kein Zinsrisiko, das Anlagerisiko sei also geringer als etwa bei kurz laufenden Staatsanleihen. Jährliche Renditen von bis zu sieben Prozent wie vor einigen Jahren seien für die Zukunft mit Mikrofinanzen zwar nicht mehr zu erwarten. Aber die Rendite von Geldmarktfonds könnten Mikrofinanzfonds deutlich überbieten, und die soziale Rendite komme hinzu. Als weiteren Pluspunkt führt Korth an, dass sich die Mikrofinanzmärkte weitgehend unabhängig von den großen Aktien- und Anleihemärkten entwickelten. Auch das bringe Sicherheit ins Portfolio des Good Growth Fonds.

Zudem sei das Wachstumspotential des Mikrofinanzmarktes sei noch längst nicht ausgeschöpft, so Korth. Gegenwärtig existierten weltweit rund 70.000 MFI. Davon hätten aber erst weniger als 1.000 eine Marktreife erlangt, die es Mikrofinanzfonds erlaube, ihnen Mittel zur Verfügung zu stellen. Weitere 10 bis 20 Prozent der 70.000 MFI haben nach Einschätzung von Korth das Potential, die verlangte Marktreife zu erlangen und Geschäftspartner der Fonds zu werden. Diese Entwicklung könne das bislang stärkste Hindernis des Marktes abbauen: dass die Fonds zu wenige MFI vorfinden, die das Geld der Investoren wunschgemäß in sinnvolle Kleinkredite umwandeln können.

Neues Wachstum verspricht sich Wallberg-Geschäftsführer Rauscher insbesondere von anderen als den asiatischen Märkten. So sei etwa Afrika vom Mikrofinanzsektor bislang kaum erschlossen. Mittlerweile erlangten aber auch hier immer mehr MFI eine Reife, die sie für Mikrofinanzfonds investierbar mache. „Hier öffnet sich derzeit die Türe zu einem neuen Markt“, so Rauscher. Auch Klaus Tischhauser von responsAbility sieht Marktpotential in Afrika. Im Westen des Kontinents habe sich bereits ein funktionierender Mikrofinanzmarkt etabliert, getragen von einheimischen Genossenschaften. „Die brauchen uns nicht“, stellt er dazu fest. Problematisch sei das Marktumfeld im Norden und im Süden des Kontinents. Der Norden werde aus politischen Motiven derzeit mit billigem Geld überschwemmt, so sich ein nachhaltiger Mikrofinanzmarkt dort kaum entwickeln könne. Im Süden seien Konsumentenkredite weit verbreitet und das Umfeld daher ebenfalls kaum geeignet. Dagegen seien die Bedingungen in Ostafrika, etwa in Kenia, sehr attraktiv. „Dort sind und werden wir aktiv“, so Tischhauser.

Zu den wichtigen deutschen Investoren im Bereich Mikrofinanz zählen Kirchenbanken wie die Paderborner Bank für Kirche und Caritas. Dr. Helge Wulsdorf leitet dort den Bereich ‚Nachhaltige Geldanlagen’. „Unsere Bank ist hier mit einem zweistelligen Millionenbereich investiert“, erklärt Wulsdorf. Sie wolle auch weiterhin auf Mikrofinanzfonds setzen. „Wir haben vor Jahren damit begonnen und bauen das unser Engagement schrittweise aus. Das ist ein gutes Instrument gegen Armut, und es ermöglicht eine solide Rendite.“ Laut Wulsdorf haben Mitarbeiter seiner Kirchenbank sich vor Ort von der fruchtbaren Wirkung von Mikrokrediten überzeugt, er selbst sei etwa in Indien gewesen. Nach seiner Einschätzung hilft die Mikrofinanz Menschen zwar vor allem, der aktuellen Armut zu entgehen. Ihr Nutzen sei aber auch dadurch nachhaltig, dass die Mikrofinanzkunden so viel sie können in die Ausbildung ihrer Kinder investieren. „Mikrokredite ermöglichen es Eltern nicht nur, der Familie die tägliche Existenz zu sichern, sondern auch etwas beiseite zu legen“, erklärt Wulsdorf. Und nur dann sei es möglich, Kindern eine solide Schulbildung oder einen Ausbildungsplatz zu finanzieren. „In Indien kann man nur dauerhaft der Armut entkommen, wenn man mindestens über eine handwerkliche Ausbildung verfügt“, so der Nachhaltigkeitsexperte.
Bildnachweis: Dr. Helge Wulsdorf, Leiter Nachhaltige Geldanlagen der Bank für Kirche und Caritas in Paderborn./ Quelle: Unternehmen


Daher ist es auch von Bedeutung, dass sich führende Mikrofinanzakteure mit der Unterzeichnung der Prinzipien für Mikrofinanz dazu verpflichtet haben, nicht nur auf Kleinkredite zu setzen. Diese Prinzipien verpflichten MFI auch, verstärkt Sparkonten anzubieten. Damit ihre Kunden einen Kapitalstock für die Ausbildung der Kinder aufbauen und das Geld dafür sicher verwahren können. Das wiederum können dauerhaft nur MFI leisten, die so professionell und solide geführt werden, wie es Mikrofinanzfonds verlangen.



Im zweiten Teil des Beitrags, der morgen erscheint lesen Sie, wie Mikrofinanzen konkret funktionieren und welche Anlagemöglichkeiten Privatanleger in diesem Sektor haben.
Nach oben scrollen
ECOreporter Journalistenpreise
Anmelden
x