08.08.11 Fonds / ETF

“Nachhaltigkeitsanalysen ersparen den Investoren manch böse Überraschungen” - ECOreporter.de-Interview mit Dr. Elisabeth Höller, INVERA Investment Ethics Research & Advisory AG

Von der konsequenten Nachhaltigkeitsanalyse der Einzeltitel hängt die Glaubwürdigkeit nachhaltiger Investmentfonds entscheidend ab. Wie läuft eine Nachhaltigkeitsanalyse praktisch ab? Was bringt der so genannte Best-in-Class-Ansatz? Antworten auf diese und weitere Fragen gibt Dr. Elisabeth Höller, CEO der INVERA Investment Ethics Research & Advisory AG aus Zürich. Die unabhängige Vermögensverwalterin ist eine erfahrene Spezialistin für sozial und ökologisch verantwortungsvolles Investieren.

ECOreporter.de: Was ist das Kerngeschäft der INVERA Investment Ethics Research & Advisory AG?

Dr. Elisabeth Höller: Das INVERA-Ethik-Research-Team erstellt seit 1995 Nachhaltigkeits- und Ethik-Analysen zu Unternehmen und Anleihe-Emittenten, deren Aktien oder Anleihen, die Portfolio Manager unserer Auftraggeber in als nachhaltig bzw. ethisch zu qualifizierende Portfolios, Fonds oder Zertifikate zu integrieren wünschen.
Die meisten Portfolio Manager möchten nur unsere Schlussfolgerungen erhalten: Ja, geeignet oder nein, ungeeignet. Von uns erfahren sie also, ob die von ihnen angefragten Anlageinstrumente für ihre jeweiligen Investmentprodukte eingesetzt werden dürfen oder nicht. Dagegen wollen die Kundenberater auch die Hauptaussagen zu den wichtigsten extrafinanziellen Eigenschaften eines Unternehmens erfahren.
Bevor ihre Entscheidung fällt, haben unsere Analysten und unser unabhängiges Ethik-Komitee sich mit der Prüfung von über 100 Kriterien befasst, ehe sie ihr Urteil abgeben. Dabei gibt es bisweilen heiße Diskussionen, ehe ein Rating-Entscheid fällt. Denn vor allem bei Großkonzernen, die eine Vielzahl von Produkten anbieten, ist nie alles ganz schwarz oder ganz weiß, sondern eher hell- oder dunkelgrau.

ECOreporter.de:  Inwiefern ist der Investmentprozess mit ökologisch ethischen Kriterien vergleichbar mit dem herkömmlichen Investmentprozess, was sind wesentliche Unterschiede dazu?

Höller: Es gibt zwei Verfahrensweisen: so können die Schöpfer der konkreten Anlagerichtlinien die  von ihnen bezeichneten ökologischen und ethischen Kriterien von Anfang an gleichzeitig mit  den finanziellen Kriterien in den Investmentprozess einflechten. Oder die  Prüfung der Finanzkriterien geht der Nachhaltigkeitsanalyse voraus, so wie wir es etwa bei der Titel-selektion für unseren Ethik-Mischfonds EXCELLENT GLOBAL MIX (ISIN AT0000A017ST2) halten.
Das Anlagetiming wie auch die Quote eines Titels im Portfolio innerhalb des Ethik-Univer-sums bleibt ganz dem Portfolio Manager überlassen. Insgesamt gilt der Grundsatz: passt ein Titel (noch) nicht in das Ethik-Universum, so hat Ethik (sprich: der Analysefilter) Vorrang gegenüber den finanziellen Kriterien. Innerhalb des zugelassenen Universums hat aber klar Finance vor Ethik den Vorrang. Dem Portfolio Manager wird keine Verpflichtung auferlegt, einen ethisch oder ökologisch besonders wertvoll oder nützlich dastehenden Titel besonders lang oder mit extra hoher Quote in den Depots zu berücksichtigen. Ohnehin wird ein aktiv investierender Fondsmanager bei weitem nicht jeweils gleichzeitig in alle Titel des möglichen Universums investieren sondern vielleicht nur in Bruchteile davon.
Aber mit der Titel-Auslese nach Ethik-Kriterien ersparen wir den Investoren manch böse Überraschungen und Kursabstürze, zu denen es bei Bekanntwerden von Sozial- oder Umweltsünden an der Börse sonst eben kommen kann.
Mir erscheint es besonders erfolgreich, wenn Ethik- und Finanzanalysten dabei in Hand zusammenarbeiten. Dabei wird meiner Meinung nach noch viel zu wenig beachtet, dass sich die Finanzanalysten durch Einblicke in die extra-finanziellen Firmenprofile enorm viel Zusatznutzen betreffend Chancen und Risiken einer Kapitalanlage verschaffen, somit genauer als andere hinter die Kulissen der Unternehmen schauen können.

ECOreporter.de:  Sie haben Ihr eigenes Nachhaltigkeitsanalyseverfahren entwickelt. Welches sind die tragenden Eckpfeiler dieser Analyse?

Höller: Die Eckpfeiler unserer Methodik waren seit jeher die sozial-humanen Ausschlusskriterien wie Menschenrechts-Verletzungen, Kinderarbeit oder produktbezogene Ausschluss-Kriterien wie Waffenherstellung und -handel oder giftige Chemikalien.
Genauso wichtig für die Gesamtbeurteilung wie die Ausschlusskriterien sind die Positivkriterien, die als wichtige Kennzeichen der ethisch-innovatorischen Dynamik einer Firma oder eines Anleihe-Emittenten fungieren.
Als weiteren Eckpfeiler sehen wir die Stakeholder-Analyse an. Sie gibt Aufschlüsse darüber, wie ein Unternehmen mit den Kunden umgeht, mit der Umwelt, den Investoren, den Lieferanten, den Mitarbeitern und auch mit der Gesellschaft bzw. der Öffentlichkeit als Ganzes.
Über diese Eckpfeiler  gelangen wir bei INVERA zur Gesamtbeurteilung eines Unternehmens. Werden die Ethik-Mindeststandards nicht erreicht, lautet das Urteil: NV= nicht vertretbar. Das Urteil V = vertretbar signalisiert, dass die Ethik-Mindeststandards erfüllt wurden. Liegen bemerkenswert positive Elemente vor, beurteilen wir mit P= positiv. Äußerst selten stellen wir ein eindrucksvolles Überwiegen vorbildlicher Ausprägungen fest und vergeben dann das Rating H = hochwertig.

ECOreporter.de:  Wie läuft die Nachhaltigkeitsanalyse praktisch ab? Wie lang dauert eine komplette Nachhaltigkeitsanalyse im Durchschnitt?

Höller: Bei uns arbeiten jeweils mindestens zwei Analysten an einer Unternehmens- oder Emittentenanalyse, die sowohl alle Inhalte und Themen als auch die Konklusionen und Rating-Einstufungen durcharbeiten - bisweilen sogar mehrere. Zudem befassen sich außer den Ethik-Analysten ja auch noch die acht Mitglieder des unabhängigen INVERA-Ethik-Komitees genauestens mit jeder Analyse.
Wir untersuchen die Kriterien überwiegend in qualitativer Betrachtung. Vergleiche zu anderen Firmen innerhalb der jeweiligen Branche sind dagegen vor allem quantitativer Natur. Nach Bedarf werden auch Peer Group-Analysen, z.B. für regionale Vergleiche oder innerhalb Firmen in einer vergleichbaren Größenordnung, eingesetzt. Grundsätzlich enthalten aber alle unsere INVERA-Ethik-Analysen am Schluss eine grafische Darstellung mit statistischen Auswertungen dazu, wie das untersuchte Unternehmen im Vergleich zu seiner Branche wie auch zum INVERA-Gesamtuniversum dasteht.
Die Dauer für die Fertigstellung einer INVERA-Ethik-Analyse inklusive Abgleichung im Dialog zwischen Autor und Co-Autor und  Beschlussfassung durch das Ethik-Komitee kann stark variieren. In der Regel dauert die effektive Arbeitszeit der Analysten dreieinhalb bis vier Tage. Es gibt aber auch Ausnahmefälle. Zum Beispiel wenn das Komitee mit Zusatzfragen und Abklärungsaufträgen an die Analysten einen Aufschub  von bis zu zwei Monaten bewirkt.

ECOreporter.de: Viele nachhaltige Fonds mit dem Best-in-Class-Ansatz haben in letzter Zeit Kritik dafür geerntet, dass sie etwa Aktien von Öl- und Atomfirmen im Portfolio haben. Wie bewerten Sie den Best-in-Class-Ansatz?

Höller: Bei der Nachhaltigkeits- und Ethik-Beurteilung eines Unternehmens oder Emittenten geht es doch in erster Linie darum, festzustellen, ob diese verdienen, in ein durch Verantwortung für soziale und ökologische Aspekte klar geprägtes Anlageuniversum aufgenommen zu werden oder nicht. Es soll den Anlegern und der Gesamtgesellschaft bewusst gemacht werden, welche Verhaltensmuster von Firmen und Emittenten sozial- und umweltverträglich sind - und wo die Grenzen des Erträglichen überschritten sind. Die Ausgeschlossenen sollten den Mittelentzug zu spüren bekommen, wenn sich die verantwortungsbewussten Investoren von ihnen abwenden. Mit dem Best-in-Class-Ansatz können diese Ziele nicht erreicht werden.

(Bildhinweis: Opfer der BP-Katastrophe im Golf von Mexiko in 2010. Damals war die BP-Aktie in etlichen Nachhaltigketsfonds mit dem Best-in-Class-Ansatz enthalten. / Quelle: Greenpeace)


ECOreporter.de:  Nachhaltigkeitskriterien sollen Investmentrisiken minimieren. Gibt es ein Positiv- und/oder Negativkriterien-Paket, dass sie im Hinblick darauf grundsätzlich jedem Initiator/Anleger empfehlen würden?

Höller: Das ist eine ganz interessante Frage. Die wollen wir sobald wie möglich mit unserem Ethik-Komitee besprechen. Wahrscheinlich wird kein einfacher „Allwetter“- Weg zu finden sein, aber, darüber nachzudenken ist die Sache Wert!

ECOreporter.de:  Ausschlusskriterien wie etwa Korruption, Kinderarbeit oder Arbeitsrechtsverletzungen sind schwer nachweis- und kontrollierbar. Wie konkret setzen Sie Kundenwünsche hier praktisch um?

Höller: Diese hier von Ihnen genannten Kriterien prüfen wir bei jeder einzelnen Unternehmens- bzw. Emittentenanalyse, aber, wie Sie sagen, sind sie schwer feststellbar.

ECOreporter.de: Was sind effektive Reaktionen, wenn ein schwerer Verstoß gegen Nachhaltigkeitskriterien bekannt wird? Ab welchem Punkt raten Sie dazu, sich von einzelnen Titeln zu trennen?

Höller: Wir handeln da ziemlich rasch, aber solche Überraschungen kommen bei uns sehr selten vor, am ehesten im Zusammenhang mit Fusionen und großen Firmen-Umstrukturierungen. Wenn Vorfälle bekannt werden, aufgrund deren ein Titel im Ethik-Universum bzw. in den Ethik-Portfolios untragbar wird, dann muss er verkauft werden. Für die Umsetzung solcher Ausschluss-Entscheide durch Titelverkäufe hat das INVERA-Ethik-Komitee in seiner Sitzungsorganisation eine Maximalfrist von sechs Monaten  vorgesehen. Die Portfolio Manager unserer Kunden werden konkret darauf hingewiesen und aufgefordert, zu verkaufen. Die Frist hat den Zweck, die Verkäufe möglichst performance-schonend abzuwickeln und die Freiheit des Handelns des Portfolio Managers nicht über Gebühr einzuschränken.

ECOreporter.de:  Frau Dr. Höller, wir danken Ihnen für das Gespräch.
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