05.02.13

Sicher? Mikrokredite in der Finanzkrise

Mikrofinanzfonds haben in der Finanzkrise ihre Reifeprüfung bestanden. Sie erzielten stabile Renditen, es gab nahezu keine Verlustphase. Aber die Mikrofinanzbranch musste sich in der Finanzkrise anpassen: 2009 hatten die Mikrofinanzinstitute wegen der hohen Kreditnachfrage eher zu wenig Geld, ab 2010 sank die Kreditnachfrage der Kleinunternehmer in Schwellen- und Entwicklungsländern so abgenommen, dass einige Mikrofinanz-Fonds auf Barmitteln saßen und nicht anlegen konnten. Später stabilisierten sich das Gleichgewicht aus Angebot und Nachfrage wieder. Mikrofinanzfonds haben in der Finanzkrise ihre Reifeprüfung bestanden. Die wirtschaftliche Rendite sank 2009 zwar gegen Null, aber kein Anleger erlitt Verluste. Nachdem die Mikrofinanzinstitute 2009 eher zu wenig Geld hatten, ist jetzt das umgekehrte Problem zu beobachten: Die Kreditnachfrage der Kleinunternehmer in Schwellen- und Entwicklungsländern hat so abgenommen, dass einige Mikrofinanz-Fonds auf Barmitteln sitzen, die sie nicht anlegen können.
Juanita Guiterrez aus Mexiko muss ihre vier Kinder alleine durchbringen. Lange Zeit lebte sie als Müllsammlerin, durchforstete mit ihren Kindern die Müllkippen nach etwas, das sich zu Geld machen ließ. 2007 wendete sich ihr Schicksal: Juanita bekam einen Kleinkredit vom regionalen Mikrofinanzinstitut (MFI), kaufte einen großen Ofen und eröffnete eine Tortilla-Bäckerei. Nur zwei Jahre später hätte man der Mexikanerin womöglich den Kreditwunsch abgeschlagen. Denn 2009 griff die Finanzkrise auch auf den Markt für Kleinkredite über. Einigen Mikrofinanzinstituten gingen vorübergehend die Mittel aus. In der Regel bekommen sie diese von den Mikrofinanzfonds. Die wiederum sammeln Kapital bei den Investoren in Industriestaaten ein. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise und noch Monate danach hielten sich die Anleger zurück – auch bei Mikrofinanzfonds.

Vertrieb läuft vor allem über Kirchenbanken



Dabei gelten Mikrofinanzfonds als attraktiver Baustein im Anlagemix. Bis 2008 waren Fondsrenditen von 7 Prozent die Regel, die zuweilen noch übertroffen wurde. Vermögensberater mischen sie gern den Depots zur Risikostreuung bei, weil sich die Fonds weitgehend unabhängig von den großen Aktien- und Anleihemärkten entwickeln. Deutsche Produkte gibt es jedoch bislang nicht, weil das Investmentgesetz von 2007 den Fondsgesellschaften zu strenge Vorgaben macht. Zum Beispiel dürfen nur 15 Prozent des Fondswertes in Wertpapiere von MFI investiert werden. Für deutsche Privatanleger kommen aber einige wenige ausländische Mikrofinanzfonds in Frage. Sie werden unter anderem von Kirchenbanken vertrieben, dürfen allerdings als ausländische Produkte nicht aktiv vermarktet werden. Der responsAbility Global Microfinance Fund und der Dexia Micro-Credit Funds haben sieben bzw. zwölf Jahre nach ihrem Start ein Volumen von jeweils rund 500 Millionen US-Dollar erreicht. Der erst 2008 gestartete Wallberg Global Microfinance Fund sammelte bis Ende August 2010 rund 41 Millionen Euro ein. Auf etwa das gleiche Volumen kommt der Triodos Microfinance Fund, der im März 2009 aufgelegt wurde. Von 2004 bis 2008 stiegen die Investitionen in Mikrofinanzen jährlich um über 100 Prozent. Die Finanzkrise bremste den Boom. Michael P. Sommer ist bei der Bank im Bistum Essen Experte für dieses Anlagesegment. Er rechnet für die Zukunft mit einem jährlichen Zuwachs von 15 bis 20 Prozent. Er verweist darauf, dass sich manche Finanzinvestoren aus der Mikrofinanz ganz oder teilweise zurückgezogen haben, weil ihre Hoffnungen auf kurzfristig hohe Renditen enttäuscht worden seien. Dabei habe sich der Sektor insgesamt in der globalen Krise als robust erwiesen, auch wenn es bei den Kleinkrediten im weltweiten Durchschnitt zu einer Verdoppelung der Ausfälle gekommen sei. "Aber im Vergleich zu anderen Kreditmärkten ist die Ausfallquote mit in der Regel unter fünf Prozent immer noch sehr gering", betont Sommer. "Das hat die MFI nicht wirklich gefährdet, da sie in der Regel über eine gute Eigenkapitalausstattung verfügen. Sie mussten aber verstärkt Kredite von Kunden stunden oder umschulden."

Mehr Kredite nicht zurückgezahlt



Nicht nur die Rückzahlungsprobleme einiger Kunden minderten die Rendite von MFI und damit auch die der Mikrofinanzfonds. Belastender wirkte sich aus, dass infolge der Finanzkrise die Nachfrage für Mikrodarlehen stark gesunken ist. Weil viele potentielle Kreditnehmer lieber ein besseres Marktumfeld abwarten, um eine Geschäftsidee zu verwirklichen oder weil die Geschäfte zu schlecht laufen, um für Investitionen oder Expansionen ein Kleindarlehen aufzunehmen. Weniger Kreditnachfrage bedeutet auch weniger Refinanzierungsbedarf durch Mikrofinanzfonds. Die verzeichnen 2010 bereits wieder rege Zuflüsse von Anlegerkapital. Da die Erholung der Mikrokreditmärkte sich hinzieht, lassen sich diese Mittel nicht direkt in Kredite umsetzen. Die Fonds häufen daher verstärkt Barmittel an, wie Christian Rauscher, Geschäftsführer der Wallberg Invest S.A. aus Luxembourg, bestätigt. Der Wallberg-Fonds hatte Mitte September eine Barquote von 30 Prozent. Nur wenn die Mittel für Kredite eingesetzt würden, könnten sie auch attraktive Verzinsungen einbringen, erklärt responsAbility- Geschäftsführer Tischhauser. Der Fonds aus der Schweiz musste im Frühjahr 2010 – wie andere auch – die Ausgabe von Anteilen vorübergehend aussetzen. Tischhauser hofft, dass es gegen Ende dieses Jahres wieder möglich ist, den Fonds für Investoren zu öffnen. Es gebe bereits einen leichten Aufschwung im globalen Mikrofinanzmarkt. Die Nachfrage nach Kleinkrediten und damit der Refinanzierungsbedarf von MFI nehme allmählich wieder zu. Ob responsAbility Globale Microfinance, Dexia Micro-Credit Funds oder Wallberg Global Microfinance – die drei Fonds erzielten in den ersten acht Monaten 2010 nur noch Renditen von höchstens ein Prozent. 2009 deckte der Wertzuwachs allenfalls die Managementgebühren von 1,5 bis 2,2 Prozent ab. Immerhin verzeichneten die Fonds auch in der Krise keinen Wertverlust.

Genossenschaftsbeteiligung als Alternative zu Fonds



Die Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit aus Amsterdam – mit Förderkreisen unter anderem in Deutschland – ermöglicht ebenfalls Investments in Mikrofinanz. Laut Ulrike Lohr, Referentin bei Oikocredit in Bonn, müssen Anleger dafür Mitglied in einem der regionalen Förderkreise werden und mindestens einen Anteil von 200 Euro erwerben. Oikocredit zahle dafür eine jährliche Dividende von in der Regel 2 Prozent. 80 Prozent der Mittel stellt Oikocredit nach ihren Angaben Mikrofinanzinstituten zur Verfügung, die übrigen 20 Prozent würden direkt in Unternehmen und Genossenschaften investiert. Laut dem letzten Quartalsbericht belief sich das Kreditportfolio von Oikocredit zuletzt auf 446 Millionen Euro. "Im globalen Markt für Mikrofinanz gibt es zugleich eine Über- und eine Unterversorgung", stellt Lohr fest. Einige Regionen und MFIs zeichnen sich ihr zufolge durch stabile politische Rahmenbedingungen und vergleichsweise gute Renditeaussichten aus. Dazu gehörten manche Regionen Osteuropas und Asiens. Sie werden von den Kreditgebern bevorzugt. Hier drohe eine Überversorgung. Die Expertin von Oikocredit verweist darauf, dass ein verstärkter Wettbewerb um Kreditkunden dort zuweilen Mängel bei der Beratung und Betreuung der Kunden provoziert habe. Es sei dann gehäuft zur Überschuldung von Kreditnehmern gekommen, auch habe manches Institut Konsumkredite vergeben – statt wirtschaftlich sinnvoller Unternehmensdarlehen. Dagegen sei insbesondere in Teilen Afrikas das Angebot an Mikrokrediten weiter viel zu gering. Auch junge MFIs, die in ländlichen und schwer zugänglichen Gebieten operierten, hätten oft Schwierigkeiten, sich zu refinanzieren, so Lohr. Oikocredit wolle sich hier verstärkt engagieren.

Marktakteure positionieren sich für die Zukunft



Geschäftsführer Rauscher vom Wallberg Invest rechnet damit, dass die Investoren als Lehre aus der Krise in Zukunft neben der finanziellen Rendite verstärkt auf die sozialen Auswirkungen ihrer Beteiligungen in den jeweiligen Ländern achten werden. Standards für die Vergabe von Mikrokrediten fordert Michael P. Sommer von der Bank im Bistum Essen. Investoren müssten ein genaues Bild von den Auswirkungen ihrer Investments bekommen. Zudem müssten sie auf einen Punkt besonders achten: MFI müssten die Mittel so einsetzen, dass die gewünschte "soziale Rendite" realisiert und dem Anleger auch transparent gemacht werde. Nach Einschätzung des responsAbility-Geschäftsführers Tischauser wird der Mikrofinanzsektor verändert aus der Krise hervorgehen Kleine Anbieter schlössen sich zusammen, und Mikrofinanzakteure, die einmal als Nicht-Regie-rungsorganisation gestartet seien, entwickelten sich zu "normalen" Banken, auch auf Druck der immer besser funktionierenden Aufsichtsbehörden vor Ort. Zudem beobachtet Tischhauser verstärkte Bemühungen von MFI, neue Kundenkreise zu erschließen, z.B. in den ländlichen Regionen. Oikocredit-Expertin Ulrike Lohr geht davon aus, dass die Produktpalette noch breiter werden wird. "MFI werden ihre Angebote um Sparprodukte oder Versicherungen etwa gegen Ernteausfall erweitern", prognostiziert sie. Sparprodukte könnten bald für Juanita Guiterrez interessant werden. Die ehemalige Müllsammlerin hat am Rand von Mexiko City zunächst einen einfachen Straßenstand betrieben, an dem sie für Passanten Tortillas backte. Seit dem Sommer 2010 bietet sie den Imbiss in einem überdachten Laden an und beschäftigt eine Aushilfe. Ihr Sohn soll ab dem kommenden Jahr eine weiterführende Schule besuchen. Die Fahrkarte für die Busfahrt dahin kann sie sich mittlerweile leisten.
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