Nachhaltige Fonds schließen in der Regel Investments in Rüstung aus. Laut Südwind nehmen Unternehmen solche Ausschlusskriterien mit Schulterzucken zur Kenntnis. / Quelle. Fotolia

07.02.14 Fonds / ETF

Sind Nachhaltigkeitsratingagenturen nur ein Papiertiger?

In wenigen Jahren hat sich das nachhaltige Investments zu einer spektakulären Erfolgsgeschichte entwickelt. Zumindest auf den ersten Blick. Im Jahr 2000 gab es in Deutschland nur ein paar Dutzend nachhaltige Fonds mit einem Gesamtvolumen von 1,5 Milliarden Euro. Bis Ende 2013 wuchs dieser Markt laut unserer Datenbank ECOfondsreporter auf über 280 Fonds mit mehr als 30 Milliarden Euro Volumen. Dies zeigt, dass immer mehr Menschen mit ihrer Geldanlage Einfluss auf mehr Nachhaltigkeit in der Wirtschaft nehmen wollen. Und dass immer mehr Menschen darauf vertrauen, dies mit dem Investments in nachhaltige Fonds zu erreichen. Diese wählen Wertpapiere nach nachhaltigen Grundsätzen aus und sich stützen dabei häufig auf so genannte Nachhaltigkeitsratings, in denen die Nachhaltigkeit von Unternehmen bewertet. Diese Analysen stammen meist von Nachhaltigkeitsratingagenturen. Diese gelten als „Botschafter“ der nachhaltigen Investoren, weil sie den Unternehmen vermitteln, wo sie mehr Nachhaltigkeit erreichen sollen, etwa durch mehr Klimaschutz, eine stärkere Berücksichtigung von Menschen- und Arbeitsrechten oder mehr Transparenz.

In einer aktuellen Studie untersuchte die Nicht-Regierungsorganisation Südwind aus Siegburg, ob dieser hehre Anspruch des nachhaltigen Investments auch erfüllt wird. Die Ergebnisse stellen den Nutzen von nachhaltigem Investment grundsätzlich in Frage. Entsprechend intensiv wurde auf der Veranstaltung in Bonn, bei der das Südwind-Institut die Studie präsentierte, von Marktteilnehmern über ihre Ergebnisse und die Schlussfolgerungen diskutiert, die sich daraus ergeben.

Bewirken Ausschlusskriterien bei Unternehmen nichts?

Auf der Veranstaltung erläuterte Antje Schneeweiß, die Autorin der Südwind-Studie, die wichtigsten Ergebnisse ihrer Untersuchung (ein  Mausklick (Link entfernt)  führt Sie zu einem ECOreporter-Interview, in dem wir sie dazu befragen). Sie hatte Unternehmen, Nachhaltigkeitsratingagenturen und Nichtregierungsorganisationen befragt und die Ergebnisse neben ihren Schlussfolgerungen für die Studie zusammen getragen, die von der Stiftung Umwelt und Entwicklung Nordrhein-Westfalen und von der Union Investment Stiftung gefördert wurde. Die Kernthesen von Schneeweiß haben es in sich. So stellt Schneeweiß auf der Grundlage ihrer Gespräche in Frage, ob man mit Nachhaltigkeitsanalysen zu einem „materiellen Einfluss“ auf Unternehmen gelangt. Allenfalls würden Maßnahmen, die die Unternehmen ohnehin auf den Weg gebracht hätten, dadurch zusätzlich angeregt. Man habe erreicht, dass mittlerweile ein Großteil der Konzerne Nachhaltigkeitsberichte erstelle, also begonnen habe, ihre Nachhaltigkeitsleistungen zu erfassen und zu dokumentieren, und häufig auch eine Nachhaltigkeitsstrategie entwickelt wurde. Schneeweiß stellte aber fest, dass es jedoch nicht gelinge, darüber hinaus führende Maßnahmen anzustoßen. Schon gar nicht würden sich Unternehmen von Geschäften verabschieden, die zum Ausschluss ihrer Aktien und Anleihen durch nachhaltige Fonds führen. Sie zitierte einen Unternehmenssprecher: „Wir stoppen doch nicht Geschäfte mit Gentechnik in den USA, nur weil einige Investoren das ablehnen.“

Bildhinweis: Antje Schneeweiß. / Quelle: Südwind


Unternehmen und NGO’s kritisieren die Qualität von Nachhaltigkeitsratings

Schneeweiß stieß bei ihren Gesprächen mit Unternehmen auf starke Vorbehalte gegenüber Nachhaltigkeitsratings. Diese seien von schwankender Qualität, würden oft unnötigen Zusatzaufwand erfordern und kämen beim gleichen Unternehmen zu unterschiedlichen Bewertungen. Nachhaltigkeitsratings würden kein korrektes Bild davon widergeben, was wirklich im Unternehmen geschieht. ECOreporter.de hat Nachhaltigkeitsratingagenturen mit den Ergebnissen dieser Studie konfrontiert und wird in den kommenden Tagen darüber berichten, wie diese darauf reagiert haben.

Eine mangelnde Aussagekraft von  Nachhaltigkeitsratings beklagen auch Nichtregierungsorganisationen (NGO’s) und dies nicht nur laut der vorgelegten Studie. Auf der Veranstaltung in Bonn dazu bezog Barbara Happe von der NGO 'urgewald' ganz klar Stellung: „Die Ergebnisse von Nachhaltigkeitsratingagenturen sind nur eine Ansammlung von Daten und geben nicht die Wirklichkeit wieder. Schlimmer noch:  sie konterkarieren die Arbeit von NGO’s." Happe machte dies am Beispiel der Deutschen Bank fest, die in einigen Nachhaltigkeitsanalysen gut abgeschnitten hat. „Da frage ich mich, in welcher Welt diese Agenturen leben“, empörte sich Happe. Die Nachhaltigkeitsratingagenturen würden sich darauf beschränken, was die Unternehmen ihnen mitteilen, keine „Praxischecks“ durchführen und daher nur einen Teil der Realität abbilden. Die Vertreterin von 'urgewald' äußerte die Befürchtung, dass aufgrund dieser Verfahrensweise in den Unternehmen selbst zu viel Kapazität dadurch gebunden wird, dass man unnötig viel Zeit in eine optimale Beantwortung der Fragebögen von Nachhaltigkeitsratingagenturen steckt, die besser für konkrete Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit eingesetzt würde.

Bildhinweis: Die Deutsche Bank in Frankfurt. / Quelle: Unternehmen

Überzogenen Erwartungen an Nachhaltigkeitsratingagenturen?

Daniel Wild ist bei RobecoSAM in Zürich zuständig für die Nachhaltigkeitsbeurteilung von Unternehmen. Sein Unternehmen stellt zum Beispiel die Nachhaltigkeitsanalysen, auf deren Grundlage der bekannte Nachhaltigkeitsindex DJSI zusammengestellt wird. Wild warnte in Bonn vor überzogenen Erwartungen an „Praxischecks“ bei Unternehmen und erläuterte dies am Beispiel des deutschen Siemens-Konzerns. Dessen Zulieferkette umfasse etwa 90.000 Unternehmen weltweit. Da könne niemand durch Besuche vor Ort überprüfen, inwiefern zum Beispiel Sozialstandards in dieser großen Zulieferkette nicht erfüllt werden – „nicht mal Siemens selber kann das“, so Wild. Ein Nachhaltigkeitsresearch aber könne „substantiell etwas dazu sagen, inwiefern der Konzern über Managementsystem verfügt, die wirksam dazu beitragen, dass die ausgestellten Standards von den Zulieferern erfüllt werden können“. Und man könne davon ausgehen, dass Verstöße vor Ort ebenfalls bekannt werden. Selbst Skandale in entlegenen Schwellenländern würden dank der engen globalen Vernetzung schnell auch in Europa publik. Nachhaltigkeitsratingagenturen würden dazu Medienrecherchen betreiben und könnten auch Spezialanbieter wie RepRisk nutzen. Dieser Züricher Informationsdienstleisters RepRisk sammelt weltweit Daten über Medienberichten in verschiedensten Sprachen über Unternehmen, in denen Nachhaltigkeitsaspekte zur Sprache kommen.

Der Experte von RobecoSAM verwahrte sich gegen den Vorwurf, beim Nachhaltigkeitsresearch gehe es vorrangig um das Sammeln von Unternehmensdaten. Vorrang sei die Analyse dessen, was diese Daten aussagen, inwiefern sie auf Schwächen bei der Nachhaltigkeit hinweisen und die Nachhaltigkeitsratingagenturen würden die Unternehmen gerade dadurch zur Kooperation bewegen, dass diese so ihre Schwachstellen erfahren könnten. Nach seiner Erfahrung seien die Unternehmen an dem Dialog darüber sehr interessiert. Aber man müsse ihnen gegenüber wohl deutlicher kommunizieren, inwiefern das Erfüllen von Nachhaltigkeitskriterien für Unternehmen auch von finanzieller Bedeutung sei. Etwa indem sie auf Reputationsrisiken hingewiesen würden.

Bildhinweis: Der Abbau von Kohle führt zu verheerenden Umweltschäden. Weil die Bank of America einer der größten Finanzierer von Kohle-Projekten ist zieht sie scharfe Kritik von NGO's auf sich. Dennoch wird die Aktie dieses Konzerns im Nachhaltigkeitsindex DJSI geführt - Grundlage dafür sind Nachhaltigkeitsanalysen von RobecoSAM. / Quelle: Fotolia

Auf der Veranstaltung von Südwind konnte ECOreporter.de auch nachhaltige Investoren zu ihren Einschätzungen der vorgelegten Studie befragen. Etwa Andreas W. Korth, Mitinitiator und Co-Manager des nachhaltigen Mischfonds BN & P Good Growth Fund. Er bezweifelte, dass Unternehmen zugeben würden, erst durch Nachhaltigkeitsratings zu Verbesserungen angeregt zu werden. Solche Verbesserungen würden von ihnen immer als Ergebnis eigener Innovationskraft und Aktivität dargestellt. Korth erläuterte dies an einem Beispiel: sein Fonds dränge Unternehmen dazu, der UN-Initiative Global Compact beizutreten. Eine Firma habe den Fonds mit seiner Anfrage über drei Jahre hinweg „abblitzen lassen“, und als man sie im vierten Jahr dazu aufgefordert habe, habe diese mitgeteilt, „selbstverständlich“ sei man dem Global Compact beigetreten und unterstütze dessen Ziele.

Wolfram Gerdes ist Vorstand der Kirchlichen Zusatzversorgungskasse (KZVK) Rheinland-Westfalen und betont, dass Nachhaltigkeitsanalysen für ihn als Investor wichtig sind, weil er so beurteilen kann, ob sein Portfolio dem eigenen ethischen Anspruch genügt. Seine Erwartungen an einen Einfluss der Nachhaltigkeitsratingagenturen seien eher gering. Man stehe noch immer erst am Anfang bei dem Bemühen, ausreichende Informationen zu erhalten, um die Nachhaltigkeit von Unternehmen wirklich zu erfassen. Aber es gebe Fortschritte und man werde weitere erzielen. Er sieht eher nachhaltige Investoren in der Pflicht, sich auf Mindeststandards von Nachhaltigkeit zu einigen und diese gemeinsam gegenüber den Unternehmen einzufordern. Der Einfluss von nachhaltigen Investoren sei bislang gering, eben weil er nur einen kleinen Teil des Kapitalmarkts ausmache und ein Unternehmen leicht andere Investoren finde, wenn es den Ansprüchen nachhaltiger Investoren nicht genüge.

Nachhaltige Investoren wollen sich mit NGO’s vernetzen

Helge Wulsdorf von der Bank für Kirche und Caritas leitet den Nachhaltigkeitsstab der Kirchenbank aus Paderborn, die sich bei den Eigenanlagen auf Nachhaltigkeitsanalysen stützt und auch einen Nachhaltigkeitsprodukte aufgelegt hat. Er rät ebenfalls zu einer kritischen Einordnung der Stellungnahmen von Unternehmen zum Einfluss von Nachhaltigkeitsratings. Und um bei Konzernen Veränderungen zu erreichen, müssten ohnehin viele Akteuren Druck ausüben, Nachhaltigkeitsratingagenturen und ihre Auftraggeber gehörten, aber auch viele andere Akteure der Zivilgesellschaft. Aus diesem Grund will sich laut Wulsdorf eine Gruppe von kirchlichen Investoren auch verstärkt mit ihnen nahestehenden NGO’s austauschen, um gemeinsam auf mehr Nachhaltigkeit von Unternehmen hinzuwirken. Als Beispiele für solche Organisationen nannte er etwa Misereor und Brot für die Welt, diese hätten einen tiefen Einblick in konkrete Nachhaltigkeitsprobleme von Großunternehmen in Schwellenländern und könnten helfen, gegenüber Konzernen diese Probleme fundiert anzusprechen. Man arbeite jetzt daran, gemeinsam mit Union Investment, die ja für Kirchenbanken ebenso wie für andere genossenschaftlich organisierte Finanzinstitute nachhaltige Anlageprodukte betreue, diese Zusammenarbeit zu organisieren.

Mit einer solchen Kooperation würden diese Marktakteure eine Forderung der Südwind-Studie erfüllen, die anmahnt, dass sich das nachhaltige Investment intensiver mit anderen Stakeholdern vernetzt, also Interessenvertretern wie NGO’s oder Arbeitnehmervertretungen. Würde man sie beim Erstellen der zu untersuchenden Kriterien beteiligen und ihre Informationen über Unternehmen stärker beachten, könne dies zu einem realistischeren Bild und einer höheren Glaubwürdigkeit von Nachhaltigkeitsratings führen.

Bildhinweis: Ausbeuterische Kinderarbeit etwa in der Landwirtschaft ist nachhaltigen Investoren ein Dorn im Auge. NGO's können sie darüber informieren, welche Aktienunternehmen davon profitieren. / Quelle: Fotolia

Die Steyler Bank aus St. Augustin beteiligt sich ebenfalls an der von Wulsdorf angeführten Initiative kirchlicher Investoren. Jutta Hinrichs ist dort Referentin für Ethik und Nachhaltigkeit. Wie sie für die Bank der Steyler Missionare anführte, verfolgt diese daneben aber auch einen eigenen Ansatz. Die Steyler Bank, die ebenfalls eigene nachhaltige Fonds auf den Markt gebracht hat, binde für die Beurteilung der Nachhaltigkeit von Unternehmen ihre Missionare vor Ort ein. So kritisiere die Steyler Bank das Engagement des Allianz-Konzerns für das umstrittene Staudamm-Projekt Belo Monte in Brasilien. Durch das Staudammprojekt werden 400 km² Regenwald vernichtet und sind bis zu 40.000 Menschen von Zwangsumsiedlung bedroht. Die Allianz sichert den Staudamm Belo Monte mit über 400 Millionen Euro ab. „Unsere Missionare können uns ganz genau über die konkreten Auswirkungen eines solchen Projektes auf die Menschen vor Ort informieren. Und mit diesen Aussagen werden wir die Allianz konfrontieren“, so Hinrichs.

Hinweis: Viele nachhaltige Fonds investieren auch in Wertpapiere von Branchen, die wie etwa der Ölsektor per se nicht nachhaltig sind. Sie rechtfertigen dies mit dem Ansinnen, dadurch Einfluss auf die Unternehmen dieser Branche nehmen zu können, damit diese nachhaltiger werden. Über diesen so genannten Best-in-class-Ansatz und über die Titelauswahl nachhaltiger Fonds erfahren Sie mehr auf unserer Sonderseite GUT ERKLÄRT, zu der Sie per  Mausklick (Link entfernt) gelangen.

Ein weiterer Mausklick führt Sie zu einem  Kommentar  von ECOreporter.de zur Südwind-Studie.
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