20.06.12 Fonds / ETF

UN-Erdgipfel in Rio als Wegscheide für mehr Nachhaltigkeit - Experten nehmen kritisch Stellung

Heute beginnt die Welt-Konferenz Rio+20. Der UN-Erdgipfel läuft bis zum 23. Juni und soll auf die UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung aufbauen, die 1992 im brasilianischen Rio de Janeiro durchgeführt wurde und als ein Startschuss der weltweiten Bemühungen um Nachhaltigkeit gilt. Die Erwartungen auf durchgreifende Beschlüsse sind jedoch äußerst gering. So hat etwa der WWF den Text, der der Konferenz heute von der brasilianischen Präsidentschaft vorgelegt wurde, massiv kritisiert. "Die Verhandlungsführer sollten sich schämen, so etwas zur Zukunft des Planeten vorzulegen", stellte dazu WWF-Sprecher Franko Petri nach einer inhaltlichen Analyse des 56 Seiten langen Papiers durch die Experten der WWF-Delegation in Rio fest. Wenn der derzeitige Entwurf so abgesegnet werde, verkomme der Erdgipfel zur „Lächerlichkeit". Der vorliegende Textentwurf verpflichte die Staaten zu nichts. Es würde weitere wertvolle Zeit verspielt, „wenn die Staatschefs nicht in den nächsten drei Tagen ambitionierte Ziele und klare Zeitpläne vorlegen”, so Petri.

Christoph Butz ist Nachhaltigkeitsexperte beim Fondsanbieter Pictet Asset Management. Er sieht gar keine Alternative dazu, den Grundsätzen der Nachhaltigkeit endlich Folge zu leisten. „Diese Grundsätze erlauben keine Kompromisse und sind im Kern nicht verhandelbar. Ich spreche hier nicht von einer beliebigen, völlig überstrapazierten und verwässerten Auffassung der Nachhaltigkeit, sondern von echter Nachhaltigkeit”, so Butz. Der Experte weiter: „Wir können ganz einfach nicht im gegenwärtigen Tempo weiter wachsen, konsumieren und die Umwelt verschmutzen, sonst geht die Zivilisation, so wie wir sie kennen, unter. Wenn dereinst zehn Milliarden Menschen einen Lebensstandard erreichen sollen, der auch nur im Entferntesten dem gleicht, was wir als menschenwürdig bezeichnen würden, dann müssen wir unsere Lebensweise fundamental umstellen. Ganz zu schweigen vom verschwenderischen Lebensstil, an den wir uns in den westlichen Ländern gewöhnt haben.“

Dem kürzlich publizierten WWF-Bericht „Living Planet 2012“ zufolge übersteigt unser ökologischer Fußabdruck die verfügbare Biokapazität bereits um 50 Prozent. „Wenn wir so weiterfahren, brauchen wir bis 2050 bereits zwei Erden, um die zunehmende Nachfrage nach Ressourcen zu befriedigen und unseren Abfall und unsere Umweltverschmutzung zu absorbieren“, stellt Butz dazu fest. „Jahr um Jahr treiben wir so unsere ökologischen Schulden in Höhen, die aufgrund ihrer existenziellen Bedeutung die enorm hohen Staatsschulden verblassen lassen. Und für die ökologische Krise stehen uns keine der üblichen Rettungsmassnahmen, Bail-Outs oder quantitative Lockerung zur Verfügung. Ist unser Umweltkredit einmal aufgebraucht, dann wird dies für immer sein.“

Der Nachhaltigkeitsexperte weiter: „Die ‚Green Economy‘ der Zukunft, das Hauptanliegen von Rio+20, wird in möglichst großem Umfang auf erneuerbare Ressourcen und Energien aufbauen müssen. Die verbleibenden fossilen Energieträger müssen viel intelligenter genutzt und so weit wie möglich für den Aufbau erneuerbarer Infrastruktur eingesetzt werden, die es uns erlauben, Sonnen-, Wind- und andere erneuerbare Energien einzufangen, die uns unendlich zur Verfügung stehen”, so Butz. Es stünden enorme Herausforderungen und Transformationen bevor, die erst finanziert werden müssten. Und hier kommen Butz zufolge nachhaltige Investitionen zum Tragen: „Die Staaten sind bereits hoffnungslos überschuldet und können die notwendigen Investitionen nicht selbst tätigen. Hingegen können und werden sie bestimmt alles tun, um den Einsatz fossiler Energiequellen zu verteuern und gleichzeitig eine sorgfältige Nutzung erneuerbarer Energiequellen zu erzwingen, indem sie angemessene Anreize schaffen und alle politischen Massnahmen ausschöpfen, die zu einer Internalisierung schädigender Externalitäten führen. Unsere Gesellschaft wird es sich ganz einfach nicht mehr leisten können, unsere wertvollsten Ressourcen wie Luft, Wasser, Boden und biologische Vielfalt zu vergeuden, nur weil die Marktpreise in keiner Weise ihre entscheidende Bedeutung für das Überleben unserer Spezies und der anderen Erdenbewohner widerspiegeln.”

Butz geht davon aus, dass nur Firmen fortbestehen und florieren werden, bei denen Nachhaltigkeitsüberlegungen in jede Geschäftsentscheidung einfliessen und nicht nur Teil ihrer Nachhaltigkeitsberichterstattung sind. „Die Einbeziehung der richtigen Umwelt-, Sozial- und Governance-Kriterien in unsere Anlageentscheidungen kann uns dabei helfen, zu entscheiden, zu welcher der beiden vorerwähnten Kategorien die Unternehmen zählen“, stellt der Experte von Pictet dazu fest. Sein Fazit: „Somit dürfte sich langfristig die Investition in Unternehmen, die verantwortlich, das heißt im Rahmen der Ressourcen unserer Erde und ohne Erhöhung unserer ökologischen Schulden gegenüber künftigen Generationen, handeln, nicht nur als moralisch richtig, sondern unweigerlich auch als die erfolgreichere Anlagestrategie erweisen.”
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