Modulproduktion bei der chinesischen JA Solar: Solarhersteller aus China profitierten im ersten Halbjahr von einer extrem hohen Nachfrage. / Foto: JA Solar

20.07.17 Aktientipps , Erneuerbare Energie

Was der Solarboom in China für Solar-Aktien bedeutet

Der chinesische Solarmarkt läuft heiß. Für Solarmodule ist die Nachfrage dort im ersten Halbjahr noch stärker gestiegen als im Vorjahreszeitraum. Warum das kurzfristig für Solarkonzerne mit starker Ausrichtung auf China und für ihre Aktionäre eine gute Nachricht ist. Und wieso Investoren dennoch vorsichtig sein sollten.


Wie der chinesische Solarverband bekannt gab, wurden in China in den ersten sechs Monaten von 2017 neue Solaranlagen mit zusammen 24,4 Gigawatt (GW) installiert. Diese Menge liegt um 9 Prozent über dem bisherigen Rekordwert, den der chinesische Solarmarkt vor einem Jahr erreicht hatte. Zum Vergleich: In Deutschland wurden im Gesamtjahr 2016 rund 1,5 GW neu installiert und sind in den letzten 20 Jahren rund 42 GW Solarstromleistung aufgebaut worden.

Das Beratungsunternehmen AECEA (Asia Europe Clean Energy Advisory Co. Ltd.) schätzt, dass in China allein im zweiten Quartal rund 17 GW Solarstromleistung neu installiert wurden.

Dazu ein weiterer Vergleich: Die USA waren 2016 weltweit nach China das Land mit dem stärksten Solarzubau. Dort gingen im vergangenen Jahr neue Solaranlagen mit zusammen 14,6 GW ans Netz. China erreichte somit allein im zweiten Quartal 2017 weitaus mehr als die Nummer 2 des globalen Solarmarktes im Gesamtjahr 2016.

Hohe Nachfrage aus China stabilisiert Solarhersteller

Die Ankündigung von Einschnitten bei der Solarförderung zur Jahresmitte hatte in China eine Explosion der Installationen und damit der Nachfrage für Solarmodule ausgelöst. Ein wiederholtes Phänomen, denn schon im Vorjahr hatten chinesische Solarprojektierer in den ersten sechs Monaten so viele Solaranlagen wie möglich umgesetzt: Sie wollten auch damals vor der Kürzung der Solarförderung zur Jahresmitte noch die alten Tarife beanspruchen.

Wie schon in 2016 dürfte also auch im dritten Quartal 2017 die chinesische Nachfrage für Solartechnik zunächst einbrechen. Die unabhängige und in Taiwan ansässige Solaranalystin Corrine Lin geht davon aus, dass China aber in 2017 insgesamt einen Solarzubau von bis zu 40 GW erreichen wird. Damit würde in der Volksrepublik binnen eines einzigen Jahres fast so viel Solarstromkapazität neu errichtet wie Deutschland sie in rund zwei Jahrzehnten aufgebaut hat.

Das sind zunächst gute Nachrichten für die großen Solarhersteller, die wie JinkoSolar und Canadian Solar ihre Produktionskapazitäten massiv ausgebaut haben und vor allem auf China als Absatzmarkt setzen. Sie dürften angesichts dieser enormen Nachfrage aus China ihre Geschäftsziele für 2017 erreichen, vielleicht sogar übertreffen.

Die extrem hohe Nachfrage aus China hat auch im Weltmarkt die Preise für Solarmodule stabilisiert, die 2016 stark unter Druck geraten waren. Weitere Einnahmeeinbrüche infolge von Preisrückgängen dürften die großen Solarhersteller folglich bei ihren Halbjahresbilanzen nicht vermelden, die in den kommenden Wochen veröffentlicht werden.

Anleger können daher mit positiven Kursentwicklungen von Solar-Aktien rechnen – zumindest auf kurze Sicht und wenn man außen vor lässt, dass einzelne Unternehmen aus individuellen Gründen weniger gute Geschäftsaussichten haben.

Es bauen sich hohe Risiken für Solarhersteller auf

Dennoch sind diese Nachrichten allein kein Grund, jetzt in Solar-Aktien zu investieren. Nicht nur weil es ratsam ist, sich vor dem Kauf einer Aktie jedes Solarunternehmen und seine besonderen Risiken genauer anzuschauen. Sondern weil der Solarboom in China auch eine Kehrseite hat.

So täuscht er darüber hinweg, dass die Solarhersteller dort massive Produktionskapazitäten aufgebaut haben. Der chinesische Solarverband schätzt sie bei der Fertigung von Solarmodulen auf rund 34 GW pro Jahr. Nur bei einem ungewöhnlichen Solarboom wie derzeit sind solche spektakulären Produktionskapazitäten ausgelastet.

In 2018 dürfte sich das kaum wiederholen. Die chinesische Regierung versucht zwar bislang vergeblich, den heiß gelaufenen Solarmarkt der Volksrepublik wieder in geordnete Bahnen zu lenken, sein Wachstum abzubremsen. Doch es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis sie zu härteren Maßnahmen greift. Vielleicht wagt sie sogar eine temporäre Vollbremsung, um wieder die Kontrolle über den Markt zu erlangen.

Denn schon jetzt kommt in China der Ausbau des Stromnetzes nicht mehr dem Ausbau der Grünstromkapazitäten hinterher. Auch laufen die Kosten für Solarstromtarife völlig aus dem Ruder. Deren Auszahlung an die Solaranlagenbetreiber verzögern sich immer häufiger und länger – was zu einem Problem für die Solarkonzerne werden kann, die in China nicht nur Solartechnik herstellen, sondern auch Solarparks betreiben.

Der chinesische Ausbauplan für die Photovoltaik sah bis 2020 einen Aufbau von 105 GW Solarstromkapazität vor. China hat bereits Mitte 2017 die Marke von 100 GW überschritten, dieses Ausbauziel also fast schon erreicht. Es spricht also wenig dagegen und vieles dafür, dass die chinesische Regierung schon bald durchgreift.

Ein Einbruch der Nachfrage in China würde nicht nur die Solarhersteller treffen, die vom derzeitigen Boom besonders profitieren. Der globale Solarmarkt würde ebenfalls ins Schlingern geraten. Denn die chinesischen Solarhersteller wären gezwungen, verstärkt in ausländische Märkte zu drängen, dort mit Billigangeboten Marktanteile zu erobern, um zumindest einen großen Teil ihrer Produktion auszulasten.

Die logische Folge wäre ein massiver Preisverfall bei Solartechnik. Das Jahr 2016 hat bereits einen Vorgeschmack gegeben. Als damals im zweiten Halbjahr die chinesische Nachfrage deutlich schrumpfte, gerieten die Preise für Solarmodule weltweit stark unter Druck, sie sanken um rund 30 Prozent. Die Einnahmen und Aktienkurse von Solarunternehmen sackten ab. Dies droht sich bald zu wiederholen, in noch stärkerem Ausmaß.

Daher sollten Anleger zunächst abwarten und prüfen, was für Zahlen einzelne Solarkonzerne für das erste Halbjahr veröffentlichen und wie sie sich für die weitere Entwicklung des Solarmaktes aufstellen. Um dann für jeden einzelnen Fall die Chancen und Risiken des Investments abzuwägen.
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