07.08.12 Fonds / ETF

„Wir wollen Unternehmen dazu bringen, kontroverse Geschäfte aufzugeben“, David Reusch, Missionszentrale der Franziskaner

Die Missionszentrale der Franziskaner ist einer der zahlreichen Aussteller der Messe Grünes Geld am 29. September in Hamburg. Auf der für Besucher kostenlosen Veranstaltung können sich Neueinsteiger und Finanzprofis ein detailliertes Bild über die aktuellen Trends und Angebote am nachhaltigen Finanzmarkt im deutschsprachigen Europaraum machen. Umrahmt wird die Messe von einem umfangreichen Vortragsprogramm und einer Podiumsdiskussion.

Mehr über die Messe 'Grünes Geld' in Hamburg erfahren Sie Opens external link in new windowhier.

ECOreporter.de: Die Missionszentrale der Franziskaner bietet mit terrAssisi Aktien I AMI und terrAssisi Rentenfonds zwei nachhaltige Investmentfonds an. Inwiefern spiegelt sich das christliche Ethik- und Werteverständnis in der Anlagestrategie der Fonds wider?
David Reusch: Das Werteverständnis spiegelt sich hauptsächlich in der Auswahl der Anlagetitel wider. Einerseits werden Unternehmen und Länder nach Kriterien der Kultur-, Natur- und Sozialverträglichkeit untersucht, bevor eine Bewertung anhand von Finanzkennzahlen folgt. Andererseits werden Emittenten ausgeschlossen, die in bestimmten kontroversen Geschäftsfeldern tätig sind oder zweifelhafte Geschäftspraktiken aufweisen.

ECOreporter.de: Wie funktioniert die Titelwahl für die Fonds? Und wer ist für die Nachhaltigkeitsanlayse und die Kontrolle der Kriterien verantwortlich?

Reusch: Für die Bewertung potentieller Anlagetitel nutzen die Fonds die Ratings der oekom research AG. Es wird ein absoluter Best-in-Class-Ansatz verfolgt. Das heißt, Unternehmen kommen nur dann für die Fonds in Frage, wenn sie zu den besten ihrer Branche gehören und branchenspezifische Mindeststandards erfüllen.

ECOreporter.de: Welche konkreten Ausschlusskriterien sind für die Fonds definiert und inwiefern setzen Sie auf Toleranzschwellen für Unternehmen mit ethisch-ökologisch kontroversen Sparten?

Reusch: Konkret wenden wir bei Unternehmen insgesamt elf Ausschlusskriterien an, darunter beispielsweise  Biozide, Embryonenforschung, Rüstung, Tierversuche, kontroverses Umweltverhalten und Verstöße gegen Menschenrechte. an. Bei Ländern sind es zwölf Kriterien aus den Bereichen Soziales und Umwelt. Bei einigen Negativkriterien gibt es Toleranzschwellen, meistens gemessen am Umsatz in dem jeweiligen Bereich. Dies tun wir auch, um das Anlageuniversum nicht zu sehr einzuschränken. Denn ein Ziel des ethischen Investments, das wir verfolgen ist, die Unternehmen dazu zu bringen kontroverse Geschäftsfelder und kontroverse Geschäftspraktiken aufzugeben.

ECOreporter.de: Wie stehen Sie ökologisch kontroversen Anlagesegmenten wie Öl und Gas und Atomkraft gegenüber?

Reusch: Beim Ratingverfahren wird berücksichtigt, wie groß die absoluten negativen Auswirkungen der Branche beziehungsweise des Unternehmens im Umwelt- und Sozialbereich sind. Sind diese groß wie etwa im Bereich Öl und Gas, sind die branchenspezifischen Mindestanforderungen an das Nachhaltigkeitsmanagement entsprechend höher und die Bewertungsschwelle für ein potentielles Investment ebenfalls.

ECOreporter.de: Die Missionszentrale der Franziskaner versteht ihr Angebot an ethischen Geldanlagen als Mittel zur Einflussnahme. Inwiefern nimmt das Fondsmanagement der Fonds als aktiver Aktionär Einfluss auf die Unternehmen, in die investiert wird?

Reusch: Es ist richtig, dass wir versuchen durch das Angebot ethischer Geldanlagen, einen Beitrag zu mehr Achtung der Umwelt, mehr sozialer Gerechtigkeit und Generationengerechtigkeit leisten wollen. Im Bereich des direkten Dialoges mit Unternehmen engagiert sich die Missionszentrale der Franziskaner zum Beispiel bei CRIC, der größten Investorenvereinigung ethischer Anleger im deutschsprachigen Raum [CRIC steht für Corporate Responsibility Interface Center. CRIC ist in Frankfurt ansässig - Anm. d. Red.].

ECOreporter.de: Inwiefern gibt es derzeit Staats- und Unternehmensanleihen, die trotz des Marktumfeldes für christlich orientierte Anleger interessant sind, die nachhaltig investieren wollen?

Reusch:
Das aktuelle Marktumfeld ist von großer Unsicherheit geprägt und niemand kann heute die ganzen Auswirkungen der Schuldenkrise abschätzen. Nichtsdest trotz gibt es Länder wie Deutschland, Österreich oder auch skandinavische Länder, die hinsichtlich Nachhaltigkeit und Bonität interessante Anlagemöglichkeiten bieten.

ECOreporter.de: Was raten Sie Anlegern, die Ihr Geld erstmals nach christlichen Werte- und Ethikmaßstäben investieren möchten? Gibt es aktuell Anlagemöglichkeiten, die sie als vergleichsweise sicher, lukrativ und aus christlicher Sicht ethisch absolut einwandfrei einstufen?


Reusch: Eine absolute Perfektion gibt es nicht; auch nicht  im Bereich der Nachhaltigen Geldanlagen. Anleger haben jedoch viele Möglichkeiten ihr Geld unter Berücksichtigung ethischer Grundsätze zu investieren. Dabei sollten sie aber genau hinsehen, denn das Spektrum nachhaltiger Anlageprodukte ist groß und die Auswahlprozesse sind sehr unterschiedlich. Jeder Anleger muss für sich selbst und für sein Werteverständnis entscheiden, wie er sein Geld investiert beziehungsweise wem er Geld leiht. Denn Investieren ist nichts anderes als das Verleihen des eigenen Geldes an Länder oder Unternehmen.

ECOreporter.de: Es gibt mehr als zwei Milliarden Christen weltweit. Wie wird sich das ethische Investment christlicher Prägung in den nächsten Jahren entwickeln und was wird diese Entwicklung maßgeblich beeinflussen?

Reusch: Es ist richtig, dass Christen circa ein Drittel der Weltbevölkerung ausmachen, doch unabhängig von der Religion handelt nicht jeder bei der Geldanlage nach ethischen Prinzipien. Trotzdem gehen wir für die nächsten Jahre von einer verstärkten Nachfrage für ethische Finanzprodukte aus. Entscheidend wird sein, wie sich das Bewusstsein der Anleger gegenüber ethischen Geldanlagen entwickelt. Hierbei spielen auch institutionelle Investoren und die Politik eine wichtige Rolle.

ECOreporter.de: Was werden Sie auf der Messe Grünes Geld in Hamburg präsentieren und mit welchen Erwartungen kommen Sie zu der Veranstaltung?  

Reusch: Wir werden in Hamburg unser Verständnis von ethischen Investment und ganz konkret unsere terrAssisi-Fonds präsentieren. Wir freuen uns auf den Dialog mit den Besuchern und den anderen Ausstellern und hoffen, Interesse für unsere Initiativen zu wecken.

ECOreporter.de: Herr Reusch, danke für das Gespräch!

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