10.11.05 Nachhaltige Aktien , Meldungen

10.11.2005: Erster Neue-Energie-Unfall mit Todesfolge - Was sind die Ursachen des Unfalls auf dem Gel?nde eines norddeutschen Biogaskraftwerks?

Auf dem Gel?nde eines norddeutschen Biogaskraftwerks hat es vier Tote gegeben. Was sind die Ursachen des ersten Neue Energie Unfalls mit Todesfolge? ECOreporter.de sprach dar?ber mit Markus Ott, Chemiker und stellvertretender Gesch?ftsf?hrer des Fachverbands Biogas, Freising. "Soweit uns bekannt ist, passierte das Ungl?ck bei der Anlieferung von Reststoffen, nicht unmittelbar an der Biogasanlage", sagt Ott. Eine endg?ltige Best?tigung dazu m?sse aber noch abgewartet werden. Aktuell bem?he sich neben der ?rtlichen Berufsgenossenschaft, auch die Kriminalpolizei um die Aufkl?rung des Falls. "Die bisher bekannt gegeben Einzelheiten deuten auf eine Vergiftung der Menschen durch Schwefelwasserstoff hin", so der Sprecher: "Es ist aber vollkommen unklar, wie es dazu kommen konnte, dass eine solche Menge an Gas in so kurzer Zeit freigesetzt wurde. Im Zusammenhang mit einer Biogasanlage kann ich mir einen solchen Prozess gar nicht recht vorstellen."

Der Unfall ereignete sich Presseberichten zufolge in der Halle einer Biogasanlage in Rhadereistedt bei Zeven, Kreis Rotenburg. Tanja Augustin, Ratsmitglied der Samtgemeinde Selseingen, zu der Rhadereistedt geh?rt, sagt: "Diese Anlage ist gar nicht so in unserem Bewusstsein. Ich wohne nicht weit davon entfernt, aber ich wusste bisher nicht, wo diese Anlage steht."
In dem Geb?ude werden laut den Berichten Reststoffe angenommen, die in der Anlage verarbeitet werden. Es sei vollkommen ?blich zu diesem Zweck mit einer geschlossenen Halle zu arbeiten, erkl?rt Ott; besonders bei Kraftwerken, die mit unterschiedlichen Reststoffen arbeiteten, lasse sich damit die Geruchsbel?stigung von Anliegern vermeiden. "Gew?hnlich gibt es in solchen Hallen eine Uml?ftung, das ist eigentlich alles ausgesprochen hochgradig geregelt."

"Die Biogasanlage in Rhadereistedt erf?llt meines Wissens die aktuellen Sicherheitsvorkehrungen", so Ott weiter. Die Anlagen m?ssten vor der Inbetriebnahme ein aufwendiges Genehmigungsverfahren durchlaufen. Die Einsatzstoffe w?rden genau vorgeschrieben, alles sei per Gesetz l?ckenlos geregelt. "Man kann ?ber Jahre hinweg nachvollziehen, was wann und wo geliefert wurde."

Gibt es Unterschiede zwischen verschiedenen Anlagentypen? Der Chemiker erl?utert: "Es gibt Unterschiede. Anlagen, die rein landwirtschaftliche Einsatzstoffe verwenden, haben nicht so ein hohes Potential an Schwefel. Dort kann es meiner Einsch?tzung nach nicht zu so hohen toxischen Konzentrationen kommen." Generell sei eine Biogasanlage eine sehr komplexe Sache, sagt er. Die Branche lege dementsprechend gro?en Wert auf Schulungen, Fachinformationen und Fortbildungen der Betreiber bzw. des Betriebspersonals. "Da gibt es von Haus aus schon eine Sensibilisierung. Bei entsprechender Qualifikation sind die Risken einer solchen Anlage aber in jedem Fall handhabbar", so Ott. Seitens des Fachverbands Biogas werde man den Unfall selbstverst?ndlich analysieren und pr?fen, ob sich Konsequenzen für andere bestehende Anlagen erg?ben.

Der Unfall in hat vier Todesopfer gefordert. Am Mittwoch starb ein schwer verletzter Lastwagenfahrer. Wenige Stunden zuvor war eine 32 Jahre alte Mitarbeiterin des Betriebes ihren Verletzungen in einer Klinik erlegen.

Der 43 Jahre alte Betriebsleiter und ein 30 Jahre alter Mitarbeiter waren bei dem Ungl?ck am Dienstag unmittelbar nach dem Einatmen giftiger Gase gestorben. Ein schwer verletzter 25-J?hriger wird weiter in einem Krankenhaus behandelt. Beim Bergen der Opfer erlitten zehn Feuerwehrleute leichte Verletzungen durch Hautreizungen. "Von der Giftwolke wurden vier Menschen sofort bewusstlos, der 25-j?hrige Lieferant konnte sich nach Augenzeugenberichten noch bis zum Tor schleppen und die Feuerwehr benachrichtigen", sagte Polizeisprecher Detlef Kaldinski. Den Rettungskr?ften gelang es, drei der Opfer wiederzubeleben. F?r den Betriebsleiter und den 30-j?hrigen Mitarbeiter kam jede Hilfe zu sp?t.

Am Tag nach dem Unfall war die Gaskonzentration in der Betriebshalle nach Polizeiangaben noch so hoch, dass die Biogasanlage zun?chst nicht betreten werden konnte. "Es handelt sich immer noch um eine t?dliche Konzentration", sagte Polizeisprecher Detlef Kaldinski. Die Anlage wurde heruntergefahren. Die biologische Reaktion in den Fault?rmen geht nach Unternehmensangaben aber nur langsam zur?ck.

In Rhadereistedt wird aus organischen Abf?llen Methangas gewonnen. Es wird in Blockheizkraftwerken mit einer Gesamtleistung von 800 Megawatt in W?rme und Strom verwandelt. Die Anlage gilt als bundesweites Pilot- und Vorzeigeprojekt. Die Biogasanlage in Rhadereistedt ist seit 1999 in Betrieb. Ihre Errichtung hatte damals f?nf Millionen Mark gekostet. In vier Fault?rmen mit einem Volumen von insgesamt 10.400 Kubikmetern k?nnen monatlich 2000 Tonnen Methangas hergestellt werden. In der industriellen Anlage werden Speiseabf?lle aus Gastst?tten und Schlachtabf?lle verarbeitet.

Die Ursache des schweren Unfalls ist nach Angaben des Gewerbeaufsichtsamts Cuxhaven weitgehend gekl?rt. "Wir gehen davon aus, dass beim Entleeren eines Tankfahrzeugs mit geh?ckselten Schweined?rmen eine Schwefelwasserstoffwolke in ungew?hnlich hoher Konzentration frei geworden ist", sagte der Sprecher der Beh?rde, J?rg Hoppe, gegen?ber der Neuen Presse.

"Wer das zwei Mal einatmet, hat keine ?berlebenschance mehr", sagte Hoppe. Die Konzentration des giftigen Gases m?sse den Messungen zufolge 5000 Mal h?her gewesen sein als der Schwellenwert, bei dem das Gas ?berhaupt wahrgenommen werden kann. Bei diesem Extremwert werde der menschliche Geruchssinn sofort bet?ubt und ausgeschaltet. Auf St?rungen in der Anlage selbst weise bisher nichts hin. Ob es in dem Abfall-Tank au?er Schweinedarm auch noch andere Stoffe gegeben habe, m?sse noch gepr?ft werden. Bei fr?heren Lieferungen seien keine Probleme aufgetreten.

Schwefelwasserstoff entsteht bei der Zersetzung tierischer Eiwei?e. Auch die ?brigen von der Feuerwehr nach dem Ungl?ck registrierten Gase Ammoniak und Methan entstehen bei den Zersetzungsvorg?ngen.

Die private Biogasanlage verarbeitet Bioabf?lle aus der Landwirtschaft und privaten Haushalten, fl?ssige Schlachtabf?lle sowie Produktionsreste aus der Lebensmittel- und Pharmaindustrie. Der Schweinedarm in der Lieferung, die das Ungl?ck ausl?ste, stammte nach den Angaben der Beh?rden aus einem holl?ndischen Pharmabetrieb.

Heinrich K?hnken, 75 Jahre, ist seit sechs Jahren ehrenamtlicher Gesch?ftsf?hrer der Rotenburger Energie und Rohstoff GmbH. Er war fr?her Landwirt. Er sagte gegen?ber der haz: "Ich verstehe das einfach nicht, die Anlage war doch sicher". Vorerst wurde der Betrieb eingestellt. Wann es weitergeht? K?hnken zuckt die Achseln, hei?t es in der haz: "Ist auch egal."
Werner Borchers, Direktor der Samtgemeinde Selsingen, zu der auch das 300-Einwohner-Dorf Rhadereistedt geh?rt, spricht von einer "Verkettung ungl?cklicher Umst?nde".

Vergeblich suchen Feuerwehrleute mit schwerem Atemschutzger?t bis zum Abend nach dem Leck in der Anlage. Auch die Messungen der Hamburger Berufsfeuerwehr ergeben laut der haz nur, dass in der Halle ein Schwefelwasserstoff-Kohlendioxid-Gemisch ausgetreten war. Ob das giftige Gas beim Umpumpen der Fl?ssigkeit vom Lastwagen in die Halle entwich, bleibt unklar. Die Zwangsentl?ftung in der Halle soll funktioniert haben.

Bildhinweise: Einsatzkr?fte der Feuerwehr mit Atemschutzger?ten; Dekontamination von Einsatzkr?ften / Quelle: Polizeiinspektion Rotenburg
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