12.09.03 Nachhaltige Aktien , Meldungen

12.9.2003: Keine Angst vor der Politik - Erweiterung des Geschäftsmodells: ECOreporter.de-Interview mit Dirk Jesaitis, Vorstand der wind 7 AG

Die Eckernförder wind 7 AG erwarb bisher schlüsselfertige Windparks, um Einnahmen aus der Stromerzeugung zu erzielen. Der nicht börsennotierte Kraftwerksbetreiber wurde im Jahre 1999 von sieben Unternehmen aus dem Bereich der Planung und Projektierung von Windkraftanlagen gegründet. Zu diesen Hauptaktionären zählen unter anderem die Umweltkontor Renewable Energy AG, die P&T Technology und die NEVAG neue energie verbund AG. Aktuell betreibt wind 7 nach eigenen Angaben sieben Windparks mit insgesamt 29 Anlagen und einer installierten Leistung von knapp 30 Megawatt. ECOreporter.de sprach mit Dirk Jesaitis, Vorstand des Unternehmens, über die aktuelle Diskussion um die Windenergie in Deutschland, über die Pläne, auch Kommanditbeteiligungen anzubieten und die letzten drei schwachen Windjahre.


ECOreporter.de: Herr Jesaitis, wie sehen Sie die Perspektiven der Windenergie vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Diskussion um das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG)?
Dirk Jesaitis: Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass die Perspektiven der Windenergiebranche weltweit gigantisch sind, wenn es auch in verschiedenen Ländern höchst unterschiedliche Entwicklungen gibt, die neben den Windverhältnissen natürlich in erster Linie von den politischen Rahmenbedingungen abhängig sind. Die aktuellen Attacken einzelner Politiker gegen das EEG sind im Kern nichts Neues. Ähnliches haben wir auch in der Vergangenheit schon mehrfach erlebt. Da eine Novellierung des EEG ansteht, ist es nicht verwunderlich, dass unsere politischen Gegner bzw. insbesondere die Lobbyisten der fossilen und atomaren Energiewirtschaft nun besonders aktiv sind. Auch wenn die Situation im Moment etwas beunruhigend ist, sind wir sicher, dass die Mehrheit der politischen Entscheidungsträger in Berlin am Ende zu einer vernünftigen Entscheidung kommt.

Selbst wenn die Situation in Deutschland tatsächlich kippen sollte - woran ich nicht glaube - so wäre dies für die wind 7 relativ unproblematisch: Die existierenden Windparks genießen Bestandsschutz für 20 Jahre. Der Erwerb "gebrauchter" Windparks wird insofern weiterhin möglich sein. Darüber hinaus haben wir unsere Expansion ins Ausland bereits weit vorbereitet. Wir pflegen Kontakte zu diversen Projektentwicklern in verschiedenen sehr interessanten Ländern wie Spanien, Griechenland, Italien, Frankreich etc. Die erzielbaren Projektrenditen sind dort sogar um einiges höher als in Deutschland. Das Geschäftsmodell der wind 7 als Betreibergesellschaft von Windparks wäre insofern durch eine Verschlechterung der Rahmenbedingungen in Deutschland kaum betroffen.
Völlig anders sieht die Situation natürlich bei den Projektentwicklern aus: Hunderte von vorentwickelten Windparkprojekten in Deutschland, die schon Millionenbeträge an Vorlaufkosten verschlungen haben, könnten bei einer deutlichen Verschlechterung des EEG nicht mehr realisiert werden. Da kaum ein deutscher Projektentwickler und ebenso wenig die Windkraftanlagenhersteller nennenswerte Prozentsätze ihrer Umsatzerlöse im Ausland generieren bzw. fast alle Unternehmen extrem abhängig vom Heimatmarkt sind, dürfte eine solche Gesetzesänderung viele Unternehmen in Schwierigkeiten bringen. In jedem Fall würden Tausende von Beschäftigten ihren Arbeitsplatz verlieren.


ECOreporter.de: Was machen die Börsenpläne der wind7 AG? Wo sehen Sie die Gründe für die weiterhin schlechte Stimmung des Marktes gegenüber Neuemissionen?
Jesaitis: Die Pläne für einen großen Börsengang der wind 7 AG sind nach wie vor gültig, jedoch auf unbestimmte Zeit (voraussichtlich 2004/2005) verschoben. Eine Emission in der Größenordnung von 60 bis 80 Mio. Euro, wie sie von uns ursprünglich angedacht war, wird nach bisheriger Einschätzung höchstens im zweiten Halbjahr 2004 - wahrscheinlich später - möglich sein. Wir denken allerdings derzeit darüber nach, einen Zwischenschritt in der Form zu machen, dass wir die wind 7 mit einer deutlich kleineren Kapitalerhöhung an die Börse bringen, wobei zunächst eine Notiz im General Standard (Börsensegment mit den gesetzlichen Mindestanforderungen des Amtlichen Marktes oder Geregelten Marktes; Anmerkg. der Redaktion) vorgesehen wäre. Der Freiverkehr kommt nicht in Betracht. Ein oder zwei Jahre später könnte man dann mit einer deutlich größeren Kapitalerhöhung in den Prime Standard wechseln. Über diesen Weg gibt es auch bereits Gespräche mit verschiedenen Banken.

Nach drei Jahren rückläufiger Kurse am Aktienmarkt ist es völlig normal, dass keine Börsengänge stattfinden. Auch wenn die Märkte sich zwischenzeitlich schon erholt haben, tritt eine Belebung des IPO-Geschäftes üblicherweise erst mit etwa einem Jahr Verzögerung ein. Die Risikobereitschaft für Investments in kleinere Unternehmen bzw. neue Börsenkandidaten ist derzeit noch nicht gegeben, wird allerdings sicherlich im Laufe des nächsten Jahres wieder vorhanden sein. Abgesehen davon muss natürlich auch beachtet werden, dass das aktuelle Bewertungsniveau an den Aktienmärkten für viele Unternehmen nicht interessant ist.


ECOreporter.de: Der gescheiterte Börsengang der wind 7 AG war ein kostspieliges Unternehmen. Fangen sie beim nächsten Mal bei Null an, oder können Sie den Prozess aus dem Jahr 2002 wieder aufnehmen?
Jesaitis: Selbstverständlich müssen wir bei einem neuen Anlauf zum Börsengang nicht "bei Null" anfangen. Wir haben bei dem gesamten Prozess, der sich über mehr als ein Jahr hingezogen hat, sehr viel gelernt und gute Kontakte zu diversen Banken aufgebaut. Auf einen IPO-Berater können wir insofern z. B. künftig verzichten. Der mit Abstand größte Kostenblock war mit mehreren Hunderttausend Euro die Financial-, Legal- und Tax-Due-Diligence. Selbstverständlich können auch hier sämtliche Erkenntnisse, die Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwälte gewonnen haben, weiterhin verwendet werden. Sämtliche Prüfungen und auch der Emissionsprospekt zum Börsengang waren zum Zeitpunkt des Abbruchs zu ca. 80 Prozent fertig gestellt. Bei einem neuen Anlauf müssen die Unterlagen insoweit nur noch aktualisiert werden.


ECOreporter.de: Welche Projekte stehen bei der wind 7 AG zur Zeit an? Wie wollen Sie weiter wachsen?
Jesaitis: Wir verfolgen derzeit mehrere Strategien parallel: Das Hauptaugenmerk liegt dabei unverändert bei der Akquise von Investoren für die AG. Ein schnelles und deutliches Wachstum können wir nur mit Zuführung von neuem Eigenkapital erreichen. Da die Aktienmärkte allerdings seit drei Jahren "verbrannt" sind und es extrem schwierig ist, Anlagekapital auf Aktienbasis einzuwerben, auf der anderen Seite fast täglich Anfragen für KG-Fonds-Beteiligungen bei uns eingehen, werden wir möglicherweise in den nächsten Monaten hierfür Produkte anbieten. Uns liegt eine Vielzahl von interessanten Projektangeboten vor und die erforderliche Kompetenz haben wir schon im Hause.

Ein weiterer Schwerpunkt unserer Tätigkeit ist der Ausbau der technischen Betriebsführung: Bei vielen Betreibergesellschaften und insbesondere auch den finanzierenden Banken gibt es großes Interesse, die wind 7 als Dienstleister für solche Tätigkeiten in Anspruch zu nehmen. Auch hiermit können natürlich zusätzliche Umsatzerlöse in erheblicher Höhe generiert werden.

Zum Jahresende werden wir über eine Software verfügen, die neue Maßstäbe in der Branche setzt, weil sie z. B. unabhängig vom Anlagentyp einen Großteil des Überwachungsprozesses von Windparks vollautomatisch durchführt. Ohne neues Personal einstellen zu müssen, werden wir mit Hilfe unserer Software in Zukunft problemlos drei bis fünf Mal so viele Windkraftanlagen betreuen können.

Da wir über Kontakte zu verschiedenen Großinvestoren verfügen, die in Windparkprojekte investieren möchten, jedoch nicht unbedingt an einer wind 7-Beteiligung interessiert sind, werden wir möglicherweise auch eine Art "Asset Management" anbieten, bei der wir als Dienstleister im Auftrage dieser Großinvestoren Windparks einkaufen und komplett verwalten. Hauptthema der wind 7 wird aber weiterhin der Betrieb eigener Windkraftanlagen und das Wachstum durch Börsengang bzw. Kapitalerhöhungen bleiben.


ECOreporter.de: Sie habe lange Probleme mit FRISIA-Anlagen in Ihren Windparks gehabt. Wie sind die Verhandlungen über die Übernahme der Kosten mit ihrem Vertragspartner NEVAG verlaufen? Können Sie sich inzwischen auf die FRISIA-Turbinen verlassen?
Jesaitis: Die Verhandlungen mit der NEVAG haben sich lange hingezogen. Am Ende konnten wir jedoch vor wenigen Monaten einen aus unserer Sicht sehr guten Vergleich unterzeichnen, bei dem allerdings Stillschweigen über die Inhalte vereinbart wurde. Es wurden zahlreiche technische Modifizierungen an den Windkraftanlagen vorgenommen, die nun einen langfristig rentablen Betrieb ermöglichen werden. Bis auf ein paar Restarbeiten sind die Maßnahmen komplett abgeschlossen. Wir haben seither bereits deutlich höhere technische Verfügbarkeiten zu verzeichnen, die im Bereich der Werte von Windkraftanlagen anderer Hersteller liegen. Da auch die Windverhältnisse an den beiden Standorten unserer FRISIA-Windparks sich als gut erwiesen haben bzw. an einem Standort sogar über den Prognosen liegen, sind wir sehr zuversichtlich, hier langfristig die ursprünglich kalkulierten Renditen erwirtschaften zu können.

Unter anderen FRISIA-Betreibern und auch bei den finanzierenden Banken hat sich inzwischen herumgesprochen, dass wir wohl die einzigen FRISIA-Betreiber sind, die die Problematik wirklich nachhaltig in den Griff bekommen haben. Insofern führen wir derzeit auch mit verschiedenen Personen Verhandlungen darüber, unser Know-how in diesem Spezial-Bereich als Dienstleister weiterzugeben bzw. das technische Management anderer FRISIA-Windparks zu übernehmen.


ECOreporter.de: Wie wirkt sich das Sommerwetter der letzten Monate auf die Erträge der wind 7 AG aus?
Jesaitis: Die Sommermonate sind natürlich traditionell windschwach. Insgesamt liegen die Erträge seit Januar diesen Jahres deutlich unterhalb des langjährigen Durchschnitts. Daraus resultieren für uns naturgemäß erhebliche Einnahmeverluste, die werden wir nur ausgleichen können, wenn die Herbst- und Wintermonate überdurchschnittlich windstark sind. Ansonsten muss davon ausgegangen werden, dass das Jahr 2003 - wie schon die Jahre 2001 und 2002 - voraussichtlich 10 bis 20 Prozent unterhalb des langjährigen Mittels liegen wird.


ECOreporter.de: Werden Sie Ihren Aktionären für das Geschäftsjahr 2002 eine Dividende zahlen können?
Jesaitis: Nein, wir haben das letzte Geschäftsjahr mit einem Verlust abgeschlossen. Neben den in 2002 angefallenen Vorlaufkosten für den Börsengang und den schon angesprochenen sehr schlechten Winderträgen muss hier das Geschäftsmodell der wind 7 berücksichtigt werden, das stark investitionsorientiert und damit in den Anfangsjahren mit erheblichen Abschreibungen belastet ist. Wer sich einmal Prospekte der zahlreichen am Markt angebotenen Windpark-KG-Fonds ansieht, wird dort in der Wirtschaftlichkeitsrechnung über 20 Jahre feststellen können, dass in der Regel ein positives Ergebnis erst nach ca. 8 bis 10 Jahren erreicht wird. Die Windkraftanlagen selbst müssen gemäß AfA-Tabellen über 16 Jahre abgeschrieben werden. Darüber hinaus belasten natürlich Fremdfinanzierungszinsen und laufende Kosten das Ergebnis. Die Finanzierungen laufen üblicherweise über 10 bis 15 Jahre. Da der Zinsaufwand im Laufe der Jahre natürlich immer weniger wird, ist etwa in der Mitte der geplanten Betriebszeit von 20 Jahren der "break even" erreicht, wobei sich der genaue Zeitpunkt je nach Standortqualität und diversen weiteren Rahmenbedingungen in beide Richtungen um mehrere Jahre verschieben kann.

Auch wenn wir die Windparks nicht als KG-Fonds vermarkten, sondern in einer Aktiengesellschaft betreiben, ist die steuerliche Betrachtung für die Betreibergesellschaft natürlich ähnlich. Insofern war es schon bei Gründung der wind 7 AG absehbar und ist von uns auch niemals anders kommuniziert worden, dass zumindest in den ersten fünf Geschäftsjahren eine Dividendenzahlung auszuschließen ist.

Abschließend muss noch ein weiterer wichtiger Punkt berücksichtigt werden: Die wind 7 Aktiengesellschaft hat heute noch nicht die Größe erreicht, die eine optimale Kostenstruktur ermöglicht. Unser Geschäftsmodell hat grundsätzlich den Vorteil, dass die gesamten Verwaltungskosten für den Betrieb von Windparks deutlich reduziert werden können. Wenn Sie sich einen typischen Fonds-Initiatoren ansehen, der beispielsweise 30 Windparks in 30 verschiedenen Kommanditgesellschaften betreibt, so ist es einfach nachvollziehbar, dass hier im Jahr 30 verschiedene Gesellschafterversammlungen mit den jeweiligen Kommanditisten durchgeführt werden müssen. Außerdem sind für jeden einzelnen Windpark einzelne Informationsschreiben an die jeweiligen Anleger zu versenden. Es müssen 30 verschiedene Bilanzen erstellt werden, die üblicherweise von Wirtschaftsprüfern zu testieren sind. All das verursacht einen enormen Verwaltungsaufwand.

Bei der wind 7 AG sind alle Windparks in einer Gesellschaft zusammengefasst, so dass wir nur einmal im Jahr eine Hauptversammlung mit unseren Investoren / Aktionären machen müssen und auch nur eine Bilanz erstellen und testieren lassen. Da die AG an sich natürlich einen größeren Verwaltungsaufwand mit sich bringt, als eine Kommanditgesellschaft, wirkt sich dieser Vorteil bei unseren heutigen sieben kleinen bis mittleren Windparkprojekten noch nicht aus.

Unsere Aktionäre und auch künftige Investoren haben es insoweit zum großen Teil selbst in der Hand, wann sie eine Dividende erhalten: Unsere Planrechnungen, die im Rahmen der Financial-Due-Diligence zum Börsengang bereits sehr kritisch geprüft wurden, bestätigen eindeutig, dass wir mit einem Kapitalzufluss in zweistelliger Millionenhöhe und entsprechenden Investitionen in neue Windparkprojekte schon ein bis zwei Jahre später Gewinne erwirtschaften und entsprechend Dividenden ausschütten könnten. Je weniger Kapitalzufluss bzw. je langsamer unser Wachstum ist, desto länger wird es dauern, bis Dividenden gezahlt werden können.


ECOreporter.de: Inwiefern sind Sie durch die Schwierigkeiten der P&T Technology AG betroffen?
Jesaitis: Die wind 7 Aktiengesellschaft ist in keiner Weise betroffen, da P&T nur einen sehr kleinen Anteil von wind 7 Aktien hält, der deutlich unter einem Prozent liegt. Umgekehrt gibt es keine Beteiligung. Direkte geschäftliche Verbindungen zwischen der wind 7 und der P&T Technology AG gab es ansonsten bis heute nicht, abgesehen von der Tatsache, dass Wolfgang Trüschel seit Gründung der wind 7 Mitglied im Aufsichtsrat ist. Er wird allerdings in den nächsten Monaten aus diesem Gremium ausscheiden, wobei ich betonen möchte, dass dieser Schritt nichts mit den Problemen bei P&T zu tun hat. Ganz im Gegenteil fällt uns die Trennung sehr schwer. Um die Effizienz im Aufsichtsrat zu steigern und die Kosten zu reduzieren, hatten wir uns vor einigen Monaten entschieden, den Aufsichtsrat von sechs auf drei Personen zu verkleinern, wobei ein Jurist, ein Kaufmann und ein Fachmann aus der Windenergiebranche im Aufsichtsrat verbleiben sollten. Da wir aktuell drei "Wind-Spezialisten" im Gremium haben, müssen wir uns zwangsläufig von zwei Personen trennen.

Die Hauptversammlung hat diesen Schritt vor kurzem mit einer großen Mehrheit bestätigt. Die Reduzierung des Aufsichtsrates wird mit Eintragung der Satzungsänderung im Handelsregister wirksam, womit wir in ca. zwei bis drei Monaten rechnen.

ECOreporter.de: Herr Jesaitis, wir danken Ihnen für das Gespräch.
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