13.10.04 Nachhaltige Aktien , Meldungen

13.10.2004: Schlimmste Form der Kinderarbeit in Indien oder vorbildliche Maßnahmen zum Kinderschutz: Glaubt man der Bayer AG oder den Nichtregierungsorganisationen?

Manche Meldung sieht zunächst so eindeutig aus, die Rollen des bösen Buben und der guten Retter sind klar verteilt: Zulieferer des Leverkusener Bayer-Konzerns würden bei der Produktion von Baumwollsaatgut im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh gegenwärtig rund 1.500 Kinder unter 15 Jahren beschäftigen. Das werfen die Nichtregierungsorganisationen Germanwatch, Coordination gegen Bayer-Gefahren und Global March Against Child Labour (deutsche Sektion) dem Konzern vor. Sie haben beim Bundeswirtschaftsministerium eine Beschwerde gegen Bayer wegen Verstoßes gegen die OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen eingereicht. Klare Sache, denkt man. Vor allem, wenn es dann noch heißt: In Indien gebe es Kinderarbeit der schlimmsten Form, allerdings nicht nur bei Zulieferern von Bayer, sondern auch bei anderen Unternehmen. Danach gehen die Kinder nicht zur Schule, arbeiten bis zu 14 Stunden täglich, verdienen weniger als 50 Cent am Tag und tragen schwerste Gesundheitsschäden davon. Mindestens drei Kinder im Alter von 8, 12 und 13 Jahren sollen in den letzten Monaten an Pestizidvergiftungen auf den Feldern gestorben sein. Siebzig Prozent der Kinder, so die Vorwürfe, würden in sogenannter Schuldknechtschaft beschäftigt. Die Eltern bekommen dabei im Voraus einen Kredit, den die Kinder dann inklusive Wucherzinsen abarbeiten müssen - in vielen Fällen mehrere Jahre lang. Andere Kinder werden von den Baumwollfarmern in den umliegenden Dörfern gekauft und von ihren Familien getrennt; sie müssen in ärmlichen Hütten bei den Feldern leben, erklären die Nichtregierungsorganisationen. Warum sollte das nicht der Wahrheit entsprechen, alles passt ins Bild - oder? Genau: Oder. Bayer stellt es anders dar, wie sich bei einem Anruf in der Konzernzentrale ergibt. Bayer CropScience, die zuständige Bayer-Sparte, weist die Vorwürfe zurück: Weder Bayer CropScience India noch das indische Saatgut-Tochterunternehmen Proagro Seed Company beschäftigen Kinder als Arbeitskräfte, und zwar weder als feste Mitarbeiter noch als gelegentliche Aushilfen, so der Bayer-Sprecher Dr. Wolfgang Faust gegenüber ECOreporter.de. Die Erzeugung von Hybrid-Baumwollsaatgut sei eine saisonale Arbeit, die in der Regel von Vertragslandwirten auf deren Anbauflächen ausgeführt werde. Proagro habe Kinderarbeit in seinen Verträgen mit Zulieferern ausdrücklich untersagt. Das Unternehmen unterstreiche diese Anforderung auch durch entsprechende Hinweise auf den Saatgut-Verpackungen, und es kontrolliere seine Vertragspartner, berichtete der Bayer-Sprecher.

Faust betonte, Bayer CropScience lehne Kinderarbeit entschieden ab und unterstütze nationale und internationale Bemühungen, Kinderarbeit zu verhindern. In diesem Zusammenhang setze sich Proagro für eine Aufklärung der Baumwollbauern in Indien zum Thema Kinderarbeit ein. Es gebe Informations- und Aufklärungskampagnen sowie Diskussionsveranstaltungen mit Saatguterzeugern und den Abnahmeorganisationen, aber auch Radiosendungen und Posterkampagnen in der Anbauregion.

Proagro habe zudem den Vorsitz der Child Labour Elimination Group (CLEG) übernommen, einer gemeinsamen Initiative internationaler Pflanzenschutzhersteller, erläuterte der Bayer-Sprecher . Weitere Partner seien die lokale Kinderschutzorganisation MV Foundation und inzwischen bereits die Hälfte der etwa 200 in Indien ansässigen Baumwollhybrid-Saatguterzeuger. Im Rahmen dieser Arbeit sei Ende 2003 ein gemeinsamer Aktionsplan verabschiedet worden. Weiterhin sei ein Anreizsystem entwickelt worden, das die Bauern motivieren solle, keine Kinder mehr auf ihren Feldern zu beschäftigen. So sei z.B. vorgesehen, dass das gesamte Dorf durch die Unterstützung von Schulen und Ausbildungsmöglichkeiten belohnt werde, wenn die Bauern vollständig auf die Mitarbeit von Kindern verzichteten.

Eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung eines Beraters der Kinderschutzorganisation MV Foundation, Dr. Davaluri, stelle in diesem Zusammenhang fest, dass die Baumwollanbauer in den vergangenen Jahren auf ihren Feldern verstärkt Kinder durch erwachsene Arbeiter ersetzt hätten und dass die Gesamtzahl der beschäftigten Kinder im Baumwollanbau signifikant zurückgegangen sei.

Was bleibt übrig? Das Gefühl, dass hier nur echte Recherche helfen würde. Hinfliegen, schauen, prüfen, wer Recht hat. Natürlich könnte man andere Nicht-Regierungsorganisationen fragen, aber würde das die Wahrheit - so es sie denn in diesem Fall gibt - ans Licht bringen? Seien wir ehrlich: ECOreporter.de hat nicht die Mittel zu einer Recherche, wie sie in diesem Fall nötig wäre. So bleibt uns nur, die Positionen gegeneinander zu stellen und das Urteil den Lesern zu überlassen - die aber natürlich eigentlich nicht genug Fakten für ein Urteil haben. Bayer Leverkusen ist übrigens "Best-in-class" bei vielen Nachhaltigkeitsfonds, also Klassenbester der Chemieindustrie. Trotz Kinderarbeit bei Zulieferern in Indien?. Wir befürchten, dass auch die Fonds nicht die Mittel haben, Kinderarbeit vor Ort in Indien zu überprüfen. Sie werden sich auf Unternehmensangaben verlassen und auf die Aussagen von Nichtregierungsorganisationen. Was also bleibt unter dem Strich von dieser Meldung übrig? Vor allem eins: Solange Nichtregierungsorganisationen sich in ihren Meldungen nur auf Studien beziehen und keine Beweise mit Fotos und ärztlichen Berichten vorlegen, bestärken sie nur des einen oder anderen Urteil gegenüber den ach so bösen Konzernen. Ihre Hausaufgaben haben sie nicht gemacht - dazu würde mehr gehören.

Bayer AG: ISIN DE0005752000 / WKN 575200

Bildhinweis: Wie "sauber" wird bei Bayer und den Zulieferern gearbeitet? Labor im Papiertechnikum der Bayer AG / Quelle: Unternehmen
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