13.10.04 Anleihen / AIF

13.10.2004: Windanlagenhersteller auf der Anklagebank - Kunden erheben schwere Vorwürfe: ECOreporter.de-Interview mit einem Windanlagenbetreiber und BWE-Mitglied

Neuer Ärger in der Windbranche: Zerfällt sie in streitende Gruppen, droht der Kampf Betreiber gegen Hersteller? Im ECOreporter.de-Interview erläutert Bernhard A. Kieselbach, Windkraftanlagenbetreiber und Mitglied im Beraterausschuss des Bundesverbands Windenergie BWE, warum der Ärger nun hochkocht: Schlechten Service, übermäßigen Reparaturaufwand, mangelnde technische Dokumentation wirft er Herstellern vor. Der 56jährige Hamburger Diplomkaufmann sieht aber auch zu wenig Solidarität unter den Windparkbetreibern. Wie die Windkrafthersteller sich zu den Vorwürfen äußern, lesen Sie heute und in den nächsten Tagen in gesonderten Beiträgen.

ECOreporter.de: Zwischen Windanlagenbauern und Windparkbetreibern herrscht seit Monaten Streit, der an Schärfe und Heftigkeit laufend zunimmt. Wo genau liegt aus Ihrer Sicht das Problem?
Bernhard A. Kieselbach: Streit zwischen Windanlagen-Herstellern und Betreibern gibt es bereits seit Jahren, allerdings nimmt er tatsächlich an Schärfe zu. Die Betreiber sind enttäuscht: Die Verträge, die ganz überwiegend aus der Feder der Hersteller stammen, geben den Betreibern zu wenig Rechte. Das macht sich spätestens dann negativ bemerkbar, wenn die Gewährleistung abläuft. Zudem werden die Verträge seitens der Hersteller oft nur mangelhaft eingehalten.
Einzelne Hersteller erfüllen sogar vertraglich geregelte Verpflichtungen nur unzureichend oder auch gar nicht. Sie halten sich zum Beispiel nicht an die Wartungsintervalle, manchmal werden sie um Monate überzogen, gelegentlich lässt man die Wartung schlicht ausfallen. Ein anderer Punkt betrifft die Gewährleistung. Oft werden Ansprüche schleppend bearbeitet; die Hersteller hoffen offensichtlich, dass die Betreiber bei der Geltendmachung ihrer Ansprüche formale Fehler machen, z. B. Fristen ungenutzt verstreichen lassen.
Um seine Ansprüche zielgerichtet gegen einen Hersteller durchzusetzen, braucht der Anlagenbetreiber fundiertes juristisches Wissen oder eine entsprechende Beratung. Kleine Betreiber sind eindeutig im Nachteil, aber gerade die sind mit einem hohen Vertrauensvorschuss in das Geschäft eingestiegen. Die Branche erlebt jetzt ein böses Erwachen: der Vertrauensverlust ist immens.

ECOreporter.de: Welche Rolle spielen die Versicherungen in der Sache?
Kieselbach: Die Versicherer sind im Kampf um Marktanteile mit Prämien an den Markt gegangen, die nicht kostendeckend waren. Sie haben sich die Finger verbrannt. Die meisten haben sich längst wieder zurückgezogen. Übrig bleiben einige wenige, die ihre Konditionen jetzt drastisch hochgefahren haben. Das an sich ist nicht beklagenswert. Allerdings hätte ich von den Versicherern ein verantwortungsvolleres Verhalten erwartet: Sie saßen immer mit den Herstellern an einem Tisch, sie verfügen über viel bessere Detailkenntnisse als die allermeisten Betreiber. Die Versicherer wussten über die teilweise unzureichende Qualität bei Anlagen und Service Bescheid. Die Rechnung zahlen jetzt die Betreiber.
Drastische Prämienerhöhungen in der Betriebsunterbrechungs-Versicherung begründeten die Versicherer gern mit langen Standzeiten im Schadensfall. Für die langen Standzeiten waren aber meistens nicht die Betreiber verantwortlich. Ursache war im Wesentlichen der mangelnde Organisationsgrad der Hersteller in Verbindung mit einer geradezu lächerlichen Logistik. Mehrfachanreisen wegen "vergessener" Ersatzteile, schlecht vorbereitete Einsätze, lagermäßig nicht vorhandene Ersatzteile, langwierige und umständliche Handhabung der Schadensabwicklung, solche Dinge waren und sind an der Tagesordnung.
Ein Beispiel: das defekte Getriebe einer Windkraftanlage in Deutschland wird erst zum Windanlagenbauer nach Dänemark transportiert. Von dort fährt man es zum Getriebehersteller wieder nach Deutschland, auf dem gleichen Weg reist es zurück. Hier hätten die Versicherer ansetzen können; soweit ich weiß, hat es nur einer versucht.
Andererseits sind auch Betreiber an der Misere beteiligt: Sie haben tatenlos zugesehen, wie die Anlagen zu Bruch gingen, um über die Versicherung neuwertigen Ersatz zu bekommen. Auch das ist ein unhaltbarer Zustand; viele Betreiber müssen noch lernen, eigenverantwortlich und damit letztlich solidarisch zu handeln.

ECOreporter.de: Wie hoch sind die Kosten, die den Betreibern aus defekten Anlagen entstehen im Verhältnis zu den Überschüssen der Betreibergesellschaften? Bleibt da noch ein Gewinn für den Anleger übrig?
Kieselbach: Der Sachverhalt ist komplizierter, die Einflussfaktoren sind vielfältig. Defekte Anlagen verursachen Kosten. Neben normalem Verschleiß spielen dabei grundsätzlich zwei Faktoren eine wichtige Rolle: ungenügende Qualität, die Anlagen schon im Auslieferungszustand haben können und unzureichende technische Betriebsführung, dazu gehören auch die Instandhaltungsmaßnahmen.
Die schlechte Qualität mancher Windmühle resultiert aus der hohen Nachfrage, immer größer und leistungsfähiger sollten die Anlagen sein. Hersteller haben sich teilweise dazu verführen lassen, das schnelle Geschäft zu machen, weil es sonst der Mitbewerber macht. Die Folge: ohne nennenswerte Erprobung lieferte man Anlagen quasi vom Reißbrett aus an die Kunden. Die Erprobung fand dann beim Käufer statt, nur dass der das nicht wusste. Viele Hersteller, Projektierer und große Teile peripherer Gruppierungen haben damit in der Vergangenheit sehr gut verdient, jetzt zeigen sich die Konsequenzen. Die selbständigen Betreiber und die Kommanditisten der Fonds bleiben auf den Kosten sitzen, die meisten anderen Mitwirkenden haben ihr Schäfchen ins Trockene gebracht.
Die technische Betriebsführung ist in der Vergangenheit teilweise sträflich vernachlässigt worden. Lange, viel zu lange glaubten die Betreiber: Windkraftanlagen seien auf Dauer ausgelegte Maschinen. Darauf basierten viele Wirtschaftlichkeitsrechnungen, Finanz- und Liquiditätspläne. Die Prognosen wurden häufig durch überplanmäßigen Reparaturaufwand schnell zur Makulatur, sie waren ohnehin häufig viel zu optimistisch angesetzt. Unterdurchschnittliche Windjahre führten zusätzlich zu teilweise dramatischen Engpässen, häufig musste nachfinanziert werden.

ECOreporter.de: Was für Unterschiede gibt es zwischen den Herstellern? Gibt es schwarze Schafe?
Kieselbach: Dieses Schwarz-Weiss-Schema lässt sich hier nicht anwenden. Allerdings bemühen sich die Hersteller nicht alle mit gleicher Konsequenz um Kundenzufriedenheit. Ein Hersteller bietet bereits seit Jahren einen Vollwartungsvertrag für seine Anlagen an, die meisten anderen erst seit kurzem. Und geändert haben sie ihre Strategie nur vor dem Hintergrund erheblicher technischer Probleme, lautstarker Unzufriedenheit der Kunden und einer verschärften Wettbewerbslage im Neugeschäft. Das erklärt auch, warum es offiziell keine Vollwartungsverträge für "Altanlagen" gibt. Dennoch brüstet sich ein führender Fondsanbieter mit dem Abschluss eines solchen Vertrages; ich bin sicher, dass viele Betreiber irritiert und verärgert darüber sind. Offensichtlich haben sie nicht das Gewicht, dass es braucht, um ebenfalls einen solchen "rettenden" Vertrag bei dem Hersteller durchzusetzen.
Ob diese Verträge wirklich einhalten werden, was sie versprechen, bleibt abzuwarten. Mit gutem Grund darf man fragen: Können die Hersteller bzw. die Betreibe derartiger Verträge auf Dauer bezahlen? Oder sind die Zusagen am Ende genau so viel Wert wie heute die Gewährleistungen? Erst die Zukunft wird zeigen, ob das nur eine Maßnahme zur Absatzförderung oder eine echte Absicherung der Betreiber ist.
Ein weiterer nennenswerter Unterschied zwischen den Windanlagenherstellern besteht schließlich darin, ob die Unternehmen den Kunden wichtige technische Informationen zugänglich machen.

ECOreporter.de: Wie steht es um die aktuell angebotenen technischen Warnsysteme; sind sie in der Lage, den Verschleiß zu verringern?
Kieselbach: Nein, den Verschleiß verringern kann man dadurch nicht. Mit Hilfe von qualifizierten Systemen lassen sich Schäden aber schon im Entwicklungsstadium erkennen und ziemlich genau einschätzen. Aufwendige Folgeschäden sind so leicht zu vermeiden und die Kosten der Betriebsunterbrechung reduzieren sich auf ein Minimum. Mit "Condition-Monitoring-Systemen" (CMS) können zudem die Versicherungskosten gesenkt werden. Wenn genügend Rücklagen gebildet werden, braucht man die heute übliche Maschinen- Betriebsunterbrechungs-Versicherung nicht mehr. Eine preiswertere Kasko-Versicherung reicht.

ECOreporter.de: Erhalten Windparkbetreiber teilweise nicht genügend Informationen zu den eingesetzten Windkraftanlagen? Wie sehen Sie das?
Kieselbach: Die Betreiber erhalten vielfach so gut wie überhaupt keine technischen Dokumentationen. Selbst die für das CMS erforderlichen kinematischen Daten des Triebstrangs werden den Betreibern in aller Regel verweigert. Deshalb können sie diese wirkungsvolle und hilfreiche Technik nicht nutzen, es sei denn sie kaufen beim Hersteller ein vergleichbares System zum i.d.R. höheren Preis und lassen diesen auch die Auswertung vornehmen. Dann kann der Hersteller tun, was er am liebsten tut: sich selbst kontrollieren und (neutrale) Dritte ausschließen.
Die Anlagenbauer sind sehr erfinderisch in der Begründung für dieses Verhalten. Hier einige Beispiele:
- es handle sich um schützenswertes Know-how, auch Wartungskonzepte seien Know-how,
- die Entwicklung eines Wartungskonzeptes koste Geld, der Wettbewerb im Service solle sich sein eigenes Konzept entwickeln,
- einige Unterlagen von Komponenten lägen selbst dem Hersteller nicht vor.
Angesichts dieser Argumentation haben die Betreibern allen Grund sauer zu reagieren! In Wartungsverträgen liest man Regelungen wie "...die Beauftragung Dritter durch den Auftraggeber mit Wartungs- und Reparaturarbeiten sind im Rahmen dieses Kundendienst- und Wartungsvertrages nicht zulässig". Technische Dokumentationen werden teilweise nicht weiter gegeben. Darauf hat der Betreiber aber nicht nur einen Rechtsanspruch, er braucht sie für den sogenannten "bestimmungsgemäßen Betrieb" der Anlagen, schließlich müssen behördliche und gesetzliche Vorschriften eingehalten werden.
Auch um die vertragskonforme Lieferung zu überprüfen, brauchen die Betreiber alle technischen Daten. Wenn sie fehlen, muss die Prüfung schon im Ansatz scheitern. Im Moment ist der Betreiber selbst bei einem absehbaren Repowering noch auf den Hersteller angewiesen. Wie schön, sagt da der Hersteller!
Dieselben Hersteller stellen übrigens Betreibern in anderen Märkten fast alle Unterlagen zur Verfügung, so wie es im konventionellen Kraftwerksbau Standard ist. Grund hierfür ist die gänzlich andere Betreiberstruktur, es handelt sich bei diesen Betreibern überwiegend um Konzerne, die sich auf dieses Spiel erst gar nicht einlassen. So sickern dann doch immer wieder Dokumentationen in den deutschen Markt. Aber wer weiß, ob die Anlagen im Detail identisch und ob die Dokumentationen auf dem neuesten Stand sind?
Noch ein wichtiger Hinweis: je mehr Vollwartung, umso abhängiger ist der Betreiber!
Ich sehe darin noch eine weitere Gefahr: bei Abschluss eines Vollwartungsvertrages kann der rechtliche Anspruch auf die Herausgabe der technischen Dokumentationen erheblich geschmälert werden.

ECOreporter.de: Trifft es zu, dass manche Anlagenbauer versuchen, den Service für die Anlagen unter Kontrolle zu behalten und freie Serviceanbieter benachteiligen?
Kieselbach: Ja. Wenn die Hersteller die technischen Informationen zurückhalten, kontrollieren sie das Servicegeschäft. Drittanbieter werden erfolgreich "außen vor" gehalten. Es gibt nur wenige Drittanbieter auf dem deutschen Markt, und die bedienen in erzwungener Selbstbeschränkung Nischen. Meist ältere Maschinentypen, deren Dokumentationen auf die eine oder andere Weise "durchgesickert" sind, z.B. alte Tacke-Maschinen. Außerdem Typen, an denen die Hersteller das ökonomische Interesse verloren haben oder deren Hersteller nicht mehr existieren.
Neben den fehlenden Dokumentationen kämpfen diese freien Anbieter mit der mangelhaften Ersatzteilversorgung. Viele Komponenten stellen die Anlagenbauer selber her, für die von Dritten bezogenen Teile vereinbaren sie normalerweise Exklusivlieferverträge. Die Folge: die Zugriffsmöglichkeiten für Freie sind limitiert. All diese Mechanismen machen es selbst renommierten und ressourcenstarken Wartungsunternehmen äußerst schwer, in den Servicemarkt für Windenergie einzutreten, von den kleinen ganz zu schweigen.

ECOreporter.de: Inwieweit werden die Streitigkeiten bereits vor Gericht ausgetragen?
Kieselbach: Soweit ich weiß, läuft da noch nichts. Allerdings ist bald damit zu rechnen, dass die erste Klage auf Herausgabe der technischen Dokumentationen eingereicht wird. Es gibt einen Initiativkreis "Musterklage" aus Betreibern unterschiedlicher Windturbinen, dessen Name ist Programm. Im Rahmen dieser Aktion wurde, mit Unterstützung des Bundesverbandes Windenergie (BWE), ein Rechtsgutachten zu wettbewerbs-, kartell- und europarechtlichen Fragen in Auftrag gegeben. Das soll die offensichtliche Markteintrittsbarriere für Drittfirmen im Servicebereich untersuchen.

ECOreporter.de: Gibt es genügend Solidarität unter den Windparkbetreibern, ziehen sie in der Auseinandersetzung mit den Herstellern an einem Strang?
Kieselbach: Klares Nein! Die meisten Betreiber sind Anteilseigner (Kommanditisten), die wenig Einblick in ihr Geschäft haben bzw. gewährt bekommen. Teilweise verhindert das schon die Geschäftsführung der Gesellschaften. Hartnäckigen Anteilseigner und denen, denen ohnehin schon das Wasser bis zum Halse steht, wird auch schon mal gedroht.
Ein kleinerer Teil der Betreiber ist zudem häufig eher technisch als kaufmännisch oder juristisch versiert. In dem hier beschriebenen Umfeld können sie sich kaum zur Wehr setzen. Umso verwunderlicher ist es, dass es noch sowenig Solidargemeinschaft gibt.
Vielleicht ist der anfangs angesprochene Vertrauensverlust, und damit der Schmerz, noch nicht groß genug? Das Angebot an unabhängiger, bezahlbarer Beratung reicht sicher nicht, andererseits scheint mir die Nachfrage zu gering. Hat sich hier schon eine gewisse aus Ohnmacht gespeiste Lethargie ausgebreitet?
Es müsste vielleicht einen Urknall geben, etwa: Windmüller aller Bundesländer vereinigt euch, und sie gingen auch noch alle hin und leisteten einen Beitrag zur Veränderung!

ECOreporter.de: Herr Kieselbach, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Bildhinweise:
Bernhard A. Kieselbach / Quelle: Kieselbach ;
ausrangierter Turbinenkopf / Quelle: ECOreporter.de;
Windpark in Ostfriesland / Quelle: ECOreporter.de
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