13.02.04 Nachhaltige Aktien , Meldungen

13.2.2004: Norwegen und Schweden vorn: Bank Sarasin bewertet Nachhaltigkeit der OECD-Staaten

Insgesamt 27 OECD-Staaten hat die Bank Sarasin in einer aktuellen Länderstudie zur Nachhaltigkeit unter die Lupe genommen. In der Gesamtbewertung können Schweden und Norwegen sich als Nachhaltigkeitsleader durchsetzen. Deutschland behauptet sich im oberen Mittelfeld. Die Untersuchung dient in erster Linie als Leitfaden zur Risikominimierung bei Investments in Staatsanleihen.

Basel, 22. Januar 2004. Das skandinavische Staats- und Wirtschaftsmodell wurde lange Zeit belächelt. Durch Verschuldungskrisen und hohe Arbeitslosigkeit war das sogenannte "Nordische Modell" in Verruf geraten. Neoliberalen Kritikern galt das sozialistisch anmutende Konzept als die Verkörperung des staatsinterventionistischen Übels schlechthin: "Ein umfassender Sozialstaat, der alle Belange der Daseinsvorsorge übernahm, war durch eine hohe Staatsquote und eine drückende Steuerlast zu teuer erkauft", bestätigt Andreas Knörzer, Leiter Sustainable Investment der Baseler Bank Sarasin & Cie AG, diese Einschätzung. Die politischen Reformen, mit denen Schwedens Wirtschaft seit Mitte der neunziger Jahre wieder fit gemacht wurde, ließen zunächst vermuten, dass von dem vielgepriesenen Modell nicht viel übrig bleiben werde. Die Einschnitte waren hart: Staatsausgaben wurden drastisch gesenkt, die Staatsverschuldung spürbar begrenzt, soziale Leistungen gestrichen. Und doch stand am Ende kein neoliberales Investitionsparadies, sondern ein neues "Nordisches Modell". Dass diese Entscheidung vernünftig war, bestätigt die aktuelle Studie "Nachhaltigkeit bei Staatsanleihen - Ansatz und Ergebnisse der Länderbewertung" der Bank Sarasin, die besonders Schweden und Norwegen ein hervorragendes Zeugnis in ihren Bemühungen um wirtschaftliche, soziale und ökologische Ausgewogenheit ausstellt.


Große Bandbreite der Nachhaltigkeit unter den OECD-Staaten

Die Studie aus der Sustainable Research-Abteilung der Bank Sarasin vergleicht 27 in der OECD vertretene Industriestaaten miteinander. Die Bandbreite der Bemühungen um eine an zukünftigen Generationen ausgerichtete Wirtschafts- und Sozialpolitik ist groß. Insgesamt sind die skandinavischen Länder bei der Verankerung von Nachhaltigkeit in der Politik am weitesten fortgeschritten. Deutschland bewegt sich lediglich im oberen Mittelfeld. Die untersuchten mitteleuropäischen Transformationsstaaten, die im Frühjahr 2004 der Europäischen Union beitreten, weisen hingegen in vielen Belangen den größten Nachholbedarf auf.


Nachhaltiges Länderrating als Richtschnur für Kapitalanlagen

Seit fast 15 Jahren beurteilen die Sarasin-Experten die Nachhaltigkeit von Unternehmen und Branchen. Die Analysten legen dabei ein Verständnis von Nachhaltigkeit zugrunde, das einen Ausgleich von ökonomischen, ökologischen und sozialen Interessen zum Ziel hat. Nachhaltig orientierte Privatanleger können so ihr Kapital in Übereinstimmung mit ihren Wertvorstellungen investieren und ökonomische, soziale sowie ökologische Risiken minimieren. Gleiches gilt auch bei Investments in Staatsanleihen und festverzinsliche Papiere. Ähnlich wie Investitionen in Aktien immer auch eine Investition in die Unternehmenspolitik sind, ist der Kauf von Staatsanleihen ein Vertrauensbeweis gegenüber dem politischen und wirtschaftlichen Weg, den ein Staat eingeschlagen hat. Die Autoren der Studie bewerten die OECD-Staaten in erster Linie nach zwei Kriterien: Einerseits werden die Belastungen für die natürliche und soziale Umwelt (Ressourcenverbrauch) unter die Lupe genommen. Andererseits wird die Effizienz untersucht, mit der ein Staat seine Ressourcen nutzt.


Sozialkomponente der Nachhaltigkeit

Alle OECD-Staaten können ihren Bürgern eine grundsätzliche Sicherung ihres Lebensstandards bieten. Doch darüber hinaus zeigen sich deutliche Unterschiede in der sozialen Belastung der Gesellschaft. "Persönliche Notlagen des Einzelnen, die sich in Drogenmissbrauch, Straffälligkeit oder Suizidhäufigkeit ablesen lassen, sind bei den nachhaltigsten Staaten Schweden und Norwegen am seltensten. Deutschland rangiert in dieser Wertung nur im Mittelfeld", fasst Michaela Collins, Länderanalystin und Autorin der Studie, das Ergebnis für die Soziale Nachhaltigkeit zusammen. Die kollektive Komponente sozialer Notlagen zeige sich in der Benachteiligung ganzer sozialer Gruppen innerhalb der Gesellschaft. Die soziale Marginalisierung sei dabei wiederum bei den Testsiegern Norwegen und Schweden, wie bei den nordischen Ländern insgesamt, am geringsten ausgeprägt. Für die Einbeziehung von Minderheiten und einen funktionierenden Interessenausgleich werden diese Länder als vorbildlich bewertet.


Drei Faktoren sozialer Nachhaltigkeit mildern gesellschaftliche Konflikte

Bemühungen um ein effizientes Zusammenspiel von Bildungs- und Gesundheitswesen, geringer Neuverschuldung und funktionierendem Interessenausgleich, verringern gesellschaftliche Konflikte. "Eine stressarme Gesellschaft kann ihre Ressourcen wesentlich effektiver nutzen und muss weniger Reibungsverluste hinnehmen. Daher zeigen die Länder mit der höchsten Sozialeffizienz auch eine durchgängig gute finanzielle Bonitätseinstufung", erklärt Andreas Knörzer die Attraktivität von Investments in Staatsanleihen von nachhaltig wirtschaftenden Staaten.

Die scharfen Diskussionen in Deutschland über die Reform des Gesundheitswesens und die PISA-Ergebnisse im Bildungswesen veranschaulichen den sozialen und ökonomischen Sprengstoff der Sozialpolitik. Nachhaltige Politik zeigt sich genau auf diesen beiden Feldern. Chronisch defizitäre Gesundheitssysteme belasten den Staatshaushalt und verschärfen die Verschuldungskrise immer weiter. Bildung, und in der Folge ein technologischer Entwicklungsschub, ist für rohstoffarme Länder oft die einzige Möglichkeit zu wirtschaftlichem Wachstum. In diesem Bereich können die skandinavischen Länder nach Meinung der Sarasin-Experten nicht vorbildlich punkten und sind lediglich im Mittelfeld platziert. Sie erreichen zwar ein hohes Bildungsniveau, wie zum Beispiel die Ergebnisse der PISA-Studie gezeigt haben, haben allerdings auch überdurchschnittlich hohe Bildungsausgaben, was die "Bildungseffizienz" auf ein nur durchschnittliches Niveau drückt. An der Spitze bei der Kosteneffizienz in Gesundheit und Bildung stehen mit Korea und Japan zwei asiatische Staaten.

Doch schon beim Problem der öffentlichen Verschuldung setzen die Testsieger wieder Maßstäbe. "Die Neuverschuldung möglichst gering zu halten und damit zukünftige Generationen nicht zu belasten, haben Schweden, Finnland und Norwegen am besten gemeistert", erklärt Sarasin-Experte Knörzer. Damit erreichen diese OECD-Staaten das Kernziel von Nachhaltigkeit: Sie werden gegenwärtigen und zukünftigen Anforderungen an eine ausgewogene Wirtschafts- und Sozialpolitik gerecht.

Der Interessenausgleich innerhalb einer Gesellschaft ist der dritte Eckpfeiler der sozialen Nachhaltigkeit. Beim gesellschaftlichen Zusammenhalt und der Integration von nationalen oder eingewanderten Minderheiten belegen die nordischen Länder, zusammen mit Neuseeland und der Schweiz, wiederum die Spitzenplätze.


Umweltkomponente der Nachhaltigkeit

Die wirtschaftliche Entwicklung ist die treibende Kraft beim Energieeinsatz.
Innerhalb der OECD-Staaten schwankt der Energieverbrauch erheblich.
Mit welchem Energiemix die Staaten die Nachfrage nach Energie decken, ist entscheidend für die Umweltbelastung. Schweden und Finnland verbrauchen zwar pro Kopf relativ viel Energie, decken ihren Strombedarf aber vor allem aus klimaschonenden Quellen (z.B. Wasserkraft). Die Anstrengungen zur Reduktion von Treibhausgasen und die Einführung neuer Technologien haben dazu beigetragen, das wirtschaftliche Wachstum zunehmend vom steigenden Verbrauch fossiler Energieträger abzukoppeln.


Österreich und Schweiz führen beim Nachhaltigkeitsfaktor Ökoeffizienz

Die Ökoeffizienz eines Landes misst, wie sparsam natürliche Ressourcen in Wirtschaftsleistung umgesetzt werden. Insofern liefert das Maß Aufschluss über den Beitrag eines Landes zur Entkoppelung von materiellem Wohlstand und Umweltbelastung. Dabei wird jeder ineffektive Ressourcenverbrauch durch externe Kosten sanktioniert, die letztlich von den öffentlichen Haushalten getragen werden müssen. Die Umweltsanierungen in den postsozialistischen Staaten zeigen, dass eine zwar geringe, aber nicht systematische Umweltnutzung enorme Folgekosten nach sich ziehen kann.

Die skandinavischen Staaten liegen auch beim Nachhaltigkeitsfaktor Ökoeffizienz in der Spitzengruppe; am besten verstehen es aber die Schweizer und Österreicher, ihre Umwelt effizient zu nutzen.


Ist das erfolgreiche "Nordische Modell" übertragbar?

Schweden und Norwegen belegen in der Sarasin-Studie die beiden Spitzenplätze vor allem wegen der geringen sozialen Belastungen für ihre Bürger und der hervorragenden Bemühungen um soziale Ausgewogenheit. Funktionierender Interessenausgleich, gleichmäßige Wohlstandsverteilung und Konfliktarmut charakterisierten die skandinavischen Länder schon vor der Schuldenkrise der neunziger Jahre. Schweden und Norwegen verstanden es besonders erfolgreich, dieser Krise konstruktiv zu begegnen, ohne bewährte sozialstaatliche Traditionen aufzugeben. Die Neuverschuldung konnte erfolgreich eingedämmt werden, das belastende Problem der Arbeitslosigkeit verlor an Schärfe.

Angesichts von Rekordverschuldung, sprunghafter Erosion des Sozialstaates und erkennbaren Anzeichen sozialer Fragmentierung in Deutschland bietet es sich an, den Nordlichtern einmal über die Schultern zu schauen.


Die Studie "Nachhaltigkeit bei Staatsanleihen? Ansatz und Ergebnisse der Länderbewertung" ist erhältlich bei:

Bank Sarasin & Cie AG
Elisabethenstrasse 62
CH-4002 Basel


ECOreporter.de wird mit freundlicher Erlaubnis der Bank Sarasin in den nächsten Tagen die Ergebnisse des Länderratings für die Länder Deutschland, Schweden und Norwegen veröffentlichen.



Bildnachweis: Oben: Norwegische "Exportartikel": Kronprinz Haakon, Kronprinzessin Mette Marit, Großbruder Marius und Prinzessin Ingrid Alexandra von Norwegen / Quelle: www.norwegen.no
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