13.06.06 Nachhaltige Aktien , Meldungen

14.6.2006: Kräftige Kursverluste bei deutschen Solaraktien. Ist die Sonnenstrom-Party schon vorbei, oder lohnt sich jetzt der Einstieg? ECOreporter.de-Interview mit Patrick Hummel, Analyst bei der Landesbank Baden-Württemberg

Der Himmel über den deutschen Solarunternehmen hat sich bewölkt. Die Unsicherheit an den internationalen Finanzmärkten zog die börsennotierten Solaraktien kräftig nach unten. Durchschnittlich 30 Prozent verloren die Titel an Wert, für die es zuvor monatelang steil aufwärts ging. Ist die Sonnenstrom-Party schon vorbei, oder lohnt sich jetzt der Einstieg? ECOreporter.de sprach darüber mit Patrick Hummel, Analyst bei der Landesbank Baden-Württemberg LBBW in Stuttgart.


ECOreporter.de: Die Kurse der Solaraktien sind kräftig zurück gegangen. Ist die Party schon vorbei, oder lohnt sich jetzt der Einstieg? Wenn ja, welche Unternehmen sind aus Ihrer Sicht derzeit attraktiv bewertet?
Patrick Hummel: Wir waren sicher in einer Übertreibungsphase, der Solarsektor war insgesamt überbewertet. Dass jetzt alle Titel gleichermaßen von der Korrektur betroffen sind, hat uns allerdings überrascht. Die Lage an den Kapitalmärkten ist derzeit von großer Unsicherheit geprägt. Solange das so ist, werden wir auch bei den Solarwerten keine steigenden Kurse sehen. Wir sind aber bei den KGV"s 2007 bei rund 20 angelangt. Angesichts der Wachstumsraten, die die Unternehmen zeigen, habe ich da keine großen Bauchschmerzen. Es besteht keine allgemeine Überbewertung mehr.
In Deutschland gibt es etwas Unsicherheit wegen der Novellierung des EEG. Das könnte für die Unternehmen, die stark auf Deutschland fokussiert sind, Probleme geben. Man sollte dort investieren, wo die Internationalisierung weit fortgeschritten ist.

Das "Dreigestirn am deutschen Solarhimmel", SolarWorld, Q-Cells und Conergy wird sich langfristig auch weltweit etablieren. Diese Unternehmen haben die nötige kritische Größe, um weltweit erfolgreich zu sein. Die Produzenten SolarWorld und Q-Cells können Skaleneffekte realisieren. Viele andere Firmen sind zu stark vom deutschen Markt abhängig.

Unsere Kaufempfehlungen sind derzeit SolarWorld und Q-Cells. Q-Cells haben wir mit an die Börse gebracht, wir waren im Konsortium. Die Kursziele lauten für Q-Cells 80 Euro und für SolarWorld jetzt nach dem Aktiensplit 67,50 Euro innerhalb von bis zu sechs Monaten. Conergy ist sicher auch ein Qualitätstitel, wir empfehlen derzeit, die Aktie zu halten. Genauso sehen wir ErSol und Solon.


ECOreporter.de: Welche Unternehmen sind langfristig am besten aufgestellt und können auch in Schwächephasen der Börsen ohne Mittelzuflüsse aus Aktienemissionen weiter wachsen?
Hummel: Die Unternehmen sollten jetzt bald soweit sein, dass die Eigenfinanzierung stark genug ist. Ich sehe keine Finanzierungsproblematik, sondern erwarte eher weitere Börsengänge.


ECOreporter.de: Gibt es Titel die möglicherweise in nächster Zeit zu Übernahmekandidaten werden?
Hummel: Grundsätzlich sind alle reinen Solarunternehmen, besonders wenn sie eine eigene Technologie haben, interessant für eine Übernahme. Es ist gut vorstellbar, dass einige kleinere Unternehmen in nächster Zeit ganz vom Markt verschwinden. Konkret zeichnet sich derzeit aber keine Übernahme ab.


ECOreporter.de: Viele Firmen wurden in ihrem Wachstum durch die Siliziumknappheit ausgebremst. Wer hat am besten Vorsorge getroffen und kann bei stark wachsender Nachfrage aus dem Vollen schöpfen?
Hummel: Aus dem Vollen schöpfen kann eigentlich keines der Unternehmen, die Nachfrage würde mehr hergeben. Gut vorgesorgt haben SolarWorld, Q-Cells, Conergy und ErSol. Auch hier haben es die Kleineren schwerer. Die Lieferanten verlangen viel, sie diktieren die Zahlungskonditionen, die Kunden müssen früh in die Finanzierung einsteigen.


ECOreporter.de: Wie stehen die Chancen für die Dünnschichttechnologie, insbesondere für die nicht siliziumbasierten Techniken?
Hummel: Da passiert zur Zeit sehr viel, die Fabriken schießen regelrecht aus dem Boden. Es ist aber sehr schwer abzuschätzen, wie gut die Dünnschichtzellen laufen. Erst wenn die Preise bei den kristallinen Zellen wieder sinken, wird sich entscheiden, wie wettbewerbsfähig die Dünnschicht ist. Wichtig ist zudem: Dünnschicht ist nicht gleich Dünnschicht. Die verschiedenen Dünnschichtzellen haben sehr unterschiedliche Vor- und Nachteile, je nachdem aus welchen Ausgangsstoffen sie hergestellt werden.


ECOreporter.de: Wie stehen die deutschen Solarunternehmen im internationalen Vergleich da?
Hummel: Nur die drei Großen werden langfristig international erfolgreich sein. Von den nicht börsenotierten ist noch Schott Solar zu nennen. Die Kleinen werden langfristig Probleme haben, im internationalen Wettbewerb mitzuhalten.


ECOreporter.de: Welche Bedeutung haben die Töchter multinationaler Unternehmen?
Hummel: Überregionale Konzerne die ernsthaft in die Branche investieren sind Sharp, BP, Kyocera und GE. Die Großen unter den unabhängigen Solarfirmen haben im Wettbewerb aber keine grundsätzlichen Nachteile gegenüber den Konzerntöchtern.


ECOreporter.de: Wie stabil sind die politischen Rahmenbedingungen für die Photovoltaik in Deutschland?
Hummel: Man muss sich auf Veränderungen einstellen. Es wird wohl nicht zu einem kompletten Systemwechsel kommen. Ich rechne mit moderaten Anpassungen beim Vergütungssatz oder beim Degressionsfaktor, der unter Umständen angehoben werden könnte. Die Förderung der Photovoltaik wird von Politikern mehr und mehr kritisch gesehen, weil sie zunehmend zu einer Belastung auf der Stromrechnung wird.

Auf jeden Fall glaube ich nicht, dass es zu so großen Rückschritten kommt, dass die Industrie hinterher am Boden liegt. Die Politik kann nicht eine Branche großziehen und sie anschließend am ausgestreckten Arm verhungern lassen.


ECOreporter.de: Herr Hummel, wir danken Ihnen für das Gespräch.

ErSol Solar Energy AG: ISIN DE0006627532 / WKN 662753
Q-Cells AG: ISIN DE0005558662 / WKN 555866
SolarWorld AG: ISIN DE0005108401 / WKN 510840

Bilder: Solarmodule vom Typ "Solon Mover" mit Solarzellen der Thalheimer Q-Cells AG / Quelle: ECOreporter.de; Solaranlage der SolarWorld AG in Osnabrück; Solarmodule von Kyocera / Quelle: Unternehmen
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