16.01.04 Nachhaltige Aktien , Meldungen

16.1.2004: "Wir können ein ausgeglichenes Ergebnis schaffen" - Interview mit dem neuen farmatic-Aufsichtsratsvorsitzenden Karl-Wilhelm Giersberg

(VU) Schwierige Lage für den Biomassekraftwerks-Spezialisten farmatic biotech energy ag aus Nortorf. In den jüngsten Quartalszahlen wies das Unternehmen ein negatives Eigenkapital in Höhe von 6,54 Millionen Euro aus und für die ersten neun Monate 2003 einen Verlust von 13,8 Millionen Euro. Im Vergleich zum Vorjahr war der Umsatz bis einschließlich September auf 15 Millionen Euro gesunken, ein Minus von 60 Prozent. Rettung bringen soll nun ein Finanzierungskonzept, das seit Monaten mit den Banken verhandelt wird. ECOreporter.de hat dazu Prof. Dr. Karl-Wilhelm Giersberg befragt. Er ist seit Dezember 2003 neuer Aufsichtsratsvorsitzender des Unternehmens.

ECOreporter.de: Herr Giersberg, wo sehen Sie die Gründe für die hohen Verluste im vergangenen Jahr?

Giersberg: Im wesentlichen in den Sonderbelastungen aus den Vorjahren sowie darin, dass die Kosten im Unternehmen der Umsatzsituation nicht angepasst waren. Hinzu kam, dass durch Liquiditätsengpässe mögliche Umsätze nicht realisiert wurden. Zu den Sondereffekten zählen etwa die Good Will-Abschreibungen für die Schwarting Umwelt GmbH [eine Tochter, die im Oktober verkauft worden ist, A.d.R.].

ECOreporter.de: Ist das letzte Quartal 2003 ähnlich verlustreich verlaufen wie die ersten drei des Jahres?

Giersberg: Wir sind derzeit noch in der Berechnung des Jahresabschlusses. Ich erwarte, dass das Ergebnis ohne Sondereffekte in etwa in der Größenordnung der vorigen Quartale liegen wird.

ECOreporter.de: Sie sagen, der farmatic fehle es an Liquidität zur Realisierung von Umsätzen. Wie wollen Sie das ändern?

Giersberg: Ohne Zweifel ist unsere Liquiditätslage sehr angespannt. Das liegt daran, dass das ursprünglich geplante Gesamt-Finanzierungskonzept für farmatic noch nicht voll umgesetzt werden konnte. Der seit dem 1. Dezember 2003 amtierende Vorstand hat ein eigenes Sanierungskonzept entwickelt, das eine klare Fokussierung auf vier Geschäftsbereiche vorsieht. Dazu wurde der Finanzbedarf ermittelt, und der wird derzeit mit den Kapitalgebern besprochen. Wir wollen uns auf das Kerngeschäft konzentrieren, auf die Bereiche, die das Unternehmen stark gemacht haben: den Bau von Klär- und Biogasanlagen, auf Anlagen für die Mechanisch-Biologische Abfallbehandlung (MBA) und den Behälterbau.

ECOreporter.de: Welche Geschäftsbereiche würden damit aufgegeben werden?

Giersberg: Die Beteiligung am Betrieb der Gesellschaften für die Biogaskraftwerke werden wir zwar auch künftig fortführen, an der Finanzierung dieser Projekte aber werden wir uns nicht mehr wie früher beteiligen. Die Projekte in der Vergangenenheit haben gezeigt, dass wir die Finanzierung nicht durchhalten können.

ECOreporter.de: Die Verabschiedung von der Kraftwerksfinanzierung ist eine Maßnahme, die schon der alte Vorstand in die Wege geleitet hatte. Wo setzt der neue Vorstand andere Akzente?

Giersberg: Der alte Vorstand wollte eine radikalere Reduktion auf zwei Geschäftsbereiche. farmatic hätte sich demnach vom Behälterbau und vom Bau von Abwasserbehandlungsanlagen verabschiedet. Wir haben das rückgängig gemacht. Auch wir wollen eine Refokussierung auf unsere Kernkompetenzen. Wir sagen aber: farmatic ist mit dem Behälterbau stark geworden. Wir verfügen dadurch über die Technologie, die man benötigt, um neue Geschäftsfelder wie MBA und Biotechnologie zu entwickeln. Mit diesem Programm haben wir schon erste positive Erfahrungen gemacht und einige verloren geglaubte Aufträge zurückbekommen.

ECOreporter.de: Sie verhandeln noch immer das neue Finanzierungskonzept. Mit welchen Argumenten versuchen Sie, die Banken zu überzeugen?

Giersberg: Es gibt ein klares Argument: farmatic ist kein Start up, wir sind seit vierzig Jahren am Markt. Außerdem zählt, dass wir in vielen Bereichen Technologieführer sind: im Bereich Bau von SBR-Kläranlagen [Sequentielle Biologische Reinigung für Abwässer, A.d.R.], bei den Biogas-und MBA-Anlagen. Und wir schaffen es, für unsere Kunden individuelle Lösungen zu entwickeln.

ECOreporter.de: Sie weisen in Ihrer jüngsten Quartalsbilanz flüssige Mittel in Höhe von 3,77 Millionen Euro aus, in den Erläuterungen heißt es aber, 1,47 Millionen Euro davon seien zum 30. September als Sicherheiten für Garantien an Banken und Versicherungen verpfändet. Können Sie das erläutern?

Giersberg: Wir arbeiten in unseren Projekten mit Anzahlungsbürgschaften. Das sind Mittel, die wir auf Projektkonten hinterlegen. Sie stehen dann im Zuge der Projektabrechnung zur Verfügung. Bilanztechnisch zählen diese Mittel zur Liquidität.

ECOreporter.de: In welchem Umfang konnten Sie 2003 Aufträge wegen der Liquiditätsprobleme nicht realisieren?

Giersberg: Im Jahre 2003 hat uns das in der Tat getroffen. Doch das letzte Jahr können wir nicht zurückdrehen. Nun liegt 2004 vor uns und wir haben einen Auftragsbestand, der uns für das nächste dreiviertel Jahr auslastet. 70 Prozent unseres Planumsatzes für das neue Jahr sind damit schon heute abgedeckt. Vor diesem Hintergrund ist es ein wichtiger Baustein, dass wir das Finanzierungskonzept umsetzen. Wenn das klappt, gehen wir davon aus, dass alle alten Projekte wie geplant umgesetzt werden können.

ECOreporter.de: Können Sie Ihr aktuelles Auftragsvolumen beziffern?

Giersberg: Wir haben derzeit Aufträge mit einem Gesamtumfang im zweistelligen Millionenbereich. Genaueres möchte ich jetzt noch nicht sagen.

ECOreporter.de: Was glauben Sie, wie das Ergebnis 2004 ausfallen wird?

Giersberg: Wenn wir unser Finanzierungskonzept zeitnah umgesetzt bekommen, gehen wir davon aus, dass 2004 - ohne Sonderbelastungen - ein nahezu ausgeglichenes Ergebnis bringen wird.

ECOreporter.de: Würden Sie die derzeitige Situation Ihres Unternehmens als dramatisch beschreiben?

Giersberg: Ich bin seit zehn Jahren im Sanierungsgeschäft und führe eine eigene Unternehmensberatung in der Nähe von Frankfurt. farmatic ist sicher einer der schwierigeren Fälle. Trotzdem gehen wir davon aus, dass bei farmatic die Sanierung gelingen wird.

ECOreporter.de: Wie viele Mitarbeiter hat farmatic derzeit, wie groß wird die Belegschaft Ende des Jahres noch sein?

Giersberg: Ende 2003 hatten wir 75 Mitarbeiter. Für Ende 2004 peilen wir als Ziel 50 Mitarbeiter an.

ECOreporter.de: Herr Giersberg, wir danken Ihnen für das Gespräch.
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