18.11.05 Nachhaltige Aktien , Meldungen

18.11.2005: Frei lesbar! Ethikpreis für ein Urananreicherungs-Unternehmen: BUND-Vorsitzende Zahrnt und Herrmann Scheer treten aus Preis-Jury aus: "eine Sauerei" /Vahrenholt (Repower) und andere sind dabei - noch? / Gespr?ch mit Robert

Krach um einen Ethik-Preis: Ein Unternehmen der Atomindustrie wurde ausgezeichnet - und in der Jury sitzen Umweltsch?tzer und hochkar?tige Erneuerbare-Energie-Experten. Die ausgezeichneten Unternehmen sollten jeweils 4.900 Euro zahlen - nun ruft ein Umweltverband zur Preisr?cknahme auf. oekom-reserach Vorstand Robert Hassler nimmt gegen?ber ECOreporter.de Stellung zur wissenschaftlichen Aufgabe der oekom beim Auswahlprozess zum Ethik-Preis.

Tue Gutes und rede dar?ber - das nennt sich h?ufig Public Relations. Spezialisten daf?r sind PR-Agenturen. Eine davon ist die Compamedia aus ?berlingen am Bodensee. Die hat einen Plan ausget?ftelt, der auch für ihr Konto gut sein k?nnte - wenn er nicht so schrecklich daneben gegangen w?re (aber dazu sp?ter mehr). Die Compamedia-Idee war einfach: Einen Ethik-Preis vergeben und 40 Unternehmen, die in die engere Wahl kommen, jeweils 4.900 Euro zahlen lassen - unter anderem für "ein Leistungspaket aus PR, ?ffentlichkeitsarbeit", die Erlaubnis, mit einem Siegel zu werben und f?r, wies es hei?t "Basispressearbeit".

Bei 40 auszuzeichnenden Unternehmen macht das zusammen immerhin fast 200.000 Euro Einnahmen. Es gehen aber einige Kosten ab, beispielsweise für die Jury und wissenschaftliche Bearbeitung. Das "Drumherum" ist bei dem "Deutschen Preis für Wirtschaftsethik" hochkar?tig besetzt, denn je klingender die Namen, desto besser für den PR-Teil "rede dar?ber". Schirmherr des Projektes ist beispielsweise Ulrich Wickert, Tagesthemen-Sprecher und als Ethik-Papst legitimiert durch sein Buch "Der Ehrliche ist der Dumme". Projektpartner ist unter anderem der BUND - Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland. Zur Jury geh?ren u.a. Frank H. Asbeck (SolarWorld), Prof. Dr. Maximilian Gege (B.A.U.M.), Dr. Volker Hauff (Rat für Nachhaltige Entwicklung), Claus Hipp (HiPP-Babykost), Oswald Metzger (Gr?ne), Prof. Dr. Fritz Vahrenholt (REpower Systems - ein Windanlagenhersteller, der seit kurzem teilweise einem franz?sischen Atomkonzern geh?rt). Auch Dr. Hermann Scheer (Eurosolar, SPD-MdB, Erneuerbare-Energie-Urgestein) geh?rte zur Jury, ebenso Dr. Angelika Zahrnt, Vorsitzende des BUND. Jetzt sind beide nicht mehr dabei.

Denn ausgezeichnet wurde auch ein ma?gebliches Unternehmen der internationalen Atomindustrie, die Urenco Deutschland GmbH. Die hat sich gefreut dar?ber, reingewaschen zu werden, und die deutschen Journalisten haben das eifrig aufgegriffen und in die breite ?ffentlichkeit getragen: So durfte Urenco-Gesch?ftsf?hrer Dr. Joachim Ohnemus in einer Zeitung schwadronieren: "Wir haben bewiesen, dass Wirtschaftlichkeit und Wertebewusstsein keine Gegens?tze sind. Die Auszeichnung "Ethics in Business" best?rkt uns, auf dem eingeschlagenen Weg weiterzumachen." Weiter hei?t es in dem Pressebericht: Sichtlich stolz hatte der Urenco-Gesch?ftsf?hrer am Mittwochabend in Berlin aus den H?nden von Moderator Ulrich Wickert Urkunde und G?tesiegel für herausragendes Engagement in den Bereichen Umwelt und Soziales entgegengenommen. Wickert bescheinigte den Mittelstandsunternehmen: Sie haben erkannt, dass Verantwortung eine der wichtigsten Tugenden ist.

Das Jury-Mitglied Angelika Zahnrt, BUND-Vorsitzende, sieht das anders. Ihr Sprecher Norbert Franck sagte gegen?ber ECOreporter.de: "Das ist eine Sauerei - das k?nnen Sie auch so schreiben!". Die Jury habe Empfehlungen für die Auszeichnungen erhalten. Daraus seien die Preistr?ger ausgew?hlt worden. Im Nachhinein seien aber, so der Zahrnt-Sprecher, ohne Kenntnis der Jury weitere Preise vergeben worden, darunter der für das Uranunternehmen. Zahrnt sei daraufhin unter Protest ausgetreten. Das Verhalten der Veranstalter habe keinen Stil, so k?nne man nicht mit der Vorsitzenden eines Umweltverbandes umgehen.


Der BBU fordert, die Preisverleihung an die Urenco Deutschland unverz?glich und ?ffentlich r?ckg?ngig zu machen.
Compamedia-Gesch?ftsf?hrer Joachim Schuble sieht die hohen Wellen, die die Auszeichnung geschlagen hat, viel gelassener: "Sie f?hrten dazu, dass die Berichterstattung und die Diskussion rund um die Auszeichnung etwas vom Kurs abkamen und das ein oder andere falsch dargestellt wurde", findet er. Bei der Diskussion um Urenco ginge es letztendlich um die Legitimation der Branche an sich. "Diese Diskussion wollten und konnten wir als Organisatoren des Projektes nicht f?hren", rechtfertigt er sich. Konsequenz? "Daher werden die Organisatoren die kritischen Stimmen und Anregungen dankbar aufnehmen und diese Frage gemeinsam mit Interessensvertretern, Betroffenen und an dem Projekt Beteiligten ergebnisoffen diskutieren, bevor die n?chste Bewerbungsrunde um das G?tesiegel startet." Also business as usual? Wie jeder echter PR-Profi sieht Schuble vor allem das Gute: Die jetzige Diskussion habe die Diskussion um Ethik in der Wirtschaft "belebt".

Die wissenschaftliche Leitung der Preisvergabe und der Kriterienfindung lag bei der M?nchner oekom research AG, einer Agentur für Nachhaltigkeitsratings. Das Team leite, hie? es in der Presse, der oekom-Beirat Dr. Bernd Wagner, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universit?t Augsburg.
Robert Hassler, oekom-Vorstand, sagte gegen?ber ECOreporter.de, oekom sei beauftragt worden, einen Fragebogen und ein Bewertungssystem für mittelst?ndische Unternehmen zu entwickeln. "Urenco hat ein paar gute Sachen gemacht: der Energieverbrauch wurde beispielsweise um 60 Prozent gesenkt, auch im sozialen Bereich konnten sie sich gut profilieren. Und damit haben sie Punkte gesammelt", erkl?rte Hassler. Das habe nicht gereicht, um sie unter die besten f?nf zu bringen, aus denen die Jury dann den Hautpreistr?ger ermittelt habe, so Hassler. Die Urenco habe es aber unter die besten 40 Unternehmen geschafft. Hassler ist jedoch ?berrascht ?ber den Wirbel, der entstanden ist: "Wir haben nicht damit gerechnet, dass die Unternehmen damit so viel Werbung machen w?rden!", sagte er. Den Effekt, den die Auszeichnungen mit sich gebracht h?tten, habe er untersch?tzt. Insgesamt sehe er Urenco zwar nicht als nachhaltig an, aber als Unternehmen, das sicher viel mache. Im Rating habe es es die Frage nach dem Umweltrisiko gegeben, da sei Urenco abgewertet worden. Hassler weiter: "Oekom sieht sich nur als Dienstleister, wir haben nur die Frageb?gen erarbeitet und ausgewertet."

Dr. Joachim Ohnemus, Gesch?ftsf?hrer der Urenco Deutschland GmbH, freut sich ?ber die Auszeichnung: Ohne den Einsatz der Kernenergie werde es nicht gelingen, die ehrgeizigen Ziele der Industriestaaten zur CO2-Minderung zu erreichen und damit einen wesentlichen Beitrag zur Stabilisierung des ?kologischen Gleichgewichts unseres Planeten zu erbringen, erkl?rte er strahlend. Weiter jubelte er: "Es freut uns ganz besonders, dass wir im Bereich Umweltschutz die h?chstm?gliche Bewertung erhielten!" Er hat einen echten PR-Volltreffer gelandet. F?r 4.900 Euro. Die Umweltbranche d?rfte dieser Ethik-GAU weit mehr kosten - an Ansehen.

Anm. der Red.: Am Freitag meldeten wir, Herrmann Scheer geh?re zur Preis-Jury - "noch". Wie wir zwischenzeitlich erfuhren, ist er sofort ausgetreten, als die Auszeichnung für Urenco bekannt wurde. Dieser Beitrag ist deshalb in diesem Punkt korrigiert worden.

Bilder: Ethics-in-Business Preistroph?e; Ulrich Wickert; Vertreter aller in 2005 ausgezeichneten Unternehmen; Team der M?nchener oekom research AG: Prof. Dr. Bernd Wagner (Mitte) ist der Kopf des Untersuchungsteams, neben ihm die beiden Vorst?nde Robert Ha?ler (links) sowie Matthias B?ning (rechts) / Quelle: compamedia GmbH
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