18.12.03 Nachhaltige Aktien , Meldungen

18.12.2003: "Ausmaß der Anlaufprobleme und Preisverfall beim Pharmaglycerin nicht vorhersehbar" - ECOreporter.de-Interview mit Michael Nölkenhöner / Umweltkontor Renewable Energy AG zum Verkauf der Nevest-Anteile

Die Umweltkontor Renewable Energy AG hat am 16. Dezember 2003 den Verkauf ihrer Anteile an der Nevest New Energy AG bekannt gegeben. Umweltkontor hielt zuvor 66,43 Prozent an der Nevest AG, die wiederum zwei Produktionsbetriebe für Biodiesel ihr Eigen nennt: Die Biodiesel Schwarzheide GmbH und die Biodiesel Rostock GmbH. Die Nevest-Anteile waren Ende 2002 aus dem Privatbesitz der Umweltkontor-Vorstände, Heinrich Lohmann und Leo Noethlichs, in die Umweltkontor AG eingebracht und hier in die Business Unit Bioenergie eingegliedert worden. Als Gründe für den Verkauf nannte Umweltkontor anhaltende Verluste in der Nevest, die wiederum auf den Preisverfall für das bei der Produktion von Biodiesel anfallende Glyzerin und auf andauernde technische Probleme beim Hochfahren der Raffinerie zurückgeführt werden.

Die Geschäftseinheit Bioenergie des Umweltkontor-Konzerns hatte nach Ablauf von neun Monaten des Jahres 2003 Umsätze von rund 50 Millionen Euro und einen EBIT(Gewinn vor Steuern und Zinsen)-Verlust von 4,3 Millionen zu verzeichnen. Nach der nun erfolgten Verkleinerung des Bioenergie-Segments wird wohl die Windenergie das Hauptgeschäftsfeld des Erkelenzer Konzerns bleiben. Sie trug bis 30. September mit 68 Millionen Euro zum Konzern-Umsatz bei und erwirtschaftete einen EBIT-Gewinn von 5,2 Millionen.

ECOreporter.de sprach mit Michael Nölkenhöner, Referent Investor Relations der Umweltkontor AG. Das Interview wurde geführt, bevor bekannt wurde, dass die Nevest New Energy AG am 15. Dezember Insolvenz angemeldet hat.

ECOreporter.de: Herr Nölkenhöner, sah Umweltkontor keine Chance, dass die Nevest im Jahr 2004 schwarze Zahlen schreibt?
Michael Nölkenhöner: Grundsätzlich sahen wir eine Chance, bei der Nevest in 2004 schwarze Zahlen zu erreichen. Gerade in der letzten Zeit waren wir sehr erfolgreich bei der kontinuierlichen Steigerung der Biodieselproduktion. Das hätte aber bedeutet, weitere liquide Mittel in die Nevest zu lenken. Angesichts des dramatischen Preisverfalls auf dem Absatzmarkt für Pharmaglyzerin von ursprünglich 1000 Euro pro Tonne auf unter 500 Euro pro Tonne waren wir nicht mehr bereit, das Risiko weiterer Liquiditätsabflüsse zu übernehmen und haben uns für einen klaren Schnitt entschieden.

ECOreporter.de: Wurden die Anteile wieder in den Familienkreis Lohmann/Noethlichs verkauft?
Nölkenhöner: Die Antwort lautet definitiv nein, die Anteile gingen an einen fremden Dritten.

ECOreporter.de: Können Sie den Verdacht entkräften, dass die Umweltkontor AG von deren Vorständen Lohmann und Noethlichs dazu benutzt wurde, eine dauerhaft Verlust bringende private Beteiligung loszuwerden?
Nölkenhöner: Umweltkontor hat die Nevest erst übernommen, nachdem die neue Biodiesel-Raffinerie kurz vor der Inbetriebnahme stand. Die beiden Vorstände hatten über die New Mine bis dahin Baukosten und die Bauzeitenrisiken getragen. Die New Mine hat erhebliche Mittel in die Nevest investiert und die Fremdfinanzierung durch eine persönliche Bürgschaft der Vorstände über rund drei Millionen Euro abgesichert. Die übereinstimmende Markteinschätzung für Biodiesel war sehr positiv. Aufgrund der von einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft überprüften Unternehmensplanung hatten wir für 2003 bereits positive Ergebnisbeiträge erwartet. Das Ausmaß der technischen Anlaufprobleme und der Preisverfall beim Pharmaglyzerin waren in dieser Größenordnung nicht vorhersehbar.

ECOreporter.de: Zwischen den vorhandenen liquiden Mitteln des Umweltkontor-Konzerns und den kurzfristig zu bedienenden Schulden klaffte am 30. September noch eine Lücke von 8,6 Millionen Euro. Wird Umweltkontor die kurzfristigen Schulden bezahlen können?
Nölkenhöner: Ja, selbstverständlich. Wenn Sie die Entwicklung der kurzfristigen Verbindlichkeiten im Zeitablauf verfolgen, können Sie erkennen, dass es uns gelungen ist, die kurzfristigen Verbindlichkeiten deutlich zurückzuführen. Wir müssen also reduzierte kurzfristige Verbindlichkeiten bedienen. Das haben wir durch zwei Maßnahmen erreicht: 1. Abbau der Bankverbindlichkeiten und 2. Verbesserung der Bilanzstrukturen durch Umschichtung kurzfristiger in langfristige Verbindlichkeiten.

ECOreporter.de: Die Vorräte wachsen bei Umweltkontor traditionell zum Jahresende hin stark an. Im zurückliegenden Quartal sind sie eher moderat um 5,7 Millionen Euro auf 33 Millionen gestiegen (plus 21 Prozent), die Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen stiegen jedoch überproportional um 13,2 Millionen (plus 37 Prozent). Wie erklärt sich dieses Verhältnis?
Nölkenhöner: Sie haben Recht, der Anstieg der Vorräte ist dieses Jahr moderater ausgefallen. Wesentliche Ursachen sind: 1. Im Gegensatz zur Vergangenheit werden die Windenergieanlagen durch die Hersteller kurzfristiger angeliefert, entsprechend niedriger sind die Windparkprojekte bisher aktiviert. 2. Im Vorjahr war unter den Vorräten noch das Biomassekraftwerk mit 25 Millionen Euro berücksichtigt und 3. Im abgelaufenen Quartal haben wir erstmals eine Reihe von vorentwickelten Projekten, die sich noch im Entwicklungsstadium befanden, verkauft, die sonst zum Jahresende zu einer Erhöhung der Vorräte geführt hätten.
Der Anstieg der Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen korrespondiert mit der Reduzierung der Forderungen aus Lieferungen und Leistungen und ist eine typische Sofortmaßnahme zur Cash-Optimierung.

ECOreporter.de: Wäre es nicht profitabler gewesen, die vorentwickelten Projekte erst komplett fertig zu stellen und dann zu verkaufen?
Nölkenhöner: Die Marge wäre sicherlich höher gewesen. Wir haben aber entschieden, uns von bestimmten Projekten zu trennen, um die freigesetzten Mittel in die Weiterentwicklung der anderen Windparkprojekte zu investieren.

ECOreporter.de: Die meisten dieser veräußerten Parks waren Auslandsprojekte. Welche Rolle wird das Ausland künftig noch spielen?
Nölkenhöner: Die freigesetzten Mittel wurden schwerpunktmäßig wieder in Auslandsprojekte gesteckt. Das Auslandsgeschäft wird auch zukünftig eine wichtige Rolle in unserer Unternehmensstrategie spielen. Wichtige Auslandsmärkte von Umweltkontor sind insbesondere Frankreich, Spanien und Italien.

ECOreporter.de: Mit dem Verkauf der Biodiesel-Produktionsstätten bricht ein bedeutender Umsatzanteil Ihres Konzerns weg. Wie will Umweltkontor künftig wachsen?
Nölkenhöner: Wir sind aktuell dabei, unsere Unternehmensstrategie gemeinsam mit den Aufsichtsgremien weiterzuentwickeln. Fest steht: Mit dem Rückzug aus der Biodieselproduktion werden wir moderater wachsen als ursprünglich geplant. Im Windgeschäft sehen wir Potenzial im Ausland und im Offshore Bereich. Aber auch beim Windgeschäft Inland verfügen wir gegen den Markttrend über eine wachsende Projektpipeline. Darüber hinaus wird die Produktionskapazität unserer Business Unit Solar gerade erheblich ausgebaut.

ECOreporter.de: Herr Nölkenhöner, vielen Dank für Ihre Antworten.

Das Interview führte ECOreporter.de Autor Holger Kröske.

Bild: Michael Nölkenhöner, Referent Investor Relations / Quelle: Umweltkontor Renewable Energy AG
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