18.03.04 Nachhaltige Aktien , Meldungen

18.3.2004: Sarasin-Studie: Nachhaltigkeit der medizinischen Biotechnologie - Akzeptanz entscheidet über Nachhaltigkeit

Biotech-Unternehmen zählten zu den Hoffnungsträgern der New Economy. Die Nachrichten aus der Branche nährten die Aussicht auf überwältigende Fortschritte in Wissenschaft und Wirtschaft. Ethische Bedenken gegenüber einigen Technologien waren jedoch Stolpersteine auf dem Weg, unheilbare Krankheiten medizinisch zu bezwingen. Nach Rückschlägen an den Börsen ist die Biotechnik für langfristig orientierte Kapitalanleger heute wieder interessant.

Das Biotechnologie-Unternehmen Qiagen, einer der nachhaltigen Leader der Branche, konnte seit Jahresanfang seinen Börsenkurs um über 30 Prozent steigern. Damit steht der weltweit führende Anbieter von innovativen Technologien und Produkten zur Isolierung und Reinigung von Nukleinsäuren sinnbildlich für die Branche. So wie die Nukleinsäure die biologische Entwicklung eines Organismus grundlegend reguliert, hängt die Biotechnologie-Branche von Erfolgen ab, die sich auch kurzfristig in den Bilanzen positiv niederschlagen. Nachdem die Branche im Jahr 2000 von den euphorischen Erwartungen der Aktienmärkte zu Höchstkursen getragen wurde, watete sie in den darauf folgenden Jahren durch ein tiefes Tal enttäuschter Renditehoffnungen. Qiagen war am Tiefpunkt des Börsenabsturzes nur noch knapp ein Zehntel des Höchstkurses wert. Viele Börsen- und Forschungsträume der Branche waren geplatzt. Mittlerweile sind die Unternehmen der Biotechnologie bodenständiger geworden. Sie setzen heute verstärkt auf praxisnahe Produkte und kurze Entwicklungszeiten. Für Kapitalanleger wird die Branche deshalb wieder interessant.

Akzeptanz in der Bevölkerung entscheidet über Nachhaltigkeit
Ob sich der Aufwärtstrend der Biotechnologie auf dem internationalen Börsenparkett mit Schwung fortsetzen kann, entscheidet jedoch nicht zuletzt die gesellschaftliche Akzeptanz der medizinischen Biotechnologie. Nach der Eurobarometer-Umfrage "Europäer und Biotechnologie 2002" unterscheiden die EU-Bürger deutlich zwischen den verschiedenen Anwendungsfeldern der Biotechnologie. Die medizinische Biotechnologie wird von vielen befürwortet, im Lebensmittelbereich werden die Risken dagegen höher bewertet. Dennoch beschäftigen Themen wie "Klonen" oder "Stammzellenforschung" zunehmend die öffentliche Diskussion und haben breite Bevölkerungsschichten sensibilisiert. Die Sarasin-Studie stellt die kritische Frage, welche Bereiche der medizinischen Biotechnologie sich für einen nachhaltig orientierten Anleger ausschließen. "Aus der Perspektive einer nachhaltigen Anlagestrategie geht es nicht darum, abschließend zu beurteilen, ob die medizinische Biotechnik ethisch vertretbar ist", verdeutlicht Andreas Knörzer, Leiter Sustainable Investment, Bank Sarasin & Cie AG, Basel. Ethische Fragen seien im Zusammenhang mit der Nachhaltigkeit dieser Branche vielmehr deshalb wichtig, weil sie die gesellschaftliche Akzeptanz der Technologien maßgeblich mitbestimmen. "Fehlt ein Minimum an Akzeptanz, bedeutet dies ein hohes Risiko für die dauerhafte Weiterentwicklung", erklärt Knörzer.
Nach den Ergebnissen einer im Januar 2004 veröffentlichten repräsentativen Umfrage der Universität Leipzig, sind 83 Prozent der Bevölkerung gegen die Einführung des reproduktiven Klonens in Deutschland. In einer Umfrage des deutschen Bundestages im Januar 2001 sprachen sich 62 Prozent der Befragten für ein Verbot des therapeutischen Klonens aus. Die Bank Sarasin schließt deswegen diese beiden Techniken, ebenso wie genetische Eingriffe in Keimzellen, vom nachhaltigen Anlagehorizont aus.

Medizinische Biotechnik ist nachhaltiger als klassische Pharmaindustrie
Bei der Beurteilung der medizinischen Biotechnologie-Branche unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit stellen ethische Fragen einen Teil der Bewertungskriterien dar. Darüber hinaus sind aber weitere Kriterien wichtig. In der Sarasin-Studie wurde die Nachhaltigkeit der Branche anhand der spezifischen Umwelt- und Sozialrisiken in den Kategorien "Ressourcenverbrauch", "Emissionen", "Zentralisierung", "Belastung der sozialen Stabilität" und "Beeinträchtigung individueller Werte und Rechte" beurteilt. Grundsätzlich ist zu berücksichtigen, dass es keine absolut nachhaltige oder nicht-nachhaltige Branche gibt. Vielmehr geht es um die Beurteilung einer "relativen" Nachhaltigkeit im Vergleich zu anderen Branchen. Die relative Nachhaltigkeit der Branche "Medizinische Biotechnologie" wurde im Vergleich zur Pharmaindustrie bewertet, da der größte Teil der Unternehmen analog in der Herstellung von Biopharmazeutika tätig ist. Der Branchenvergleich greift Unterschiede in der Struktur und den Produktionsmethoden auf, und gelangt so zu einer Differenzierung der Biotechnologie von der Pharmabranche.

Im Gesamtbild schneidet die medizinische Biotech-Branche trotz der ethischen Kontroversen besser ab als die Pharmaindustrie. So sind die Produktionsverfahren beispielsweise weniger umweltbelastend. Außerdem basiert die Herstellung von Bio-pharmazeutika im Gegensatz zur Pharmaindustrie systembedingt auf biokompatiblen Ausgangsstoffen und läuft unter "milderen" Verfahrensbedingungen ab. So können ein hoher Energieverbrauch und bestimmte Emissionen vermieden werden. Auch im Hinblick auf das Kriterium "Zentralisierungsgrad" weist die medizinische Biotechnologie niedrigere Risiken auf als die Pharmaindustrie. Die Produktionsstandorte sind kleiner und der Umgang mit gefährlichen Stoffen ist begrenzt, so dass Störfallrisiken und -folgen tendenziell geringer ausfallen. Arbeitsplätze, umfangreiche Sozialleistungen, Mitwirkungsmöglichkeiten, ein hohes Gehaltsniveau sowie umfangreiche Beschäftigungspotenziale.

Ertragsstark und nachhaltig: 4 von 14 Unternehmen erzielen überdurchschnittliche Ergebnisse im Ranking
Insgesamt wurden in der Studie 14 Biotechnologie-Unternehmen weltweit bewertet. Um einen repräsentativen Durchschnitt der Branche darstellen zu können, wurden die Unternehmen nicht nur nach Größe (Marktkapitalisierung), sondern auch nach Domizil und Kernaktivitäten ausgewählt. Die Resultate innerhalb der Branche ergeben ein relativ einheitliches Bild, was sich in einer geringen Differenzierung der Unternehmensbewertungen niederschlägt. Dem Thema Nachhaltigkeit schenkt die Mehrzahl der Unternehmen bisher nur in Teilaspekten wie "Umgang mit der Öffentlichkeit" oder "fortschrittliche Arbeitsbedingungen" Aufmerksamkeit. "Von den 14 untersuchten Unternehmen gelingt Qiagen, Cambrex, Serono und Berna Biotech die Verbindung von Nachhaltigkeit und Innovation am besten", fasst Andreas Knörzer die Studienergebnisse zusammen. Sie erhalten das Prädikat "überdurchschnittlich".

Qiagen: "Unabhängiger Erfolg" sichert Gewinne
Das im deutschen TecDax notierte Unternehmen Qiagen ist in der Entwicklung von biotechnischen Analyseverfahren tätig. Die angewendeten Verfahren zur Trennung von genetischem Material bieten Umweltvorteile, da sie den Einsatz vom Chemikalien reduzieren. Das Unternehmen ist als Zulieferer nicht von dem Erfolg bestimmter Medikamente abhängig und arbeitet seit geraumer Zeit profitabel. Im Personalbereich fördert das Unternehmen die Eigenverantwortung und Einbindung der Mitarbeiter in Entscheidungsprozesse.

Cambrex: Transparente Diskussionskultur minimiert Risiken
Das amerikanische Unternehmen Cambrex ist stark in der Auftragsfertigung von Biopharmazeutika tätig. Es konnte seinen Umsatz im vierten Quartal 2003 leicht ausbauen und übertraf damit die Erwartungen der Analysten. Die Stärken liegen aus nachhaltiger Sicht im Bereich Umweltmanagement, wo sich Cambrex dem "Responsible Care"-Programm der Chemischen Industrie angeschlossen hat. Zu ethischen Fragen wurden bislang noch keine einheitlichen Leitlinien festgelegt. Das Unternehmen informiert aber offen und transparent über ethisch kontroverse Aktivitäten, wie die Arbeit mit adulten Stammzellen.

Berna Biotech: Wachstum und soziale Verantwortung verbinden
Das Schweizer Unternehmen Berna Biotech stellt verschiedene Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten her. Das Unternehmen beliefert auch weltweite Impfprogramme von internationalen Organisationen wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und leistet damit bereits von seiner Kerntätigkeit her einen Beitrag zur sozialen Nachhaltigkeit.

Serono: Umweltschutz und Gewinn schließen sich nicht aus
Auch der Genfer Biotechnologiekonzern Serono hat im Jahr 2003 seinen Reingewinn deutlich gesteigert (plus 21,6 Prozent). Das wichtigste Produkt von Serono ist das Multiple Sklerose-Medikament Rebif. Als eines der wenigen Unternehmen der Branche verfügt Serono über eine systematische Erfassung von Umweltindikatoren. Das Unternehmen hat zusätzlich umfassende Leitlinien für die gesellschaftliche Verantwortung verabschiedet und den Global Compact der Vereinten Nationen zur Beachtung der Menschenrechte unterzeichnet.

Medizinische Biotechnik bietet Chancen
Die nachhaltigen Leader der Branche haben sich als profitable Unternehmen im Markt etabliert. Das Engagement der Unternehmen auf dem Gebiet gesellschaftlich akzeptierter Technologien sowie im Sozial- und Umweltbereich birgt weitere Wachstumspotenziale. Die Entwicklung neuer biotechnischer Medikamente und unter-schiedlicher biotechnischer Verfahren eröffnet neue Möglichkeiten zur Behandlung von bislang unheilbaren Krankheiten. Mit effizienten Behandlungsverfahren können sie gleichzeitig dazu beitragen, den wachsenden Kostendruck im Gesundheitswesen zu verringern.

Neben den etablierten Herstellern existieren jedoch viele junge Unternehmen, die noch nicht profitabel arbeiten. Für den Anleger kommt es also darauf an, gerade in dieser Branche genau hinzusehen. Ein Teil der Unternehmen wird nicht überleben, weil sie es nicht zur vollen kommerziellen Reife schaffen.

In dem insgesamt uneinheitlichen Marktumfeld der medizinischen Biotechnologie bietet der Nachhaltigkeitsansatz eine zusätzliche Hilfestellung, um die langfristig erfolgreichen Unternehmen zu identifizieren. Denn nachhaltigere Unternehmen können Risiken reduzieren, wie sie sich unter anderem aufgrund der ethisch kontroversen Techniken ergeben, und damit Grundlagen für einen langfristigen Erfolg schaffen. Mit weiteren Fortschritten in der Forschung werden diese Themen in Zukunft noch wichtiger.

In einer neuen Studie prüft die Bank Sarasin die nachhaltige Perspektive der medizinischen Biotechnologie. Darin wurden 14 internationale Unternehmen auf ihre Umwelt- und Sozialverträglichkeit untersucht. Qiagen, Cambrex, Berna Biotech und Serono qualifizieren sich als Nachhaltigkeitsleader. ECOreporter.de veröffentlicht mit freundlicher Erlaubnis der Bank Sarasin die Ergebnisse.

Fachliche Auskünfte:
Bank Sarasin & Cie AG
Andreas Knörzer
Leiter Sustainable Investment
Elisabethenstraße 62
CH-4002 Basel
Tel.: +41 (0)61 277 74 77
E-Mail: andreas.knoerzer@sarasin.ch
Die Studie "Nachhaltige Perspektiven der medizinischen Biotechnologie" ist erhältlich bei:
fischerAppelt Kommunikation München GmbH
Kirsten Stiller
Tassiloplatz 7
D-81541 München
Tel.: +49 (0)89 74 74 66 25
E-Mail: kirsten.stiller@fischerappelt.de
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