18.05.07 Erneuerbare Energie

18.5.2007: Frei lesbar! - Licht in Afrikas Finsternis - Südbadische Stiftung Solarenergie bringt Strom in äthiopische Dörfer

Den Lichtschalter drücken und es wird hell. Für uns ist das selbstverständlich, in Äthiopien funktioniert das nicht. Zumindest nicht auf dem Land, gut 200 Kilometer nördlich der Hauptstadt Addis Abeba. Dort, wo der Große Afrikanische Grabenbruch beginnt. Eine großartige Landschaft, Tafelberge, Täler, weite Ebenen. Schluchten wie der Grand Canon in Amerika, nur viel größer. Schon von Straßen zu sprechen, ist übertrieben. Pisten, bestenfalls geschottert, Steine gibt’s im Überfluss.

Und Sonne auch. Äthiopien ist das Land, das dreizehn Monate Sonnenschein hat. So wirbt die Tourismusbehörde und das ist wörtlich zu nehmen. Äthiopien rechnet nach dem alten julianische Kalender, jeder Monat hat 30 Tage. Den Rest von fünf oder - im Schaltjahr - sechs Tagen kriegt ein dreizehnter Minimonat, der "Pagumen". Ganz stimmt der Werbeslogan natürlich nicht, denn im April und Mai unseres julianischen Kalenders ist in Äthiopien Regenzeit. Und zwar heftig. Die gewaltigen Schauer sind aber nicht nur segensreich. Denn sie spülen immer mehr fruchtbares Land weg. Das kommt vom exzessiven Verbrauch von Bau- und Brennmaterial, die Berge sind abgeholzt, die Wiederaufforstung hat man versäumt.

Das Feuer war und ist in den meisten äthiopischen Dörfern die einzige Energie und Lichtquelle. Elektrischer Strom ist ein Fremdwort, nur zwanzig Prozent aller Äthiopier haben Zugang zum Stromnetz, wenn es auf dem Land Strom gibt, dann wird er vom Dieselgenerator erzeugt. Wenn es einen gibt. Die Bewohner von Rema in der Provinz Shoa hätten einen bekommen können. Die Hilfsorganisation "Menschen für Menschen" hat der 3800-Seelen-Gemeinde einen Strom erzeugenden Motor angeboten. Doch sie wollte ihn nicht. Die maßgeblichen Männer im Dorf hatten da was interessantes gehört: Solarenergie. Ein kleines Dorf auf der anderen Seite des breiten Tales hatte Licht in seinen Hütten, das von der Sonne erzeugt wird. Ein kleines Solarmodul, eine Batterie, eine Lampe. Das wollten sie in Rema auch und das sagten sie den Verantwortlichen von "Menschen für Menschen": No generator - solar energy.

Kechemober heißt das Dorf, in dem die Lichter auch abends nicht so schnell ausgehen. Lichter, die Hütten beleuchten, ohne Ruß und Gestank abzusondern. Vorher kannten die Bauern in ihren Hütten, genannt Tukuls, nämlich nur ein funzliges Licht, das eine kerosingefüllte Flasche mit einem Dochtlumpen erzeugt. Kein Flugzeugkerosin natürlich, irgendein Dieselsprit, der nach einer Viertelstunde Hustenreiz erzeugt und auf Dauer die Lungen kaputt macht. Die dreißig Hütten hatte die "Stiftung Solarenergie", gegründet vom früheren Vorstandsvorsitzenden der Freiburger SAG Solarstrom AG, Harald Schützeichel, im letzten Frühjahr mit kleinen Solarmodulen, einer Batterie und einer Sparlampe ausgerüstet. Das Geld für die Anlagen - pro Stück rund 700 Euro - hatte die Stiftung in Deutschland und der Schweiz gesammelt.

"Die Lichtbringer kommen!" ruft Bauer Mamuje. Über eine solche Begrüßung kann man sich nur freuen, Harald Schützeichel verhehlt seine Rührung nicht. Die Bauern in Kechemober sind mit dem Licht zwar nicht vollends in die Neuzeit gesprungen, gedroschen wird immer noch mit Ochsen, gepflügt wird mit einem mittelalterlichen Hakenpflug. Kühlschrank, Fernseher oder Waschmaschine sind Begriffe aus einer unbekannten Welt, sie könnten von den Solaranlagen leistungsmäßig auch gar nicht versorgt werden. Aber immerhin, es gibt Licht. "Wir sind sehr glücklich darüber", sagt Tsegaw Hasem. "Wir können abends zuende machen, was wir tagsüber nicht geschafft haben", freut sich seine Frau Misaw Asefa. Körbe flechten, Injera-Fladen backen, sich anschauen beim Reden. Licht ist mehr als nur Helligkeit. Prometheus brachte der Menschheit mit dem Feuer das Licht in ihre Finsternis, Lenin wollte Russland durch Elektrifizierung zum Kommunismus bringen.

Licht heißt, dass die Schulkinder abends lernen können. Tsegaw sagt, dass seine Tochter in der Schule auf einen Schlag besser geworden ist, sein Sohn hat mittlerweile in der eigenen Hütte Mitschüler als Übernachtungsgäste, sie schmökern gemeinsam in ihren Büchern. Licht bringt auf andere Gedanken. Alle Solarstromkunden zusammen haben eine "Assoziation" gegründet. Den ersten und einzigen Verein im kleinen Dorf überhaupt. Und es ist dieser Verein, der jetzt darüber diskutiert, ob man nicht gemeinsam eine Dreschmaschine anschaffen kann. Nur, woher das Geld nehmen? Die Solaranlagen sind gespendet worden, aber trotzdem muss für die Erneuerung der Batterie, die in etwa fünf Jahren fällig sein dürfte, etwas angespart werden, vier äthiopische Birr pro Lampe, etwa dreieinhalb Cent, dazu eine Grundgebühr von drei Cent im Monat. Nur scheinbar wenig, denn das durchschnittliche äthiopische Monatseinkommen liegt bei einem Euro.

Nach Kechemober also nun Rema: 3800 Einwohner, 1100 Haushalte. Und alle haben jetzt Solarmodule auf ihren Dächern und abends Licht. Eine Viertelstunde, länger brauchen die Installateure nicht, um das 10-Watt-Modul, die Batterie und die LED-Lämpchen in der runden Hütte zu montieren. Ein Druck auf den Lichtschalter und Teka Getenesh hat Licht in ihrer Hütte. Ihr Mann hat vorsorglich ein Radio beschafft, er lacht und tanzt zu einer seltsamen Musik einen merkwürdigen Tanz, der nur den Oberkörper schüttelt. Die gleiche Musik dröhnt im Hotel von Tasau Tiruwerk, die Wirtin zeigt die ebenerdig gelegenen Zimmer, in die sich schon mal ein Esel verirrt. Alle mit Licht, die Übernachtung kostet acht Cent im Holz- und fünf im Eisengestell, Frühstück gibt es keines.

Auch in Rema kostet der Solarstrom Geld, bei vier Leuchten rund 17 Cent im Monat. Die 200 Euro Anschaffungskosten werden von den europäischen Spendern aufgebracht. "Wir haben bewiesen, dass nicht nur der Strom, sondern auch das Geld fließt", betont Schützeichel. Das war nämlich einer der vielen Einwände, die ihm vorher entgegenschallten: Das ginge nicht in Afrika. Von alleine geht es natürlich nicht, es muss eine Infrastruktur geschaffen werden, das wäre überall so. "Man kann nicht einfach was hinstellen und sagen: Macht mal", hat der solare Entwicklungshelfer lernen müssen. Diese Erfahrung hat er von "Menschen für Menschen" übernehmen können. Die Stiftung von Karlheinz Böhm arbeitet seit 25 Jahren in Äthiopien, in ihrem Operationsgebiet hat auch Schützeichel angefangen, jetzt muss er sich wohl von seinen Partnern emanzipieren und ganz auf eigenen Füßen stehen. In Addis Abeba will die "Stiftung Solarenergie" noch in diesem Jahr eine "Solarschule" aufmachen, dort solle Solartechniker ausgebildet werden, nicht nur Elektriker. Die Äthiopier selbst sollen die „Solarifizierung“ in die Hand nehmen, nicht der weiße Mann mit der Spendierhose.

So sieht es Samson Tsegaye schon lange. Samson ist phänomenal, er kann zugleich mit dem Handy telefonieren und in Addis Abeba unfallfrei Auto fahren. Allein schon daran würde ein Europäer scheitern. Samson kann einen geplatzten Reifen auf der Schotterpiste in zwölf Minuten wechseln und 200 Schulkindern auf dem Dorfplatz von Rema beibringen, was ein Solarmodul ist. Der 42-Jährige ist Bautechniker, war Offizier der Armee unter Mengistu Haile Maryam und nach dessen Sturz ein Opfer der "Säuberungswelle" der neuen Machthaber. Schlug sich als Taxifahrer durch und lernte dabei viele Europäer kennen, auch eine Freiburgerin. Dann Restaurantmanager und Bautechniker für eine koreanische Baufirma. Für diese ist er nach Paris zu einer Industrieausstellung gefahren und hat bei der Gelegenheit einen Abstecher nach Freiburg zur Intersolar-Messe gemacht. Seither ist er vom „Solarvirus“ befallen, hat eine kleine Organisation gegründet, die Spenden von reichen Äthiopier sammelt, um Solarlampen für die Armen auf dem Land zu finanzieren.

Seit dem letzten Jahr arbeitet Samson Tsegaye nun ausschließlich für die Stiftung Solarenergie, sucht Mitstreiter und Unterstützung in Behörden und Ministerien. Das ist ein Bohren allerdickster Bretter. Der Minister für Bergbau und Energie ist ein freundlicher Mann, über dreißig Minuten Verspätung beim Termin macht er kein Aufhebens. Natürlich, hebt Elemayehu Tegenu an, Äthiopien wisse um sein solares Potenzial. Das „aber“ folgt postwendend: „No priority“ – keinen Vorrang habe die alternative Energieerzeugung. Die äthiopische Regierung setzt stattdessen auf Wasserkraft. 4000 Megawatt mehr Strom sollen in den nächsten Jahren mit neuen Kraftwerken am Nil erzeugt werden. Und was sagen die anderen Staaten, durch die der Nil fließt? "No problem", ein Teil des Stroms werde dorthin exportiert. Und warum denn Wasserkraft, warum nicht Sonne? Wenn jemand investieren will, dann solle er es halt tun, „wir erlauben, im privaten Sektor, Geschäfte zumachen.“ Sorry, mehr sei eben nicht drin.

Enttäuschend, solche Gespräche. Harald Schützeichel lässt sich nichts anmerken, er verzieht keine Mine, als der Minister zu erkennen gibt, dass ihm die Namen Meragno, Rema oder Kechemober nichts sagen. Namen, die in den Projektunterlagen stehen, die auch das Ministerium gegangen sind. Er wird weitermachen, Schützeichel ist von seiner Mission überzeugt, fast wäre er Priester geworden, seine Doktorarbeit schrieb er über Albert Schweizer, den „Urwalddoktor“. Schützeichels Ausflug in die Welt von Business und Börse war kurz. Den Vorstandsposten bei der SAG Solarstrom AG in Freiburg gab er 2003 nach sechs Jahren wieder auf. Nicht dass er keinen Erfolg mit dem börsennotierten Unternehmen gehabt hätte, aber es war anscheinend nicht seine Welt.

„Ich habe das gefunden, was zu mir passt“, sagt der jetzt 47-Jährige. Er steht nicht mehr unter dem Druck von Aktionären, dem anonymen Kapitalmarkt, dem Zwang, Umsatz und Gewinn nach oben zu treiben. Er empfindet es als „Luxus“, das machen zu können, was ihm liegt. „Menschen für eine Idee zusammenzubringen, hinter der man selber voll und ganz steht“. Und dort Solarpionier zu sein, wo es wirklich bitter nötig ist und wo es noch kein Geschäft, sondern eine Art Kulturrevolution ist. Das Wort würde Schützeichel freilich nicht benutzen, er hat sich für Revolutionen nie interessiert, ist noch nicht einmal bei den Grünen gewesen. Ein reiner Pragmatiker ist er auch nicht, aber ihm schwebt schon vor, „dass sich irgendwann auch ein Markt für Solarenergie“ in Afrika entwickelt. Dass die Pilotprojekte eine Ausstrahlung gewinnen, an denen Regierung und Investoren nicht mehr vorbeigehen können.

Das nächste Projekt steht schon an, ein weiteres Dorf in Äthiopien wird demnächst Solarmodule bekommen, der Spendentopf der Stiftung Solarenergie ist im letzten Jahr auf 350 000 Euro angewachsen. Der Großaktionär des Solarzellenproduzenten „Q-Cells“, die Finanzgesellschaft „Good Energies“ aus der Schweiz ist mit größeren Beträgen als Sponsor eingestiegen. Die Stiftung steht kurz davor, auch in Äthiopien als „Nichtregierungsorganisation“ anerkannt zu werden, die geplante „Solar Energy School“ hat selbst den Energieminister aufhorchen lassen. Es ist noch ein langer Weg, aber ein wenig Licht ist für die afrikanische Finsternis schon mehr als nur ein Hoffnungsschimmer.

Von Heinz Siebold


Deutschland und Äthiopien

Äthiopien Deutschland
Einwohner 73 Mio. 82 Mio
Fläche 1,1 Millionen Km2 0,35 Millionen Km2
Lebenserwartung 49 Jahre 78 Jahre
Patienten pro Arzt 32 500 380
Kindersterblichkeit (bis 5 J.)Auf 1000 Kinder 177 6
Analphabetenrate 64,5% Unter 5%
Einschulungsrate 45,8% 100%
Beschäftigung 84% Landwirtschaft 97% Industrie + Dienstl.
BIP pro Einwohner 100 US-Dollar 28870 US-Dollar
Registrierte Fahrzeuge(inkl. LKW und Bus) 102 800 47,7 Mio.
Straßennetz 15 700 KM 652 000 KM

Bild: Äthiopien liegt am sogenannten "Horn von Afrika" / Quelle: Deutsche Welthungerhilfe DWHH
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