Nachhaltige Aktien, Meldungen

19.3.2007: Gewinnwarnung und Kurssturz beim Biokraftstoffhersteller Verbio AG - Ist die ganze Branche gefährdet? ECOreporter.de sprach mit den Analysten Dr. Karsten von Blumenthal, SES Research, und Stephan Wulf, Oppenheim Research

Nach der heutigen Gewinnwarnung ist die Aktie der Verbio Vereinigte BioEnergie AG massiv eingebrochen. Wie beurteilen Wertpapierexperten das Unternehmen vor dem Hintergrund der stark reduzierten Gewinnaussichten und inwiefern sind die von Verbio angesprochenen Probleme für die gesamte Branche relevant? ECOreporter.de sprach darüber mit Dr. Karsten von Blumenthal, Analyst bei der SES Research GmbH, einer Tochter der Hamburger Privatbank M.M.Warburg, und Stephan Wulf vom Equity Research Utilities der Frankfurter Oppenheim Research GmbH.

Der Markt habe der Verbio AG für 2007 bisher einen Gewinn vor Steuern und Zinsen (EBIT) von zirka 70 Millionen Euro zugetraut, so von Blumenthal, nun solle er nur noch im einstelligen Millionenbereich liegen. "Das ist nur noch zirka ein Siebtel der vorherigen Erwartung. Ein dramatischer Gewinneinbruch - der starke Kurseinbruch ist deshalb nachvollziehbar", sagt der Analyst.

Von Blumenthal sieht zwei Probleme für die Verbio AG. Laut dem Unternehmen erfüllt die Mineralölindustrie ihre Quote bei der gesetzlichen Beimischungspflicht für Bioethanol nur zögerlich, sagt er. Verbio habe in diesem Bereich mit einem deutlich besseren Geschäft gerechnet.

Das zweite Problem teile das Unternehmen mit der Branchenkonkurrenz: "Die Biodieselunternehmen berichten übereinstimmend von einem deutlichen Margenverfall", so der Experte der Bank M.M. Warburg. Die geringere Gewinnspanne sei durch die im Vorjahresvergleich gesunkenen Rohölpreise und gleichzeitig gestiegene Rohstoffpreise ausgelöst worden. Hinzu komme die Besteuerung des reinen Biodiesels, die den Unternehmen sehr zu schaffen mache. "Das ist ein Problem der gesamten Branche. Schauen Sie sich zum Beispiel den Kurs der Petrotec AG an; die Aktie hat im Laufe der letzten Wochen über 40 Prozent verloren", sagt von Blumenthal.

Wir wird es in den nächsten Monaten weitergehen? Wird die Politik die Bedingungen für die Biokraftstoffunternehmen wieder verbessern? Der Banker formuliert vorsichtig: "Ich würde nicht ausschließen, dass in dieser Frage politisch noch etwas passiert. Obwohl die Branche schon im Vorfeld vor der Besteuerung gewarnt hat, hat sich zunächst der Finanzminister durchgesetzt, er wollte die Steuereinnahmen. Jetzt ist offensichtlich geworden, dass tatsächlich die gesamte Branche zu kämpfen hat."

Mit Blick auf den Aktienmarkt bezeichnet von Blumenthal die Biokraftstoffbranche als "derzeit schwierig". Es sei im Augenblick schwer einzuschätzen, ob es einen weiteren Kursverfall geben werde. Er rechne mit einem Verdrängungswettbewerb, so der Experte. "Im Vorteil sind zum Einen große Unternehmen, die es leichter haben, mit der Mineralölindustrie ins Geschäft zu kommen. Zum Anderen haben Firmen wie die BKN Biokraftstoff Nord AG und die Petrotec AG, die mit ihren Multifeedstock-Anlagen Kostenvorteile auf der Rohstoffseite besitzen, einen Wettbewerbsvorsprung", sagt von Blumenthal.

Oppenheim-Analyst Wulf verweist im Gespräch mit ECOreporter.de auf die Zweigleisigkeit der Verbio AG mit den Sparten Biodiesel und Ethanol. "Wir mochten die Verbio immer, weil das Unternehmen auch im Ethanolmarkt aktiv ist", so Wulf. Der deutsche Biodieselmarkt sei derzeit eben durch hohe Inputkosten belastet (Anmerkung der Redaktion: Rohstoffkosten), hinzu kämen die schrittweise Besteuerung seit August 2006 und die gesunkenen Preise für herkömmlichen Dieselkraftstoff.

Wulf weiter: "Bei Bioethanol haben wir den Markt bisher positiver gesehen; das Gesetz zu Beimischung von Ethanol zu herkömmlichen Kraftstoffen hätte den Markt aufbrechen sollen. Nach Darstellung der Verbio AG ist die Industrie aber sehr vorsichtig mit der Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben, sie spielt scheinbar auf Zeit. Zudem hat sich der stark gestiegene Getreidepreis negativ ausgewirkt. Trotz hoher Einfuhrzölle lohnte es sich vor diesem Hintergrund offensichtlich, brasilianisches Ethanol zuzukaufen. Diese ungünstige Entwicklung hatten wir so nicht vorausgesehen."

Der Frankfurter Analyst bezeichnet den Ausblick der Verbio als "nicht vollständig plausibel". Wenn das EBIT der Verbio tatsächlich in den einstelligen Bereich abrutsche, müsse es auch über die genannten Gründe hinaus Probleme in der Biodieselsparte geben, so Wulf: "Die in der Pressemeldung genannte Ursachen rechtfertigen einen solchen Einbruch nach unseren Berechnungen nicht. Dafür gibt es aus meiner Sicht zwei Erklärungen. Entweder man ist bei Verbio jetzt extrem vorsichtig mit seinen Prognosen. Oder es gibt operative Probleme, die noch nicht kommuniziert wurden."

Oppenheim Research hat die Verbio-Aktie laut dem Analysten auf "reduce" gestellt (reduzieren). Ein neues Kurziel habe man noch nicht festgelegt.
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