19.09.07 Erneuerbare Energie

19.9.2007: Erneuerbare Energien: Biokraftstoffe – Mehr Schaden als Nutzen? Wie können Anleger in Biokraftstoffe investieren, wo liegen die Chancen und wo die Tücken?

Bei Erneuerbarer Energie war lange nur die Rede von Windkraft und Sonnenenergie, allenfalls noch von Biomasse. Und damit erzeugen Kraftwerke Strom, allenfalls noch Wärme. Mittlerweile hat auch die Branche der Biokraftstoffe Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Schon gibt es zahlreiche Investment-Produkte für diesen Sektor. ECOreporter.de hat untersucht, wo Anleger in Biokraftstoffe investieren können - und wo die Chancen und die Tücken liegen:

Biokraftstoff ist nicht gleich Biokraftstoff. Am bekanntesten und weit verbreitet ist „Biodiesel“: Er hat in etwa die Qualität von Diesel aus Erdöl. Nur stammt Biodiesel aus pflanzlichen Ölen, in geringeren Mengen auch aus tierischen Fetten. Der Kraftstoff wird großtechnisch durch die so genannte „Umesterung“ des Pflanzenöls hergestellt. Den vertragen aber nur Fahrzeuge, die darauf ausgelegt sind; manche sind es bereits ab Werk, bei manchen muss man diese Verträglichkeit als Zubehör ordern. Biodiesel wird aber auch herkömmlichem Diesel zugemischt – in Deutschland ist das Ziel für die Beimischung fünf Prozent. Bis zu diesem Wert sind keine Anpassungen der Motoren erforderlich.

Eher als Salatöl denn als Biokraftstoff bekannt sind Pflanzenöle. Sie treiben schon viele Dieselmotoren an. Manche große Spedition fährt komplett mit Pflanzenöl statt mit Diesel aus Erdöl. In Deutschland eignet sich Raps am besten für die Ölerzeugung. Es gibt zwei Herstellungsverfahren: Die Kaltpressung – sie kann auch in landwirtschaftlichen Betrieben oder Genossenschaften durchgeführt werden – und die Raffination in industriellen Großanlagen. Die Internetplattform „biotanke.de“ zählt derzeit 243 öffentliche Pflanzenöltankstellen in Deutschland, die meisten im ländlichen Raum. Mancher PKW, der mit Pflanzenöl fährt, hat allerdings einfaches Salatöl aus dem Aldi im Tank – das ist billig, sorgt aber unter anderem für viel Verpackungsmüll.

Weitere Biokraftstoffe sind Bioethanol und Biomethanol. Beide werden aus Biomasse hergestellt. In Brasilien wird Bioethanol seit über 20 Jahren als Kraftstoff verwendet. Dort gibt es bereits zirka 14 Millionen Pkw, die mit Ethanol fahren können. Gut 60 Prozent aller Neuzulassungen in dem südamerikanischen Land sind so genannte Flexfuel Vehicles (FFV), sie laufen mit jeder Mischung von Benzin und Ethanol, aber auch mit reinem Ethanol. In den USA werden mehr als 20 verschiedene bivalente Fahrzeugmodelle angeboten. Dort ist beispielsweise auch die Mercedes C- oder E- Klasse als FFV erhältlich.

In Europa bieten bisher vor allem Ford, Saab und Volvo Fahrzeuge an, deren Motoren mit mehr als fünf Prozent Ethanol fahren können. Stark verbreitet ist der Biokraftstoff in Schweden. In dem skandinavischen Land wird über ein dichtes Tankstellennetz vor allem E85 angeboten, eine Mischung aus reinem Ethanol und 15 Prozent Benzin. Schweden will bis 2020 erdölfrei sein. In Deutschland gibt es laut dem Internetservice e85.biz zurzeit etwa 100 Tankstellen, die e85 anbieten. Auch Umrüstsätze sind erhältlich – damit wird der vorhandene Saab zum Ethanol-Saab.
Erdgas ist vielfach im Gespräch als klimaschonender Kraftstoff. Wer einen Schritt weiter gehen will, tankt Biogas aus Biomasse. Es erreicht Erdgasqualität. In der Schweiz wird an zahlreichen Gastankstellen ein Gemisch von Biogas und Erdgas als "Naturgas" verkauft. Das aktuelle Gas-Tankstellenverzeichnis der Schweizer gasmobil ag führt 25 Naturgastankstellen auf. Auch die Deutsche Post AG betreibt ein Fahrzeug ihrer Schweizer Betriebsflotte mit Naturgas. In Deutschland ist das grüne Fahrzeuggas noch im Versuchsstadium.


Ein schwieriges Terrain: Biokraftstoff-Aktien
Wer in einzelne Biokraftstoff-Unternehmen investieren möchte, zum Beispiel aus einer Vielzahl von Aktien wählen. Ratschlag dazu: Die Anteilsscheine dieses Bereichs sind derzeit mit etlichen Unsicherheiten behaftet. So ist es noch nicht sicher, ob Biodiesel in Deutschland so besteuert werden wird, wie es bisher vorgesehen ist. Bleibt die Gesetzeslage, wie sie ist, wird die Steuer vielen Biodiesel-Produzenten das Überleben erschweren – die Aktienkurse werden kaum einen Weg nach oben finden. Auch beim Bioethanol heißt es Vorsicht: Die Kapazitäten sind schwierig einzuschätzen, es sind viele neue Produktionsanlagen im Bau, vor allem in den USA.

Das größte Risiko für alle Biokraftstoff-Aktionäre sind die neuen Biokraftstoff-Technologien, die derzeit noch nicht marktreif sind. Werden eine oder mehrere von ihnen erfolgreich, wird es für die bisherigen Biokraftstoff-Anbieter schwierig. Eines allerdings ist heute sicher: Die Nachfrage nach Erdöl steigt, während die Erschließung neuer Ölfelder tendenziell sinkt. Treibstoff ist also ein Engpass-Markt. Spannend für Spekulanten – und gefährlich für den ganz gewöhnlichen Anleger.

In der ECOreporter.de-Rubrik „Nachhaltige Aktien“ finden sie in der Unterrubrik ‚Kurse’ nicht eine Kursliste aller Biokraftstoff-Aktien. Sie müssen dazu in der Gesamtliste der nachhaltigen Aktien unter „Aktientyp“ den Bereich ‚Bioenergie’ anklicken, dort ist die aktuelle Kursentwicklung dieser Unternehmen aufgelistet.


Biokraftstoff-Zertifikate sind eine Alternative
Doch es gibt jenseits der Anlage in Aktien eine Fülle von weiteren Möglichkeiten, sich an der Entwicklung von Biokraftstoffen zu beteiligen. Ein Beispiel sind Zertifikate, die dem Anleger die Beteiligung an einem Korb von Unternehmen ermöglichen. So hat die Düsseldorfer Bank HSBC Trinkaus & Burkhardt ein Aktien-Basket-Zertifikat auf Biokraftstoffunternehmen aufgelegt. Der Basket enthält zwölf im Biokraftstoff-Bereich tätige nationale und internationale Unternehmen mit unterschiedlicher Gewichtung aus der gesamten Wertschöpfungskette. Am stärksten ist Archer-Daniels-Midland vertreten. Das HSBC-Zertifikat läuft nur noch bis zum 19. März 2008.

Ein weitere Möglichkeit bietet das Open-End-Zertifikat der Schweizer Bank UBS AG auf den UBS Diapason Global Biofuel Index. Den Biokraftstoff-Index hat UBS zusammen mit Diapason Commodities entwickelt. Er enthält allerdings keine Unternehmen, sondern setzt auf die Preisentwicklung der Rohstoffe, die für die Biokraftstofferzeugung von Bedeutung sind. Die drei wichtigsten – Mais, Zucker und Weizen – sind mit mehr als 70 Prozent im Zertifikat gewichtet.

Ein ganz ähnliches Produkt kommt von der niederländischen Bank ABN Amro. Das Biofuel Open End Zertifikat bildet den ABN AMRO Biofuel Total Return Index ab, der die acht wichtigsten Rohstoff Futures für den Biokraftstoffsektor enthält. Die Niederländer haben Zucker mit 35 Prozent und Mais mit 30 Prozent im Index gewichtet. Der Index wird monatlich auf die Ursprungsgewichtung angepasst. Das zugehörige Zertifikat hat keine Laufzeitbegrenzung.

Mit dem Bioethanol Index Total Return Zertifikat bietet ABN Amro ein weiteres Biokraftstoffzertifikat an. Das Open-End Indexzertifikat bildet den Bioethanol Index der Bank ab. In die Entwicklung des Index fließen sowohl die Kursentwicklung als auch die Dividendenausschüttungen von acht Biokraftstoffunternehmen ein, darunter die deutsche EOP Biodiesel AG. Zweimal jährlich wird die Zusammensetzung des Index überprüft und wenn nötig angepasst.

Biokraftstoffe in der Kritik
Aber Achtung: Anleger, die Wert legen auf Nachhaltigkeit, sollten sich vor einem Investment jedes einzelne Zertifikat und seine Inhalte genauer anschauen. Dass die Zertifikate sich auf Biokraftstoffe beziehen, heißt nicht, dass es um Nachhaltigkeit geht. Auch generell stehen Biokraftstoffe häufig in der Kritik: Sie seien gar nicht so umweltfreundlich, heißt es nun immer mehr. Die Vorwürfe gehen in die unterschiedlichsten Richtungen, oft sind sie abgefasst im BILD-Zeitungs-Niveau. So dienten die Biokraftstoffe schon als Schuldige für teurere Milch, teureres Bier und Hungersnöte in Mexiko. Die Argumente: Die Konkurrenzsituation zwischen Nutzpflanzen zur Biokraftstoffproduktion und zur Nahrungsmittelherstellung führe zu höheren Lebensmittelpreisen, insbesondere für Milchprodukte und Fleisch. Ein weiterer Vorwurf lautet, Mais- und Rapsfelder, die der Energieerzeugung dienten, bräuchten so viel Bewässerung, dass Wasserknappheiten drohten. Und schließlich setzten Pestizide und Düngemittel auf den Feldern, die der Erzeugung von Biokraftstoffen dienten, Lachgas frei. Das sei ein stärkeres Treibhausgas als Kohlendioxid. Dass Monokulturen entstünden, mit entsprechender Artenarmut und den „nicht absehbaren Folgen für die Umwelt und das ökologische Gleichgewicht“, mag einem die Biokraftstoffe dann schon als übler denn Erdöl erscheinen lassen.
Der internationale Kleinbauernverband La via Campesina bezeichnet den Namen Biokraftstoff daher als Schönrednerei und nennt diese Treibstoffe schlicht „Agro-Sprit“.

Fakt ist: Europa kann seinen Bedarf an Nutzpflanzen zur Erzeugung von Biokraftstoffen nicht allein decken, wenn Biokraftstoffe einen nennenswerten Anteil am gesamten Treibstoffverbrauch haben sollen. Die benötigten Ölpflanzen stammen derzeit aber hauptsächlich aus den Entwicklungsländern Asiens und Südamerikas. Deren Anbaumethoden seien nicht umweltfreundlich, so die Biokraftstoff-Kritiker. Um Ölpalmen oder Mais anbauen zu können, würden riesige Regenwaldflächen abgefackelt. Dabei entstehe mehr Kohlendioxid als durch Biokraftstoffe einzusparen sei. Der vermehrte Nutzpflanzenanbau in den Entwicklungsländern bedrohe zudem die Ureinwohner und gefährde Tier- und Pflanzenarten.


Man muss differenzieren

Viel Kritik, massiv vorgebracht und verfangend formuliert. Nur: Verteuern Biokraftstoffe wirklich unsere Milch? Bis vor einem Jahr produzierten die Bauern in der EU zu viel Milch – jetzt sind die Biokraftstoffe schon an den höheren Preisen Schuld? Reagieren Bauern so schnell? Wohl nicht. Weltweite Umweltbedingungen und eine steigende Nachfrage aus Indien und China sind für die aufgebrauchten Milchvorräte verantwortlich, während die bestehenden Produktionsquoten die Bauern daran hindern, ihre Produktion der Nachfrage anzupassen.

Etliche andere Kritik scheint gerechtfertigt, etwa die an den vermehrten Ölpflanzen-Plantagen in Entwicklungsländern. Genau daran zeigt sich aber das Problem, und es ist für die Erneuerbare-Energie-Branche kein Neues: Man muss differenzieren. Es gibt mehr als ein Dutzend verschiedene Biokraftstoffe, und es wird weitere Dutzende in den nächsten Jahren geben. Die meisten werden wohl wenig mit Ölpflanzen aus Entwicklungsländern zu tun haben. Jeder einzelne Biokraftstoff ist natürlich in seiner Ökobilanz zu prüfen. Aber erst nachdem es eine aussagekräftige Ökobilanz gibt, sollte ein Urteil gefällt werden.

Viel Hoffnung ruht derzeit beispielsweise auf der Biomass-to-Liquid-Technologie (BtL). Sie setzt auf Biomasse. Das ist die Gesamtheit an organischem Material in einem Ökosystem, also beispielsweise Heu, Holz oder Dung. Im Gegensatz zur herkömmlichen Produktionsmethode, die nur die Samen von Nutzpflanzen wie Mais oder Raps benutzt, ist bei der BtL-Technologie der Einsatz sämtlicher Arten trockener Biomasse zur Treibstoffherstellung möglich. Mit diesem so genannten Designerkraftstoff sind Emissionseinsparungen von bis zu 90 Prozent im Vergleich zu herkömmlichem Diesel möglich. Die heutigen Transportwege und Infrastruktureinrichtungen können uneingeschränkt weiter genutzt werden, normale Dieselmotoren sind mit dem neuen Kraftstoff kompatibel.

Durch die größere Bandbreite der nutzbaren Stoffe ist davon auszugehen, dass sich die Konkurrenzsituation zwischen Lebensmitteln und Nutzpflanzen künftig entschärfen wird. Nach Schätzungen der Universität Kassel/Witzenhausen könnte mit Biomasse die Hälfte des gesamten Kraftstoffverbrauchs in Deutschland gedeckt werden, ohne die Versorgung mit Lebensmitteln einzuschränken. Das Freiberger Unternehmen Choren baut derzeit die nach eigenen Angaben weltweit erste kommerzielle Anlage zur Biokraftstoffproduktion mit der Biomass-to-Liquid-Technologie.

Darüber hinaus versuchen Forscher, die Herstellung von Zellulose-Ethanol aus pflanzlichen Abfällen industriell nutzbar zu machen. Diese Technik könnte den Verbrauch an Zuckerrohr und Getreide zur Ethanolproduktion senken. So wie andere Biokraftstoffe soll auch Zellulose-Ethanol kohlendioxid-neutral sein, da bei der Verbrennung nur so viel Kohlenstoff abgegeben wird, wie die verwerteten Pflanzen vorher aufgenommen haben.


Bildhinweise:
Raps ist in Deutschland der wichtigste Rohstoff für die Biotreibstoffproduktion / Quelle: VDB;
Konzernzentrale der HSBC / Quelle: Unternehmen
Mais ist nicht nur ein wichtiges Nahrungsmittel, sondern auch zur Herstellung von Biotreibstoff geeignet / Quelle: Raiffeisen;
Biomasse aus Holzresten / Quelle: BMU
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