02.11.06 Fonds / ETF

2.11.2006: Eliteförderung - Löst das Best-in-class-Prinzip einen Wettbewerb um Nachhaltigkeit aus?

Die Betrachtung der Portfolios mancher Nachhaltigkeitsfonds löst bei Interessenten für ethisch-ökologische Geldanlagen oft Verwirrung aus. Etwa wenn darin Werte wie RWE AG, BP oder die Deutsche Lufthansa AG enthalten sind. Solche Unternehmen werden nicht ohne weiteres mit Ethik und Ökologie in Verbindung gebracht. Das wirft die Frage auf, inwiefern sich derartige Nachhaltigkeitsfonds überhaupt von herkömmlichen Fonds unterscheiden. Dies vor allem, wenn ein Fonds als größte Positionen ausschließlich Firmen aus nachhaltigkeitskritischen Branchen wie etwa dem Öl- und Automobilsektor enthält.

Der Unterschied liegt auch hier im Detail. Entgegen dem ersten Anschein können bei der Nachhaltigkeit von Unternehmen die vermeintlichen Kleinigkeiten eine große Wirkung entfalten. Darauf setzen zumindest viele Nachhaltigkeitsfonds, die auch Aktien aus problembelasteten Branchen führen. Sie stellen ihr Portfolio nach dem so genannten "Best-in-class"-Ansatz zusammen. Das bedeutet, dass sie in Unternehmen investieren, die in ihrer jeweiligen Branche im Bereich Nachhaltigkeit oder Öko-Effizienz zu den Führenden zählen. Und sei es nur mit geringem Vorsprung.

"Durch den best-in-class Ansatz lässt sich mit der Auswahl der Nachhaltigkeitsbesten ein Anreiz dafür geben, dass sich eine Branche voran bewegt", erläutert Prof. Dr. Stefan Schaltegger. Er ist 1999 Leiter des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Umweltmanagement an der Universität Lüneburg. Er gibt zu bedenken, dass gerade in nachhaltigkeitskritischen Branchen das größte Potential liegt, die meisten Nachhaltigkeitsfortschritte zu erzielen sind. Damit argumentiert auch die Züricher Vermögensverwaltung SAM Sustainable Asset Management. Sie hat mit großem Erfolg gemeinsam mit Dow Jones den Nachhaltigkeitsindex DJSI aufgelegt. Der enthält nach ihrer Darstellung die hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeitsbemühungen besten 10 Prozent aus den 2.500 Unternehmen des herkömmlichen Dow Jones Global Indexes aus. Als Ziel nennt SAM dabei, für jede Branche eine Best Practice herauszustellen, also möglichst hohe Nachhaltigkeitsstandards zu etablieren. Durch das Renommee des DJSI soll ein Wettbewerb der Unternehmen um die Einstufung als Nachhaltigkeitsprimus angestoßen werden.

Stefan Schaltegger weist darauf hin, dass der best-in-class Ansatz auch den Ansprüchen der Portfoliomanager sehr entgegen kommt. Die wollen durch eine breite Streuung das Anlagerisiko streuen, und das best-in-class Prinzip eröffnet Möglichkeiten, über etliche Branchen zu diversivizieren. Ein weiterer Aspekt ist laut dem Professor die Marktkapitalisierung der Unternehmen. In Deutschland seien die Automobilhersteller in dieser Hinsicht eine so dominante Größe, dass man sie als Portfoliomanager kaum ignorieren könne. All dies sei abzuwägen mit dem Nachteil des best-in-class Ansatzes, dass auch ein großer Umweltsünder das nachhaltigkeitsbeste Unternehmen seiner Branche sein kann. Es gebe "Unternehmen oder Branchen, die zu weit von Nachhaltigkeit entfernt sind".

Aus diesem Grund empfiehlt Matthias Bönning von oekom research für Anwender des best-in-class Prinzips, "dass man Mindestanforderungen definiert, um bei der Nachhaltigkeit Mindeststandards nicht zu unterschreiten". Bönning ist Head of Research bei der Münchener Agentur für Nachhaltigkeitsratings. Er verweist darauf, dass die Einstufung von Unternehmen als best-in-class Ansatz durchaus verschieden gehandhabt wird. Manches Nachhaltigkeitsresearch lege etwa einen Schwerpunkt auf die Corporate Governance, andere fokussierten sich mehr auf die Umweltbelastung durch die Unternehmen. Entscheidend sei vor allem, aus welchem Topf von Unternehmen sich ein Nachhaltigkeitsfonds bediene. "Das gewählte Anlageuniversum macht den Unterschied", stellt Bönning fest.

Der Nachhaltigkeitsexperte hebt hervor, dass der Best-in-class Ansatz auf einer umfassenden Analyse der Nachhaltigkeitsleistung von Unternehmen basiert. Das sei ein großer Vorteil gegenüber der Beschränkung auf das Ausschlussprinzip. Ein weiteres Vorteil sei, dass hierbei die Probleme im Branchenkontext betrachtet würden. "Schließlich sind die Nachhaltigkeitsprobleme oft sehr branchenspezifisch", so Bönning. Zudem ließen sich über das best-in-class Prinzip sämtliche Unternehmen in den Wettbewerb um mehr Nachhaltigkeit einbinden. Keines werde von vornherein ausgeschlossen, für jedes gebe es so einen Anreiz, sich ebenfalls zu bemühen. Außerdem wären die Einflussmöglichkeiten von Nachhaltigkeitsfonds zu gering, wenn sie sich nur auf die eindeutig "guten" Unternehmen beschränkten. Mit einer breiten Streuung sei die Hebelwirkung der Geldanlage mit ethisch-ökologischem Anspruch viel größer, meint der Experte von oekom research.

"Eine rigide Selektion ist jedoch nicht unbedingt konstruktiv", gibt auch Stefan Schaltegger zu bedenken. "Damit können zwar Signale gesetzt werden, es lässt sich zeigen, dass Nachhaltiges Investment einen Strukturwandel erfordert. Aber das Risiko eines Scheiterns und damit der Rufschädigung des Nachhaltigen Investments als solches ist groß", warnt er. Denn mit der Verengung des Portfolios steigt die Gefahr von Wertverlusten. Letztendlich müsse der Anleger entscheiden, ob ihn die jeweilige Kombination überzeugt, so Schaltegger.

Bilder: Stefan Schaltegger; Matthias Bönning / Quelle: Privat
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