Nachhaltige Aktien, Meldungen

21.2.2007: Der Klimawandel als Unternehmensrisiko - Teil 5: Wo hakt es in der Berichterstattung über Klimarisiken?

Obwohl der Klimawandel und seine ökonomischen Folgen bereits seit Jahren diskutiert werden, gehen die DAX-30-Unternehmen zum größten Teil in ihren Geschäftsberichten nur wenig auf Klimarisiken ein. Das hat die Untersuchung der Geschäftsberichte 2005 dieser Vorzeigeunternehmen der deutschen Wirtschaft durch ECOreporter.de ergeben (wir berichteten darüber im Teil 3 unserer Reihe "Der Klimawandel als Unternehmensrisiko"). Dabei gibt es bereits gesetzliche Vorgaben, die vielen Unternehmen nahelegen, aussagekräftig über Klimaaspekte zu informieren. Kontrolliert werden die Angaben in den Geschäftsberichten von Wirtschaftsprüfern. ECOreporter.de hat darüber mit Dieter Horst gesprochen. Er ist bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers AG (PwC) zuständig für die Prüfung von Nachhaltigkeitsberichten und Nachhaltigkeitsaspekten in Geschäftsberichten. Von ihm geprüft wurden z.B. Berichte der Unternehmen Axel Springer, RWE AG und Deutsche Post AG.

Wie Horst gegenüber ECOreporter.de erläuterte, kommen Klimarisiken in den Geschäftsberichten börsennotierter Unternehmen bislang an verschiedenen Stellen zur Sprache. Klimarisiken könnten etwa im Finanzteil mit Testat des Wirtschaftsprüfers erwähnt werden, aber auch im allgemeinen, frei gestaltbaren Teil des Geschäftsberichtes, der offiziell überhaupt nicht geprüft werde. In erster Linie käme dafür aber der Lagebericht mit ergänzenden Informationen in Frage, die nicht "hart" geprüft, sondern nur auf Plausibilität durchgesehen werden. Der Lagebericht sei vorwärtsgerichtet, darin müssten die Themen in ihrer Gesamtbedeutung für das Unternehmen dargestellt werden, z.B. in ihrer Bedeutung für die nächsten fünf Jahre. "Hier gehören Aussagen zum Klimawandel hinein", stellte Dieter Horst fest. Wegen seiner umfassenden Auswirkungen habe er "das größte Potential, hier behandelt zu werden". Dem PwC-Experten zufolge sind die Unternehmen zur Einrichtung von Risikomanagementsystemen verpflichtet, und eben darüber werde im Lagebericht informiert. Die Angaben würden von Wirtschaftsprüfern geprüft - "ob vorhanden und konsistent" -, nicht jedoch die Risikolage. Was genau hier einfließen müsse, sei abhängig vom Geschäftsmodell. "Es gibt da für die Unternehmen großen Spielraum", so Horst. Zum Beispiel könne für einen Verlag die Versorgung mit Öko-Papier hier schon ein Thema sein. Es gebe keine themenspezifische Festlegung durch den deutschen Gesetzgeber. Auf der Suche nach einem Best-practice-Standard würden gegenwärtig vom Deutschen Rechnungslegungskomitee entwickelte Anwendungen erprobt.

Die EU hat allerdings schon 2001 in ihrer Modernisierungsrichtlinie vorgegeben, dass zur Erhöhung des Informationsgehalts von Konzernlageberichten sowie zur besseren Vergleichbarkeit "die Informationen [...] gegebenenfalls zu einer Analyse ökologischer und sozialer Aspekte führen [...], die für das Verständnis des Geschäftsverlaufs, des Geschäftsergebnisses oder der Lage des Unternehmens erforderlich sind". Im Bilanzrechtsreformgesetz (BilReG) legte die Bundesregierung daher 2004 im Paragrafen 289 HGB (Absatz 1) fest, dass im Lagebericht der Geschäftsverlauf einschließlich des Geschäftsergebnisses und die Lage der Kapitalgesellschaft so darzustellen sind, "dass ein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild vermittelt wird. [...] Ferner ist im Lagebericht die voraussichtliche Entwicklung mit ihren wesentlichen Chancen und Risiken zu beurteilen und zu erläutern; zugrunde liegende Annahmen sind anzugeben." Im Absatz 3 des Gesetzes wird dann präzisiert, nichtfinanzielle Leistungsindikatoren "wie Informationen über Umwelt- und Arbeitnehmerbelange" seien mitzuteilen, soweit sie für das Verständnis des Geschäftsverlaufs oder der Lage von Bedeutung sind.

Nach Einschätzung von Horst begründet das Bilanzrechtsreformgesetz damit praktisch eine Pflicht zur Nachhaltigkeitsberichterstattung, zu der Angaben über Treibhausgasemissionen und Klimastrategien gehören. Allerdings gestalte sich die Umsetzung bei vielen Unternehmen als schwierig. Noch immer verfügten die wenigsten über ein System, zu entscheiden, welche Nachhaltigkeitsaspekte im Sinne des Bilanzrechtsreformgesetz wesentlich und damit Pflichtthema im Geschäftsbericht seien. Oft werde da aus dem Bauch heraus entschieden. "Klima ist hier ein Kann-, kein Muss-Thema", so der Wirtschaftsprüfer. Da das Bilanzrechtsreformgesetz bei der Nachhaltigkeitsberichtspflicht im Lagebericht die Relevanz für den Unternehmenserfolg betone, müsse eine systematische Beurteilung der Nachhaltigkeitsinformationen erfolgen. Für eine solche Beurteilung sei jedoch eine bestimmte Qualität der Datenerhebung und -analyse zwingend erforderlich. Viele Unternehmen hätten aber noch kein systematisches internes Berichtswesen zum Nachhaltigkeitsmanagement etabliert. Obwohl in der Außendarstellung die Nachhaltigkeitsangaben der Unternehmen inzwischen gleichrangig mit den Finanzangaben behandelt würden, seien erhebliche Qualitätsunterschiede zwischen den beiden festzustellen. Aufgrund fehlender Standards zur Datenerhebung, fehlender IT-Unterstützung, einem fehlenden internen Kontrollsystem, der dezentralen Organisation der Nachhaltigkeitsthemen und ähnlichem sei die Qualität der Nachhaltigkeitsdaten häufig als nicht ausreichend anzusehen.

Laut Dieter Horst sind Konzerne wie die DAX-30-Unternehmen auf vielfältige und vielschichtige Weise von Nachhaltigkeitsaspekten wie etwa Klimarisiken betroffen. Daher sei es eine komplexe Aufgabe, die Angaben darüber zu prüfen, zumal diese Aspekte in der Öffentlichkeit eine hohe Aufmerksamkeit bekämen. "Die Unternehmen brauchen die Chance, die erforderlichen Systeme aufzubauen, die Informationen über Nachhaltigkeitsaspekte zu ermitteln", meinte Horst. Das brauche Zeit und gelte für 95 Prozent der Unternehmen. Es sei auch nicht so, dass Vorgaben der Führung sich so ohne Weiteres im Gesamtkonzern umsetzen lassen. Konzerne seien komplexe Gebilde und ließen sich nicht wie beim Militär mit strikter Hierarchie führen. Es gebe aber immerhin einen eindeutigen Trend zur Nachhaltigkeitsberichterstattung. Bei den 30 DAX-Unternehmen veröffentlichten inzwischen 20 einen Nachhaltigkeitsbericht, sieben böten die Informationen im Internet an, nur drei seien "Totalverweigerer". Hier sei es aber wichtig, dass Nachhaltigkeitsberichte gleichwertig neben den Geschäftsbericht gestellt würden, als "zweite Säule der Finanzberichterstattung", wie Horst es gegenüber ECOreporter.de ausdrückte. Doch auch bei dieser Entwicklung gebe es viele deutsche Unternehmen, die dafür noch Zeit bräuchten. Sechs Jahre nach dem Aufsehen erregendem 3. UN-Weltklimabericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), fünf Jahre nach der ersten Umfrage des CDP nach den Klimarisiken börsennotierter Unternehmen und drei Jahre, nachdem das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vor hohen volkswirtschaftlichen Schäden infolge der Klimaerwärmung warnte, ist das ein ernüchterndes Fazit. Innovationskraft sieht anders aus.

Per Mausklick gelangen Sie zum Teil 1 unserer Reihe "Der Klimawandel als Unternehmensrisiko": Sturmwarnung für die Weltwirtschaft .
Ebenfalls per Mausklick gelangen Sie zum Teil 2 der Reihe: Mangelndes Tempo beim Klimaschutz schwächt die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Autobauer und zum Teil 4 der Reihe: Großinvestoren verlangen von börsennotierten Unternehmen weltweit Informationen über Klimarisiken


Bildhinweise:
Die Auswirkungen des Klimawandels betreffen bereits auch Dax-30-Unternehmen: Hurrikan-Verheerungen in der Karibik / Quelle: Münchener Rück;
die Ursache der Auswirkungen des Klimawandels: der Ausstoß von Treibhausgasen, etwa durch dieses Braunkohlekraftwerk in Grevenbroich / Quelle: RWE AG
Aktuell, seriös und kostenlos: Der ECOreporter-Newsletter. Seit 1999.
Nach oben scrollen
ECOreporter Journalistenpreise
Anmelden
x