Nachhaltige Aktien, Meldungen

21.3.2007: Störfeuer von der Mineralölindustrie, kein freier Markt in der EU, aber Hoffnung für 2008 - ECOreporter.de-Interview mit Vorstandschef Claus Sauter über die Gewinnwarnung und die Chancen des Biokraftstoffherstellers Verbio

Der Biokraftstoffhersteller Verbio Vereinigte BioEnergie AG hat seine Aktionäre vor zwei Tagen mit einer Gewinnwarnung geschockt (ECOreporter.de berichtete). Das Unternehmen reduzierte seine Prognose für den operativen Gewinn von zuvor 70 Millionen Euro auf den "einstelligen Bereich". Der Aktienkurs stürzte ab. Am Dienstag wurden zuletzt 6,59 Euro für die Aktie notiert, der Ausgabepreis beim Börsengang im Oktober 2006 lag bei 14,50 Euro. Wie geht es nach dem ersten Schreck weiter für Verbio? ECOreporter.de sprach darüber mit Claus Sauter, Vorstandsvorsitzender des Unternehmens.


ECOreporter.de: Herr Sauter, Sie haben eine Gewinnwarnung für Ihr Unternehmen veröffentlicht. Was sagen Sie Ihren Aktionären, die erst vor wenigen Monaten beim Börsengang der Verbio AG eingestiegen sind?
Claus Sauter: Die Ursachen liegen in den letzten drei Monaten. Wir haben uns von der Zwangszumischung beim Ethanol viel mehr versprochen. Für 2007 hatten wir eine Quote von 2,0 Prozent für Ethanol erwartet, stattdessen sind es nur 1,2 Prozent geworden. Die Mineralölwirtschaft hat es geschafft, dafür zu sorgen, dass erst in 2008 die 2,0 Prozent vorgeschrieben sind. Der Anteil steigt jedes Jahr um 0,8 Prozent. Im Endeffekt wird 2007 weniger Ethanol eingesetzt als 2006.


ECOreporter.de: Wie ist das zu erklären?
Sauter: Es gab einige Mittelständler, die Ethanol zugemischt haben. Für die war die Steuerbefreiung attraktiv. Jetzt ist die Steuerbefreiung weg und wir haben den Mindestanteil von 1,2 Prozent. Wenn jemand zumischt, dann nicht mehr als diese 1,2 Prozent. Hinzu kommt: Um die Quote für die Beimischung zu erfüllen, hat die Mineralölwirtschaft zwei Jahre Zeit. Im Moment wird kaum noch direkt Ethanol zugemischt, sondern fast komplett ETBE; das muss sowieso beigemischt werden, um die Oktanzahl zu erhöhen (Anmerkung der Redaktion: Der Kraftstoffzusatz Ethyltertiärbutylether "ETBE" besteht aus Ethanol und Isobuten). Faktisch können die Firmen 2007 auch gar nichts tun und stattdessen in 2008 mit 3,2 Prozent Beimischung starten.

Das Ganze war mal wieder ein erfolgreiches Lobbying der Mineralölwirtschaft, die argumentiert hat, dass sie die technischen Voraussetzungen für eine höhere Beimischung nicht habe.


ECOreporter.de: Wo liegen die Probleme im Bereich Biodiesel?
Sauter: In den ersten beiden Monaten hatten wir eine sehr gute Auslastung unserer Anlagen von über 90 Prozent. Die Marktsituation hat sich aber grundlegend verändert. Im Januar 2006 lag der Mineralölpreis bei 60 USD pro barrel (brent) und stieg kontinuierlich auf 78 USD pro barrel im August 2006. Danach stürzte der Preis auf 52 USD pro barrel im November 2006. Das waren über 30 Prozent Rückgang. Bei der Größenordnung unserer Produktion macht ein Preisrückgang von einem Eurocent je Liter in der Summe 4,5 Millionen Euro Ertragsschwankung aus. Die Rohstoffkosten sind demgegenüber nicht zurück gekommen. Derzeit liegt der Preis bei rund 61 USD pro barrel

Der Preisvorteil des Biodiesels ist weggeschmolzen, und das hat Folgen. Unsere Kunden bei den Speditionen wechseln von heute auf morgen wieder auf konventionellen Diesel. Für mich gibt es da eine Parallelität zu den Erneuerbare Energien Gesetz (EEG). Wenn der Verbraucher die Wahl hat, jeden Tag zu sagen: "Was kostet mich EEG-Strom und was kostet mich normaler Strom?, dann bin ich diesen Schwankungen wehrlos ausgesetzt. Und niemand würde EEG-Strom nehmen. Wir brauchen deshalb genau wie im EEG den unbegrenzten Netzzugang für unsere Biokraftstoffe. Auf unserem Netzzugang sitzen nur nicht RWE und E.ON sondern BP, Shell und Total.


ECOreporter.de: War es denn in 2006 angesichts des massiven Zubaus an Anlagen nicht vorhersehbar, dass die Rohstoffkosten auf einem hohen Niveau bleiben würden?
Sauter: Wir haben derzeit in der gesamten deutschen Biodieselindustrie einen Mengenrückgang, die Kapazitäten werden nicht ausgeschöpft.


ECOreporter.de: Und obwohl das so ist, verharren die Rohstoffpreise auf dem hohen Niveau?
Sauter: Genau, es werden schon lange nicht mehr die Mengen Pflanzenöl für die Biodieselproduktion abgenommen wie vor einem halben Jahr.


ECOreporter.de: Wie erklären Sie sich das?
Sauter: Ich habe keine Erklärung dafür. Ich bin nur der festen Überzeugung, dass die Rohstoffpreise zurückkommen müssen, das gilt auch für die Getreidepreise. Dazu zwei Zahlen: Die Ernteschätzung der EU 27 für 2007 liegt zwischen 270 und 280 Millionen Tonnen Getreide. In die Ethanolverarbeitung für Biokraftstoffe gehen in Europa zurzeit etwa 2,5 Millionen Tonnen, das ist weniger als ein Prozent der voraussichtlichen Erntemenge. Die hohen Preise haben nichts mit den Biokraftstoffen zu tun.

Wir sind übrigens nicht die Einzigen, die den Ethanolmarkt anders eingeschätzt haben. Vor einigen Tagen kündigte der größte europäische Ethanolhersteller, die spanische Abengoa, an, ihre Produktion in Salamanca ab April stillzulegen.


ECOreporter.de: In welchem Umfang können Sie in Ihren Anlagen auf andere Rohstoffe ausweichen, etwa Altspeiseöle und -fette?
Sauter: Unser Rohstoffmix besteht aus Rapsöl, Palmöl und Sojaöl. Man kann aber nicht beliebig hin und her wechseln. Wir müssen die Kraftstoffspezifikation für Biodiesel erfüllen, und die setzt einen bestimmten Rohstoffeinsatz voraus. Mit tierischen Fetten ist die Norm übrigens nicht zu erreichen. Ab 2012 ist der Einsatz von tierischen Fetten zudem ganz verboten.


ECOreporter.de: Können Sie die Schwierigkeiten auf dem deutschen Markt durch Exporte ausgleichen?
Sauter: Nein, in wichtigen europäischen Märkten wie Frankreich, Belgien und Italien gibt es Quotensysteme. Als Importeur hat man dort kaum eine Chance, diese Märkte sind uns versperrt. Mögliche freie Märkte sind Österreich und Polen. Österreich ist tatsächlich frei, aber in Polen ändert sich die gesetzliche Situation permanent. Noch Ende 2006 haben wir zirka 20 bis 30 Prozent unserer Produktion nach Polen exportiert. Seit Januar 2007 geht da nach einer Gesetzesänderung fast nichts mehr. Ein freier europäischer Markt existiert noch nicht.


ECOreporter.de: Sie haben also im Moment weder auf der Rohstoffseite noch beim Absatz nennenswerte Ausweichmöglichkeiten. Wie gehen Sie im Unternehmen mit der Situation um?
Sauter: In der Sparte Biodiesel segeln wir hart am Wind. Unsere Anlagen sind ausgelastet, wenn auch nicht mehr mit der Profitabilität wie vor einem Jahr. Es war aber notwendig, die Öffentlichkeit über die veränderte Ertragslage zu informieren.

Die Politik muss jetzt reagieren. Die Branche ist eigentlich längst so weit, die Ziele für 2010 bereits 2008 zu erfüllen. Die Politik hat das allerdings noch nicht begriffen. Sie muss jetzt entweder die Ziele nach vorne ziehen oder für uns den unbegrenzten Netzzugang analog zum EEG schaffen. Das Biokraftstoffquotengesetz war für uns bisher nicht ein Schritt nach vorn, sondern zwei Schritte zurück.


ECOreporter.de: Arbeiten Sie im Bereich Ethanol derzeit noch kostendeckend?
Sauter: Im Moment ja, wir sind zu 50 Prozent fix verkauft. Mit den restlichen 30 Prozent stellen wir uns dem Wettbewerb. Möglicherweise wird es allerdings nötig sein, die Kapazität ein wenig herunter zu fahren. Wenn keine Marge mehr zu verdienen ist, kommt man darum nicht herum.


ECOreporter.de: Wie ist Ihr Ausblick auf die nächsten Monate?
Sauter: Wenn in wenigen Monaten die neue Ernte einfahren wird, sehen wir weiter. Bis dahin sind wir rohstoffseitig gut versorgt. Wenn dann in 2008 die Verpflichtung zur Beimischung von 2,0 Prozent kommt, steigt der Bedarf automatisch auf das Niveau, das wir eigentlich für 2007 erwartet hatten.


ECOreporter.de: Sie erwarten für 2008 eine deutliche Ertragsverbesserung?
Sauter: Auf jeden Fall. Wenn die Mengen abfließen können, sieht alles wieder ganz anders aus.


ECOreporter.de: Herr Sauter, wir danken Ihnen für das Gespräch!


Bilder: Claus Sauter; Biodieseltanklager und -produktion bei der Verbio AG / Quelle: Unternehmen
Aktuell, seriös und kostenlos: Der ECOreporter-Newsletter. Seit 1999.
Nach oben scrollen
ECOreporter Journalistenpreise
Anmelden
x