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2.2.2007: Der Klimawandel als Unternehmensrisiko - Teil 3: Den meisten DAX 30 sind Klimarisiken in ihren Geschäftsberichten nur eine Randnotiz wert, wenn überhaupt

In den letzten Jahren sorgten immer wieder Untersuchungen über die wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels für Aufsehen. Zuletzt der so genannte Stern-Report, dem zufolge der Klimawandel zwischen fünf und 20 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts zu verschlingen droht. All diese Studien kommen darin überein, dass sich Unternehmen aus nahezu allen Branchen auf die Risiken - und auch Chancen - vorbereiten müssen, die ihnen durch den Klimawandel drohen und die zum Teil sogar bereits bestehen. ECOreporter.de hat bei den Vorzeigeunternehmen der deutschen Wirtschaft, den 30 im DAX gelisteten Aktiegesellschaften, untersucht, inwiefern sie die Anleger in ihren Geschäftsberichten über Klimarisiken informieren. Schließlich ist der Geschäftsbericht eine der wichtigsten Informationsquellen für die Aktionäre. Entsprechend den Bestimmungen des deutschen Handelsgesetzbuches soll er die derzeitige und zukünftige Situation des Unternehmens hinsichtlich der Chancen und Geschäftsrisiken darstellen und dabei ein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild vermitteln. Auch der Klimawandel muss als ein solches Geschäftsrisiko gelten.

Doch das Ergebnis unserer Untersuchung der Geschäftsberichte 2005 ist ernüchternd. Nur jedes Zehnte der 30 DAX -Unternehmen geht im Risikobericht, dem Herzstück seines Lageberichts, auf den Klimawandel ein. Zu diesem Trio gehört die BMW AG. Der Autokonzern legt im Risikobericht ihre Bemühungen zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes dar. Er weist die Anleger offen auf die Branchenrisiken hin, die Autobauern durch die Forderungen nach einer Reduktion des Flottenverbrauchs erwachsen. Auch die Versicherungskonzerne Allianz und Münchener Rück stellen in ihren Geschäftsberichten an zentraler Stelle einen klaren Bezug zwischen dem Klimawandel und ihrem Geschäft her. Jeweils im Risikobericht des Lageberichts beschreiben sie ihr Engagement in diesem Bereich. Schon seit Jahren wirkt sich der Klimawandel durch die Zunahe von Wetterextremen auf die Versicherungsbranche aus. Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und Stürme haben Milliarden-Schäden verursacht. Gemeinsam mit dem World Wildlife Fund (WWF) hat die Allianz daher ein Bericht zu den Auswirkungen des Klimawandels auf den Finanzsektor erarbeitet. Die Münchener Rück erforscht seit fast drei Jahrzehnten die globalen Umwelt- und Klimaveränderungen und engagiert sich für die Bekämpfung des Klimawandels.

Neben diesen drei Vorreitern, die dies in ihrem Risikobericht tun, gehen lediglich fünf weitere DAX30-Unternehmen überhaupt in ihrem Lagebericht explizit auf den Klimawandel und Klimarisiken ein. Die Leverkusener Bayer AG betont in ihrem Lagebericht die Bedeutung des Klimaschutzes und befürwortet das Instrument des Handels mit Emissionsrechten. Die Konzernführung erläutert ausführlich ihre Anstrengungen, die direkte Emission von Treibhausgasen an allen Unternehmensstandorten weltweit "kontinuierlich zu verringern".
Der Reifenhersteller Continental AG bemüht sich laut seinem Geschäftsbericht ebenfalls, den CO2-Ausstoß seiner Betriebsstätten stark zu reduzieren. "Dem globalen Klimawandel kann nur durch die Reduzierung der Emission treibhausrelevanter Gase Einhalt geboten werden", nimmt er eindeutig Stellung.
Die Deutsche Telekom AG stellt im Lagebericht klar, dass alle Geschäftseinheiten des Bonner Unternehmens sich an der Umsetzung eines konzernweiten Klimaschutzkonzeptes beteiligen. Dieses wird jedoch nicht näher vorgestellt. Stattdessen erläutert der Bericht Klimaschutzprojekte wie das Fuhrparkmanagement mit geringeren CO2-Emissionen und eine Energie-Effizienz-Kampagne im Geschäftsfeld Breitband/Festnetz.
Die Lufthansa spricht den Klimaschutz im Zusammenhang mit der geplanten Reduzierung des Kerosinverbrauchs zwar im Lagebericht ihres Geschäftsberichts direkt an, allerdings nur sehr knapp. Nur auf der Konzern-Homepage informiert das Unternehmen etwa über technische Fortschritte zur Entlastung des Klimas. Mit keinem Wort wird im Lagebericht auf die Diskussion über die Einbeziehung der Luftfahrt in den EU-weiten Emissionshandel eingegangen, worüber etwa die britische Trucost schon 2004 eine Studie vorgelegt hat. Die EU-Kommission bereitet inzwischen diesen Schritt für die nahe Zukunft vor. Denn schon jetzt zählt die internationale Luftfahrt zu den größten Emittenten von Treibhausgasen, mit steigender Tendenz. Einer Studie der Europäischen Umweltagentur (EEA) zufolge hat sie 2004 sogar 85 Prozent mehr CO2 ausgestoßen als im Kyoto-Jahr 1990 gewesen.
Die Metro Group geht im Lagebericht ihres Geschäftsberichts ebenfalls nur knapp auf die Klimaproblematik ein. "Die Vertriebslinien der METRO Group haben 2005 des Weiteren die Umstellung auf alternative Kältemittel in Kühlmöbeln und Anlagen forciert und damit einen nachhaltigen Beitrag zum Klimaschutz geleistet", heißt es darin. Die Aktionäre werden kurz darauf hingewiesen, dass die Emissionen des Konzerns klimarelevant sind und beschreibt beim Umweltmanagement kurz die Entwicklung mit der innovativer Produkte zum Klimaschutz.

Sieben weitere Unternehmen aus dem DAX streifen im Lagebericht ihres Geschäftsberichtes immerhin das Thema Klimawandel. DaimlerChrysler beschränkt sich darauf, im Gegensatz zu BMW Emissionsschutzstrategien und andere Maßnahmen im Lagebericht losgelöst von klimatischen Veränderung darzustellen. Nur mit dem Hinweis auf Emissions- und Verbrauchswertebestimmungen sowie die Selbstverpflichtungen der Autobauer erwähnt der Stuttgarter Konzern Bemühungen, die "Emissionen unserer Fahrzeuge zu verringern".
Auch die Volkswagen AG vermeidet die Darstellung von Klimarisiken. Im Lagebericht schildert das Wolfsburger Unternehmen lediglich seine Emissionsstrategie.
Das Nutzfahrzeug-, Motoren- und Maschinenbauunternehmen MAN handelt den CO2-Ausstoß im Lagebericht unter dem Abschnitt "Nachhaltigkeitsmanagement" kurz und knapp ab, ohne dabei jedoch Klimawandel zu erwähnen.
Die Linde AG fasst sich ähnlich kurz. Der Klimawandel selbst wird im Lagebericht nicht thematisiert, über die Erwähnung des Kyoto-Protokolls und den CO2 Ausstoß aber indirekt behandelt.
Nicht dem Klima direkt, aber der Umwelt insgesamt widmet die BASF im Lagebericht ihres Geschäftsberichtes ein Kapitel und erklärt dabei die Verringerung des Treibhausgasausstoßes zum globalen Umweltziel. Sie benennt konkrete Ziele für Reduktion ihrer Treibhausgasemissionen und die Risiken durch die Einbeziehung in den EU-weiten Emissionshandel.
Der Energiekonzern RWE AG, laut dem World Wide Fund For Nature (WWF) mit jährlich 168 Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO2) größter Produzent von Treibhausgasen in der EU, erwähnt im letzten Abschnitt des Lageberichtes die mit dem Emissionshandel verbundenen Unwägbarkeiten, ohne direkt von Klimawandel oder Klimarisiken zu sprechen. Das Essener Unternehmen gibt an, bei Forschung und Entwicklung einen Schwerpunkt auf die Emissionsverringerung zu legen. Als Ziel nennte es die Entwicklung eines CO2-freien Kraftwerkes.
Der Energieerzeuger E.ON, mit seinen Kohlekraftwerken ebenfalls einer der größten deutschen Klimasünder, erwähnt in seinem Geschäftsbericht nur am Rande, dass Investitionen in Energieeffizienz und Klimaschutz zukünftig noch gestärkt werden sollen. Im Lagebericht problematisiert er zwar den Handel mit CO2-Zertifikaten, dies aber ohne die Hintergründe näher zu erläutern.

Somit ging bei den Geschäftsberichten für das Jahr 2005 nur die Hälfte der 30 DAX-Unternehmen im Lagebericht auf den Klimawandel und damit verbundene Risiken ein. Unter den 15 übrigen Gesellschaften mag die Düsseldorfer Henkel KGaA ein Sonderfall sein. "Henkel ist kein energieintensives Unternehmen", stellt der Konzern fest und verweist auf seinen Einsatz von effizienter Kraftwärmekopplungstechnologie. Dass der Klimaschutz von dem Unternehmen nicht weiter behandelt wird, lässt sich hier dadurch erklären, dass die Düsseldorfer durch ihre jahrelange Nachhaltigkeitsstrategie bereits vorab die Risiken minimiert haben. Henkel stellt im Lagebericht den konzerneigenen Emissionsrechtehandel ausführlich dar, nimmt dabei jedoch keinen direkten Bezug ihrer Geschäftstätigkeit zum Klimawandel.

Der freie Teil der Geschäftsberichte wird meist zur Selbstdarstellung und Imagepflege genutzt. Das ist der Platz, den Siemens und die TUI-Gruppe offenbar dem Klimaschutz in ihrem Unternehmen zuweisen. Nur hier erfährt der Aktionär zum Beispiel, dass die Klimaproblematik den Touristikkonzern zur Treibstoffsenkung seiner Flotte motiviert. Allerdings wird der Klimawandel nicht direkt thematisiert.
Siemens verwendet zwar des Öfteren den Umweltschutz als Schlagwort im Geschäftsbericht. Doch nur im freien Teil ist von "Herausforderungen des Klimawandels die Rede", ohne detailliert auf das Problem einzugehen. Die erneuerbaren Energien werden als aussichtsreiches Geschäftsfeld erwähnt.

Die übrigen DAX30-Unternehmen schweigen sich in ihren Geschäftsberichten 2005 über den Klimawandel und daraus resultierenden Risiken für ihr Unternehmen aus. Angesichts der hohen Bedeutung des Klimawandels für den Finanzsektor, über die der Allianz-Konzern seine Aktionäre informiert, ist dies vor allem bei den Unternehmen aus der Finanzbranche ein bemerkenswertes Faktum. So schweigt sich die Deutsche Bank über Klimarisiken aus und widmet in ihrem Geschäftsbericht 2005 lediglich dem Thema Nachhaltigkeit und betrieblichem Umweltschutz eine Seite.
Für die Commerzbank sind Umweltrisiken allgemein laut ihrem Geschäftsbericht bloß "Reputationsrisiken" und als "nicht-quantifizierbare Risiken" schnell abgefrühstückt. Nicht einmal auf der Homepage äußert sie sich zum Klimawandel.
Auch die Postbank thematisiert den Klimawandel und seine Auswirkungen weder im Geschäftsbericht noch auf der Homepage.
Die Deutsche Börse geht im Geschäftsbericht ebenfalls nicht auf das Thema Klimawandel ein und auch auf Nachhaltigkeit allgemein nur sehr oberflächlich. Auch die auf den Immobiliensektor spezialisierte Hypo Real Estate AG schweigt sich darüber aus. Diesen beiden Unternehmen könnte man allerdings zugute halten, dass die Klimaproblematik sich auf ihr Geschäft allenfalls gering auswirkt.

Obwohl sie über Produktionsstätten oder doch zumindest über die Logistik meist direkte Bezüge zum Klimawandel haben, wird aber auch von folgenden DAX-Unternehmen dieses Thema ignoriert: vom Pharma- und Chemiekonzern Altana AG, von Fresenius Medical Care AG, Thyssen Krupp, Adidas, SAP, Infineon AG und Deutsche Post AG.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass trotz der zunehmenden Umwelt- und Nachhaltigkeitsberichtserstattung der Klimawandel von den Unternehmen im DAX zu einem großen Teil weiter stiefmütterlich behandelt wird. Die überwiegende Zahl der DAX-Riesen scheut noch immer davor zurück, das Thema offiziell als Geschäftsrisiko zu bezeichnen und als solches in ihre Geschäftsberichte aufzunehmen. Dies ist ein Mangel an Transparenz und Antizipation zum Teil bereits bestehender Risiken, der in erstaunlichem Gegensatz zu den erklärten Informationsbedürfnissen der Finanzmärkte steht. Unter anderem auf diese Informationsbedürfnisse sowie auf möglich Erklärungen dafür, warum die Elite der deutschen Aktienunternehmen insgesamt so mangelhaft über ihre Klimarisiken aufklärt, werden wir in weiteren Teilen unserer Reihe "Der Klimawandel als Unternehmensrisiko" eingehen.

Per Mausklick gelangen Sie zum Teil 1 unserer Reihe "Der Klimawandel als Unternehmensrisiko": Sturmwarnung für die Weltwirtschaft .
Ebenfalls per Mausklick gelangen Sie zum Teil 2 der Reihe: Mangelndes Tempo beim Klimaschutz schwächt die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Autobauer.

Bildhinweise:
Die Versicherungsbranche leidet unter der Zunahme von Sturmschäden infolge des Klimawandels: Verwüstungen durch den Hurrikan Katrina. / Quelle: Münchener Rück;
Produktion beim MAN-Konzern. / Quelle: Unternehmen:
Unternehmenssitz von Altana. / Quelle: Unternehmen
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