22.04.05 Erneuerbare Energie

22.4.2005: Frei lesbar - Gastbeitrag: "Das Ende des ?lzeitalters erfordert intelligente Zukunftsstrategien" - von Dr. Josef Auer, Vice President, Deutsche Bank Research

Regenerative Energien sind Hoffnungstr?ger für eine besser abgesicherte Energieversorgung. Das schreibt Josef Auer, Volkswirt bei der Deutschen Bank Research. Eine langfristige Energiezukunft ohne h?here Anteile Erneuerbare Energien h?lt er für nicht vorstellbar; ihre preisliche Wettbewerbsf?higkeit profitiere von der steigenden Knappheit fossiler Energien. Sie k?nne sich weiter verbessern, wenn alle Energietr?ger mit ihren externen Kosten belastet w?rden.

Gastbeitrag von Josef Auer:
Die Sicherheit der Energieversorgung z?hlt zu den Basisbed?rfnissen des Menschen. Eine Hauptrolle in der Entstehungsgeschichte der Industriel?nder spielte der Zugang zu fossilen Energien, zu Kohle, Erd?l und zuletzt auch Erdgas. Erst die Verf?gbarkeit ?ber diese traditionellen Energietr?ger erm?glichte die Zivilisationsspr?nge der beiden letzten Jahrhunderte. Ohne den Einsatz fossiler Energien g?be es heute für breite Teile der Bev?lkerung kein Licht, keine warmen Mahlzeiten, kein Schutz gegen K?lte im Winter oder Hitze im Sommer, keine modernen Haushaltsger?te, Transportmittel und Kommunikation. Gleichwohl ist eine sichere Energieversorgung keineswegs eine Selbstverst?ndlichkeit.
In den 90er Jahren suggerierten niedrige Preise für die fossilen Energietr?ger die Sicherheit der Energieversorgung. Aber zuletzt zeigten Preissch?be für Erd?l, den Energietr?ger Nr. 1, und Stromausf?lle in Nordamerika und Europa, dass eine Renaissance des Sicherheitsziels in der Energiepolitik dringend geboten ist. Damit hatte die EU-Kommission letztlich doch Recht, die bereits Ende 2000 vor einer Zuspitzung der Versorgungssituation warnte, was damals aber mancherorts noch als ?berzogen eingestuft wurde.

F?r eine l?ngerfristig belastbare Zukunftsstrategie sind fossile Energien allein - trotz all der positiven Wohlstandseffekte in der Vergangenheit - keineswegs gut genug.

? ?kologen akzentuieren, dass die Verbrennung fossiler Energien zum Aussto? von CO2, dem Klimagas Nr.1, f?hrt. Zu Beginn der Industrialisierung spielten Umweltprobleme bei der Energienutzung noch keine Rolle. In den letzten Jahren sch?rfen "global warming" und Wetterkapriolen das Problembewusstsein auf internationaler Ebene. Nachdem nun selbst Russland eingelenkt hat, verweigern sich von den gro?en Industriel?ndern nur noch die USA (und Australien) dem Kyoto-Prozess. Der Beginn des EU-Emissionshandels weckt nun berechtigte Hoffnungen auf etwas mehr Umwelteffizienz und -gerechtigkeit.

? F?r Geologen haben fossile Energietr?ger grunds?tzlich ung?nstige Ressourceneigenschaften. Da fossile Energietr?ger (vom Menschen in ?berschaubarer Zeit) nicht erneuert werden k?nnen, f?hrt ihre Nutzung zwangsl?ufig zur Ersch?pfung der Ressource. Die Forschungsergebnisse bez?glich Vorkommen und Reichweiten der fossilen Reserven und Ressourcen sind wenig beruhigend. Insbesondere die Reichweiten der Kohlenwasserstoffe - vor allem Erd?l, aber auch Erdgas - geben Anlass zur Sorge. Laut Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) hat Erd?l unter den konventionellen Kohlenwasserstoffen mit nur 43 Jahren die geringste statische Reichweite (Erdgas: 64 Jahre). Die Reichweiten steigen, wenn die nicht-konventionellen Reserven sowie m?gliche Ressourcenbest?nde (zun?chst ?lsande, dann ?l-schiefer) addiert werden. Gleichwohl betr?gt selbst dann das Potenzial bei Erd?l weniger als 70 Jahre. Gerade hat die BGR die Begrenztheit der ?lvorr?te erneut verdeutlicht; diese wird sichtbar, wenn man den j?hrlichen Verbrauch von derzeit 3,5 Mrd. t Erd?l den "echten Neufunden" von etwa 1,2 Mrd. t gegen?berstellt - immerhin ein Verh?ltnis von knapp 3 zu 1.

? Aus Sicht der ?konomen ist der Endpunkt der Reservenutzung freilich wenig relevant. Reichweiten geben zwar einen Eindruck ?ber das Ende der F?rderzeit. Sie suggerieren aber Versorgungssicherheit ?ber einen Zeitraum, in dem der Energietr?ger tats?chlich bereits drastisch knapp wird und in der Verteilungsk?mpfe zu erwarten sind. F?r ?konomen interessanter ist der Zeitpunkt der H?chstf?rderung, denn wenn ab diesem Zeitpunkt die F?rderung - bei konstanter oder gar weiter zunehmender Nachfrage - sinkt, sind starke Preisreaktionen und volkswirtschaftliche Verwerfungen m?glich.

Tats?chlich wird im Drehbuch der Energiewirtschaft derzeit ein v?llig neues Kapitel aufgeschlagen. Man befindet sich quasi in einer neuen Welt: Auf der Nachfrageseite sorgen die bev?lkerungsreichen L?nder Asiens, China und Indien, für eine Verstetigung des Nachfrageanstiegs - ein Trend, der derzeit auf allen Rohstoffm?rkten zu beobachten ist. Nat?rlich wird es auch in Zukunft noch - nicht zuletzt saisonal und konjunkturell bedingte - Schwankungen der Gesamtnachfrage geben; der Trend aber bleibt unzweifelhaft aufw?rts gerichtet. Die Befriedigung der weltweit expandierenden Energienachfrage erfordert eine merkliche Ausweitung des Energieangebots. Da die Angebotssteigerung jedoch in Zukunft - worauf die Geologen immer wieder verweisen - vor allem bei Erd?l zunehmend schwieriger wird, ist ein ?ffnen der Nachfrage-/Angebots-Schere und damit ein Anstieg der realen Preise programmiert.

Neben der sich abzeichnenden relativen Verknappung der Energierohstoffe kommt erschwerend hinzu, dass bereits in den n?chsten Dekaden die regionale Konzentration der Vorr?te - insbesondere im Bereich der Kohlenwasserstoffe Erd?l und Erdgas - merklich an Bedeutung gewinnt. Damit werden das Thema der regionalen Abh?ngigkeit und deren Bew?ltigung zu einer Herausforderung für Politik und Unternehmen.

Nachdenklich stimmen gerade vorgelegten Sch?tzungen der IEA: Im ?lsektor h?lt sie bis 2030 eine Produktionssteigerung um fast 60 Prozent für n?tig. Da sich die F?rderung der OECD-L?nder in diesem Zeitraum nahezu halbiert und die Zuw?chse von Russland und der kaspischen Region noch nicht einmal für eine Kompensation der OECD-R?ckg?nge ausreichen, muss der L?wenanteil der erforderlichen Produktionsausweitung zwangsl?ufig von der OPEC erbracht werden. Der Marktanteil der OPEC steigt wieder ?ber 50 Prozent (2002: 37 Prozent). Mithin wird die Macht des F?rderkartells erneut zum Preisfaktor.

In Zukunft kann aber im (ewigen) Widerstreit zwischen Kartell-Macht und ?konomischem Gesetz - im Unterschied zu den drei Dekaden seit der ersten ?lkrise - nicht einfach auf die Non-OPEC-L?nder gesetzt werden, denn deren Vorkommen gehen teilweise zur Neige (z.B. Nordsee?l) und k?nnen damit selbst im Falle steigender Preise wegen zunehmender Ersch?pfung nicht mehr (re-) aktiviert werden.

Hinzu kommt, dass innerhalb der OPEC - so die IEA - die Hauptlast des F?rderanstiegs die sog. Golf-OPEC tragen muss, d.h. die sechs L?nder Iran, Irak, Saudi-Arabien, Katar, Kuwait und die VAE. Da einige der L?nder politisch nicht gerade als Hort der Stabilit?t gelten, steht die Befriedigung der expansiven ?lnachfrage bereits mittelfristig keineswegs auf sicheren Beinen.

Auch im Erdgassektor nimmt die regionale Abh?ngigkeit betr?chtlich zu. Wichtig ist dabei, dass in den kommenden drei Jahrzehnten mit den USA, China und Indien drei neue gro?e Netto-Importeure zu erwarten sind. Damit wird auf dem k?nftigen Wachstumsmarkt Erdgas - ?hnlich wie auf dem ?lmarkt - die N?he zu den Lieferl?ndern bzw. die Absicherung der Lieferstr?me zu einem der spannendsten Zukunftsthemen.



Energiestrategien für mehr Versorgungssicherheit

Der absehbaren Verknappung der Kohlenwasserstoffe ist mit intelligenten Zukunftsstrategien zu begegnen. Auf l?ngere Sicht wird nur ein breiter F?cher von Ma?nahmen die Sicherheit der Energieversorgung erm?glichen. Das Gebot der Stunde hei?t, alle verf?gbaren Hebel zu nutzen - Diversifikation der Energietr?ger und Technologien sowie Mobilisierung aller Einspar-, Reaktivierungs- und Effizienzsteigerungsstrategien.

In der ?bergangszeit, in der die Kohlenwasserstoffe zwar noch verf?gbar sind, jedoch die regionale Konzentration der Vorr?te sp?rbar an Bedeutung gewinnt, sollten Deutschland und Europa den Mut zu einer eigenst?ndigen modernen Geopolitik haben. Einer einheitlichen europ?ischen Strategie steht derzeit noch ein Wirrwarr der Kompetenzen entgegen: Die nationalen Wirtschaftsminister beharren auf die Zust?ndigkeit für die Energiepolitik, und die Energieunternehmen handeln im Wettbewerb in Eigeninteresse und sind deshalb der falsche Adressat.

Letztlich d?rften die Kompetenzen sowohl auf nationaler als auch europ?ischer Ebene angesiedelt werden. Die Formulierung der Gesamtstrategie k?nnte die EU ?bernehmen, die Mitgliedsl?nder werden diese durch spezielle Schwerpunktsetzung erg?nzen. Das hat den Vorteil, dass historisch gewachsene L?nderbeziehungen nicht ungenutzt bleiben. Ein wichtiges strategisches Ziel sollte die Stabilisierung der Lieferl?nder der "strategischen Ellipse" sein. ?berdies sollte die Strategie den Auf- und Ausbau sowie die Sicherung der Energieinfrastruktur umfassen. Dazu z?hlen auch konkrete Projekte wie der Bau von Pipelines oder Hafenanlagen.

Die energiestrategisch motivierte Geopolitik darf jedoch nicht der Etablierung von Wettbewerbsm?rkten in Europa im Wege stehen. Im Gegenteil: Der direkte Marktzugang der Anbieter aus der Ellipse und Nordafrika ist eine wichtige Voraussetzung für die Entstehung und Fortentwicklung des Wettbewerbs. Dies gilt vor allem für Erdgas, dessen Lieferung in Europa auch in Zukunft vor allem durch Pipelines erfolgen wird.

Das Management der Lieferstr?me nach Europa darf keineswegs allein Russland ?berlassen werden. In den letzten Monaten hat Russland seinen Einfluss auf die gro?en Vorkommen in Turkmenistan und Kasachstan sowie die Transportroute ?ber die Ukraine bereits sp?rbar gesteigert. Werden die Erdgastransporte schon monopolisiert, bevor sie nach Mitteleuropa kommen, kann ein freier Wettbewerbsmarkt mit niedrigen Wettbewerbspreisen in Europa nicht entstehen.

Eine langfristige Energiezukunft ohne h?here Anteile erneuerbarer Energien ist nicht vorstellbar; ihre preisliche Wettbewerbsf?higkeit profitiert von der steigenden Knappheit fossiler Energien. Regenerative Energien sind Hoffnungstr?ger für eine l?ngerfristig besser abgesicherte Energieversorgung. Energietr?ger wie Sonne, Wind, Wasser und Gezeiten sind zwar vom Menschen nicht erneuerbar, aber auch nicht ersch?pfbar. Biologische Energieressourcen (z.B. Raps, Wald) neigen nur bei exzessiver Nutzung zur Ersch?pfung. Wenn die Abbaurate aber unter der nat?rlichen Regenerationsrate bleibt, versiegen die Quellen nicht. Erneuerbare Energien wie Energiepflanzen haben gegen?ber fossilen Energien ?berdies den gro?en Vorteil, dass sie CO2-neutral sind, wenn der ganze Lebenszyklus bilanziert wird.

Als Assets der alternativen Energien gelten Ressourcenschonung und Umweltschutz. Ihr Beitrag zu Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit h?ngt international stark von den l?nderspezifischen nat?rlichen Gegebenheiten (z.B. Sonnenscheindauer, Wasserpotenziale) ab. In den Industriel?ndern sind neue Erneuerbare wie Wind- oder Sonnenenergie ohne spezielle staatliche Protektion derzeit zumeist noch nicht wettbewerbsf?hig. Allerdings k?nnte sich ihre Wettbewerbsf?higkeit verbessern, wenn alle Energietr?ger - nicht zuletzt die fossilen - mit ihren externen Kosten belastet w?rden.

CO2-freie Kohle- und sichere Kernkraftwerke der vierten Generation mit deutlich reduzierten Abfallmengen sind Hoffnungstr?ger für die Modernisierung des Kraftwerkparks. Sie k?nnten zu einer Renaissance von Kohle und selbst Kernenergie auch in Deutschland f?hren. Ferner sind massive F&E-Anstrengungen erforderlich, um den Weg in eine solare Wasserstoffwirtschaft zu ebnen. Dezentrale Versorgungsstrukturen auf der Basis leistungsf?higer Brennstoffzellen w?rden die Risiken gro?fl?chiger Stromausf?lle verringern. ?berdies wird Energiesparen und -effizienz vor allem in den privaten Haushalten noch immer zu wenig beachtet.


Die Nutzung von Silizium als Speichermedium in der Wasserstoffwirtschaft k?nnte ein Meilenstein für einen solar basierten Energiemix in der Zukunft werden. Ein gro?es Hindernis für eine auf erneuerbare Energien fu?ende Wasserstoffwirtschaft ist n?mlich bisher die noch ungel?ste Speicher- und Transportproblematik. Silizium erm?glicht in diesem Zusammenhang die Mobilisierung eines zuvor ungenutzten Weges, denn mittels Silizium l?sst sich z.B. solar abgeleitete Energie zeitlich unbegrenzt speichern und sicher transportieren.

Werden die Weichen in Richtung Zukunft heute richtig gestellt, muss in einer Welt jenseits der Verf?gbarkeit ?ber fossile Energien wie Erd?l keineswegs zwangsl?ufig die Mobilit?t zum Erliegen kommen, die temperierte Behaglichkeit Schaden nehmen oder das Licht ausgehen. Letztlich gibt menschliche Intelligenz, Erfindungsreichreichtum, Tatendrang und die F?higkeit zur Einsicht in die Notwendigkeiten berechtigten Anlass zur Hoffnung auf eine nachhaltigere Energiebilanz in nicht allzu weiter Zukunft.
Josef Auer


Josef Auer ist Volkswirt und untersucht bei der Deutschen Bank Research nicht zuletzt den komplexen Bereich Energiewirtschaft. Der ?konom hat in den letzten Jahren Arbeiten zu einem Rationalen Energiekonzept für Deutschland, die Machbarkeit eines Kernenergieausstiegs, Erneuerbare Energien sowie die Liberalisierung der Elektrizit?ts- und Gaswirtschaft vorgelegt. Zuletzt publizierte er die Studie "Energieperspektiven nach dem ?lzeitalter", die Auftaktstudie für das neue Megathema Energie von Deutsche Bank Research.


Bilder: Pipeline des Britischen Mineral?lmultis BP; Windr?der spanischen Gamesa; Firmensitz der Freiburger Solar-Fabrik AG / Quelle: Unternehmen; Geothermie-Kraftwerk in der Toskana / Quelle: ECOreporter.de; Nordex-Windrad im japanischen Tomamae / Quelle: Unternehmen; Josef Auer / Quelle: Privat
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